Breaking Bad 5x13

„Die Ruhe vor dem Sturm“. Selten hat dieses Sprichwort besser auf den Verlauf einer Serienepisode gepasst als bei To'hajiilee, der viertletzten Episode der finalen Staffel von Breaking Bad. Diese schippert gemächlich vor sich hin, sämtliche Spieler loten ihre nächsten Züge aus, der Zuschauer fragt sich, wohin das alles führen soll. Dann beginnt die zweite Hälfte der Episode. Wir werden Zeuge eines hoch emotionalen Wortgefechts, einer cleveren Täuschungsaktion und schließlich einem wilden Showdown, der zugunsten des grausamsten Cliffhangers der Seriengeschichte auf seinem Höhepunkt unterbrochen wird.
Hulk-Rambo-James-Bond-bad-ass
Die Theorien, die sich sämtliche Apologeten der Serie zum weiteren Verlauf in den letzten Wochen zusammengereimt haben, treten tatsächlich ein. Walter White (Bryan Cranston) kehrt unfreiwillig ins Meth-Business zurück und Hank Schrader (Dean Norris) verletzt ihn an der Stelle, die ihn am meisten schmerzt: seinem Geld. Oder, wie es Jesse Pinkman (Aaron Paul) am Ende der letzten Episode ausgedrückt hatte: „Next time I'm gonna get you where you really live.“ Dabei offenbart sich, dass Walter White seine Verwandlung zu „Heisenberg“ nicht abgeschlossen hat, dass er eben nicht das geniale kriminelle Meisterhirn ist, für das ihn andere - und er sich selbst - halten. Er ist immer noch der ausgebrannte Chemielehrer Walter White, der für seine Familie sorgen will für die Zeit nach seinem Krebstod.

Diese Erkenntnis kommt ausgerechnet an der Stelle, an der seine Verwandlung begonnen hatte: in der Wüste, dort, wo er und Jesse in einem alten Wohnmobil ihre erste Meth-Charge kochten. Im Indianerreservat To'hajiilee, Namensgeber der neuen Episode, kommt es schließlich zum Showdown zwischen Walter und seinen gefährlichsten Widersachern - seinem ehemaligen Freund Jesse und seinem Schwager Hank. Die beiden haben es gemeinsan mit Hanks Kollegen und Vertrauten Gomez (Steven Michael Quezada) zum ersten Mal geschafft, Walter zu überlisten.
Vor dem großen shoot-out am Ende der Episode haben Hank und Jesse - stellvertretend für die Zuschauer - denn auch ein kathartisches Erlebnis. Hank zwingt Walter zur Aufgabe, er liest ihm seine Miranda rights und legt ihm Handschellen an. Jesse beobachtet dies mit einer Genugtuung, die er kaum verbergen kann - und auch gar nicht verbergen will. Walter bleibt dies nicht verborgen, sein Kommentar dazu („Coward.“) lässt Jesse jedoch überschnappen. Er spuckt Walter ins Gesicht, eine simple Geste, die all seine Verachtung, all seine Wut, all seine Verzweiflung, seine Angst, seine Ohnmacht, seinen Hass ausdrückt.
Todesangst und Hass treiben Menschen bekanntlich zu Höchstleistungen. In Jesses Fall besteht diese Höchstleistung darin, seinen großen Mentor mit den eigenen Waffen zu schlagen. Er führt Hank und Gomez auf die richtige Spur, der einzige handfeste Beweis, der gegen Walter in einem potentiellen Gerichtsverfahren Bestand hätte, ist sein Geld. Hierzu bedient sich das Schicksalstrio mehreren Manipulationstaktiken. Zuerst lassen sie Saul Goodmans (Bob Odenkirk) Bodyguard und Handlanger Huell Babineaux (Lavell Crawford) unter dem Vorwand, er stehe ebenso wie Jesse auf Walters kill list, in ein safe house bringen.
Why would he want to kill me? I ain't do nothing to him.
Mit einem gestellten Foto von Jesses Leiche bringen sie den kaum Widerstand leistenden Huell zum Reden. Er plappert sämtliche Details aus, die er über den Verbleib des Geldes kennt. Den entscheidenden Hinweis zum Ort des Geldverstecks kennt er jedoch nicht. Dafür hatte Walter mit seiner nächtlichen Solovergrabungsaktion in Buried gesorgt. Also muss nun Jesse all sein schauspielerisches Können aufweisen, um den großen Manipulationskünstler Walter White zu einer unüberlegten Aktion zu zwingen.

Noch einmal kommt das Fotohandy zum Einsatz. Jesse schickt Walter das Bild einer teilweise ausgegrabenen Geldtonne und kündigt ihm an, sämtliches Geld zu verbrennen, käme er nicht auf schnellstem Wege zu der Fundstelle. Hätte sich Walter White in diesem Moment etwas zurückgenommen, hätte er kurz überlegt, wie Jesse überhaupt an den Standort des Geldes hätte kommen können - nämlich gar nicht - hätte er wohl auch diese List als solche erkennen können. Doch so ist er nicht gestrickt, es geht um sein Geld, um alles, was er sich in den letzten anderthalb Jahren aufgebaut hat, um alles, was ihm noch geblieben ist. Zudem traut er Jesse durchaus zu, in all seiner Wut den Geldberg einfach abzufackeln.
Außerdem bietet Jesse am Telefon die performance of a lifetime: „Got my photo, bitch? That barrel look familiar? ‘Cause I just found six more exactly like it...“ Und: „Fire in the hole, bitch. There goes ten Gs! Ah, nice orange flame.“ In wilder Panik rast Walter über sämtliche Stoppschilder und rote Ampeln. Er sieht sein „Lebenswerk“ schon vor ihm in Flammen aufgehen und fühlt sich genötigt, Jesse am Telefon darum anzuflehen, dieses Geld, das doch für seine Familie bestimmt sei, zu verschonen. Ekel Walter besitzt sogar die Dreistigkeit, seinen zurückgekehrten Krebs zu instrumentalisieren. Kameramann Michael Slovis fängt die rasante Drastik dieser Szenen atemberaubend ein.
Als Walter am Geldversteck ankommt, merkt er schnell, dass er von Jesse übertölpelt wurde. Spätestens mit der Ankunft von Hank und Gomez realisiert er, dass es Zeit ist, aufzugeben. Er sagt den geplanten Mordanschlag auf Jesse durch Todd (Jesse Plemons), Jack (Michael Bowen) und Konsorten ab und ergibt sich in die Hände seiner Jäger. Seine Metamorphose zu „Heisenberg“ wird jäh unterbrochen. Wie Gregor Samsa in Kafkas „Die Verwandlung“ zieht er sich zurück, um Schaden von seiner Familie abzuwenden. Dann jedoch kann auch er Hanks Schicksal nicht weiter beeinflussen. Die White-Power-Brigade New Mexico hat seine Anweisungen missachtet. Der größte shoot-out in der Geschichte von Breaking Bad beginnt - und endet erst nächste Woche.
Fazit
Wunderbar, wie Autor George Mastras die Jagd zwischen Hank und Walter auf den Höhepunkt getrieben hat. Auch bei mehrmaligem Überlegen bleiben die schnellen Ermittlungserfolge Hanks glaubwürdig und wasserdicht. Man könnte einwenden, dass Walter bei längerem Nachdenken durchaus Jesses Trick hätte durchschauen können. In der konstanten Hektik, in der Daueranspannung dieser Situation, mit Aussicht auf den völligen Verlust seiner Errungenschaften kann jedoch auch ein Meisterlügner wie Walter White seine Emotionen nicht im Griff behalten.
Der Cliffhanger am Ende der Episode muss eigentlich gar nicht weiter erwähnt werden. Grausamer hätte es kaum kommen können. Zwar wissen wir, dass Walter White dieses Feuergefecht überleben wird, selbiges gilt jedoch noch lange nicht für Hank, Gomez oder Jesse. Die Serie, die es über fünf brutale Staffeln schaffte, nicht ein Mitglied des ursprünglichen Casts umzubringen, wird sich wohl in der kommenden Episode von einem ihrer zentralen Darsteller verabschieden.
Sicher kann man sich dabei selbstverständlich nicht sein, wie man sich sowieso bei nichts sicher sein kann. Bei einem jedoch dürften sich alle Zuschauer einigen können: den grandiosen Leistungen der Schauspieler. Aaron Paul schafft es sogar, nur mit seiner Stimme auf ganzer Linie zu überzeugen. Über Bryan Cranston wurde bereits alles gesagt - er ist ein Genie, ohne Frage.
Auch die Nebenrollen dürfen in To'hajiilee wieder glänzen. Plemons als höflicher, wenngleich pathologischer Gentleman Todd, Laura Fraser als hypernervöse und gleichzeitig knallharte Geschäftsfrau mit dem schönsten Nachnamen der Seriengeschichte, Crawford als nicht gerade hellste Glühbirne Huell und natürlich Odenkirk als Saul, immer wieder Saul!
Hinzu kommt die grandiose visuelle Umsetzung, an der ja in der letzten Episode etwas gespart wurde. Für die neue wurde nun wieder die „Breaking-Bad“-Veteranin Michelle MacLaren angeheuert, was man in beinahe jeder Einstellung sieht. Viele Trickaufnahmen, kleine charmante Details wie Todds absurder Klingelton („Science!“), eine atemberaubende Kulisse, die rasante Autofahrt und das explosive Finale runden diese Episode ab und lassen gar keine andere Wahl, als die volle Punktzahl zu vergeben. Zum Glück ist jetzt wieder Herbst. Für die ausstehenden drei Episoden dürfen wir uns nämlich warm anziehen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 9. September 2013Breaking Bad 5x13 Trailer
(Breaking Bad 5x13)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x13
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