Fringe 4x16

Moment, hatten wir das nicht schon? An Bord eines Flugzeugs tropft einem Mann plötzlich Blut aus der Nase. Nach einem schnellen Speicheltest auf dem Klo stürzt er zum Kabinen-Personal und warnt vor einer tödlichen Gefahr für Passagiere und Besatzung - vergeblich. Kurz darauf kommt es zum Gemetzel. Genau, das ist doch der Anfang der Folge The Transformation aus der ersten Staffel von Fringe, die jetzt in der geänderten Zeitlinie neu erzählt wird. Zuerst scheint es eine glückliche Fügung zu sein, dass Peter (Joshua Jackson) und Olivia (Anna Torv) sich an den Fall erinnern. Aber wie der Titel sagt: Nichts ist so, wie es scheint.
In den vollen Genuss von Nothing As It Seems (NAIS) kommt man erst, wenn man sich noch einmal The Transformation (TT) anschaut. Die Macher von Fringe haben viele Witze und Details eingebaut, die zeigen, warum sie die laufende Staffel 4 als „a love letter to our characters and our show“ beschreiben. Schon die geänderte Ansage im Flugzeug ganz am Anfang ist ein Seitenhieb auf den zunehmenden Frust der Amerikaner über den Alltag im Luftraum: Gab es in TT noch Kopfhörer für vier Dollar, Bargeld lacht, kreist die Maschine in NAIS in einer Warteschleife und für Snacks muss man fünf Dollar zahlen, aber bitte nur mit Karte.
Was Marshall Bowman (Neal Huff) vor dem Beginn des Nasenblutens auf seinen Notizblock schreibt, zeigt die wichtigeren Veränderungen in dieser Zeitlinie. In beiden Versionen ist zunächst von „advanced technology“ die Rede. Bei TT finden wir allerdings dann „avoid capture“ und „seems dangerous“, während uns NAIS „no turning back“ und „too good to be true“ bietet. Ursprünglich redet Bowman mit einem Steward über Waffen, eine Passage, die jetzt fehlt. Friedliche Beruhigungsmittel und nicht tödliche Gewalt sollen nun das Mittel der Wahl sein.
Hier ist nicht der Platz, um alle Anspielungen und Parallelen zu protokollieren - das Vergnügen überlassen wir dem Leser mit dem Hinweis, dass es sich lohnt, und dass man besonders auf die Dialoge über gute und schlechte Nachrichten achten soll. Die großen Änderungen reichen uns schon. Bowman mutiert nicht im Flugzeug zu einem Monster, sondern erst nach der Landung, es handelt sich (anscheinend, muss man wegen des Titels einschränken) nicht um ein Biowaffen-Programm, sondern um einen pseudoreligiösen Kult zur genetischen Verbesserung der Menschheit. Was wir davon halten sollen, bleibt bis zum Ende unklar, außer dass es wieder etwas mit Massive Dynamic und dem Bösewicht David Robert Jones (Jared Harris) zu tun hat. Aber ehrlich, wer hätte so spät in der Staffel etwas anderes erwartet?
Meisterhafte Entwicklung der Figuren
Während die Haupthandlung nur ein kleines Stück vorangetrieben wird - eigentlich werden mehr Fragen als Antworten geliefert - demonstriert die Serie wieder ihre meisterhafte Stärke bei der Entwicklung der Figuren.
Aus reinem menschlichen Mitgefühl müssen wir mit Lincoln (Seth Gabel) anfangen, denn die Folge könnte auch Agent Lee's Worst Day Ever heißen. Er muss mit ansehen, wie „seine“ Olivia sich willig in Peters Olivia verwandelt lässt, und zwar so gnadenlos, dass selbst ihr kleines Date aus ihrem Gedächtnis gelöscht wird. Er wird von einem Monster verletzt und mit einem mutierenden, tödlichen Erreger infiziert, erleidet Walters ruppige Heilkunst und würgt einen Ekel-Cocktail herunter, der im Dschungelcamp kaum widerlicher ausfallen könnte. Lincoln erträgt sein Schicksal tapfer, stoisch sogar, und nimmt lieber die lebensbedrohliche Monsterwunde in Kauf, als nach Verstärkung zu rufen und damit Olivia Ärger einzuhandeln. „Yeah, I'm a good guy“ gesteht er im Gespräch mit Peter resigniert ein, und das kann man nach dieser Folge wirklich nicht leugnen. Vielleicht sollten wir eine Briefkampagne starten und fordern, dass die Figur für all ihr Leiden im Sinne der poetische Gerechtigkeit belohnt wird - irgendwie, irgendwo, irgendwann wenigstens.
Nipples, Boobs und Walter
Wir leiden unter anderem so sehr mit Lincoln, weil Olivia selbst kein Gefühl für die Opfer hat, die ihre Verwandlung sich und anderen abverlangt. Auch das macht der Vergleich der beiden Folgen deutlich: In TT lacht sie mit ihrer Nichte, in NAIS kriegt sie ihre engsten Familienverhältnisse nicht mehr auf die Reihe. Die gruseligste Szene in dieser Episode bietet uns daher auch nicht irgendein Stachelmutant, sondern die Psychologin, die mit regungsloser Professionalität die Zerstörung von Olivias Gedächtnis auslotet. 40 Prozent der Erinnerungen stammen inzwischen von der „ursprünglichen“ Olivia, erfahren wir, und ausgerechnet die an ihren Neffen ist auf der Strecke geblieben. Ostern könnte bei den Dunhams in diesem Jahr ziemlich stressig werden.
Die Tragik von Lincoln und der Horror bei Olivia werden dabei meisterhaft aufgefangen durch den Humor des übersprudelnden Walter (John Noble). Der ist so blendender Laune, dass man sich fragen muss, ob bei ihm ebenfalls die alte Persönlichkeit durchbricht. Auch hier hatten die Autoren Spaß: Walters Vortrag über nipples in TT folgt in NAIS sein Palindrom boob - Slang für die weibliche Brust. Den Übersetzern kann man für diese Stelle nur viel Glück wünschen.
Auffällig an NAIS ist die Bedeutung der Religion. Anhänger des Mutantenkults vergleichen sich mit Adam und Eva, das Schiff mit ihren Glaubensgenossen (oder Leidensgenossen) erinnert an die Arche Noah. Interessanter ist aber vielleicht, wo der Religionsvergleich nicht angewandt wird. Trifft das Bild von Adam und Eva nicht vielleicht besser auf Peter und Olivia mit ihren einzigartigen „echten“ Erinnerungen zu - sie als Cortexiphan-Superfrau, er der Maschinen-Flüsterer? Und während wir dabei sind, hat Peter ihr eigentlich inzwischen von den Prophezeiungen des Observers aus The End of All Things erzählt? Immerhin reden wir hier von seinem Sohn, wenn auch mit der falschen Olivia. An ihrer Stelle würde ich von Henry wissen wollen, spätestens bevor ich die Pille absetze.
Fazit
Ich habe eine Reihe von Dingen an NAIS auszusetzen. Fliegende Humanoide gehören in eine Fantasy-Welt, nicht in eine Serie, die zumindest so tut, als hätte sie eine wissenschaftliche Grundlage. Jiddisch ist beim besten Willen keine antike Sprache, sondern etwa eintausend Jahre alt. Vielleicht taugen meine Schachbücher nichts, aber die „Sleeping Indian Defense“ suche ich vergeblich. Es ist unfassbar, dass bei dem ganzen Gerede über Menschenfett niemand eine Anspielung auf Fight Club macht - benutzt da niemand Seife? Und wieso macht das FBI eigentlich so einen Aufstand wegen der gedächtnisgestörten Olivia? Schließlich lassen sie Peter mit einer Waffe herumlaufen und der hat nicht nur 100 Prozent „falsche“ Erinnerungen, sondern kann noch nicht einmal eine Geburtsurkunde vorlegen.
Trotzdem, die Darstellung der Figuren macht NAIS zu einer starken Folge, wie sie in der vierten Staffel zu selten ist. Was allerdings immer dringlicher wird, sind Antworten - und natürlich die Entscheidung, ob Fringe fortgesetzt wird. Daher schließen wir mit dem Hinweis auf einen der deutlichsten Unterschiede zwischen The Transformation und Nothing As It Seems: Damals schauten knapp 12,8 Millionen Amerikaner zu, jetzt waren es noch 3,1 Millionen.
Auch in Zukunft werden bei Serienjunkies.de regelmäßig Reviews zur Serie „Fringe“ erscheinen. Diese werden von einem Gastautoren geschrieben.
Verfasser: Mariano Glas am Montag, 2. April 2012(Fringe 4x16)
Schauspieler in der Episode Fringe 4x16
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?