Fargo 2x07

Zum ersten Mal in dieser herausragenden zweiten Staffel von Fargo - seit gestern wissen wir, dass es auch eine dritte geben wird - lassen Serienschöpfer Hawley und sein Autorenteam in Did You Do This? No, You Did It! die dramaturgischen Zügel schleifen. Während sich die opponierenden Parteien hauptsächlich selbst zerfleischen, bleibt der zeitliche Ablauf nebulös. Überdies schöpft Hawley mit beiden Händen aus dem ergiebigen Coen-Fleischtopf, was er bisher wohlwissend vermieden hatte, sich nun aber offensichtlich nicht verkneifen konnte.
Different roads, same destination
Seine Figuren waren bisher so stark gezeichnet, hatten ein so munteres, greifbares Innenleben, dass es auch ohne vielfache Referenzen gelungen wäre, eine packende Geschichte zu erzählen. Diese eine Episode macht das natürlich nicht alles zunichte - sie ist trotzdem sehr gut. Die Frage muss aber erlaubt sein, warum Hawley und Kollegen plötzlich vom bewährten Rezept abweichen. Haben sie vielleicht den Mut verloren? Oder wurden ihnen die außergewöhnliche Stringenz ihrer Geschichte, das fantastische Spiel sämtlicher Ensemblemitglieder und die hinreißende visuelle und musikalische Umsetzung selbst unheimlich?
Wir wollen uns daran nicht zu sehr aufhängen und lieber gleich in eine weitere ereignisreiche Episode eintauchen. Sie wird von einer weiteren hervorragenden Montage eröffnet, die nicht nur den Jethro-Tull-Song „Locomotive Breath“ wunderbar einsetzt, sondern auch mehrere prächtige Match Cuts. Das Blutvergießen auf beiden Seiten eskaliert darin, ohne eine Verschiebung der Machtverhältnisse nach sich zu ziehen. Sowohl die Gerhardts als auch Kansas City sehen sich danach dazu veranlasst, Verstärkung anzufordern.
Mike Milligan (Bokeem Woodbine) bekommt von seinem schwer rassistischen Chef Hamish Broker (Adam Arkin, den wir zum ersten Mal sehen) eine Frist gesetzt, um seinen Wert für die Organisation zu beweisen. Andernfalls werde der undertaker bestellt, der angesichts dieses Nom de Guerre keiner weiteren Umschreibung bedarf, um Milligan - zumindest vorübergehend - Angst einzujagen. Später soll es jedoch anders kommen als erwartet - und viel, viel witziger.

Gleichermaßen in Aufruhr ist Familie Gerhardt, die mit Ricky (Ryan O'Nan) Verstärkung aus Buffalo bekommen hat. Wir erfahren, dass Familienpatriarch Otto (Michael Hogan) beim Angriff auf die Ranch am Ende von Rhinoceros umgekommen ist, bekommen aber keine Aufklärung darüber, wieso Simone (Rachel Keller) und Floyd (Jean Smart) verschont wurden - eine von mehreren kleinen dramaturgischen Schludrigkeiten, die sich das üblicherweise gewissenhaft vorgehende Kreativteam gönnt.
This family deserves the ground
Der innerfamiliäre Zwist wird durch die Ankunft von Lou (Patrick Wilson) und seinem Fargoer Amtskollegen Ben Schmidt (Keir O'Donnell) unterbrochen. Angesichts jüngster Ereignisse weiß Floyd, dass sie keine andere Wahl hat, als den Anordnungen der Polizei zu folgen. Vielleicht denkt sie sich aber auch da schon, dass ihr wohl nur noch eine Option offensteht, um sich der nicht enden wollenden Überfälle der „Kansas City Hosenscheißer“ zu erwehren. Beim Verhör macht sie sich zunächst jedoch ein bisschen lächerlich, weil sie Metzgergehilfe Ed Blomquist (Jesse Plemons) mit einem russischen Schläfer vergleicht.
Mit seiner gutmütigen Einfühlsamkeit und einer weiteren Kriegsgeschichte („I shot a man through the teeth in Vichy, France.“) gelingt es Hank (Ted Danson) schließlich, Floyd zu einer Kooperation zu überreden. Sie gibt Details über die Mechanismen des Drogenschmuggels ihrer Gegenspieler preis, womit sie höchtwahrscheinlich auch ihrem eigenen Geschäft schadet, was angesichts der grotesken innerfamiliären Verwerfungen jedoch das kleinere Übel sein dürfte.
Diese erreichen ihren traurigen Höhepunkt, nachdem Bear (Angus Sampson) herausgefunden hat, wer dem Feind interne Informationen weitergegeben hat. In einer niederschmetternden, wunderbar inszenierten und mit hervorragend passender Musik („Danny Boy“ von Lisa Hannigan) unterlegten Sequenz entführt der einzige freie Gerhardt-Spross seine Nichte in den Wald und erschießt sie dort, obwohl sie um ihr Leben bettelt. Die Szene erinnert mich an zwei der besten Episoden von The Sopranos, Pine Barrens (3x11) und Long Term Parking (5x12). Sie ist aber auch eine Referenz an den Coen-Klassiker „Miller's Crossing“.
In Erwartung der brutalen Ereignisse hat Lou indes eine Schutztruppe für seine krebskranke Ehefrau Betsy (Cristin Milioti) organisiert. Weil die sich aber selbst ins Haus gelassen hat, glaubt sie zunächst, dass Einbrecher eingedrungen sind. Statt nun die Flucht zu ergreifen, schnappt sie sich eine Schrotflinte, macht diese scharf und stürmt die Küche. Dort findet sie aber nur Sonny (Dan Beirne) und Karl (Nick Offerman) vor, die seelenruhig Frühstück machen. Letztgenannter tituliert sich dabei als „Breakfast King of Loyola“, was Betsy so witzig findet, dass sie es im Fortlauf der Episode mehrmals wiederholen wird.

Jedoch nimmt auch dieser Handlungsbogen rasch eine düstere Abzweigung. Gegenüber ihrem Schutzbefohlenen offenbart die tapfere Mutter der kleinen Molly (Raven Stewart), dass sie fest davon ausgehe, im Medikamententest das Placebo erwischt zu haben und bald sterben zu müssen: „He got me, the dead.“ Karl versucht noch, sie mit seinem altbekannten Spruch von John McCain und den Daumenschrauben aufzuheitern, wird dabei aber jäh unterbrochen. Betsy kennt ihr Schicksal - und trägt es mit bewundernswerter Fassung. Karls unbeholfene Umarmung nimmt sie natürlich trotzdem an.
Come home soon
Einen Schwenk Richtung Auflockerung macht der Erzählstrang schließlich, als Betsy im Haus ihres Vaters ein Arbeitszimmer vorfindet, das mit merkwürdigen Aufzeichnungen übersät ist. Ganz offensichtlich stellt Hank eigene Nachforschungen hinsichtlich einer außerirdischen Lebensform an, die meinetwegen in der jetzigen Form des Running Gags verharren dürfen, ohne echte dramaturgische Impulse auszusenden. Derzeit machen diese kleinen Sticheleien an uns Zuschauer noch Spaß. Falls daraus jedoch mehr werden sollte, könnte die Geschichte zu weit ins Absurde abdriften.
Andererseits wäre das angesichts der trostlosen Ereignisse von Did You Do This? No, You Did It! vielleicht auch angebracht. Einen solch gewissenlosen Mord wie den von Bear an Simone hätte ich wahrlich nicht erwartet. Nun könnte man in dieser Szene argumentieren, dass wir die eigentliche Hinrichtung gar nicht gesehen haben und Simone deshalb noch am Leben sein könnte. Wenn ich Hawley und Konsorten aber nach dem bisher Gesehenen richtig einschätze, verfügt er über ausreichend erzählerische Integrität, um einen solchen fake out (wie er kürzlich in einer anderen Serie vorgekommen ist) zu vermeiden.
Außerdem gibt es ausreichend witzige Szenen in dieser Episode, dank derer die düsteren Momente besser zu verkraften sind. Dazu gehören das kurze Leben des ach so bedrohlichen Undertaker und seiner asiatischen Mitstreiter, die nonchalante Art, wie Ed verkündet, dass er Dodd (Jeffrey Donovan) im Kofferraum hat und - dabei habe ich am lautesten gelacht - Lous entwaffnend ehrliche Verkündung gegenüber seinem ängstlichen Kollegen Ben: „You're a shit cop, you know that, right?“ Wie sich der danebenstehende Hank dabei freut, ist pures komödiantisches Gold.
Diese Episode hatte sehr viel Gutes, aber auch einige Unzulänglichkeiten - Hanks Begründung, warum er nicht nach Peggy (Kirsten Dunst) geschaut hat, ist zum Beispiel sehr unbefriedigend. Wenn eine Staffel so kontinuierlich glänzendes Material abliefert wie diese zweite, dann ist das jedoch leicht zu verzeihen.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 24. November 2015(Fargo 2x07)
Schauspieler in der Episode Fargo 2x07
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