Breaking Bad 5x08

In der abschließenden Episode des ersten Teils der fünften Staffel des großen, dunklen TV-Epos Breaking Bad nutzen die Autoren um Serienschöpfer Vince Gilligan das schier unendliche Potential an Referenzmöglichkeiten voll aus. So kehrt Walter White (Bryan Cranston) an den Ort zurück, an dem seine ganz persönliche Verwandlung begann: ins Krankenhaus, wo er, der ausgebrannte Chemielehrer, die Krebsdiagnose erhielt, die ihn schließlich überschnappen ließ. In der exakt gleichen Einstellung wie in der Auftaktepisode wird Walter wieder in die MRT-Röhre gefahren. Dieses Mal hat er jedoch ein schelmisches Grinsen auf den Lippen, damals war sein Gesichtsausdruck wie versteinert.
Maybe I should've enjoyed it more
In der Pilotepisode formulierte Walter auch einen Satz, der sinnbildlich für die gesamte Serie werden sollte: „Chemistry is the study of matter. But I prefer to see it as the study of change.“ Darum geht es in Breaking Bad, um nicht mehr und um nicht weniger. Die Serie ist eine Studie über Veränderung, über die langsame Verwandlung des Helden vom unbedarften Chemielehrer Walter White in das Monster „Heisenberg“. Auch dieser Name ist nicht zufällig gewählt, kann dessen berühmteste Theorie, die Unschärferelation, populärwissenschaftlich doch folgendermaßen erklärt werden: Die Präsenz eines Beobachters verändert die Beschaffenheit des beobachteten Objekts. Neben seiner großen Begabung als Methkoch war Walter nämlich besonders gewieft darin, seine Erscheinung jedem möglichen Beobachter anzupassen.

Walter White ist gleichzeitig Soziopath und Familienmensch, Wissenschaftler und Mörder, rational Handelnder und spontan über sich hinaus Wachsender, Verlierer und Geschäftsmann. Anhand dieser letzten Charakterbeschreibung lässt er sich denn auch mit den beiden anderen großen Antihelden der jüngsten Fernsehgeschichte vergleichen: Don Draper (Jon Hamm) aus Mad Men und Tony Soprano (James Gandolfini, Rest in Peace!) aus The Sopranos. Gemeinsam repräsentieren diese drei die verschiedenen Ecken der modernen kapitalistischen Weltordnung.
Soprano als Erbe eines Familiengeschäfts aus der upper middle class, dessen tägliche Arbeit durch familiäre Bindungen und uralte Traditionen und Bräuche erschwert wird. Draper als Angehöriger der modernen Managerkaste, die in gesichtslosen corporations dem unbarmherzigen Aufstieg hinterherhechelt und mit seinen peers die Grundlagen dafür legt, dass die Politik zwanzig Jahre später eine Art Unternehmenskultur übernimmt und sich den Neoliberalismus zwangsverordnet. Walter White schließlich gehört in die dunkelste Ecke dieser weltumspannenden Wirtschaftsordnung, der sogenannten Schattenglobalisierung: Drogenhandel, Geldwäsche, Schmuggel. Experten wie Peter Lock gehen davon aus, dass das „globale Bruttokriminalprodukt“ - angelehnt an die wirtschaftliche Kenngröße „Bruttosozialprodukt“ - bei etwa 1,5 Billionen US-Dollar liegt.
Auf diesem vielversprechenden Wachstumsmarkt will natürlich auch der neue drug kingpin Walter White mitmischen. Da kommt seine Geschäftspartnerin Lydia Rodarte-Quayle (Laura Fraser) von Madrigal Industries gerade recht, denn sie muss sich ein neues Unverzichtbarkeitsattribut zulegen, was bisher die Liste der potenziellen Verräter war. Also eröffnet sie Walter die Möglichkeit, den größten europäischen Markt, Tschechien - die Legitimität der behaupteten Nutzerzahlen sei einmal dahingestellt -, zu erschließen. Nach kurzer Überlegung stimmt Walter zu und ein längerer Abschnitt mit einer für Breaking Bad so typischen Konzentration auf ästhetisierte Aufnahmen darf beginnen.
It's a buyer's market out there
Überhaupt packen die Produzenten diese Episode mit dem unbedingten Paradigma ihres ästhetischen Prinzips voll. Lange Montagen werden dabei mit wenig interpretationsbedürftigen Songs unterlegt („Crystal Blue Persuasion“ von Tommy James & The Shondells oder „Pick Yourself up“ von Nat King Cole), es wird mit allerlei Trickaufnahmen wie match cuts oder Zeitraffern gearbeitet und die typischen, wunderschönen Landschaftsaufnahmen fehlen natürlich auch nicht. Weiterhin ist die Episode - stärker noch als die ganze Serie - auffallend plotorientiert. Mehrere lose Enden werden darin aufgenommen und zu Ende erzählt.

Walter verträgt sich wieder mit Jesse (Aaron Paul), beide können fortan ihre Leben ohne Angst vor Verrat weiterführen. Skyler (Anna Gunn) gelingt es mithilfe eines der ikonischsten Bilder der ganzen Serie, Walter zu einem Ausstieg aus dem Drogengeschäft zu überreden, um endlich ihre Familie wieder zusammenführen zu können. So wechseln sich sehenswerte Montagen mit hohem Erzähltempo ab, was der Qualität keineswegs abträglich ist. Die Episode arbeitet nämlich auf ihr großes Finale und auf einen der grausamsten Cliffhanger der Seriengeschichte hin. Und dieser wirft in typischer „Breaking Bad“-Manier schon während der Episode seine Schatten voraus.
Walter steht unter der Dusche und erholt sich von den strapaziösen Ereignissen der vergangenen Tage und Stunden. Erst verharrt die Kamera auf ihm, dann fährt sie zum Handtuchhalter, auf dem das spätere Corpus Delicti lagert. Am Ende der Episode, wenn die Familien White und Schrader wiedervereint auf der heimischen Terrasse den frühsommerlichen Sonntag genießen, werden die folgenden Worte ihre kleine, glückliche Welt für immer zerstören: „To my other favorite W. W. It's an honor working with you. Fondly, G. B.“
Fazit
Vielleicht könnte man an dieser Stelle einen marginalen Kritikpunkt anbringen, denn warum hätte Walter ausgerechnet dieses Buch als Klolektüre für jedermann sichtbar auslegen sollen? Dabei würde jedoch missachtet werden, dass Walter White schon immer eher Improvisationskünstler denn weiser Vorausplaner war. Zwar hat er unter seinem nom de guerre „Heisenberg“ die Fähigkeit zu allumfassender Voraussicht, peinlich genaue Vorsicht kann ihm als Attribut jedoch nicht zugeschrieben werden.
Auch in Gliding over All liefert Bryan Cranston wieder eine schauspielerische Glanzleistung ab. Sein Spiel zeichnet sich vor allem durch feine Nuancen aus, denn viel Text wird ihm auch in dieser Episode nicht in den Mund gelegt. Große Bedeutung fällt dabei seinem Stimmeinsatz zu. Durch grandioses Timing und einzigartige Betonung verleiht Cranston seinem Charakter eine besondere Bedeutungsschwere.
Ein weiteres Wesensmerkmal von „Heisenberg“ findet in der vorläufigen Abschlussepisode ebenfalls seine Referenz. So fragte Jesse Walter in der allerersten Episode, wieso der plötzlich auf die schiefe Bahn geraten wolle. „I am awake“, gab dieser kryptisch zurück. Mit solchen mysteriösen Satzbruchstücken gelingt es ihm in der Folge immer wieder, seine Gegenspieler oder Mitstreiter zu verunsichern und somit für sich einzunehmen - auch in dieser Episode. Da plant Todds (Jesse Plemons) Onkel gerade detailreich den gleichzeitigen Mord an neun Gefängnisinsassen, während sich Walter geistesabwesend über die Gemälde im schäbigen Motelzimmer wundert. Am Ende bekommt er wieder seinen Willen.
Vor lauter Selbstreferentialität und Ästhetisierung geht dabei fast eine der stilleren Szenen unter, aus der eine Referenz an den preisgekrönten Spielfilm „American Beauty“ herausgelesen werden kann. Dabei sitzt Hank Schrader (Dean Norris) niedergeschlagen in seinem Sessel und sinniert über einen seiner früheren Ferienjobs nach, ganz so wie Kevin Spacey als Lester Burnham in ebenjenem Oscargewinner. Hank wirkt resigniert, erschöpft, am Ende seiner Kräfte: „Tagging trees is a lot better than chasing monsters.“ Das Monster sitzt ihm gegenüber. Und genießt still seinen Triumph.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 11. August 2013(Breaking Bad 5x08)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x08
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