Fargo 2x04

Fargo 2x04

Die Fargo-Episode Fear and Trembling macht ihrem Namen alle Ehre - selten verbreiteten solch banale Ereignisse so viel Schrecken. Jean Smart nutzt die Folge überdies, um sich schon jetzt an die Spitze der Emmy-Favoritinnen zu katapultieren. Alle anderen spielen auf ähnlichem Niveau.

Die fantastische Jean Smart übertrumpft in dieser Episode den sowieso schon herausragenden Cast. / (c) FX
Die fantastische Jean Smart übertrumpft in dieser Episode den sowieso schon herausragenden Cast. / (c) FX

Es gibt zwei große Action-set pieces in der Fargo-Episode Fear and Trembling, in denen zwar nur gesprochen wird, die aber trotzdem nervenzerreißend spannend sind. Solche Szenen wechselt die FX-Dramaserie derzeit meisterlich mit witzigen, warmherzigen und erschreckenden ab, sodass ein eigentümliches Gemenge entsteht, für das es in der Fernsehgeschichte kaum einen Vergleich gibt. Dafür muss man sich schon im herausragenden Opus der Coen-Brüder umschauen, die diesem Format zwar ihren Segen gaben, laut Serienschöpfer Hawley mit dem eigentlichen Produktionsprozess aber nichts zu tun haben.

Kill the king, be the king

Die erste verbale Auseinandersetzung wird sowohl von zurückliegender und gegenwärtiger Handlung als auch von nachfolgenden Charaktermomenten mit zusätzlichem dramaturgischen Polster ausgestattet. Zu Beginn servieren uns Drehbuchautor Steve Blackman und Regisseur Michael Uppendahl eine Rückblende ins Jahr 1951, wo ein junger Dodd (Victor Hawryluk) von seinem Vater Otto (Michael Hogan) in die brutalen Geschäftspraktiken des Gerhardt-Clans eingeführt wird. Ihr Opfer symbolisiert in all seinem Hochmut das Leitmotiv dieser zweiten Staffel, wonach vor allem diejenigen in Gefahr sind, die nicht wissen, dass sie in Gefahr sind.

Wir erfahren also, wie Dodd (Jeffrey Donovan) zu einem solchen Widerling werden konnte. Weshalb es auch nicht weiter verwunderlich ist, dass er uns das ganze Ausmaß seiner Schizophrenie in der nächsten Szene in wahnsinnig komischer Weise demonstriert. Darin nimmt er seinen Neffen Charlie (Allan Dobrescu), der trotz Handicap in die Fußstapfen seines Vaters Bear (Angus Sampson) treten will, mit zu einem Meeting mit zwei Emissären des Kartells aus Kansas City. Statt sie aussprechen zu lassen, behandelt er sie mit einem Taser, um wenig später völlig ungerührt Donuts mit „chocolate gleehze“ zu bestellen.

Das Vorgetragene ist ebenso witzig wie erschreckend, verschlechtert aber vor allem die Verhandlungsposition seiner Mutter Floyd (Jean Smart), die erst beim sitdown mit Joe Bulo (Brad Garrett) von den jüngsten Missgeschicken ihres ältesten Sohnes erfährt. Es ist eine wahre Freude, wie Smart diese Szenen spielt. Sie wechselt blitzschnell von eiskalter Unterhändlerin zur enttäuschten Mutter und wieder zurück - eine darstellerische Meisterleistung. Echten emotionalen Eindruck erhält die Szene aber erst im Nachhall. Da sitzt der sonst so starke Dodd mit seiner Mama auf der Rückbank, bettelt um ihre Zuneigung und beweist damit Bulos These: „That's the problem with family.

Simone (Rachel Keller) träumt von den wilden Sechzigern. © FX
Simone (Rachel Keller) träumt von den wilden Sechzigern. © FX

Während Floyd und Bulo am Verhandlungstisch sitzen, arbeiten Mike Milligan (Bokeem Woodbine) und die Kitchen-Brüder mit handfesteren Mitteln an der Schwächung ihrer Gegenspieler. Dabei kann Mike auf die Kooperation von Simone Gerhardt (Rachel Keller) setzen, Dodds Tochter, die ein Leben lang Ablehnung erfahren hat, was sich nun rächt. Im Tausch für ein bisschen Kokain ist sie bereit, mit Mike ins Bett zu hüpfen, merkt dabei aber nicht, dass er ihr auf höchst elegante Weise ebenjene Informationen entlockt, die er zur Erfüllung seiner Aufgaben braucht.

Out of balance

Sie schwadroniert dabei von den 60ern, die sie so sehr vermisse, weil man damals in Freiheit leben konnte. Mike bringt sie ohne Umschweife, aber charmant, in die Realität zurück: „You know what happened to Flower Rainblossom? She's on methadone in Bismarck.“ Dies ist ein gutes Beispiel für die große Virtuosität, die „Fargo“ bei der Balance seiner komischen und düsteren Elemente offenbart. Mike nutzt nämlich die gewonnene Erkenntnis, um einen Anschlag auf den greisen Otto zu planen, bei dem bis auf das Clanoberhaupt niemand am Leben bleibt.

Die Information über die erfolgreich absolvierte Mission wird sogleich an Bulo weitergereicht, der gegenüber Floyd unumwunden verkündet: „Anything other than unconditional surrender and we'll wipe any last Gerhardt off the face of the earth.“ Die weiß da noch gar nicht, was ihrem Ehemann passiert ist, weshalb sie von der Verschärfung im Ton ihres Verhandlungspartners überrumpelt scheint. Auch diesen emotionalen Umschwung verkörpert Jean Smart mit Bravour. Später weicht die Furcht vor dem Ungewissen jedoch der Entschlossenheit. Sie verkündet ihren Söhnen, was sich Dodd wohl insgeheim erhofft hatte: „It's war.

Die Episode liefert damit ein weiteres Meisterstück der Selbstreferentialität, denn vom Krieg ist hier ständig die Rede - meist in Vergangenheitsform. Zuvor wird jedoch auch Betsy Solverson (Cristin Milioti) im Beisein ihres Ehemanns Lou (Patrick Wilson) von einem aberwitzig unsensiblen Arzt (Gordon Rix) mit dem unschönen Bild des Krieges gegen ihren Körper konfrontiert. Ihr wird die Teilnahme an einer Medikamentenstudie angeboten, woran sie zwar interessiert scheint, deren Möglichkeit der Verabreichung eines Placebos die Stimmung aber gleich wieder trübt. Da helfen auch die gutmeinenden Worte ihres treusorgenden Lou nichts. Im Gegenteil - Betsy macht sich mehr Sorgen darum, nun anders behandelt zu werden, als um die eigentliche Krankheit. Milioti und Wilson brillieren hier mit wunderbar einfühlsamen, gleichsam tragikomischen Darstellungen.

Betsy (Cristin Milioti) und Lou (Patrick Wilson) erhalten wenig aufmunternde Neuigkeiten. © FX
Betsy (Cristin Milioti) und Lou (Patrick Wilson) erhalten wenig aufmunternde Neuigkeiten. © FX

Während Lou die Gefahr durch die Gerhardts noch nicht richtig abschätzen kann, hängt er sich - genau wie Gerhardt-Vollstrecker Hanzee (Zahn McClarnon), dem hier erstmals das vermeintliche UFO begegnet - an die Fersen der Blomquists. Dies führt ihn über mehrere Stationen auf die Veranda von Peggy (Kirsten Dunst) und Ed (Jesse Plemons), die schon bei ihrer Ankunft wissen, dass ein wartender Polizist keine guten Nachrichten im Gepäck haben kann.

You got the look

Zuvor waren die beiden in Streit geraten, weil Peggy ihren Wunsch „(to) reach my full potential“ für das gemeinsame Glück der beiden auf Eis legen soll. Die unentschlossene Kleinstadtfriseurin mit den hochfliegenden Träumen stimmt ihrem Ehemann zunächst zu, dass es wohl besser sei, das gemeinsam angesparte Geld für den Kauf der Metzgerei zu investieren. Die unnachgiebige Constance (Elizabeth Marvel) sieht das jedoch gänzlich anders, befindet sie sich doch auf feministischer Mission zur Niederschlagung des Patriarchats. Danach weiß die ebenso bemitleidenswerte wie furchteinflößende Peggy überhaupt nicht mehr, was nun richtig ist und was falsch.

Aus dieser unübersichtlichen Gemengelage entsteht die vor Spannung knisternde Szene im Wohnzimmer der Blomquists, wo Lou den beiden Verschworenen ein Angebot zur Kooperation macht, das er mit einer deutlichen Warnung vor den Gerhardts versieht: „They're coming.“. Das Ganze verpackt der Parabel-Fan in eine weitere Geschichte aus dem Krieg, was uns zurückführt an die Rückblende vom Anfang. Er erzählt darin von einem Kameraden aus dem Vietnamkrieg, dessen Gehirn nach der Explosion einer Landmine noch nicht verstanden habe, dass sein Körper bereits tot ist.

Der Plot von Fargo umfasst derzeit ähnlich viele lose Teile wie die zweite Staffel von True Detective, wird aber längst nicht so unübersichtlich vorgetragen. Komplexität wird von Noah Hawley (der sich hier - anders als Nic Pizzolatto bei „TD“ - Unterstützung ins Boot holte) eben nicht mit Kompliziertheit verwechselt. Wir kennen die Ausgangslage, wir wissen über die Motivationen der Figuren Bescheid, wir haben einen guten Überblick über die unheilvollen Verwicklungen. Dafür muss sowohl dem Autoren- wie auch dem Produktionsteam großer Respekt gezollt werden. Dramaturgisch und visuell ist Fargo derzeit der schmackhafteste Leckerbissen im amerikanischen Fernsehsortiment.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 4. November 2015
Episode
Staffel 2, Episode 4
(Fargo 2x04)
Deutscher Titel der Episode
Furcht und Zittern
Titel der Episode im Original
Fear and Trembling
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 2. November 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 4. November 2015
Autor
Steve Blackman
Regisseur
Michael Uppendahl

Schauspieler in der Episode Fargo 2x04

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?