Fargo 2x01

Die Schauspielerin Cristin Milioti, die eine Nebenrolle in der zweiten Staffel der Serienadaption Fargo ergattert hat, brachte kürzlich in einem Interview auf den Punkt, was viele (mich eingeschlossen) gedacht haben müssen, als sie vom Plan des Serienschöpfers Noah Hawley hörten. Demnach habe sie die erste Staffel erst angeschaut, nachdem sie den Rollenzuschlag erhalten hatte. Andernfalls hätte sie befürchtet, die Erinnerung an die grandiose Filmvorlage könne dadurch beeinträchtigt werden.
There's two ways this can go
Mir ging es ähnlich, als ich zum ersten Mal von der Serienbestellung hörte. Da half auch nichts, dass sich ein arrivierter Hollywood-Star wie Billy Bob Thornton mit den Worten zitieren ließ, dass im Fernsehen mittlerweile bessere Stoffe produziert würden als im Kino. Überzeugen konnte mich letztlich nur das fertige Produkt, von dem ich - in nichsahnender Voraussicht - erst einmal vier Episoden liegenließ, bevor ich mich herantraute. Und dann geschah es einfach - ich verschlang sämtliche vier Episoden nacheinander, weil hier eine fesselnde Geschichte erzählt wurde, die dank herausragender Darbietungen und einer wunderschönen Umsetzung sofort in diese fremde, eiskalte Welt im amerikanischen Nirgendwo entführte.
Hawley gelang das Unmögliche: Zum einen würdigte er die ganz eigene, unnachahmliche Erzählweise der Coen-Brüder, zum anderen konnte er dem Stoff schnell seinen eigenen Stempel aufdrücken. Fargo war nicht nur eine Hommage an den gleichnamigen Film, sondern an das gesamte Werk des genialen Filmemacher-Duos. Die Serie enthielt Spuren von „No Country for Old Men“, „Barton Fink“ und „The Big Lebowski“, erzählte ihre Geschichte aber so kompromisslos und stringent, dass all diese Referenzen zu einem fantastischen postmodernen Ganzen zusammenflossen. Auch diesbezüglich schaffte Hawley die dramaturgische Quadratur des Kreises: Trotz vieler Seitengeschichten und Nebencharaktere machte die Serie nie den Eindruck, als würde sie vom Weg abkommen.
Die zweite Staffel bestätigt nun diesen überraschend positiven Eindruck. Dabei ging es mir genauso wie bei der Sichtung der ersten. Ich schob die erste Episode ein, tauchte innerhalb weniger Szenen in diese neue, alte Welt ein und kam erst vier Episoden später (soviel schickte uns das Produktionsstudio MGM im Voraus) zurück an die Wasseroberfläche. Dazwischen bestaunte ich begeistert die vielen bunten Fische, deren Leben von einem Moment auf den nächsten eine düstere Wendung nimmt, weil einer ihrer Kleinsten verzweifelt versucht, dazuzugehören.

Obwohl Fargo als Anthologieserie angelegt ist, sind die Themen die gleichen geblieben: Gefühle von Unzulänglichkeit, Schwermut und Raffgier treiben die Figuren an. Die Storyelemente ähneln sich, wobei die neuen Schauspieler genug Differenzierung schaffen, damit sich die Geschichte neu und frisch anfühlt. Die visuelle Umsetzung ist erneut hinreißend, was angesichts zweier Namen im Abspann (Michael Uppendahl und Randall Einhorn) doch etwas verwundert, ist das doch ein untrügliches Zeichen dafür, dass Neuaufnahmen nötig waren, für die der ursprüngliche Regisseur nicht zur Verfügung stand.
Tomorrow has never been closer than it is right now
Die Auftaktepisode Waiting for Dutch eröffnet mit der Erklärung ihres Titels. Dabei sehen wir Filmaufnahmen des nicht existenten Ronald Reagan-Films „Massacre at Sioux Falls“, in denen der Regisseur hilflose Versuche anstellt, mit seinem auf „Dutch Reagan“ wartenden und frierenden Schauspieler ins Gespräch zu kommen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Szene im weiteren Verlauf der Staffel aufgegriffen wird, aber sie etabliert umgehend den Ton der Serie, deren Figuren sich immer irgendwie ungemütlich, unbeholfen, fehl am Platze fühlen. Diese allegorische Einführung wagt keinen so großen Sprung wie die der zweiten Staffel von The Leftovers. Das muss sie aber auch gar nicht, schließlich sind dies zwei völlig unterschiedlich ausgerichtete Dramaserien.
In Fargo spielt Humor eine viel wichtigere Rolle, was durch diese Eröffnung bestens illustriert wird. Gleich darauf lernen wir mit Rye Gerhardt (Kieran Culkin) die erste tragikomische Figur kennen, die das unausweichliche Unheil ins Rollen bringt. Er ist der jüngste Spross des Gerhardt-Klans, einem Familiensyndikat, das durch Transportgeschäfte und kriminelle Aktivitäten weitreichende Kontrolle über den nördlichen mittleren Westen erlangt hat. Um endlich die Anerkennung zu bekommen, die seine beiden älteren - und viel kräftiger gebauten - Brüder Bear (Angus Sampson) und Dodd (Jeffrey Donovan) bereits genießen, lässt er sich auf einen vermeintlich lukrativen Deal mit Schreibmaschinen ein, den er mit unterschlagenen Schutzgeldern querfinanzieren will.
Dass das nicht lange gutgehen kann, ist kein Wunder. Rye führt ins Verderben, wovon er sein gesamtes Leben schon gepeinigt wurde - sein fehlendes, aber so sehr erwünschtes gefährliches Charisma. Der Versuch, eine Richterin aus Fargo zu bestechen, endet im Waffle Hut-Massaker, dem nicht nur die Richterin selbst, sondern auch die beiden Angestellten zum Opfer fallen. Aber auch Rye wird nicht mehr lange zu leben haben - er landet in der Windschutzscheibe der nichtsahnenden Peggy (Kirsten Dunst), die im ersten Schock beschließt, mit dem Schwerverletzten auf der Motorhaube den übrigen Heimweg anzutreten.

Es dauert nicht lange, bis State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson) in seinem kuscheligen Zuhause einen Anruf bekommt, der ihn nach draußen in die Kälte treibt. Erst hier wird die Verknüpfung zur ersten Staffel offensichtlich, denn Lou spielte dort schon als Vater von Molly Solverson (Allison Tolman) - und in Gestalt von Keith Carradine - eine Nebenrolle. Nun sitzt Molly als kleines Mädchen auf seinem Schoß, bevor sich ankündigt, dass etwas Furchtbares mit seiner Ehefrau Betsy (Milioti) passieren könnte.
Well, this is a deal
Zunächst inspiziert er jedoch mit seinem Schwiegervater, Sheriff Hank Larsson (Ted Danson), den Tatort. Die Szene dient nur zweitrangig der Verdichtung des Plots, vielmehr gibt uns Hawley darin eine grobe, aber elegante Einführung in die Denk- und Lebensweise dieser beiden Figuren. Wir erfahren, dass Hank eine wichtige Rolle im Leben seiner Tochter spielt und die beiden regelmäßig konferieren, was Lou nicht wirklich zu passen scheint, wenngleich er seinem Ärger darüber keine Luft macht. Ihm ist es offensichtlich wichtiger, dass die Familie harmoniert. Hank hingegen glaubt, für seinen Schwiegersohn immer ein offenes Ohr haben zu müssen, auch wenn der diese Gesprächsangebote nicht annimmt.
Er erkennt den ermordeten Koch des Diners als ehemaligen Highschool-Footballstar, wodurch gleich das ganze tragische Leben eines ehemals Hoffnungsvollen, dann wohl Gescheiterten und jetzt Toten aufgezeigt wird. Ähnlich präzise arbeitet Hawley bei der Einführung von Ehepaar Blomquist. Ed (Jesse Plemons) arbeitet in einer Metzgerei, wo sich alle so nahe sind, dass wenige Worte zur Verständigung ausreichen: „Okay then.“ Das ist ebenso witzig wie bedrückend, weil man diese Figuren einerseits für ihre offensichtliche Zufriedenheit mit dem einfachen Leben beneidet, sie aber andererseits genau deswegen ein bisschen belächelt.
Richtig dramatisch wird dieser Handlungsbogen erst, nachdem uns Ed und seine Ehefrau Peggy über ihre Wünsche und Träume aufgeklärt haben. Sie ist ganz begeistert von der Idee des sogenannten Lifespring-Seminars, wonach in jedem Menschen ungenutztes Potenzial schlummere, das nur aufgeweckt werden müsse. Er hingegen ist bodenständiger als Finanzbeamter Müller von der Kreisverwaltung Mühlbach, seine Idealvorstellung des Lebens beschränkt sich auf die heilige Dreifaltigkeit aus Haus, Beruf und Kind. All das ist akut gefährdet, als er entdeckt, was sich anhört wie ein wildes Tier in der Garage, sich aber bald als wiederbelebter Rye herausstellt. Nachdem er ihn in Notwehr umgebracht hat, weiß Peggy genau, welche Knöpfe sie drücken muss, um Ed vom rechtschaffenen Pfad abzubringen: „No family, no shop, and no kids.“

Dass sich die beiden in diesem Moment auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen haben, können sie in ihrer grenzenlosen Naivität - wenn überhaupt - nur erahnen. Wir Zuschauer wissen da schon längst, welch bunte Figuren die Gerhardt-Sippe bevölkern, zu der Rye gehörte. Zunächst gibt es für die Gerhardts jedoch einen anderweitigen Verlust zu beklagen: Bei der unerfreulichen Kontrolle der Bilanzen erleidet Familienoberhaupt Otto (Michael Hogan) einen Schlaganfall, was seine Ehefrau Floyd (Jean Smart) in Trauer hinterlässt, einem konkurrierenden Syndikat aus Kansas City aber die perfekte Vorlage liefert, um die angestrebte Übernahme der Geschäftseinheiten zu lancieren.
Be ready for anything
Angeführt wird diese ominöse Vereinigung von einem mysteriösen Schattenmann, den ich nur anhand seiner Stimme als Adam Arkin erkannt habe. Sein untergebener Manager ist Joe Bulo (Brad Garrett), der die Grundlagen der Kansas City Northern Expansion Strategy erläutert. Er gibt überdies die Empfehlung der Rechercheabteilung weiter, wonach nun ein guter Zeitpunkt für einen Angriff wäre, befänden sich die Gerhardt-Söhne doch aller Voraussicht nach in einem Kampf um die Nachfolge ihres erkrankten Vaters. Die Idee, dass ein kriminelles Syndikat eine Rechercheabteilung betreibt, ist ebenso irrwitzig wie genial. Es sind mitunter diese kleinen Einfälle, die aus der gewöhnlichen - wenn auch außergewöhnlich straff erzählten - Gangstergeschichte Fargo etwas Besonderes machen.
Autor und Showrunner Hawley ist nicht der Einzige, dem Respekt für diesen grandiosen Auftakt gebührt. Auch in Bildkomposition, Ausstattung und Score verstecken sich viele kleine liebevolle Details, die das Format von vergleichbaren anderen absetzen. Die Familie Gerhardt hat offensichtlich eine so große Vorliebe für Hefezöpfe, dass davon gleich mehrere im Haus vorhanden sind. Ryes Nervosität vor der versuchten Erpressung gegenüber der Richterin drückt sich aus, indem er eine riesige Menge Zucker in seinen hastig bestellten Kaffee schüttet. Nachdem er sein Opfer mit mehreren Schüssen niedergestreckt hat, vermischt sich die Milch aus ihrem Shake mit dem Blut, das aus ihrem Rücken quillt - so einfach, so makaber, so großartig.
Die Einflechtung der Handlung in historische Ereignisse geht beinahe nahtlos vonstatten. Wir erfahren, dass Lou im Vietnamkrieg gekämpft hat, und die gemeinsame, von großer Nüchternheit geprägte Begehung des Tatorts legt nahe, dass auch Hank solche Erfahrungen (wohl im Zweiten Weltkrieg) gemacht hat. Jimmy Carter hatte im gleichen Jahr seine berühmte „Crisis of Confidence“- aka „Malaise“-Rede gehalten, als Reaktion auf eine amerikanische Öffentlichkeit, die von den Mordanschlägen an John F. Kennedy, Robert F. Kennedy und Martin Luther King, Jr. sowie der verheerenden Verwicklung im Vietnamkrieg und den Nachwirkungen der „Watergate“-Affäre verunsichert war. Ebendiese Verunsicherung ist den Worten und Blicken unserer neuen Helden zu entnehmen, was für uns Zuschauer nichts anderes bedeutet, als dass wir uns auf eine weitere, grandios groteske Staffel von Fargo freuen können.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 13. Oktober 2015Fargo 2x01 Trailer
(Fargo 2x01)
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