Fargo 2x02

Fargo 2x02

In glänzend stilisierter Form erzählt Before the Law von den unmittelbaren Nachwirkungen der Ereignisse aus der Auftaktepisode. Die bestechende audiovisuelle Herangehensweise von Fargo-Schöpfer Hawley macht dabei aus gewöhnlichen Vorgängen interessante Handlungsbögen.

Lou Solverson (Patrick Wilson) kann nicht so recht glauben, was um ihn herum geschieht. / (c) FX
Lou Solverson (Patrick Wilson) kann nicht so recht glauben, was um ihn herum geschieht. / (c) FX

Für uns Serienjunkies ist es kein ungewohnter Anblick mehr, wenn sich eine Figur der Leiche eines soeben Getöteten entledigt. Für manch eine Figur aus Fargo ist das aber ein lebensverändernder Moment. Was für uns also langweilig sein könnte, ist für ebenjenen Charakter der aufregendste Augenblick seines fiktionalen Lebens. Diese Disparität auszugleichen, schafft Noah Hawley, der die Episode Before the Law sowohl schrieb als auch für deren Regie verantwortlich war, mit großer dramaturgischer Eleganz.

Don't be a prisoner of 'we'

Wenngleich dies auf die meisten Figuren dieser zweiten Ausgabe der Anthologieserie zutrifft, so ist es doch Ed Blomquist, der am weitesten außerhalb seiner Komfortzone agieren muss. Jesse Plemons spielt dessen behäbige Perplexität herausragend gut. Einerseits kommt Ed kaum noch hinterher, wie schnell die Welt um ihn herum zusammenbricht, andererseits passt er sich mit stummem Stoizismus an ebendiese Veränderungen an. Für ihn gilt in dieser außergewöhnlichen Situation die gleiche Logik wie bisher: ein Schritt nach dem anderen. Also: Garage aufräumen, Kampf- und Blutspuren entfernen, Leiche entsorgen.

Erst während des letzten Programmpunkts wird es für Ed richtig brenzlig. Da ergreift Lou (Patrick Wilson) die günstige Gelegenheit, dass in der Metzgerei nachts noch Licht brennt, um seiner Betsy (Cristin Milioti) eine Überraschung zu machen - ohne sich groß darüber zu wundern, dass in der Metzgerei nachts noch Licht brennt. Vielleicht ist er müde, vielleicht noch aufgewühlt von den Erkenntnissen des Tages und den Gesprächen mit seinem Schwiegervater Hank (Ted Danson) über die Kriege, die sie beide ausgefochten haben. Für Ed ist diese Unaufmerksamkeit jedenfalls ein Glücksfall - und ihre Ursache völlig egal.

Es würde mich jedoch überraschen, wenn sich Lou im Laufe der Ermittlungen nicht noch an diese nächtliche Begegnung erinnern würde. Dann wird ihm sicherlich auch das leicht veränderte Verhalten Eds auffallen, der doch sonst die Ruhe in Person ist, nun aber irgendwie hektisch und aufgewühlt wirkt. Dessen Ehefrau Peggy (Kirsten Dunst) ruft just im richtigen Moment an, um Lou zur Verabschiedung zu drängen. Auch sie verhält sich gegenüber ihrer Chefin komisch und aufgeschreckt, was für uns Zuschauer leicht nachvollziehbar ist, für Constance (Elizabeth Marvel) aber aufregend und auch ein bisschen erregend: „You're kind of a bad girl, are ya?

Eine Situation; die ganz ohne Gewalt oder Drohungen auskommt; aber trotzdem kaum spannender sein könnte. © FX
Eine Situation; die ganz ohne Gewalt oder Drohungen auskommt; aber trotzdem kaum spannender sein könnte. © FX

Es gibt so viele kleine verdächtige Moment in dieser Episode, die nur für uns Zuschauer ein Ganzes bilden, die handelnden Figuren, die über weit weniger Informationen verfügen, aber in einen dauernden Zustand des Unwohlseins versetzen. So geht es auch Hank Larsson, der der größten Bedrohung für den instabilen Frieden in Luverne und Umgebung begegnet. Mike Milligan (Bokeem Woodbine), der Vollstrecker des Kansas-City-Syndikats, bereist mit seinen Konsorten, den Kitchen-Zwillingen, den mittleren Nordwesten, um überall anhand undurchsichtiger Metaphern Angst und Schrecken zu verbreiten.

All around them, people are losing their mind

Die Szene ist eine meisterhafte Lektion in Spannungsaufbau. Es gibt darin keine Drohgebärden, es werden nicht mal besonders viele Worte gewechselt. Es sind die kleinen Merkwürdigkeiten, die den größten Horror erzeugen - die fehlende Bereitschaft, das Fenster herunterzukurbeln, die hinter einem breiten Grinsen verborgene Feindseligkeit, die lächelnde Ankündigung, in die Jackentasche greifen zu wollen, um den geforderten Ausweis herauszuholen.

Obwohl diese zweite Staffel als Prequel angelegt ist, wissen wir lediglich über das Schicksal von Lou und seiner Tochter Molly (Raven Stewart) Bescheid. Alle anderen Figuren könnten zu jedem Zeitpunkt das Zeitliche segnen. Nun ist nicht unbedingt zu erwarten, dass ein Schauspieler vom Kaliber eines Ted Danson bereits in der zweiten Episode aus der Serie geschrieben wird. Trotzdem war diese Szene mit so viel Spannung aufgeladen, dass ich nicht wirklich überrascht gewesen wäre, hätte sich das furchteinflößende Trio dieses Ärgernisses an Ort und Stelle entledigt. Auch Hank muss hinterher erst einmal durchatmen - da kommt es ihm gerade recht, dass sein Schwiegersohn in einer ähnlich kontemplativen Stimmung ist (und dabei - ein schöner call back zum Keith Carradine-Lou aus der ersten Staffel - Knoten bindet).

Die beiden tauschen Kriegsgeschichten aus, wobei Hank eine treffende Beobachtung macht: „I sometimes wonder if you boys didn't bring that war home with ya.“ Während er und seine Kameraden nach dem Sieg über das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg noch als Helden und The Greatest Generation gefeiert wurden, trafen Lou und seine Begleiter nach der Rückkehr aus dem Vietnamkrieg daheim nur auf Unverständnis und wenig Empathie. Es ist diese Unwucht, diese Verwirrung, von der er glaubt, sie auf dem Gesicht des erschossenen Kochs erkannt zu haben: „Bafflement.“ Die dazugehörige line delivery von Patrick Wilson ist schlichtweg grandios.

Ein Shot aus der Vogelperspektive; der der Szene und nicht reinem Selbstzweck dient. © FX
Ein Shot aus der Vogelperspektive; der der Szene und nicht reinem Selbstzweck dient. © FX

So großartig die bisher erwähnten schauspielerischen Leistungen waren, werden sie doch von Jean Smart übertroffen, die nicht viel Spielzeit bekommt, diese aber mit so viel Leben, Authentizität und bedrohlichem Charisma füllt, dass selbst Billy Bob Thornton als Lorne Malvo (an den ich während der Autoszene wegen der Parallelen zur Szene mit ihm und Gus (Colin Hanks) aus der ersten Staffel denken musste) Schwierigkeiten hätte, dagegen anzuspielen. Sie setzt all ihr taktisches Geschick ein, um sich in der Frage um die Nachfolge des gelähmten Patriarchen Otto (Michael Hogan) einen Vorteil gegenüber ihrem ältesten Sohn Dodd (Jeffrey Donovan) zu verschaffen.

War stories

Es gibt nicht viele Schauspielerinnen, die das reine Sitzen am Kopfende des Esstisches zu einer bedrohlichen Geste umfunktionieren können. Dodd scheint jetzt schon hilflos verloren, was aber nicht dahingehend interpretiert werden sollte, dass er in diesem Kampf chancenlos ist. Ihn zeichnen andere Qualitäten aus - der unbedingte Wille zur Macht und vor allem - und da kommt sein Handlanger Hanzee (Zahn McClarnon) ins Spiel - sein wenig zimperlicher Umgang mit körperlicher Gewalt. Mit Ausnahme der Matriarchin kommt der Gerhardt-Clan derzeit wie ein Haufen Hinterwäldler daher, sollte aber nicht unterschätzt werden, wie Joe Bulo (Brad Garrett) treffend bemerkt: „I think history has proven people of the Germanic persuasion don't surrender easy.

Das ist ebenso witzig wie furchteinflößend. Genau in dieser Nische fühlt sich Fargo offensichtlich am wohlsten, was in Before the Law erneut wunderbar zum Vorschein kommt. Hierfür muss Noah Hawley, der sämtliche Episoden selbst schreibt, erneut großes Lob überbracht werden. Wir haben nun erst zum zweiten Mal diese neuen Charaktere in dieser neuen Welt kennengelernt und wissen doch schon so viel über sie. Jede Szene steckt voller subtiler und weniger subtiler Charakterzeichnung, wobei trotz aller Absurditäten stets gelingt, die Figuren nicht zu Clowns verkommen zu lassen. So viele böten sich dafür an - mit keiner einzigen tappt Hawley in diese Falle.

Es ist eine bemerkenswerte Errungenschaft, die durch die technische Umsetzung nur noch bemerkenswerter wird. Hawley sitzt hier zum ersten Mal im Regiestuhl und liefert sogleich eine Meisterleistung ab. Er nutzt viele kleine visuelle Gadgets, lädt sie jedoch alle mit Bedeutung und Sinn auf, statt sie einfach nur als eye candy in den visuellen Raum zu stellen. Es gibt Close-ups, Kamerafahrten, Wechsel zwischen Totale und Halbtotale, Split-screens, die Konzentration auf stilisierte Objekte und Aufnahmen aus der Vogelperspektive (wie am Ende, als erneut in mehrfacher Hinsicht auf ein extraterrestrisches Element angespielt wird).

Vor allem letztgenanntes Stilmittel verdeutlicht, wie man es richtig einsetzt - beispielsweise im Vergleich zur enttäuschenden zweiten Staffel von True Detective, wo diese Aufnahmen zu Beginn noch halbwegs nützlich waren, später aber zu reinem Selbstzweck verkamen. In Fargo geschieht derzeit nichts aus prätentiösen Motiven, sondern nur aus dramaturgischen. Es ist ein raffiniertes, elegantes Paket, das Hawley hier geschnürt hat - düster und dramatisch, wohlig schauerlich, absurd komisch. Einfach wunderbar.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 20. Oktober 2015
Episode
Staffel 2, Episode 2
(Fargo 2x02)
Deutscher Titel der Episode
Vor dem Gesetz
Titel der Episode im Original
Before The Law
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 19. Oktober 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 21. Oktober 2015
Autor
Noah Hawley
Regisseur
Noah Hawley

Schauspieler in der Episode Fargo 2x02

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