Fargo 2x06

Es gibt momentan keine Dramaserie, die es so gut schafft, eine kohärente Geschichte aufzuziehen, wie Fargo. Die Episode Rhinoceros zeigt beispielhaft, wie durchdacht das gesamte Konzept dieser zweiten Staffel ist. Sämtliche Abteilungen arbeiten so eng zusammen, dass sogar ein Plakat angefertigt wurde, auf dem Bruce Campbell als Ronald Reagan zu sehen ist - und das nur, um es außerhalb des Fokus' einer einzigen Einstellung zu platzieren. Mit dieser Detailverliebtheit gestalten Serienschöpfer Hawley und sein Autorenteam überdies das Drehbuch, wodurch Episoden wie diese trotz vermeintlicher Handlungsarmut so außerordentlich spannend sein können.
Living in a museum of the past
Im Gerhardt-Klan gibt es zunächst eine interne Auseinandersetzung, nachdem Bear (Angus Sampson) erfahren hat, dass sein großer Bruder Dodd (Jeffrey Donovan) seinen minderjährigen Sohn Charlie (Allan Dobrescu) als Mörder des „Butcher of Luverne“ abkommandiert hat. Der Faustkampf zwischen den beiden endet in gewohnt abstruser „Fargo“-Manier: Weil Dodd vor seinen Truppen nicht als angreifbar gesehen werden kann, will er Bear mit Gürtelhieben bestrafen - was von dem auch noch klaglos hingenommen wird. Erst als Floyd (Jean Smart) dazwischengeht, lassen die Brüder voneinander ab.
Sie gibt ihnen schließlich den Marschbefehl, der sowohl zum Blomquist'schen Anwesen als auch der Polizeistation von Luverne führt. Daraus ergibt sich für Mike Milligan (Bokeem Woodbine) dank der verdeckten Ermittlungsarbeit von Simone (Rachel Keller) die Möglichkeit, einen Anschlag auf die nahezu schutzlose Gerhardt-Ranch zu verüben. Das unterscheidet ihn von seinen Opponenten - statt wutentbrannt loszustürmen, überlegt er sich mit kühlem Kopf eine überlegene Strategie. Dabei bleibt sogar so viel Zeit, sich und uns die Überfahrt nach Fargo mit dem Unsinnsgedicht „Jabberwocky“ von Lewis Carroll („Alice im Wunderland“) zu versüßen.
In den meisten anderen Serien würde das kitschig und zu gewollt wirken. Weil Hawley jedoch früh den Grundstein in der Charakterarbeit gelegt hat, fällt es leicht, dieser Figur ebendiese Gelassenheit, ja Arroganz, abzukaufen. Milligan kann sich das leisten, weil er weiß, dass er den Gerhardts intellektuell überlegen ist. Die Serie rekurriert dabei auf das, was der mittlerweile getötete Joe Bulo seiner Verhandlungspartnerin Floyd einst sagte: „That's the problem with family.“ Diese Welt ist in sich geschlossen, sämtliche Elemente greifen dabei wie Zahnräder nahezu perfekt ineinander. Das wird uns auch in den übrigen Handlungsbögen vorgeführt.

Der Lynchmob schlägt zunächst bei den Blomquists zu Hause auf, wo Hank (Ted Danson) gerade versucht, Peggy (Kirsten Dunst) zu einem Geständnis zu überreden. Er hat sie beinahe soweit, als ihr Fahrzeuggeräusche eine Atempause verschaffen. Der erfahrene Sheriff weiß sofort, dass dies ungebetene Gäste sein dürften. Die nachfolgende Konfrontation mit Dodd birst beinahe vor Anspannung, wobei berechtigte Sorge um Hanks Wohlergehen aufkommt. Doch die Gruppe muss sich aufteilen, nachdem festgestellt wurde, dass sich Ed (Jesse Plemons) tatsächlich in Polizeigewahrsam befindet.
What a sad and fortuitous day
Der von Hanzee (Zahn McClarnon) niedergeschlagene Hank kann nachfolgend nicht eingreifen, als Dodd und Konsorten nach Peggy suchen. Die erweist sich jedoch als wehrhafter denn erwartet - vor allem aber setzt Hawley hier ihren zuvor ausführlich dargestellten Sammelwahn in bestmöglicher Manier ein. Peggy versteckt sich im nun noch horrender wirkenden Magazinlabyrinth, bis sie sich im taktischen Vorteil wähnt. Nacheinander schaltet sie Dodds Handlanger aus (wobei er das in einem Fall selbst besorgt), um den vermeintlichen Big Boss schließlich mit seiner eigenen Waffe zu schlagen - welch herrliche, ebenso lustige wie haarsträubend aufregende Sequenz.
Gleichermaßen spannend geht es vor der Polizeistation vor, wo Karl (Nick Offerman) seinen großen Auftritt und endlich die Chance bekommt, seinen Worten auch einmal Taten folgen zu lassen. Als einziger praktizierender Anwalt in Luverne wird ihm die Pflichtverteidigung von Ed zugedacht, woraus jedoch bald ein gefährliches Unterfangen wird. Seine Trunkenheit wird dabei nur übertroffen von seiner lauthals propagierten Verachtung für den Staat und seine Handlanger: „Out of the way, tool of the State.“ Vom äußerst besonnen agierenden Lou (Patrick Wilson) lässt er sich trotzdem zur Kooperation überreden.
Und so darf Hawley bereits zum dritten Mal in dieser Episode ernten, was er zuvor ausgesät hat. Bislang wurde Karl Weathers - wie schon an seinem Namen unschwer zu erkennen ist - als reine Witzfigur eingesetzt, nun dienen seine Talente jedoch der unterhaltsamen Handlungsfortführung. Er bekommt sogar die Chance, all seine Heldengeschichten aus dem Krieg zu validieren. Lou erteilt ihm den Auftrag, den aufgebrachten Bear und seine Mitstreiter aufzuhalten, um dem Polizeichef die Möglichkeit zu geben, mit Ed durchs Hintertürchen abzuhauen.

Diese Aufgabe erfüllt Karl mit Bravour. Ihm gelingt es nicht nur, Bear hinzuhalten - er überredet ihn sogar zum Rückzug. Hierzu appelliert er an die Vatergefühle des mittleren Gerhardt-Sohns, was uns abermals zurückführt auf die größte Schwäche des kriminellen Familienimperiums. Soviel Wagemut wird belohnt - im Abspann darf Karl abermals von seinen Heldentaten schwadronieren, was von Sonny (Dan Beirne) mit einem Augenzwinkern gutgeheißen wird: „Sure know a lot of words.“
Defender of the common man
Lou und Ed gelingt also die Flucht, wobei sich der Metzger abermals unwillig zeigt, seine Schuld zuzugeben. Im gleichen Maße wie bei seiner Ehefrau Peggy gibt sich sein Verstand der völligen Illusion hin, aus dieser Situation schadlos herauskommen zu können. Als sie auf der Straße zufällig auf den aus seiner Ohnmacht aufgewachten Hank treffen, ergreift Ed die erste Chance zur Flucht. Lou könnte ihn wohl problemlos einholen, wird von Hank aber ruhig zurückgewunken - sie wüssten doch längst, wohin er unterwegs sei (ich nehme an, damit ist sein Zuhause gemeint). Zu Eds Pech befindet sich jedoch Hanzee auf seiner unmittelbaren Spur.
Ihn und Peggy könnte also ein ähnliches Schicksal ereilen wie Simone und Floyd, wobei bisher nicht klar wurde, ob sie beim Anschlag von Mike Milligan und den Kitchen-Brothers auf das Gerhardt'sche Anwesen umgekommen sind. Es ist der größte Cliffhanger der Episode, und ich hoffe inständig darauf, dass dies nicht der letzte Auftritt von Jean Smart war. Selbst in den wenigen Szenen in dieser Episode - Floyd hat das Gefühl, Simone mehr Familiensinn einimpfen zu müssen - erfüllt sie ihre Figur mit wunderbarer Verve.
Das gilt im Übrigen auch für Ted Danson, der in Rhinoceros endlich wieder mehr zu tun bekommt. Welch einen grandios verqueren Auftritt er auf der Blomquist'schen Veranda hinlegt: „Hello. Help you fellas with something?“ Obwohl er und Lou nicht verwandt sind, fließt dasselbe Blut des unterkühlten Nordwestamerikaners durch ihre Adern. Auch hier kommt wieder eine frühere Szene aus dieser fantastischen zweiten Staffel ins Gedächtnis, in der Mike Milligan gegenüber Lou Solverson konstatierte: „You're pretty unfriendly, actually. But it's the way you're unfriendly, how you're so polite about it, like you're doing me a favor.“
Fargo tut uns allen gerade einen riesigen Gefallen, auch wenn sich diese Episode nicht zu den Höhen der vorherigen aufschwingt. Trotzdem wird es schwierig, ja geradezu unmöglich sein, in diesem Jahr etwas Besseres im Fernsehen zu finden.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 17. November 2015(Fargo 2x06)
Schauspieler in der Episode Fargo 2x06
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