Fargo 2x08

Bisher war es schon ein wenig verwunderlich, dass Kirsten Dunst in der zweiten Staffel von Fargo stets das first billing bekam. Ja, sie war eine unbestrittene Hauptfigur, spielte bislang aber eher den Sidekick für Ehemann Ed (Jesse Plemons) oder die stirnrunzelinduzierende Folie für Lou Solverson (Patrick Wilson). In der Episode Loplop (der Episodentitel ist eine Referenz an das vogelähnliche Alter Ego des surrealistischen Malers Max Ernst) räumt Drehbuchautor Bob De Laurentiis mit dieser Dissonanz nun auf - sie ist ein großartiges showcase für Dunst, aber auch für Plemons und Dodd-Darsteller Jeffrey Donovan.
Working as equals
Nachdem in Did You Do This? No, You Did It! die Nachwirkungen des Krieges zwischen Kansas City und Fargo beleuchtet wurden, widmet sich diese Episode dem Schicksal von Peggy, Ed, ihrer Geisel Dodd und ihrem Verfolger Hanzee (Zahn McClarnon). Gleich in der ersten Szene wird der düster-komische Ton etabliert, der sich fortan durch die Episode zieht. Peggy ist da so sehr in ihrer eigenen Gedankenwelt gefangen - was ihr später noch zum Verhängnis werden wird -, dass sie gar nicht realisiert, in welch verfahrene Situation sie sich manövriert hat.
Ihr Verstand versucht, das mit einer Flucht in ihre Fantasie zu kompensieren. Statt des gefesselten Gerhardt-Haudegens sitzt also der Leiter des Lifespring-Seminars vor ihr und gibt Botschaften von sich, die banaler kaum sein könnten, Peggy aber trotzdem zur Erleuchtung führen: „Don't think about the person you want to be. Just be that person.“ Ed schafft es hernach, sie nur halb aus ihrer Traumwelt herauszuholen, während er Dodd in den Kofferraum des Lincolns verfrachtet. Peggy ist da immer noch ganz aufgeregt: „I understand now. Everything, what I have to do.“
Noch witziger wird es auf dem anschließenden Roadtrip, weil die Eheleute vollkommen aneinander vorbei reden. Während Ed die praktischen Aspekte ihrer Flucht kontempliert, ergeht sich Peggy in wolkigen Ausführungen darüber, wie sie sich nun endlich verwirklicht hätten: „We're flying.“ Ed antwortet darauf nur knapp („We got a plan, that's what matters“), was Peggy aber nicht davon abhält, weitere Banalitäten hinauszuposaunen: „See it, then be it.“ Zur visuellen Unterstützung dieser Disparität setzt Regisseur Keith Gordon einen Splitscreen ein, was aber gar nicht nötig gewesen wäre, weil Dunst und Plemons ein so wunderbar verqueres Spiel abliefern.

Es ist nicht ganz einfach, Peggys skurrile Weltabgewandtheit in Worte zu kleiden, weshalb ich mich hierfür bei Alan Sepinwall bediene, der in seiner Review zur Episode von „chipper irrationality“ („fröhliche Unvernünftigkeit“) schreibt, was einer perfekten Beschreibung schon sehr nahe kommt. Peggy lebt in ihrer eigenen Welt, wo die Selbstverwirklichung alles ist - auch wenn diese über Leichen errungen werden muss.
You gotta stop stabbing him
Dabei bleibt nebulös, ob sie überhaupt weiß, dass sie da gerade ein schweres Verbrechen begeht, oder ob sie genug Reflexionsvermögen aufbringen kann, um die Entführung von Dodd - die zur Umkehrung der Entführung aus der Filmvorlage wird - richtig einzuordnen, als Akt des Selbstschutzes. Ob wir darauf jemals eine Antwort bekommen, darf bezweifelt werden. Jedenfalls hat Ed den Einfall, sich erstmal in der einsamen Waldhütte eines Verwandten zu verschanzen, um von dort aus den Gefangenenaustausch mit dem Gerhardt-Clan zu organisieren.
Das gestaltet sich jedoch schwieriger als erwartet. Wie wir in der letzten Episode schon gesehen haben, gibt es dort niemanden, der sich wirklich für den Verbleib des Erstgeborenen interessiert. Bear (Angus Sampson) hat bereits mit ihm wegen des Einsatzes seines Sohnes Charlie (Allan Dobrescu) gebrochen, während Floyd (Jean Smart) die hässliche Misogynie ihres ältesten Sohnes missachtet. Ed versucht es ganze drei Mal, bevor er der Tageszeitung eine Alternative entnimmt - die Auslieferung an Gerhardt-Widersacher Nummer eins, Mike Milligan (Bokeem Woodbine).
Soweit wird es jedoch nicht mehr kommen, denn Peggy hat sich unterdessen erneut ins Land der Träume verabschiedet. Hier greift Gordon abermals in die visuelle Trickkiste, indem er das grobkörnige Bild aus dem Fernsehgerät in ein echtes Serienbild übersetzt und so verdeutlicht, wie gefangen Peggy im erfundenen Ronald-Reagan-Film „Operation: Eagle's Nest“ ist. Dodd gelingt es also, sich zu befreien, woraufhin er den zurückgekehrten Ed an einem Seil aufknüpft und ihm eine wahrhaft verabscheuungswürdige misogyne Suada entgegenkläfft.

Seine frauenfeindliche Einstellung wird ihm jedoch zum Verhängnis, weil er sich ein bisschen zu sicher ist, Peggy kampfunfähig gemacht zu haben. Die renitente Anhängerin der Selbstotimierung hat jedoch noch nicht aufgegeben. Nachdem sie Dodd mit einem Messer am Boden montiert hat, rettet sie ihrem Ehemann - gegenüber dem sie in dieser Episode erstmals echte Zuneigung offenbart - das Leben. Doch auch diese Atempause ist nur von kurzer Dauer - bis Dodds loyaler Gefolgsmann Hanzee die Hütte stürmt.
This is embarassing
Er hat zuvor mehrfache Erniedrigungen über sich ergehen lassen müssen, weshalb nun alles anders kommt, als anzunehmen wäre. Hanzee zieht eine Schneise der blutrünstigen Verwüstung hinter sich her, weil er mit all jenen - und anderen - kurzen Prozess macht, die ihn wegen seiner Herkunft und Hautfarbe beleidigen. Natürlich haben all diese Rassisten nicht den brutalen Mord verdient, der sie ereilt, jedoch konnte ich mir während des kompromisslosen Gemetzels ein genügsames Grinsen nicht verkneifen. Überdies bereitet die Vorgeschichte den Boden für Hanzees Sinneswandel.
Allzu viele Details kennen wir aus seinem Leben nicht. Bis zu dieser Episode wussten wir eigentlich nur, dass er von den Gerhardts aufgenommen wurde, weswegen er Dodds ständige Missbilligungen mit stoischem Gleichmut ertrug. Nun ist jedoch auch da die Grenze erreicht. Wo Dodd ihm eigentlich danken müsste, weil er ihm das Leben gerettet hat, liefert der nur weitere Schmälerungen - bis es Hanzee reicht. Kurzerhand schießt er seinem Boss in den Kopf, was ein passender Episodenabschluss gewesen sein könnte, würden nicht auch noch Lou und Hank (Ted Danson) anrücken.
Den verletzten Hanzee - Peggy hat in seinem vieldeutigen Wunsch nach einem neuen Haarschnitt eine Angriffsmöglichkeit erkannt - veranlasst das zur Flucht, während das Ehepaar nur erschrocken die Hände zur Aufgabe hebt. Dieser Abschluss ist doch ein wenig überraschend, schließlich gibt es nun nicht mehr allzu viele lose Enden, die zusammengeführt werden müssen. Der Butcher of Luverne und seine Positive Peggy sind gefasst, der Gerhardt-Clan dezimiert und Kansas City mit Selbszerfleischung beschäftigt.
Weil diese zweite Staffel aber bisher so herausragend gut ist, habe ich keinerlei Bedenken, dass die beiden ausstehenden Episoden ein ähnlich hohes Niveau erreichen werden. Sollte Peggy darin erneut eine prominente Rolle spielen, können wir uns auf viele weitere Szenen tiefdunklen Humors freuen - darauf haben wir laut Genfer Konvention doch sicher ein Recht, oder?
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 1. Dezember 2015(Fargo 2x08)
Schauspieler in der Episode Fargo 2x08
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