Fargo 1x10

Fargo 1x10

Die vergangenen beiden TV-Seasons waren gespickt mit vielen EnttĂ€uschungen, hielten jedoch auch einige positive Überraschungen bereit. Die grĂ¶ĂŸte davon ist das fantastische Serienremake des Coen-Brothers-Films Fargo, mit dessen Erfolg wohl kaum jemand gerechnet hĂ€tte.

Das Serienremake des Kinofilms „Fargo“ ĂŒberraschte mit unerwartet hohem Unterhaltungswert. / (c) FX
Das Serienremake des Kinofilms „Fargo“ ĂŒberraschte mit unerwartet hohem Unterhaltungswert. / (c) FX

Ganz am Ende der Miniserie Fargo, als die Bösen tot sind und die Guten auf der Couch miteinander kuscheln, da kommt es noch mal zur eindeutigen Referenz an die große Filmvorlage der Regielegenden Joel und Ethan Coen. Der grandiose Score von Jeff Russo wird im Abspann durch die Musik aus der Auftaktsequenz des Films von Carter Burwell ergĂ€nzt und bildet so das perfekte Ende einer Miniserie, deren Erfolg zunĂ€chst in Frage gestellt, dann aber von Episode zu Episode offensichtlicher wurde.

Lester, is this what you want?

Fargo erzĂ€hlt eine Variante des gleichnamigen Kinofilms aus dem Jahre 1996. Die unheilvolle Begegnung zwischen dem unscheinbaren Versicherungsvertreter Lester Nygaard (Martin Freeman) und dem Auftragsmörder und KopfgeldjĂ€ger Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) in einem Krankenhaus entspinnt ĂŒber zehn Stunden eine Geschichte, die den immerwĂ€hrenden Konflikt zwischen Zivilisation und Chaos in den Mittelpunkt stellt. Das verschneite Bemidji im US-Bundesstaat Minnesota wandelt sich nach der Ankunft Malvos von einer beschaulichen Kleinstadt in einen Ort von Mord, Erpressung und Verrat.

Malvo agiert dabei wie ein Naturwissenschaftler und Philosoph, der die menschliche Seele erkunden und Auslöser fĂŒr niedertrĂ€chtige Handlungen sein will. Als er zu Beginn der Serie zufĂ€llig auf Lester trifft, verspricht er ihm sofort, sich seines Problems anzunehmen, ohne dass Lester irgendeine Andeutung in diese Richtung gemacht hĂ€tte. Malvo ermordet den Spediteur Sam Hess (Kevin O'Grady) nicht, weil er daraus irgendeinen persönlichen Vorteil zieht, sondern weil ihn seine pseudowissenschaftliche Neugierde ĂŒber die menschliche Konstitution antreibt.

Mit sichtbarem Genuss spielt er mit Lester - in der vorletzten Episode fragt er ihn im Fahrstuhl, ob er auch wirklich diesen dunklen Pfad betreten wolle. Als Lester bejaht, richtet er - ohne mit der Wimper zu zucken und mit starrem Blick in Lesters Gesicht - seine drei Begleiter mit einem Kopfschuss aus der schallgedÀmpften Pistole hin. Er lÀsst sein Untersuchungsobjekt gar entkommen, nur um sich wieder auf die Jagd begeben zu können. Er zieht eine perverse Faszination daraus, Menschen in Angstsituationen zu versetzen.

Der Auftragsmörder und Menschenforscher Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) © FX
Der Auftragsmörder und Menschenforscher Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) © FX

So treibt er den Unternehmer Stavros Milos (Oliver Platt), dessen Erfolg auf einer LĂŒge beruht, in den Wahnsinn, indem er dessen religiöse Obsession gegen ihn verwendet. Er verteilt Heuschrecken in Stavros' Supermarkt, er lĂ€sst Blut aus dessen Wasserleitung fließen und er vertauscht seine Medikamente mit Amphetaminen. Malvo ergötzt sich daran, Milos beim körperlichen und psychischen Verfall zuzusehen. Außerdem erpresst er ihn um eine stattliche Summe.

He's not gonna stop

Sein Interesse an Lester ist hingegen anderer, grundsĂ€tzlicherer Natur. In ihm erkennt er einen Wesensverwandten, dem nur der richtige Auslöser fehlt, um den Pfad der Dunkelheit zu betreten und das Chaos in sein Leben zu lassen. Überraschend kommt fĂŒr Malvo wohl nur, wie schnell sich Lester dieser dunklen Macht zuwendet. Nach dem Mord an seiner Ehefrau Pearl (Kelly Holden Bashar) und der erfolgreichen Schuldzuweisung an seinen Bruder Chaz (Joshua Close) geht Lester mit neu gefundenem Selbstbewusstsein durchs Leben, was jedoch bald in Hybris und eklatante SelbstĂŒberschĂ€tzung ausartet.

Nach dem einjĂ€hrigen Zeitsprung wird Lester als das Gegenteil portrĂ€tiert, das er einmal war - erfolgreich, gut aussehend, selbstbewusst. Seine neue Ehefrau Linda (Susan Park) himmelt ihn an (was ihn jedoch nicht davon abhĂ€lt, mit anderen Frauen zu flirten), er ist zum erfolgreichen Versicherungsvertreter mit eigener Niederlassung geworden und wohnt in einem großen Haus. Seine innere Wandlung zum Monster wird also von seiner Ă€ußeren Wandlung vom Niemand zum strahlenden Sieger begleitet.

Das alles ist jedoch nur möglich, weil die zustĂ€ndigen Strafverfolgungsbehörden durch himmelschreiende Inkompetenz auffallen. Gus Grimly (Colin Hanks) lĂ€sst sich am Anfang so sehr vom dĂŒsteren Malvo einschĂŒchtern, dass er darĂŒber seinen Beruf vergisst und den MissetĂ€ter einfach laufen lĂ€sst. Bill Oswalt (Bob Odenkirk) wird nach dem Mord an Polizeichef Vern Thurman (Shawn Doyle) in dessen Position befördert und weigert sich beharrlich, die ZusammenhĂ€nge zwischen Lester, Malvo und deren Opfer zu erkennen. Die beiden werden in ihrer Ignoranz nur noch von den FBI-Agenten Pepper (Keegan-Michael Key) und Budge (Jordan Peele) ĂŒbertroffen. Malvo richtet im Hauptquartier eines Gangstersyndikats in Fargo ein Massaker an, wĂ€hrend sie im Observationswagen sitzen und davon nichts mitbekommen.

Trotz widriger UmstĂ€nde gibt Molly Solverson (Allison Tolman) auf ihrer Suche nach Malvo nicht auf. © FX
Trotz widriger UmstĂ€nde gibt Molly Solverson (Allison Tolman) auf ihrer Suche nach Malvo nicht auf. © FX

Die einzige fĂ€hige Polizistin ist Molly Solverson (Allison Tolman), die große und einzige echte Heldenfigur in Fargo. Sie ist die erste, die die Verbindung zwischen Malvo und Lester erkennt. Sie ist jedoch auch die einzige, die daran glaubt und auch nach einem Jahr nicht aufhört, Spuren zu verfolgen. Am Ende jedoch, als sie den endgĂŒltigen Beweis ĂŒber Lesters Schuld hört, als ihr Oswalt endlich die ersehnte Anerkennung verleiht, reagiert sie nicht mit einem zufriedenen, erfĂŒllten LĂ€cheln.

I can't make her go to another funeral

Viel eher scheint sie entmutigt ĂŒber die Erkenntnis, zu welchen GrĂ€ueltaten der Mensch fĂ€hig ist. Da liegt Malvo - von ihrem jetzigen Ehemann Gus in einem ganz persönlichen Akt der Erlösung erschossen - auf der Couch neben ihr. Zuvor war es Lester, der sich zwischenzeitlich ebenso clevere und diabolische Finten angeeignet hat wie Malvo, gelungen, seinen Widersacher zu ĂŒberlisten - und das gleich doppelt. Weil er weiß, dass Malvo wohl in seinem BĂŒro auf ihn warten wird, schickt er seine Ehefrau Linda vor und streift ihr vorsichtshalber den eigenen Parka ĂŒber. Malvo erschießt Linda, wĂ€hrend Lester zuschaut.

Er schreitet aus dem BĂŒro, sieht Lesters geparkten Wagen auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite, zĂŒndet sich eine Zigarette an und schlendert gemĂ€chlich in die entgegengesetzte Richtung. Er sucht eben keine Befriedigung durch einen schnellen Mord. Er spielt mit seinem GegenĂŒber, lĂ€sst es zappeln, genießt es regelrecht, Angst zu sĂ€en. Er ist ein Suchender und Forschender, sein Untersuchungsobjekt ist die menschliche Natur, der ewige Widerstreit zwischen Zivilisation und Chaos.

Flackerte da vielleicht sogar ein bisschen Stolz in Malvos Augen auf, als er realisierte, dass Lester ihn mit einer BĂ€renfalle ĂŒberlistet hatte? Hat er ihm deshalb das Leben geschenkt, weil er sich in dem Moment bewusst geworden ist, dass sein Experiment erfolgreich durchgefĂŒhrt war? Oder hat er die Flucht angetreten, weil er keine Chance gegen den ebenbĂŒrtigen Lester sah? Egal, was Malvo in diesem Augenblick gedacht haben mag, eines ist klar: Lesters Transformation zum Monster ist abgeschlossen.

Here lies Lester Nygaard. © FX
Here lies Lester Nygaard. © FX

Dies ist spĂ€testens (aber wirklich spĂ€testens!) dann eindeutig, als Molly wĂ€hrend Lesters Entlassung aus der Untersuchungshaft eine Parabel erzĂ€hlt. Lester versteht nicht, dass es darin um den Unterschied menschlicher Konstitutionen - vereinfacht ausgedrĂŒckt: um den Unterschied zwischen Gut und Böse - geht, ganz einfach, weil er zu derjenigen Personengruppe gehört, die den verlorenen Handschuh einfach liegen lassen wĂŒrde. Showrunner und Drehbuchautor Noah Hawley spielte in der gesamten Serie immer mal wieder gerne mit solchen Parabeln und RĂ€tseln. In Morton's Fork rekurriert er sowohl das RĂ€tsel um den Hasen, den Fuchs und den Salatkopf als auch die Frage Malvos an Gus, warum Menschen mehr Abstufungen der Farbe GrĂŒn erkennen können als von allen anderen Farben.

Whatever happened to saying good morning to your neighbors?

Einige Fragen bleiben am Ende offen. WĂ€hrend Mollys Vater Lou (Keith Carradine) ihr Haus und ihre Stieftochter Greta (Joey King) bewacht, erzĂ€hlt er ihr noch einmal die Geschichte von Sioux Falls, ohne ins Detail zu gehen. Auch bei der ungemĂŒtlichen Begegnung mit Malvo hatte er auf die dortigen Ereignisse im Jahre 1979 angespielt. Außerdem bekommen wir keine ErklĂ€rung dafĂŒr, wie Gus das RĂ€tsel um die grĂŒne Farbe gelöst hat (und was die Lösung ist). Molly hatte ihm zuvor erklĂ€rt, dass dies evolutionĂ€re GrĂŒnde habe - eine ErklĂ€rung, die zum Evolutionsforscher der menschlichen Seele, Lorne Malvo, eigentlich passen könnte.

Wir werden es wohl nicht erfahren, schließlich wurde in Fargo eine abgeschlossene Geschichte erzĂ€hlt. Die wunderbare Umsetzung dieser Filmadaption fungiert als starkes PlĂ€doyer fĂŒr eine Wandlung der seit Jahrzehnten verkrusteten amerikanischen Serienstrukturen. Der Trend zur Mini- oder Anthologieserie könnte eine zweite goldene TV-Ära einlĂ€uten. Allein in diesem Jahr haben wir mit True Detective und Fargo zwei Vertreter dieser Kategorie erlebt, die zum Besten gehören, was in diesem Jahr, vielleicht sogar in den letzten Jahren, produziert wurde.

Im Miniserienformat könnte durchaus die Zukunft anspruchsvoller Fernsehunterhaltung liegen. Die Vorteile sind offensichtlich: Autoren und Showrunner können eine abgeschlossene Geschichte erzĂ€hlen. Sie laufen nicht Gefahr, dass ihnen irgendwann die Ideen ausgehen. Etablierte und hochkarĂ€tige Schauspieler können problemlos ins Serienfach wechseln, ohne dass sie fĂŒrchten mĂŒssen, bei Erfolg der Serie fĂŒr mehrere Jahre daran gebunden zu sein. Thornton sagte dazu schon vor der Ausstrahlung von Fargo: „Die Filmwelt hat sich drastisch verĂ€ndert, vor allem in den letzten fĂŒnf bis sechs Jahren. FrĂŒher stimmte etwas mit dir nicht, wenn du vom Film zum Fernsehen gewechselt bist. (...) FĂŒr Schauspieler, die an gutem Drama und dunklem Humor interessiert sind, bleibt momentan nur das Fernsehen. Es ist einfach der beste Weg, um einen Charakter ĂŒber lange Zeit zu entwickeln. Nachdem ich ,The Wire' gesehen hatte, wusste ich, dass das Fernsehen die richtige Richtung eingeschlagen hat“ „56740“.

Ein Beispiel fĂŒr die grandiose filmische Umsetzung der Serie. © FX
Ein Beispiel fĂŒr die grandiose filmische Umsetzung der Serie. © FX

Die neuen Mini- und Anthologieserien fungieren als Schnittstelle zwischen Fernsehen und Film. Dies ist in Fargo vor allem auch an der technischen Umsetzung zu erkennen, die in ihren besten Momenten das Niveau von True Detective erreicht (wĂ€hrend mit Noah Hawley wie bei „TD“ mit Nic Pizzolatto nur ein Autor fĂŒr sĂ€mtliche Episoden zustĂ€ndig war, gelang es mehreren Regisseuren bei „Fargo“, einen einheitlich großartigen Look herzustellen - bei „TD“ war dafĂŒr nur Cary Fukunaga zustĂ€ndig).

I figured it out

Der ruhige, konzentrierte Blick der Kamera von Dana Gonzalez und Matthew J. Lloyd fĂ€ngt umwerfende Winterlandschaften ein und gibt den Figuren darin - und vor allem dem durchweg herausragenden Ensemble - genĂŒgend Raum zur Entfaltung. Gemeinsam mit dem beklemmenden, grandiosen Score von Jeff Russo schaffen die Bilder eine stĂ€ndige AtmosphĂ€re der Bedrohung und der Angst, die erst mit der Ankunft von Lorne Malvo in die Kleinstadt eingefallen ist. Das Sounddesign steuert einen ebenso großen Teil zur Etablierung dieser hohen atmosphĂ€rischen Dichte bei. Jedes Auftreten eines schweren Winterstiefels im Schnee wird von einem ominösen Knirschen begleitet.

Das Lokalkolorit von Minnesota, das zunĂ€chst mit dem eigentĂŒmlichen Dialekt prĂ€sentiert wird, findet seine Fortsetzung in der Einleitung des Vorlaufs einer jeden Episode: Statt des ĂŒblichen „Previously on...“ erklingen hier mehrere Varianten wie „Precedently on...“ oder „Erstwhile on...“ Der Vorspann selbst ist dabei eine erneute Hommage an das filmische Vorbild - ĂŒberhaupt ist diese TV-Produktion nicht weit vom Standard ihres Kinovorbilds entfernt.

Der Vergleich zu True Detective ist ein offensichtlicher und wurde hier bereits mehrfach erwĂ€hnt. Wenngleich sich ErzĂ€hlstruktur und Dramaturgie der beiden Formate voneinander unterscheiden, sind doch viele Parallelen erkennbar. FĂŒr mich persönlich kann ich festhalten, dass mir das Gesamtpaket Fargo besser gefallen hat als das Gesamtpaket True Detective. Gleichzeitig finde ich, dass „TD“ mit The Long Bright Dark und The Secret Fate of All Life die besseren Einzelepisoden abgeliefert hat. Jedoch geben bei meiner Bewertung lediglich winzige Nuancen den Ausschlag - beide Serien befinden sich auf allerhöchstem erzĂ€hlerischen Niveau. Das Resultat fĂŒr TV-Studios und -Sender daraus scheint eindeutig: Gebt euren Autoren genĂŒgend Freiheiten und sie liefern euch unvergessliche Geschichten.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 18. Juni 2014
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Fargo 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Mortons Gabel
Titel der Episode im Original
Morton's Fork
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 17. Juni 2014 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 16. September 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Dienstag, 16. September 2014
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Dienstag, 16. September 2014
Autor
Noah Hawley
Regisseur
Matt Shakman

Schauspieler in der Episode Fargo 1x10

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