Breaking Bad 5x14

„Nichts weiter blieb. Ein Bild von düstrem Grame / dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig / die Wüste sich, die den Koloss begräbt.“ Der letzte Vers der deutschen Übersetzung des berühmten Gedichts von Percy Bysshe Shelley, das dieser neuen Episode von Breaking Bad ihren Namen verleiht, bringt die Handlung auf den Punkt. Der Chemielehrer Walter White (Bryan Cranston), der ausgezogen war, seine Familie zu retten, seine Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, der auf dem Weg dorthin größenwahnsinnig wurde und sein eigenes Imperium aufbauen wollte, steht nun vor den Trümmern seiner Existenz.
It's over
Breaking Bad war in den zurückliegenden 60 Episoden die Geschichte von Walter White und seiner stetigen Verwandlung in das zutiefst böse, würdelose und verabscheuungswürdige Alter Ego Heisenberg. Die Episode Ozymandias treibt den Kampf der beiden Seelen in Walter Whites Körper auf den Höhepunkt. Walter wechselt so oft - manchmal im Sekundentakt - zwischen seinen beiden Identitäten, dass man als Zuschauer gar nicht mehr genau weiß, wann wer gerade aus ihm spricht. Als Walter am Ende einer der dramatischsten Episoden der Fernsehgeschichte seine Ehefrau Skyler (Anna Gunn) anruft, um ihr eine letzte, unvorstellbar abstoßende Philippika zu halten, wusste ich zuerst nicht: Ist dies nun Heisenberg, der da spricht? Oder ist es Walter White, der Heisenberg vorschickt, um seine nächste, schwer zu entziffernde Täuschungsaktion vorzubereiten?

Ich glaube, es war Heisenbergs letztes Aufbäumen. Ein letzter, verzweifelter Schrei nach Respekt, nach irgendeiner Form der Anerkennung. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Und die Fallhöhe ist für Walter White besonders tief. Am Ende verliert er alles. Zumindest alles, was ihm wichtig war. Was ihm bleibt, sind ein paar hektisch zusammengesuchte Kleidungsstücke und eine Tonne voller Geld. Er wird sich eine neue Identität zulegen. Aber wie wir alle wissen, wird er auch wieder zurückkehren. Nur wofür? Keiner wartet mehr auf ihn, jeder weiß nun, wer er wirklich ist. Schafft es sein ehemaliger Partner und jetziger Todfeind Jesse Pinkman (Aaron Paul) etwa, aus seinem Verlies zu entkommen? Kehrt Walter zurück, um Jesse endgültig den Garaus zu machen? Oder hat er es womöglich auf seine eigene Familie abgesehen?
Die letzte Theorie können wir wohl getrost missachten. Walter aka Heisenberg mag ein niederträchtiges Wesen sein, völlig übergeschnappt ist er jedoch nicht. Will er also sein Geld zurück, will er die Überreste seines Imperiums einsammeln? Will er es mit der Nazicrew aufnehmen? Jesse jedenfalls hat er zumindest seelisch gebrochen, als er ihm - wieder in der Heisenberg-Maske - verkündete, dass er seiner ehemaligen Freundin Jane Margolis (Krysten Ritter) beim Sterben zugesehen habe. Ein Moment überwältigender Niedertracht und der makabre Abschluss einer Auftaktsequenz, die ihren Zuschauern nicht eine Sekunde lang die Möglichkeit zum Durchatmen gibt.
Viel war darüber spekuliert worden, wie der Cliffhanger der letzten Episode aufgelöst werden würde. Breaking Bad lässt es sich auch nicht nehmen, Ozymandias mit einem Rückblick zu eröffnen und eben nicht mitten hinein in das Feuergefecht zwischen den DEA-Agenten Hank Schroeder (Dean Norris) und Steven Gomez (Steven Michael Quezada) und der Nazibande um Jack (Michael Bowen) und Todd (Jesse Plemons) zu schneiden. Der Flashback zeigt Walter und Jesse in den Anfangstagen ihrer Meth-Produktion. Beinahe unbeschwert ergehen sie sich in ihren - im Rückblick harmlos erscheinenden - kleinen Kabbeleien. Walter erklärt dem zu Tode gelangweilten Jesse die chemischen Feinheiten einer exothermen Reaktion, einer Reaktion, bei der unterschiedlich große Mengen an Energie frei werden. Eine erste düstere Vorwarnung auf die kommenden Ereignisse...
I watched Jane die
Eine zweite konstituiert sich mit dem Anruf von Walt an Skyler. Die beiden besprechen den Namen für ihr ungeborenes Baby. Das Baby, das Walt am Ende der Episode in einer weiteren Heisenberg-Manie entführen wird. Um danach zum aktuellen Geschehen überzuleiten, bedient sich Regisseur Rian Johnson („Brick“, „Looper“, die Episode Fly) eines bisher bei Breaking Bad noch nicht eingesetzten Stilmittels, das bei all dem sonstigen eye candy etwas anachronistisch erscheint. Johnson lässt die Figuren von früher ausblenden und spielt erst die Geräusche des Feuergefechts ein, bevor er die Figuren der aktuellen Handlung einblendet. Der shoot-out kommt zum Stillstand, Gomez ist tödlich getroffen, Hank angeschossen.

Jack und Konsorten entwaffnen Hank und lassen sich vorerst vom hektischen Walt - jetzt ist er wirklich Walter White - dazu überreden, Hank zu verschonen. Walter gibt sogar sein Geld auf, um das Leben des Familienmitglieds Hank, das ihn vor Minuten erst verhaftet hatte, zu retten. Hank selbst kennt jedoch sein Schicksal, weshalb er sich auch keine Mühe gibt, Jack in irgendeiner Weise um sein Leben anzubetteln: „You're the smartest guy I've ever met and you're too stupid to see. He made up his mind ten minutes ago.“ Natürlich behält er Recht und in diesem Moment schwindet auch die letzte Hoffnung des Zuschauers, Hank könne mit dem Leben davonkommen. Besonders schlimm an seinem Tod ist aber, wie beiläufig er passiert. Wie schamlos Jack ihn abknallt. Wie emotional abgestumpft der Psychopath Todd das Gesehene kommentiert: „Sorry for your loss.“
Als Nächstes zählt Jack eins und eins zusammen und lässt bei den Koordinaten nach dem Geld graben. Das Loch wird sogleich als Grab für Hank und Gomez zweckentfremdet. Jack erweist sich gönnerhaft und überlässt Walter ein Geldfass. Trotzdem verlangt dieser noch die Einhaltung ihres mündlichen vereinbarten Auftragsmords: „Pinkman. You still owe me.“ Er hat Jesse längst in seinem Versteck ausgemacht. Jack macht sich bereit zur Hinrichtung Jesses, Walter gibt per lautlosem Kopfnicken das Tötungskommando. Da schreitet plötzlich Todd ein als Jesses vermeintlicher Schutzengel. Er will ihn foltern, um Informationen über Hanks Kenntnisstand aus ihm herauszupressen. Und - wie sich später herausstellen wird - ihn als Meth-Koch-Lehrer auszunutzen. Jesse verwandelt sich in diesen Szenen in ebenjenen „Old Yeller“, als der er von Saul Goodman (Bob Odenkirk) in Rabid Dog euphemistisch beschrieben wurde.
Hanks Ehefrau Marie (Betsy Brandt) macht sich derweil siegessicher auf den Weg zu Skyler in die Autowaschanlage. Sie verkündet ihr die vergangenen Ereignisse („It's over.“) und macht im gleichen Atemzug ein erstaunliches Friedensangebot. Unter den Bedingungen, dass Skyler jegliche Aufnahmen des Erpressungsvideos aus Confession vernichte und Walter Junior (RJ Mitte) die ganze Wahrheit über sich und seinen Vater erzähle, würden sie und Hank alles tun, um sie vor der Strafverfolgung zu schützen.
Where is Hank?
Walt Jr. reagiert verständlicherweise empört über all diese Anschuldigungen gegen seinen Vater. Bei der Konfrontation mit ebenjenem im Haus der Familie erkennt dann aber auch er das wahre Gesicht seines Erzeugers. In seinem bisher größten Serienmoment und einer hochdramatischen Szene rettet er seine Mutter vor dem Monster, das einmal sein Vater war. Die nachfolgenden Szenen sind an Spannung kaum zu überbieten und enden mit einer der brillantesten Schauspielleistungen von Bryan Cranston: „What the hell is wrong with you? We're a family. We're a family.“ Innerhalb dieser Szenenfolge verwandelt sich Walter White mehrmals in Heisenberg und wieder zurück. Der Abschnitt endet mit der Entführung Hollys und einer vollkommen entsetzten, vor Wut, Angst und Hass bebenden Skyler. Auch Anna Gunn liefert hier die Leistung ihres Lebens ab.

Und nach all diesen dramatischen, packenden, vor Spannung platzenden Ereignissen ist der Höhepunkt immer noch nicht erreicht. Am Ende ruft Walter bei sich zu Hause an, wo die Polizei gerade alle Beteiligten - inklusive Marie - vernimmt. Wie zuvor schon angedeutet, bleibt über den Verlauf des Gesprächs zwischen Walter und Skyler unklar, ob hier nun der pure Heisenberg'sche Hass aus Walter spricht oder ob Walter White ein weiteres Täuschungsmanöver plant: „What the hell is wrong with you? Why can't you do one thing I say? This is your fault. (...) You stupid bitch. How dare you?“ Und: „I built it. Me alone. Nobody else.“ Dann die kaum verhüllte Drohung: „You mark my words, Skyler. Toe the line or you will end up just like Hank.“ Und die Ankündigung, die den letzten Nagel in den Sarg der Familie White schlägt: „You'll never gonna see Hank again.“ Skyler, Marie und Walt Jr. haben nun die grausige Gewissheit und müssen gleichzeitig um ihr Leben fürchten: „He crossed me. You think about that. Family or no. You let that sink in.“
Fazit
Die Erwartungen an diese Episode von Breaking Bad hätten größer nicht sein können. Sie sind jedoch bei weitem übertroffen worden. Selten, vielleicht auch nie, hat eine Fernsehserie ihre Geschichte so kompromisslos zu Ende erzählt. Ohne Rücksicht auf die eigenen Charaktere. Ohne Rücksicht auf die Zuschauer. Ohne Heldenverklärung. Ohne Glorifizierung. Einfach mit der nackten, kalten, düsteren Darstellung einer kurzen kriminellen Karriere.
Walter White hat um die höchsten Einsätze gezockt. Nun hat er endgültig alles verloren. Er hat Grenzen überschritten, die nur ein Psychopath überschreiten kann. Er hat willkürlich Menschen getötet, hat die ihm Nahestehenden moralisch korrumpiert, ist verantwortlich für den Mord an Freunden und Familie. Alles, was er dafür bekommt, ist ein schwarzes Plastikfass voller Geld. Und nichts, aber auch rein gar nichts, wofür es sich zu leben lohnen würde.
Den Autoren von Breaking Bad und auch den Senderverantwortlichen von AMC muss größter Respekt gezollt werden. Als einzigen Vergleich lässt sich vielleicht noch The Wire als Serie heranziehen, die ihre Zuschauer ohne jegliche Kompromisse an die traurige Wahrheit herangeführt hat. Eigentlich hätte dies die letzte Episode sein müssen. Es wäre der perfekte Abschluss gewesen. Ein dunkler, ja pechschwarzer Abschluss.
Ozymandias ist auch ein stilistisches Meisterwerk. Die von Kameramann Michael Slovis gelieferten Bilder unterstreichen perfekt die alles für sich einnehmende und geradezu verschlingende Dramaturgie. Walt als einsamer Wanderer in der Wüste, nur er und sein Geld, die letzten Brocken seines Königreiches wie ein erbärmliches kleines Insekt vor sich herrollend. Da versetzen die Macher seinem Charakter den letzten Stich: „Had a job a year ago. Had a little home. Now I've got no place to go. Guess I'll have to roam. (...) Say goodbye to everyone, goodbye to everyone.“ So trällern es die Limeliters - eine perfekte Inszenierung. Sowieso sprengt die ganze Episode den Rahmen jeglicher Punkte- oder Sternebewertungssysteme. Ein Stück TV-Geschichte, ein Moment für die Ewigkeit. Danke, Breaking Bad!
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 16. September 2013Breaking Bad 5x14 Trailer
(Breaking Bad 5x14)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x14
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