Breaking Bad 5x12

Die bisher ausgestrahlten vier der abschließenden acht Episoden der AMC-Dramaserie sind wahrlich Breaking Bad in Reinform. Hinter einer oberflächlich ruhigen Fassade lauert der pure Horror, die Figuren steuern auf ein unvermeidlich grausames Ende zu. Schon jetzt kann konstatiert werden, dass keiner der Beteiligten eine realistische Chance auf einen guten Ausgang der Geschichte hat. Diese ist gleichzeitig kunstvoll und raffiniert erzählt. Sie wird ohne großes inszenatorisches Brimborium vorangetrieben, das brillante Drehbuch sorgt ganz allein für atemberaubende Spannung.
Anyway - so, that was my day. How was yours?
Drehbuchautor und Regisseur Sam Catlin entscheidet sich dazu, die Episode im typischen „Breaking-Bad“-Stil zu eröffnen. Der Cliffhanger aus der letzten Episode wird also erst einmal nicht aufgelöst. Durch die Vorblende aus Blood Money weiß der Zuschauer sowieso schon, dass sich Jesse (Aaron Paul) umentschieden haben muss und das Haus der Familie White nicht angezündet haben kann. Walter White (Bryan Cranston) sieht indes aus sicherer Entfernung, dass der Wagen seines Anwalts in offensichtlicher Hektik vor seinem Domizil abgestellt wurde. Clever, wie er ist, zieht er daraus die richtigen Schlüsse und erwartet einen aufgebrachten Jesse, der im Haus herumwütet.

Walter steigt durch den Garten und mit gezogenem Revolver in sein eigenes Anwesen ein. Etwas ungeschickt tastet er sich im Haus bis zum Schlafzimmer vor. Er vermutet, dass sich Jesse darin verschanzt haben könnte. Noch sind keine fünf Minuten vergangen, da setzt Catlin schon den ersten trick shot ein. Wie gesagt: Breaking Bad in Reinform. Walters Hausdurchsuchung bleibt erfolglos, also kann er sich seinem nächsten Problem widmen. Schließlich muss er seiner Familie den Benzingeruch im Haus erklären und dafür ein weiteres Lügengebäude errichten. Es soll ihm nur sehr dürftig gelingen. Vorher meldet er sich noch einmal telefonisch bei Jesse, bedankt sich skurrilerweise dafür, dass dieser sich gegen die Brandstiftung entschieden hat und bittet um ein klärendes Gespräch.
Hier klingt zum ersten Mal an, was sich als Thema durch die Episode ziehen wird. Walter changiert ständig zwischen seinen Persönlichkeiten als Walter White und „Heisenberg“. Bis kurz vor Ende der Episode glaubt er doch tatsächlich (und sehr realitätsfremd), er könne Jesse die Vergiftung Brocks erklären und ihn wieder einmal auf seine Seite ziehen. Dies spricht auch für die These, dass die Umarmung in Confessions eine ernstgemeinte war. „Heisenberg“ hat noch nicht vollends die Kontrolle über Walter White übernommen. Und dieser Walter White sieht Jesse immer noch als eine Art Ziehsohn, nicht als Todfeind.
Seine Mitwisser und Delinquentencompaneros geben sich denn auch alle Mühe, um Walter etwas Realitätssinn einzutrichtern. Zuerst darf es der von Jesse verprügelte („Deep down, he still loves me.“) Saul Goodman (Bob Odenkirk) versuchen, der in dieser Episode vom Drehbuch mit so vielen Punchlines ausgestattet wurde, dass diese unmöglich alle in ein Review passen. Als großer Freund aller Euphemismen und Metaphorik setzt Saul ebendiese ein, um Walter unmissverständlich klarzumachen, wie man mit diesem Rabid Dog namens Jesse umzugehen habe.
The kid's not in the mood for a nuanced discussion about the virtues of child poisoning
Walter, der immer noch hofft, eine einvernehmliche Lösung für die Jesse-Problematik finden zu können, erteilt diesem Vorschlag eine harsche Absage: „Belize. Old Yeller. You're just brimming with advice. Do not float that idea again.“ Auch seine Ehefrau Skyler (Anna Gunn) findet bei ihm vorerst kein Gehör. Ihr Charakter hat in den vergangenen Episoden die erstaunlichste Entwicklung durchgemacht, quasi ein eigenes „Breaking Bad“ im Schnelldurchlauf. Um ihre Familie zu schützen, schreckt sie nun auch nicht mehr vor der Aufforderung zum Mord zurück. Und das in erschreckend lakonischer Manier: „We've come this far, for us. What's one more?“

Natürlich geht es dabei um Jesse. Nachdem sie in Confessions vermeintlich Hank aus dem Spiel genommen hatten, ist er der einzige, der ihnen noch gefährlich werden könnte. An diesem Punkt klärt Catlin seine Zuschauer nach einer gefühlten Ewigkeit darüber auf, warum Jesse die White-Residenz nicht niedergebrannt hat. Er wurde nämlich von Hank daran gehindert. Der hat sich an seine Fersen geheftet und schafft es nun, Jesse - mit vorgehaltener Pistole - davon zu überzeugen, Walter mit legalen Mitteln aus dem Weg zu schaffen.
Es ist wunderbar, zu sehen, dass Hank seinen Kampfgeist nicht verloren hat. Und endlich bindet er auch seinen Kollegen und Freund Steve Gomez (Steven Michael Quezada) in seine Privatermittlungen mit ein. Dies nimmt dem falschen Geständnis von Walter etwas den Wind aus den Segeln. Es hat ihm lediglich etwas Zeit verschafft. Nun macht sich Hank wieder auf die Jagd. Nachdem er Jesse bei sich daheim aufgenommen hat, überredet er ihn dazu, ihm, Gomez und der Videokamera seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte über die verhängnisvollste Begegnung in seinem Leben. Die Geschichte von ihm und seinem Lehrer, Partner, Ersatzvater und schließlich Todfeind Walter White.
Der resignierte Jesse stimmt zu und lässt sich nach größerer Diskussion auch dazu überreden, das von Walter vorgeschlagene Treffen wahrzunehmen und ihm dabei Details seiner kriminellen Aktivität zu entlocken. Jesses Warnung - „He's smarter than you. He's luckier than you.“ - setzt sich sogleich in die Tat um. Er glaubt, dass es ein in der Nähe von Walter stehender, finster aussehender Typ auf ihn abgesehen haben könnte. In Wirklichkeit ist es aber nur ein Familienvater, der seiner Tochter beim Spielen zusieht. Jesse macht sich aus dem Staub, jedoch nicht, ohne vorher Walter telefonisch seine Rachegelüste mitzuteilen. Der reagiert, wie nicht anders zu erwarten war. Er setzt die „Heisenberg“-Maske auf und sichert sich die Dienste von Todds (Jesse Plemons) Onkel, dem Hitman, der auch schon für die Gefängnismorde verantwortlich war. „I think I might have another job for your uncle...“
Fazit
Die neue Episode von Breaking Bad überzeugt durch ihre leisen Töne. Das Drehbuch und die Dialoge waren die bisher besten der abschließenden acht Episoden. Autor und Regisseur Catlin findet die perfekte Balance zwischen knisternder Spannung und subtilem Humor.
Die Schlusssequenz hätte jedoch stimmiger gelöst werden können. Dass ausgerechnet ein Zufall die Eskalation zwischen Jesse und Walter vorantreibt, ist wenig elegant. Pauls Performance als gebrochener und beinahe willenloser Jesse ist jedoch wieder einmal grandios. In seiner unnachahmlichen Art wechselt er zwischen bitterer Lebensmüdigkeit und der typischen Brachialrhetorik.
Zwischen Jesse und Hank erblüht eine neue - wenn auch unter Zwang zustande gekommene - Beziehung. Hank und Marie (Betsy Brandt) kümmern sich um den Jungen, geben ihm einen sicheren Rückzugsort. Das Schrader-Haus ist eine sichere Umgebung für Kinder, nicht zuletzt ist es diesem Gefühl der Geborgenheit geschuldet, dass sich Jesse gegenüber Hank und Gomez öffnet.
Wenngleich sich diese Episode ganz auf die Beziehung zwischen Walter und Jesse konzentriert, so haben auch die Nebenfiguren ausnahmslos gelungene Auftritte. Huell (Lavell Crawford) und Kuby (Bill Burr) als überaus fähige Privatdetektive, Marie als verzweifelte und auf tödliche Rache sinnende, einzige verbliebene gute Seele, Walter Junior (RJ Mitte) als treu sorgender und im Dunkeln tappender Sohnemann, Saul als sprücheklopfender Zyniker und Badger (Matt Jones) und Skinny Pete (Charles Baker) als abwesende Witzfiguren („For three hours straight they were talking about something called Babylon 5.“). Jeder bekommt Zeit und Raum, jeder hat seinen Platz gefunden. Ganz so, wie Breaking Bad längst seinen Platz im Serienolymp gefunden hat.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 2. September 2013Breaking Bad 5x12 Trailer
(Breaking Bad 5x12)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x12
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