Fargo 1x01

Fargo 1x01

Der Auftakt der neuen FX-Serie Fargo stimmt zuversichtlich, dass das Format in seinen zehn Episoden nachhaltig Eindruck hinterlassen wird. Das schwarzhumorige Drama findet schnell seinen eigenen Charakter und überzeugt so nicht nur durch eine starke Darstellerriege und gelungene Optik.

Ein ungleiches Paar: Lester Nygaard (Martin Freeman) und Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) in „Fargo“ / (c) FX
Ein ungleiches Paar: Lester Nygaard (Martin Freeman) und Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) in „Fargo“ / (c) FX

Die FX-Serie Fargo gehört in diesem Jahr wohl zu einem der interessantesten Serienneustarts. Film- und Serienfans haben gespannt darauf gewartet, wie sich die Adaption des Kultfilms der Gebrüder Ethan und Joel Coen aus dem Jahr 1996 in ihrer Auftaktepisode schlagen würde. Dabei wurden aber auch die verantwortlichen Serienmacher und Produzenten des Dramas, darunter auch Ethan und Joel Coen selbst, nicht müde, zu erwähnen, dass es sich bei der TV-Serie „Fargo“ keineswegs um eine konkrete Adaption des Spielfilms „Fargo“ handeln würde. Sie wird demnach eine eigenständige Geschichte erzählen, losgelöst von den Vorfällen um den Kleinstadtsheriff Marge Gunderson (Frances McDormand) und den Pechvogel Jerry Lundegaard (William H. Macy). Allein am Setting und der einzigartigen Atmosphäre des Spielfilms soll sich die Serie bedienen.

Und darin liegt auch eine der Stärken des Serienneustarts auf The FX. Zwar kann man einige deutliche Parallelen zwischen Film und Serie erkennen. Dennoch gelingt es den Serienmachern bereits in der Pilotfolge des zehnteiligen Dramas, der Serie Fargo einen eigenen Charakter zu geben, welcher sich sichtlich von der Filmvorlage unterscheidet. Es lassen sich hier durchaus diverse skurrile Charaktere finden, welche allesamt dem Geiste der Gebrüder Coen entsprungen sein könnten. Doch „Fargo“ schlägt darüber hinaus auch einen anderen, sehr eigenen Ton an, welcher in den kommenden Episoden jetzt verfeinert werden muss. Passiert das, könnte uns mit dem eisig-zynischen Drama ein sehr gutes Format bevorstehen.

Minnesota 2006

Die Auftaktfolge The Crocodile's Dilemma von Fargo weist uns gleich zu Beginn darauf hin, dass es sich hierbei um eine durchaus wahre Geschichte handelt, die sich so in leicht abgeänderter Form 2006 in Minnesota abspielte. Ort des Geschehens ist die Kleinstadt Bemidji, welche etwas nördlicher als das aus dem Spielfilm bekannte Brainerd liegt. Hier kommt der undurchsichtige Lorne Malvo (Billy Bob Thornton) nach einem Zusammenstoß mit einem Wildtier mit seinem Auto zum Liegen. Aus dessen Kofferraum entfleucht dann plötzlich ein nur in Unterwäsche gekleideter Mann, welcher durch den tiefen Schnee in Richtung weit entfernte Baumkronen flieht. Willkommen in der eigentümlichen Welt von „Fargo“.

So lernen wir gleich zu Beginn den vermeintlichen Helden dieser Geschichte kennen, den Versicherungskaufmann Lester Nygaard (Martin Freeman). Nicht nur den letzten Teil seines Nachnamens teilt der glücklose Jedermann mit Macys Pendant Jerry Lundegaard aus dem Film, auch charakterlich kann man einige bekannte Züge erkennen. Lester strotzt nicht gerade vor Selbstvertrauen und lässt sich eigentlich so gut wie alles von jedem gefallen. Seine Frau ist permanent enttäuscht von ihm, auf der Arbeit läuft es auch nicht so gut und sein Bruder erzählt dessen Arbeitskollegen sogar, dass Lester schon lange tot sei. Eindeutiger kann man einen Verlierertypen wohl nicht einführen.

Glücklicherweise konnte man mit Martin Freeman die wohl passendste Besetzung für diese Rolle finden. Auch wenn Freeman sein bekanntes Gesten- und Mienenspiel (siehe vor allem „Per Anhalter durch die Galaxis“) durchzieht: Es gelingt dem Briten, uns mitleidig mit Nygaard mitfühlen und uns dessen Situation nachempfinden zu lassen. Dies ist nicht nur einem clever geschriebenen Drehbuch, sondern vor allem dem Schauspieler selbst zu verdanken.

Martin Freeman in seiner Rolle als glückloser Versicherungskaufmann Lester Nygaard. © FX
Martin Freeman in seiner Rolle als glückloser Versicherungskaufmann Lester Nygaard. © FX

What if you're right and they're wrong?

Die interessanteste Dynamik zwischen zwei Charakteren in der Pilotfolge von Fargo stellt dann das Aufeinandertreffen zwischen Freemans Lester Nygaard und Thorntons Lorne Malvo dar. Diese beiden Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein, umso mehr amüsante Momente produzieren die beiden Darsteller in ihrem Zusammenspiel. Lester, der sich von einem alten Highschoolbully weiterhin schikanieren lässt, bringt durch sein unbestimmtes Auftreten im Umgang mit dem todernsten und manipulativen Lorne einen Stein ins Rollen, der wiederum eine gewaltige Lawine auslösen könnte.

So wird nämlich Nygaards damaliger sowie aktueller Peiniger, der erfolgreiche Kleinstadtunternehmer Sam Hess (Kevin O'Grady) mit Verbindung zu einem größeren Verbrechersyndikat aus der Stadt Fargo, in einem Stripclub brutal ermordert aufgefunden. Dafür verantwortlich: Lorne Malvo, welcher die Tat für Lester übernahm. Dieser hatte diesen Auftragsmord nie wirklich so ausgesprochen, auch wenn er ihn sich innerlich mit großer Sicherheit gewünscht hatte.

Thornton, der nun schon seit einer längeren Zeit keine größeren Projekte mehr hatte, zeigt sich hier in einer großartigen Form und kann trotz seines manipulativ-kaltherzigen Malvos durchaus einige Sympathiepunkte einheimsen. Der kühle Auftragsmörder besticht durch eine makabre Lässigkeit, so dass man sich gerade in seinen Szenen schwer ein amüsiertes Lächeln verkneifen kann. Dabei ist es egal, ob er nun die beiden eher dümmlichen Söhne von Hess gegeneinander ausspielt oder einen wildfremden, jugendlichen Motelangestellten in schwere Not bringt. Mit der Figur Lorne Malvo könnte den Serienmachern ein kleiner Geniestreich gelungen sein.

Detour

Unterdessen wird der Mikrokosmos des beschaulichen Bemidji unverfroren weiter erkundet. Hier spielt vor allem unser Freund und Helfer, die örtliche Polizei, unter der Leitung von Chief Vern Thurman (Shawn Doyle), eine große Rolle. In seinem Team ist neben dem schrägen Deputy Bill Oswalt (Bob Odenkirk) auch die fleißige Polizistin Molly Solverson (Allison Tolman), welche anfangs noch einen leicht unfähigen Eindruck macht. Mit der fortschreitenden Laufzeit der Episode zeigt sie jedoch, dass sie einiges auf dem Kasten hat und engagiert zu Werke geht. Auch hier ließe sich eine Parallele zu Frances McDormands hochschwangeren Ordnungshüterin ziehen. Doch es ist gerade Mollys Unerfahrenheit im Vergleich zur alteingesessenen Marge Gunderson, die einige erfrischende Dynamiken und Optionen im Rahmen der übergreifenden Handlung der Serie verspricht.

Die Serienmacher lassen sich ohne Frage Zeit, uns in ihr Fargo-Universum eintauchen zu lassen. Die kleinsten Banalitäten, seltsam anmutende Charaktere und unbedeutende Nebensächlichkeiten werden uns hier in gut 70 Minuten Laufzeit präsentiert. Das mag dem einen oder anderen etwas lange und spannungsarm vorkommen, doch man kann der gemächlichen Einführung in die Serie auch einiges abgewinnen. Insbesondere die diversen Skurrilitäten schüren die Vorfreude auf ähnliche absurde Inhalte in den kommenden Episoden. Die unaufgeregte Kameraführung sowie die oft durchaus sehr spannungsreiche musikalische Untermalung machen Fargo zu einer äußerst runden Angelegenheit, die ihren eigenen Charme und Faszination ausstrahlt.

Molly Solverson (Allison Tolman) und Chief Vern Thurman (Shawn Doyle) ermitteln. © FX
Molly Solverson (Allison Tolman) und Chief Vern Thurman (Shawn Doyle) ermitteln. © FX

Es sind vor allem die kleinen Momente, in denen der kühle und trockene Humor, der schon im Spielfilm für Begeisterung bei den Kinogängern sorgen konnte, zur Entfaltung kommt. Gerade die zahlreichen unspektakulären Sequenzen, in denen wir langsam Einblicke in die verschiedenen Charaktere bekommen, fallen hier auf. Die Figuren erhalten durch pointiert geschriebene Dialoge mehr Profil, so dass die banalsten Gespräche großes Comedypotential enthalten. Es gibt jedoch auch einige explizite Szenen in The Crocodile's Dilemma, welche derartig makaber wirken, dass einem das Lachen ein wenig im Halse stecken bleibt.

You killed my wash machine

Eine von diesen ist wohl ohne Zweifel Lesters abrupte Entscheidung, vielleicht doch dem Credo Malvos zu folgen, welcher sich an keine Regeln hält und die Dinge immer direkt anpackt. Lester hat es nämlich langsam satt, dass seine Frau Pearl (Kelly Holden Bashar) ständig an ihm herumnörgelt. Die misslungene Reparatur der Waschmaschine bringt das Fass dann zum Überlaufen, woraufhin Lester drastisch auf die Vorwürfe und Beschuldigungen seiner Ehefrau reagiert. Mit einem gezielten und mehreren verzweifelten Hammerschlägen macht er Pearl ein für allemal den Garaus. Schnell wird er panisch ob seiner Tat, also kontaktiert er Malvo und bittet diesen um Hilfe.

Zur gleichen Zeit begibt sich der angehende Familienvater Chief Thurman zum Hause Nygaard, da Lester in den Ermittlungen zum Mord an Hess wichtige Informationen haben könnte. Der nonchalante Chief ist uns bis hierhin schon ein wenig ans Herz gewachsen, umso gnadenloser und konsequenter ist dann sein Tod, als er von Malvo mit einer Schrotflinte durchsiebt wird. Die Macher zeigen, dass sie keinesfalls zimperlich mit ihren Figuren umgehen, was einem das Gefühl gibt, das bis auf Lester hier wirklich niemand sicher zu sein scheint. Für diesen ist die Situation eindeutig zu viel, zu allem Überfluss macht sich dann auch noch Malvo aus dem Staub, welchem Lester die ganze Chose hatte anhängen wollen. Beherzt rennt Lester dann gegen die Wand, wo das vielsagende Poster mit der Aufschrift „What if you're right and they're wrong?“ hängt. Bewusstlos sieht jetzt auch er wie ein Opfer des Mörders seiner Frau und Chief Thurman aus. Welche Komplikationen dieser Vertuschungsversuch noch nach sich ziehen wird, werden wir wohl demnächst ausführlich erfahren.

Some roads you shouldn't go down

Molly Solverson überlegt derweil wohl, was passiert wäre, hätte ihr Thurman nicht die Befragung von Lester Nygaard abgenommen. Die etwas körperlichere Polizistin, deren Vater (Keith Carradine) sie wohl am liebsten komplett aus der Schusslinie nehmen würde, wird dazu bestimmt, den Mord an ihrem Vorgesetzten aufzuklären. Als sie dann bei Thurmans Frau vorfährt und die schreckliche Nachricht vom Tod ihres Mannes überbringt, zeigt Fargo, dass wir es hier auch mit einem handfesten Drama zu tun haben werden. Dieser Aspekt ging im Spielfilm aufgrund der amüsanten und bizarren Situationen oft unter, die Serie nimmt sich diesem Element schon eher an, wodurch man sich deutlich von seiner Vorlage im Geiste abgrenzen kann.

Finsterer Zeitgenosse mit Hang zum Sadismus: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton). © FX
Finsterer Zeitgenosse mit Hang zum Sadismus: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton). © FX

Während Lester im Krankenhaus aufwacht und ihm erst langsam klar wird, was er angerichtet hat, ist Lorne Malvo derweil in Duluth, Minnesota angekommen, wo er vom Polizisten Gus Grimly (Colin Hanks) angehalten wird. Bei diesem Aufeinandertreffen ist die Spannung greifbar - Grimly macht einen Rückzieher, wohl auch in Gedanken an seine Tochter, und Malvo festigt abermals seinen unberechenbaren Charakter mithilfe einer überaus bedrohlichen Aura. Auch wenn viele Andeutungen bis jetzt recht vage sind, in Fargo wird auf ein übergreifendes Gesamtbild abgezielt und der Weg dorthin könnte sich in den nächsten Wochen als sehr unterhaltsam und interessant gestalten.

Fazit

Wie viel Spielfilm-„Fargo“ steckt in der Serie? Diese Frage stellen sich wohl die meisten Fans des Kultfilms von 1996. Glücklicherweise haben die Produzenten der TV-Serie ihr Versprechen eingehalten und sich wirklich mehr an der einzigartigen Atmosphäre als an den konkreten Inhalten des Coen-Films orientiert. Zwar sind einige deutliche Parallelen sowie glasklare Referenzen an die Figuren des Films von 1996 nicht von der Hand zu weisen. Doch insgesamt entsteht keinesfalls der Eindruck, dass „Fargo“ den bekannten Filmstoff in serieller Form neu aufwärmt.

Eher das Gegenteil ist der Fall, denn, auch wenn wir einige Charaktere wiedererkennen, fühlt sich Fargo dennoch nach etwas Eigenem an. Der Coen-esque Humor wird nicht platt kopiert, vielmehr findet man schnell einen eigenen Ton und besticht mit originellen Nuancen. Auch das menschliche Drama kommt hier nicht zu kurz, obwohl es im Vergleich zum eher absurd-komödiantischen Element in der Pilotepisode nur die zweite Geige spielt.

Die Geschichte weckt Interesse und vor allem die einzelen Charaktere versprechen einiges für die Zukunft. Insbesondere Billy Bob Thornton und Martin Freeman stechen hier heraus, aber auch Allison Tolman schlägt sich gut. Ähnliches gilt für Colin Hanks, der trotz seines sehr kurzen Auftritts bereits jetzt zu einem der spannendsten Charaktere werden könnte. Die vielen verschiedenen Handlungsstränge schreien förmlich danach, Stück für Stück miteinander verknüpft und eventuell auch aufgelöst zu werden. Der Start in die stilsicher gefilmte Serie ist gelungen, jetzt heißt es abwarten, was Lester Nygaard, Lorne Malvo und Co in den nächsten neun Episoden für uns bereithalten.

Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 16. April 2014

Fargo 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Fargo 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Das Krokodil-Dilemma
Titel der Episode im Original
The Crocodile's Dilemma
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 15. April 2014 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 16. September 2014
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Dienstag, 16. September 2014
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Dienstag, 16. September 2014
Autor
Noah Hawley
Regisseur
Adam Bernstein

Schauspieler in der Episode Fargo 1x01

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