Fargo 2x03

The Myth of Sisyphus ist bereits die dritte Episode der zehnteiligen zweiten Staffel von Fargo und trotzdem hat außer Ed (Jesse Plemons) und Peggy (Kirsten Dunst) niemand auch nur eine Ahnung, was mit Rye Gerhardt (Kieran Culkin) passiert sein könnte. Erstmals gibt es nun aber eine Theorie, die nicht etwa von den ermittelnden Polizisten Lou (Patrick Wilson) und Hank (Ted Danson) stammt, sondern von jemandem, die den beiden sehr nahesteht. In beeindruckender investigativer Manier setzt Betsy (Cristin Milioti) die einzelnen Puzzleteile aus der verhängnisvollen Nacht in der Waffle Hut zusammen.
Know thyself
Ihre Tochter Molly (Raven Stewart) sitzt hier noch ahnungslos vorm Fernseher und weiß noch nicht, dass sie die Talente ihrer Mutter und ihres Vaters geerbt hat und einmal wohlbringend einsetzen wird. Es ist ein schönes kleines Detail, zu dem Showrunner Noah Hawley und sein Autorenteam (zum ersten Mal gehört der Drehbuchcredit mit Bob DeLaurentis einem anderen als dem Serienschöpfer) in dieser Staffel immer wieder zurückkehren. Vor allem treibt Betsys Neugier aber die Handlung voran, denn sie trägt ihre Vermutung im Friseursalon vor, wo ihr Vater gerade dabei ist, ein Fahndungsfoto von Rye aufzuhängen.
Für die dort angestellte, von einem besseren Leben träumende Peggy bricht damit ein kleiner Teil des Lügengebäudes zusammen, das sie bisher mit ihrem Ehemann Ed sehr blauäugig aufzubauen versuchte. Ohne daran zu denken, dass eine plötzliche Übersprungshandlung ein verdächtiges Licht auf sie werfen könnte, eilt sie über die Straße in die Metzgerei, um Ed zu sofortigem Handeln zu drängen. Sie begründet das mit einem familiären Notfall - und hat Glück, dass außer Ed nur die dauerhaft desinteressierte Metzgerstochter zugegen ist.
Trotz ihrer nervösen Ader muss man Peggy zugestehen, dass sie schnell zu einfallsreichen - wenn auch nicht zu Ende gedachten - Lösungen kommt. Ed weiß das zu schätzen: „It's creative.“ Er soll den Unfallwagen auf schneeglatter Fahrbahn gegen einen Baum steuern, damit es so aussieht, als sei die Windschutzscheibe davon eingedrückt worden. Es gelingt ihm erst beim zweiten Versuch, was für uns Zuschauer nicht nur sehr witzig ist, sondern für den armen Ed auch überaus schmerzhaft. Im voice-over macht er sich später Gedanken darüber, während er und Peggy mit ausdrucksloser Miene im Bus nach Hause fahren. Sie weiß ihren „Paladin“ jedoch zu besänftigen: „It worked.“

Wer jedoch nicht als völliger Neuling in die Welt von Fargo eintritt, weiß natürlich, dass dies längst nicht das Ende der Leidenszeit von Sisyphus-Ed und seiner Peggy gewesen ist. Zwar haben sie sich äußerst effizient der Leiche von Rye entledigt, jedoch sind zu viele Parteien auf der Suche nach ihm, als dass das Thema bald abgeschlossen sein könnte. Der Gerhardt-Clan schickt mit Hanzee (Zahn McClarnon) seinen fähigsten Handlanger/Hasenjäger los, um den in doppeltem Sinne verlorenen Sohn aufzutreiben.
What are the odds?
Auch Simone (Rachel Keller) darf dieses Mal mitmischen, wenngleich ihr Vater Dodd (Jeffrey Donovan) darüber nicht sehr erfreut - man könnte sagen: überaus verärgert - ist. Und obwohl er und sein Bruder Bear (Angus Sampson) in den meisten Angelegenheiten unterschiedlicher Meinung sind, so stimmen sie über die Verwicklung ihres Nachwuchses durchaus überein - Charlie (Allan Dobrescu), der Junge mit der verformten Hand, darf nicht im Familiengeschäft mitmischen. Vielleicht haben die Brüder - wie auch ihre Mutter Floyd (Jean Smart) - ja eine dunkle Vorahnung, dass das Business bald viel schlechter laufen könnte.
Mit aller Macht drängt das Kartell aus Kansas City nach Minnesota und North Dakota - ob durch Gewalt oder Geld, das entscheidet laut Joe Bulo (Brad Garrett) der Markt alleine. Nach einem herrlichen Plausch über das beste Shampoo beauftragt er seinen Vollstrecker Mike Milligan (Bokeem Woodbine) damit, Rye ausfindig zu machen, um ihn als Faustpfand gegen die Gerhardts einzusetzen. Die bereiten sich ihrerseits mit Rückversicherungen ihrer Geschäftspartner auf einen möglicherweise bevorstehenden Krieg vor, wobei Floyd weiß, dass das wohl nicht die vielversprechendste Konfliktlösungsvariante wäre: „Let's be honest: we're small-time.“
Im Auge des aufziehenden Sturms sucht indes Lou Solverson nach Hinweisen im Fall des Waffle-Hut-Massakers. Auf dem Weg nach Fargo erfährt er von Hank, dass Ryes Fingerabdrücke auf der mutmaßlichen Tatwaffe gefunden wurden. Lou muss jedoch von seinem Kollegen Ben Schmidt (Keir O'Donnell) erst noch darüber aufgeklärt werden, mit wem er sich anzulegen gedenkt. Ben nutzt dafür ein Akronym aus dem Vietnamkrieg: „FUBAR“ („Fucked up beyond all recognition“ - „Bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt“). Zum zweiten Mal erfahren wir dabei vom Mythos der Familie Gerhardt, deren krankheitsbedingt abgetretenes Oberhaupt Otto (Michael Hogan) von Schmidt überdies mit Hitler verglichen wird.

Trotz dieser furchteinflößenden Legendenbildung ist Lou fest entschlossen, die Familie mit seinen neuen Erkenntnissen zu konfrontieren. Er macht das mit unvergleichbar stoischer Attitüde und unverrückbarer Überzeugung, auf der richtigen Seite von Gesetz und Moral zu stehen: „Am I the only one here who's clear on the concept of law enforcement?“ Auf dem Anwesen der Gerhardts kommt es zu einem angespannten stand off, bei dem Schmidt angesichts der übermächtigen Gegenseite klein beigibt, Lou sich jedoch heldenhaft weigert, den abstrusen Forderungen seiner Antagonisten nachzukommen.
Peace with honor
Erwartungsgemäß erfährt er dort nichts über den Verbleib von Rye. Auch die Beantragung eines Durchsuchungsbefehls würde wohl keinen Erfolg nach sich ziehen, haben die Gerhardts doch sämtliche Richter Fargos in ihrer Tasche, wie Dodd ungeniert zu Protokoll gibt. Also bleibt Lou nur, seinem Instinkt zu folgen und den „squirrely fella“ Skip (Mike Bradecich) in seinem Laden aufzusuchen. Dort trifft er jedoch auf Mike Milligan und die Kitchen-Brüder, wobei es erneut zur unbequemen Konfrontation kommt. Gleich zweimal high noon an einem Tag - da ist es fast schon ein Wunder, wie einfach Lou das Erlebte wegsteckt, sobald er sein Zuhause betritt.
The Myth of Sisyphus bietet Patrick Wilson zum ersten Mal die Gelegenheit, sein ganzes Können auszuspielen. Er ergreift diese mit der gleichen Entschlossenheit wie seine Figur. Wilson spielt die unterkühlte Freundlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit seines Kriegsheimkehrers und Überzeugten der guten Sache brillant. Lou ist ein Mann, der Berufliches von Privatem trennen kann und im Krieg so viel erlebt hat, dass ihn zu Hause kaum noch etwas schocken kann. Da hat er jedoch noch nicht die Leiche des lebendig begrabenen Skip gefunden, der es nicht geschafft hat, Dodd und Hanzee vom eigenen Wert zu überzeugen.
Die visuelle Umsetzung von Regisseur Michael Uppendahl ist erneut exquisit, was ebenso für den Dialog und die schauspielerischen Leistungen gilt. Es gibt abermals Referenzen an das politische Klima in den 70er Jahren, an Jimmy Carter und Richard „Not a Crook“ Nixon und die Ölkrise. Auch diejenigen Zuschauer, die Interesse am übernatürlichen Element der Geschichte haben, werden hier wieder bedient, wobei es anhand Lous Gesichtsausdrucks ziemlich eindeutig sein dürfte, wie die Einschätzungen des wartenden Tankstellenkunden zum Besuch von Außerirdischen zu bewerten sind. Insgesamt eine sehr gute Episode, die jedoch nicht ganz das hohe Level an verquerem Humor und visueller Grandezza der beiden Auftaktepisoden erreicht.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 27. Oktober 2015(Fargo 2x03)
Schauspieler in der Episode Fargo 2x03
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