Breaking Bad 5x09

Breaking Bad 5x09

Die lang erwartete neue Episode von Breaking Bad bleibt oberflächlich ruhig, bis sie plötzlich am Ende zu explodieren droht. Vollgepackt mit quasi-religiöser und popkultureller Symbolik steuert die Geschichte auf ihre schlimmstmögliche Auflösung zu.

Dead Man Walking: Walter White (Bryan Cranston) begutachtet sein gebrochenes Selbst im Spiegel. / (c) AMC
Dead Man Walking: Walter White (Bryan Cranston) begutachtet sein gebrochenes Selbst im Spiegel. / (c) AMC

Bald ist die Verwandlung abgeschlossen. Breaking Bad stellte über die vergangenen fünf Staffeln viele Charakterentwicklungen in den Mittelpunkt. Eines jedoch blieb immer gleich - der Dauerstreit zwischen den eigentlichen Partnern Walter White (Bryan Cranston) und Jesse Pinkman (Aaron Paul). Führt man sich vor Augen, welche Prämisse zur Kooperation der beiden geführt hat - Walter erpresst Jesse -, ist die Präsenz dieses ständigen Streitfaktors nicht weiter verwunderlich. Die neue Episode Blood Money richtet ihre Dramaturgie folglich an dieser Dichotomie aus.

Jesse, I need you to believe me

Jesse ist am Boden zerstört. In einer grandiosen Einstellung fangen Regisseur Cranston und Kameramann Michael Slovis seine ganze Verzweiflung ein. Sein leerer Blick starrt unter dem gläsernen Couchtisch eine Schabe an, die sich gerade über Junkfoodreste hermacht. Die Szene ist eine Referenz an den Auftakt der Episode Peekaboo (2x06) aus der zweiten Staffel, als es Jesse einfach nicht über sich brachte, ähnliches Ungeziefer umzubringen. In ihm schlummert immer noch das Gute, deswegen kann und will er nicht mit sich selbst leben, zumindest so lange, bis er das Blutgeld anderweitig verteilt hat. Doch dies will ihm nicht gelingen, sitzen ihm dabei doch Walter und Saul Goodman (Bob Odenkirk) ständig im Nacken.

Auch vor seinem zwielichtigen Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk) hat Jesse (Aaron Paul) keine Ruhe. © AMC
Auch vor seinem zwielichtigen Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk) hat Jesse (Aaron Paul) keine Ruhe. © AMC

Sein Plan, das Geld zwischen den Eltern des von Todd (Jesse Plemons) ermordeten Jungen in Dead Freight (5x05) und Mike Ehrmantrauts (Jonathan Banks) Enkeltochter Kaylee (Kaija Bales) aufzuteilen, wird von den beiden durchkreuzt. Als Saul ihn selbst mit dem Hinweis auf die Strafverfolgungsbehörden nicht zum Umdenken bewegen kann, schaltet er Walt ein. Momente später klopft der an Jesses Tür. Auch wenn gar nicht viel gesagt wird, entspinnt sich danach einer der spannendsten Dialoge der kompletten Serie.

Hier wird der Konflikt zwischen den beiden scheinbar auf ewig schicksalhaft Verbundenen auf die Spitze getrieben, obwohl es zu keiner handgreiflichen Auseinandersetzung kommt. Walter verwandelt sich vollends in Heisenberg, er lügt mit absolut reinem Gewissen. Oder besser: ohne Gewissen. Als Jesse dies realisiert, treibt es ihm die Tränen in die Augen. Er spricht aus, was er im tiefsten Inneren schon längst weiß: Walter hat Mike getötet. Deshalb habe er Kaylee das Geld vermachen wollen: „She needs someone looking after her.

Genau das ist es, was er sich selbst seit jeher sehnlichst wünscht: jemanden, der auf ihn aufpasst. Diese große Einsamkeit und Verlorenheit war schon immer Jesses größte Furcht, es ist sein Lebenstrauma. Nach und nach wurden ihm - mit oder ohne sein Zutun - die Menschen entrissen, die seinem Leben Sinn verliehen: seine Eltern, Jane (Krysten Ritter), Andrea (Emily Rios) und Brock (Ian Posada). In Mike erkannte er schließlich eine Vaterfigur, einen starken Antagonisten, der ihn vor seiner anderen, dunklen Vaterfigur, Walter, schützen konnte. Nun, da auch Mike von Walter umgebracht wurde, bleibt ihm niemand mehr, nur noch das Geld als Erinnerung an all seine eigenen Verfehlungen und sein gescheitertes Leben.

What's done is done

Also weiß er sich nicht anders zu helfen, als das Geld willkürlich zu verteilen. Einem Obdachlosen schenkt er ein Zehntausend-Dollar-Bündel, übrigens vor dem Fast-Food-Etablissement „Dog House“, dort, wo er Walter in der ersten Staffel die Einkünfte aus der allerersten gemeinsamen Drogenproduktion übergab. Später verteilt er das Geld einfach in den Vorgärten der Suburbs. Er spielt den guten Samariter, wobei ihm ständig die Worte Sauls in den Ohren klingen: „(...) You're still gonna be two miracles short of sainthood.

Fünf Staffeln mussten wir auf diesen Showdown warten: Walt (Bryan Cranston) und Hank (Dean Norris) im Clinch. © AMC
Fünf Staffeln mussten wir auf diesen Showdown warten: Walt (Bryan Cranston) und Hank (Dean Norris) im Clinch. © AMC

Neben der omnipräsenten Selbstreferentialität spielen religiöse Symboliken eine gewichtige Rolle in dieser neuen Episode. Sowohl Skyler (Anna Gunn) als auch Walter tragen einheitliche weiße Outfits, als seien sie mit Walters Ausstieg von all ihren Sünden reingewaschen worden. Später kniet Walter vor der Toilette, weil er sich übergeben muss. Er legt sich ein zusammengerolltes Handtuch unter die Knie, ähnlich dem muslimischen Brauch, einen Gebetsteppich auszulegen. Slovis und Cranston filmen ihn dabei wie einen Pilger, der gerade vor einem Altar kauert.

Und getreu dem biblischen Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ erntet Walter zumindest teilweise, was er gesät hat. Der Krebs ist in seinen Körper zurückgekehrt, er hängt wieder am chemotherapeutischen Tropf. Deswegen das Übergeben und deswegen auch die Entdeckung, dass seine „Leaves of Grass“-Ausgabe aus dem Badezimmer verschwunden ist. Schnell findet er also eine Erklärung für Hanks (Dean Norris) ungewöhnliches Verhalten der vergangenen Tage. Als er dann am Unterboden seines Wagens eine Wanze findet, wird die Vermutung zur Gewissheit.

Doch statt seine Schattenspielchen weiterzutreiben und seine Improvisationskunst walten zu lassen, konfrontiert er den völlig desillusionierten Hank direkt. Der weiß sich vor lauter Wut und Jagdeifer gar nicht anders zu helfen, als Walter mit einem gezielten Faustschlag anzugreifen. Walter lässt sich davon jedoch nur kurzzeitig irritieren und setzt sogleich seine perfekte Heisenberg-Maske auf. Er schwadroniert von Krankheit, Tod und Familie und will so allen Ernstes an Hanks Familiensinn appellieren. Auch wenn Walter in vergangenen Staffeln immer wieder betont hatte, dass seine Familie das einzige sei, wofür es sich zu leben lohne, will man ihm das in diesem Moment kaum abnehmen. Heisenberg will schlicht und einfach seinen Arsch retten.

Die Vorschau zu Beginn der Episode gibt indes Aufschluss darüber, welches Schicksal Walter White blühen wird. Darin wird er als einsamer dead man walking porträtiert, der seiner ehemaligen Nachbarin den Schreck ihres Lebens verpasst. Sie weiß, wer er ist und was er getan hat. Sein altes Haus sieht dementsprechend aus wie ein Schlachtfeld. Ein einziges Überbleibsel aus seinem früheren Leben ist ihm geblieben: die Rizinhülse in der Steckdosenverkleidung. Sein restliches Leben liegt in Asche. Die Immobilienwüste und das M-60-Sturmgewehr in seinem Kofferraum lassen weiterhin darauf schließen, dass er die Drohung, die er Hank gegenüber ausgesprochen hat, am ehesten selbst berücksichtigen sollte: „Tread lightly.

Fazit

In der wunderbaren Episode Kafkaesque (3x09) aus der dritten Staffel schreit Jesse Walter einmal an: „What's more important than money?“ Damals war der junge Heißsporn nicht mit der Gewinnaufteilung aus Gus Frings (Giancarlo Esposito) mündlichem Vertragsmodell zufrieden, nun verliert er sich angesichts des Geldberges in einem Delirium aus Selbsthass und allgemeiner Verlorenheit.

Die Abgründe, die sich über den gesamten Verlauf der Serie zwischen Walter und Jesse aufgetan haben, werden in der Auftaktepisode des Breaking Bad-Finales sehr schön visuell und dramaturgisch herausgearbeitet. Wie immer verzichten die Autoren auf ausladende Dialoge, in wenigen Worten werden alle schicksalhaften Verbindungen der Protagonisten dargelegt.

Aaron Paul liefert dabei eine phänomenale darstellerische Leistung ab. Mehr noch als sonst porträtiert er Jesse als einen Zerrissenen, einen immerzu Suchenden, der es einfach nicht schafft, der Stimme des „Guten“ zu folgen. Er ist Mörder und Drogendealer, im Angesicht des Monsters Heisenberg wird jedoch seine in den Grundfesten immer noch gütige Seele offenbar.

Walter Whites Widerwärtigkeit erreicht dementsprechend eine neue Stufe. Die Szene, in der er Hank mit seiner Tochter Holly im Arm verabschiedet und in kindlichem Dialekt spricht, ist an ekelerregender Absurdität kaum zu übertreffen. Hank kann seine Gefühle kaum verstecken, in der Folge erleidet er die vorerst letzte seiner vielen Panikattacken.

Die beiden Schauspieler Cranston und Norris mussten fünf Staffeln warten, bis sie in der Konfrontation ihrer beiden Charaktere ihr volles Potential ausspielen durften. Entsprechend gebührt ihnen die Schlussszene in dieser für die gesamte Seriendramaturgie so zentralen Episode. Hier arbeitet der streng katholisch erzogene Serienschöpfer Vince Gilligan seinen Glauben an das reine Gute und das reine Böse heraus. Hank spricht aus, was sich Gilligan für seinen Antihelden zu wünschen scheint: „Rot, you son of a bitch.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 12. August 2013

Breaking Bad 5x09 Trailer

Episode
Staffel 5, Episode 9
(Breaking Bad 5x09)
Deutscher Titel der Episode
Blutgeld
Titel der Episode im Original
Blood Money
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 11. August 2013 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 11. August 2013
Autor
Peter Gould
Regisseur
Bryan Cranston

Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x09

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