Fargo 2x05

Fargo 2x05

Mit der Episode The Gift of the Magi erhöht Fargo die Schlagzahl. Die Konflikte zwischen den verfeindeten Parteien eskalieren dabei dramatisch. Und als wäre das nicht genug, feiert ein B-Movie-Star inmitten des Chaos seinen grandios witzigen Gastauftritt.

Ein Anblick, den man nach einer Hetzjagd durch den Wald nicht unbedingt sehen will: Hanzee (Zahn McClarnon) / (c) FX
Ein Anblick, den man nach einer Hetzjagd durch den Wald nicht unbedingt sehen will: Hanzee (Zahn McClarnon) / (c) FX

Es ist ein gutes Jahr für Bruce Campbell. Er ist nicht nur der Star der von der Kritik wohlwollend aufgenommenen Fortsetzung des B-Movie-Klassikers Ash vs. Evil Dead, sondern darf nun auch für die herausragende FX-Dramaserie Fargo in eine weitere Paraderolle schlüpfen. Er spielt darin den künftigen US-Präsidenten Ronald Reagan, der sich hier noch auf Wahlkampftour befindet und dabei durchscheinen lässt, über welch außergewöhnliches Charisma er verfügt.

That's the American Dream

Jedoch werden seine Versprechungen von der „shining city on a hill“ - die der echte Reagan wirklich machte - bald durch seine Unfähigkeit konterkariert, Lou (Patrick Wilson) auch nur einen echten Lösungsansatz für die Probleme eines durch Vietnam, Watergate und Ölkrise gebeutelten amerikanischen Volkes zu präsentieren. Das macht aber gar nichts. Denn alleine durch seine glühenden Worte und seine positive Ausstrahlung bringt er einen ehernen Skeptiker wie Karl (Nick Offerman) zu Tränen der Rührung. Und auch Betsy (Cristin Milioti) und Constance (Elizabeth Marvel) - überhaupt alle Anwesenden - lassen sich von der allgemeinen Euphorie anstecken.

Meisterlich kontrastiert wird diese Aufbruchsstimmung durch ein Massaker in den Wäldern von Fargo, das ich fälschlicherweise zunächst für das angekündigte „Massacre in Sioux Falls“ hielt. Weil es letztgenanntes ist, von dem der alte Lou Solverson (Keith Carradine) in der ersten Staffel verschwörerisch raunte, dürfen wir damit rechnen, dass dies noch blutiger als das hier gezeigte ausfallen wird. Doch auch hier geht es schon spektakulär zu. Und im Gegensatz zu Lorne Malvos Kahlschlag in Staffel eins zeigt uns Regisseur Jeffrey Reiner jedes blutspritzende Detail.

Viele Überlebende gibt es dabei nicht. Der Gerhardt-Elitekämpfer Hanzee (Zahn McClarnon) schnappt sich die Kitchen-Brüder, wobei unverständlich bleibt, wieso er einen der beiden gehen lässt, nachdem er ihn ausgeknockt hat. Vielleicht um sich des flüchtenden Joe Bulos (Brad Garrett) zu widmen? Dessen abgeschnittener Kopf landet jedenfalls „Sieben“-Style im Hotelzimmer von Mike Milligan (Bokeem Woodbine), der diesem Überraschungsangriff zu seinem Glück ferngeblieben war. Er nutzt eine Geschichte über seine verbitterte Mutter nicht nur, um Simone (Rachel Keller) zu weiteren Spionagetätigkeiten anzustacheln, sondern auch, um sein heiteres Gemüt als Rebellion gegen die eigene Erzeugerin zu illustrieren.

Ronald Reagan (Bruce Campbell) schwingt große Reden. © FX
Ronald Reagan (Bruce Campbell) schwingt große Reden. © FX

Ins Rollen gebracht wird das Massaker, bei dem als erstes ein bogenschießender Flächennutzungsplaner zum Opfer fällt, durch eine Lüge. Dodd (Jeffrey Donovan) hat seinem Handlanger Hanzee eingeimpft, Mutter Floyd (Jean Smart) und Bruder Bear (Angus Sampson) das Märchen vom „Butcher of Laverne“ aufzutischen, der angeblich auf Rye angesetzt worden sei. Ihnen bleibt so nichts anderes übrig, als den vermeintlich harmlosen Ed Blomquist (Jesse Plemons) als Auftragsmörder einzustufen, der für den Mord am jüngsten Sohn baldmöglichst bezahlen müsse.

What's the point?

Wer also geglaubt hat, dass sich die Actionszenen mit der Schießerei im Wald erledigt hätten, der wird bald des Gegenteils belehrt. Bears euphorischer Sohn Charlie (Allan Dobrescu) redet solange auf Dodd ein, bis der es ihm in Begleitung von Virgil (Greg Bryk) erlaubt, nach Luverne zu fahren und sich des todbringenden Metzgers anzunehmen. Dort angekommen, überfallen ihn bald starke Zweifel - nicht nur, weil er in der Fleischerei die zuckersüße, aber von der Lektüre Camus' zu existenzialistischer Angst angestachelte Noreen Vanderslice (Emily Haine) kennenlernt. Sondern auch, weil es doch ein Unterschied ist, auf Menschen, statt auf Bäume zu schießen.

Stattdessen steigt Charlie in einer der lustigsten Szenen der Episode mit hängenden Schultern und einem Fleischpaket unterm Arm zurück in den Fluchtwagen. Da fängt der Schrecken für Ed aber erst an. Virgil überredet Charlie, der vergeblich versucht, seinen Vater zu erreichen, um bei ihm eine Rückkehr an die Uni zu erbitten, zu einem zweiten Versuch. Dieses Mal wird der erfahrene hitman jedoch als Verstärkung eingreifen. Trotzdem sind die zwei Angreifer nicht genug für den Bullen Ed, der Noreen dank ihres Einschreitens eine wertvolle Lektion in Sachen Lebensfreude und Wagemut erteilt. Der Preis für diese Lehrstunde jedoch ist hoch - Ed muss mitansehen, wie seine geliebte Metzgerei niederbrennt.

Dieses Erlebnis holt ihn schlagartig aus der Illusion, dass alles immer noch so laufen könnte wie geplant. Zu Beginn der Episode hatte er gegenüber Peggy (Kirsten Dunst) noch ein Machtwort gesprochen, weil sie richtigerweise die sofortige Flucht vorantreiben wollte. Nun weiß er, dass es für ihn und Peggy in Luverne (und in Minnesota) keine Zukunft geben kann. Seine Ehefrau kommt indes zum gegenteiligen Schluss. In letzter Sekunde entscheidet sie sich zur Umkehr. Statt alleine nach Kalifornien zu flüchten, verkauft sie ihren Wagen,mit dem das ganze Schlamassel seinen Anfang nahm, unter Wert an den gutmütigen Sonny (Dan Beirne), um mit dem Erlös Eds Traum zu erfüllen.

Bis jetzt hat Noreen (Emily Haine) kaum ein Wort gesprochen - und nun kennen wir sie. © FX
Bis jetzt hat Noreen (Emily Haine) kaum ein Wort gesprochen - und nun kennen wir sie. © FX

Aus diesem Durcheinander bezieht die Episode ihren Titel. The Gift of the Magi (zu Deutsch: Das Geschenk der Weisen) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers O. Henry. Darin geht es um einen Mann und seine Ehefrau, die beide etwas aufgeben, um dem anderen ein besonderes Geschenk machen zu können, das durch ihre Opfer jedoch jegliche Bedeutung verliert. Bei den Blomquists läuft es nun genau so: Als beide realisieren, dass die Flucht ihr einziger Ausweg ist, rückt bereits die Polizei an.

In the end, we all get what we deserve

Der Moment der furchteinflößenden Erkenntnis wird von Regisseur Reiner und Kameramann Dana Gonzales wunderbar eingefangen. Auch das Produktionsdesign von Warren A. Young befindet sich erneut auf höchstem Niveau - die Getränkeauswahl in der Metzgerei, die meterhoch gestapelten Zeitschriften der sammelwütigen Peggy oder das Gemälde der kleinen Molly (Raven Stewart), das erneut auf außerirdische Besucher anspielt, sind dafür einige wunderbare Beispiele. Und obwohl diese Episode von den packenden Actionszenen dominiert ist, sind es erneut die kleinen Momente, die ihr den Feinschliff verleihen.

Zwischen Dodd und Bear kommt es zum Kompetenzgerangel um Hanzee, wobei es angesichts jüngster Entwicklungen nicht bei einem rein verbalen Hahnenkampf bleiben dürfte. Wünschen würde ich mir ein besseres Ende für Bear - ganz einfach, weil er der viel sympathischere der beiden Brutalo-Brüder ist. Er steht auf Seiten seiner Mutter, ihm läuft eine stille Träne über die Wange, nachdem er vom Tod seines kleinen Bruders erfahren hat. Doch in der Welt von Fargo überleben oftmals nicht die Gutgläubigen, sondern die Ruchlosen wie Dodd, der von der eigenen Mutter abgehalten werden muss, die eigene Tochter mit Fausthieben zu traktieren.

Es ist wahrlich wunderbar, wie diese Serie es schafft, selbst unbedeutenden Nebenfiguren wie Noreen oder Charlie in wenigen Szenen eine eigene Charakterisierung zuteil werden zu lassen. So fühlt sich jede Interaktion echt an, wie gelebt. Als gutes Beispiel hierfür lässt sich auch die sehr kurze Szene zwischen Betsy und Hank (Ted Danson, der in den letzten beiden Episoden kaum vorkam) anführen, in der der liebende Vater offenbart, wie schwer es ihm fällt, die richtigen Worte für seine sterbende Tochter zu finden. Milioti spielt ihre Figur mit so viel Wärme und Gutmütigkeit, dass es mir ein Graus ist, bald dem herzensguten Lou zuschauen zu müssen, wie er ihren Tod beweint.

Große Gefühle treffen hier auf eine exquisite bildliche und musikalische Umsetzung, weshalb die zweite Staffel von Fargo schon jetzt zum Allerbesten gehört, was dieses erneut herausragende Serienjahr zu bieten hat.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 10. November 2015
Episode
Staffel 2, Episode 5
(Fargo 2x05)
Deutscher Titel der Episode
Das Geschenk der Weisen
Titel der Episode im Original
The Gift of the Magi
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 9. November 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 11. November 2015
Autoren
Matt Wolpert, Ben Nedivi
Regisseur
Jeffrey Reiner

Schauspieler in der Episode Fargo 2x05

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