Breaking Bad 5x05

Rätsel im Sand
Wie schon in früheren Staffeln beginnt die Episode Dead Freight mit einem zeitlich nicht einzuordnenden Moment: Dank der subjektiven Kamera aus der Motorrad-Perspektive hat man dabei fast das Gefühl, selbst durch die Wüste von New Mexico zu jagen. Durch die unmittelbare Nähe zum Geschehen wird die Spannung fast unerträglich. Was bekommt der Junge zu sehen? Verstaubte Gasmasken? Einen Ausweis? ...da ragt etwas Weißes aus dem Boden, aber der Junge entscheidet sich nur für eine Spinne.
Krokodilstränen und Leichtsinn
Hank (Dean Norris) bezieht nach seiner Beförderung zum Assistant Special Agent in Charge sein neues, unglamouröses Büro.
An der Seite der Kamera verfolgt der Zuschauer ungläubig das Geschehen: Leidet Walter White (Bryan Cranston) wirklich so sehr unter Skylers nun ausgesprochenem Hass? Nachdem Walters Krokodilstränen den sichtlich unangenehm berührten Hank vertrieben haben, offenbart sich erneut das Kalkül des Heisenberg. Doch bevor Walter sich an die Installation der Überwachungselektronik an Hanks Computer macht, scheint - wenn auch nur in einem kurzen Moment - echte Verzweiflung zum Vorschein zu kommen. Inwieweit Heisenberg nur dem permanenten Stress Tribut zollt, oder ob doch noch ein Teil von Walters Liebe für seine Frau überlebt hat, ist dabei nicht zu sagen. Ein Anzeichen von Schwäche haftet Walter in jedem Fall an: Walts wachsender Leichtsinn wird symbolisch durch die Rolex zur Schau gestellt und resultiert fast darin, dass er durch Hank auf frischer Tat ertappt wird. Diese unangemessene Leichtfertigkeit wird ebenso offenkundig wie das gut sichtbare Pflaster auf Walters Schädel. Das Souvenir von dem Rasierunfall der Episode Fifty-One bleibt eine Erinnerung daran, dass Walt nicht so unbesiegbar ist wie er sich fühlt.
Mafiöse Tendenzen und Scheinheiligkeit
Auch ein Routinier von der Kragenweite eines Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) kann sich einmal irren. So hatte er die Stümperhaftigkeit der Behörden unterschätzt und hartnäckig dem fleischgewordenen Risikofaktor Lydia (Laura Fraser) die Schuld für den GPS-Sender gegeben: „Everyone sounds like Meryl Streep with a gun to their head“.
Selbst nachdem Hanks texanische Kollegen sich als die Installateure des Senders zu erkennen geben, möchte Mike die Frau tot sehen. So sehr, dass er Walt und Jesse (Aaron Paul) jetzt auch erstmals über den Auftragsmörder Chris in Kenntnis setzt, den die Geschäftsfrau ihm in der Episode Madrigal auf den Hals gehetzt hatte.
Dabei ist besonders Mikes Entrüstung hervorzuheben, als er das Wort „hitman“ über seine Lippen zwingt. Jesse kann kaum glauben, dass Lydia ja fast schon „mafiöse“ Tendenzen praktiziert hatte. Besonders in Anbetracht der nur vor wenigen Momenten recht leichtfertig beschlossenen Tötung Lydias, ein herrlich paradoxer Moment. Die Scheinheiligkeit des Trios deutet darauf hin, dass sich die Männer selbst mit anderen - illusorischen - Maßstäben betrachten. Während Walt besonders im Umgang mit Brock jeden Anspruch auf Ehrenhaftigkeit verwirkt hat, disqualifiziert sich Mike zumindest durch die schiere Anzahl seiner Opfer. Höchstens Jesse kann bei dieser kollektiven Realitätsverleumdung noch mit mildernden Umständen rechnen - schließlich versucht er immerhin, das Töten zu vermeiden.
Lydias Selbsterhaltungstrieb, der von Fraser sehr überzeugend dargestellt wird, setzt ihre Geschäftstüchtigkeit in Gang. Ihr Zugang zu einem vermeintlichen Meer aus Methylamin gibt Lydia etwas von der „Hebelkraft“ zurück, die ihr Walt zuvor in Abrede gestellt hatte - und rettet ihr so das Leben.
Die heile Welt des Hank?
In der freundlichen und lila-lastigen Umgebung des Haushaltes Schrader wirkt Hank noch etwas fehl am Platz. Er scheint so nicht Holly, sondern viel mehr sich selbst von seiner Beförderung überzeugen zu wollen.
Die größte Bedrohung für diese Familienidylle lauert in Gestalt von Heisenberg im Verborgenen, und zumindest die Kinder sind vor der schrecklichen Wahrheit geschützt. Walt Junior (RJ Mitte) hat so zwar damit zu kämpfen, noch wie ein Kind behandelt zu werden, wird dadurch aber gleichzeitig vor der größten Enttäuschung seines Lebens beschützt. Die Tatsache, dass er nun wieder auf den Namen Flinn zurückgreift, ist somit kein Zeichen wirklicher Entfremdung, sondern lediglich Bestandteil seiner jugendlichen Rebellion. Trotz der unterschwelligen Bedrohung für die Welt Hanks, könnte der Kontrast zu dem Lebensraum Heisenbergs nicht größer sein. Denn dort dominieren in dunklen Farbtönen Probleme, die weit schwerwiegender sind als ein gekränktes Teenager-Ego.
Die Strohhalm-Taktik
Wo Mike eine lange Reihe von Risikofaktoren und zwei definitive Leichen sieht, sieht Walt den Treibstoff für seinen ambitionierten Zug der Selbstverherrlichung („Nothing stops the train“).
Bei Jesse hingegen kommt es zu einem Rückfall in naivere Tage und er sieht sich wohl bereits als Jesse James. Doch Mike holt ihn umgehend aus der Zeit der vermeintlich volksnahen Verbrecher in die skrupellose Realität zurück: „There are two kinds of heist: Those where the guys get away with it - and those that leave witnesses.“
Wie sich im Verlauf der fünften Staffel von Breaking Bad bereits abgezeichnet hatte, ist Walter nicht der einzige, der sich gravierend verändert hat: Jesse ist sehr viel kompetenter geworden. So lässt er sich nicht länger zwischen den Urgewalten Mike und Walt zerreiben, sondern sondiert stattdessen die Lage. Seine Hitzköpfigkeit hat er jetzt gegen überlegtes Handeln getauscht. Jesse ist zwar kein Genie wie Walt. Auch verfügt er nicht über Mikes langjährige Erfahrung. Doch während die beiden anderen ihre Energie in internes Kräftemessen investieren, kommt Jesse mithilfe eines Strohhalmes auf die (lebens)rettende Idee.
Jesse der Profi
Heisenbergs Hut krönt zwar nach wie vor den Kopf des Anführers. Walt wird durch die Aussicht auf einen beachtlichen Vorrat an Methylamin aber derart in Hochstimmung versetzt, dass er Jesse wieder einmal ein Stück Zuckerbrot zuwirft, und ihn bei der Vorbereitung des Zugüberfalls den Rädelsführer spielen lässt. Dem diebischen Kammerjäger Todd (Jesse Plemons) wird bei der Gelegenheit ein großes Zugeständnis an Vertrauen gemacht. Während Mike zuvor noch jegliche Kommunikation unterbunden hatte, scheuen weder Jesse noch Walt davor zurück, ihm seine neugierigen Fragen zu beantworten. Jesse will dabei nicht die seltene Gelegenheit verstreichen lassen, sich zur Abwechslung einmal als Profi profilieren zu können. An Walts Nachsicht zeichnet sich hingegen wieder sein zunehmendes Selbstvertrauen ab. Schön mit anzusehen ist dabei, wie das gesteigerte Selbstwertgefühl Jesses in Kombination mit Walts wachsender Allmachtsphantasie in einem Moment der Eintracht zwischen den beiden resultiert.
Lauernde Waffenruhe
Die rauchende Skyler (Anna Gunn) und der sich kooperativ gebende Walt haben sich mittlerweile in einer lauernden Waffenruhe arrangiert. So lange Walter es unterstützt, dass Junior und Holly in der Obhut der Schraders bleiben, soll Skyler ihre manipulativen Kräfte auf die Geldwäscherei beschränken. Von einem liebevollen Eheleben kann zwar so noch nicht die Rede sein, doch immerhin ist die Explosion vorerst abgewendet. Während Walt in seiner Verblendung so noch immer darauf hoffen darf, dass sich Skyler ihm - ebenso wie einst Jesse - wieder zuwenden wird, wartet Skyler einfach so lange ab, bis ihr etwas Besseres einfällt - oder der Krebs gewinnt.
Murphys Gesetz und Größenwahn
Dank der detaillierten Planung verläuft das Anzapfen des Zuges ohne Probleme. Die eingespielte Choreografie von Todd, Jesse und Walt verwandelt sich mit dem Auftauchen eines geländefreudigen Monsterautos in einen furchtbaren Thriller. Obwohl Walt bereits einen stattlichen Vorrat aus dem Methylamin-Wagon herausgesaugt hat, rückt er von seinem Masterplan nicht ab. Heisenberg würde er jeden fehlenden Tropfen als Beleidigung seines Verbrechergenies und somit als persönliche Niederlage werten. Gerade nach der zuvor so harmonischen Teamarbeit mit Jesse wird so wieder einmal betont, was man fast vergessen möchte: Heisenberg schert sich einen Dreck um alles als sich selbst. Ohne zu Zögern hat Walt nicht nur die Gesundheit von Jesse und Todd aufs Spiel gesetzt. Eine Entdeckung hätte auch für ihn selbst Gefängnis bedeuten können. So wird Gewissheit, dass bei Heisenberg nicht etwa rationaler Egoismus dominiert, sondern sein größenwahnsinniger Feldzug der Macht.
Vor dem Hintergrund eines perfekten Verbrechens geht Walters unnötiges Risiko in der gemeinsamen Euphorie von Jesse und Todd unter. Doch da taucht der unschuldige Junge vom Anfang auf. Durch seine schüchterne Geste des Winkens wird Todds Reaktion nur noch grotesker.
Durch seinen kaltblütigen Mord beweist der Neuzugang sich nicht nur als loyaler Verbündeter. Todds beeindruckende Gefühlskälte kann es sogar mit der eiskalten Präzision Heisenbergs aufnehmen. Er erscheint so als der Traumpartner für den neuen Walt: Jung genug, um sich unterzuordnen (im Gegensatz zu Mike) und gewissenlos effektiv. Im Gegensatz zu Jesse.
Fazit
Mit Todd taucht eine schwer zu berechnende Figur auf der Spielfläche von Breaking Bad auf. Durch ihn muss sich jetzt zeigen, wie weit Walters Verrohung tatsächlich fortgeschritten ist: Wird er den Jungen als einen Jesse-Ersatz in Anspruch nehmen, der weniger von Moralvorstellungen belastet ist? Mit dem todbringenden Werkzeug namens Todd an seiner Seite wäre Heisenbergs Größenwahn noch weniger Grenzen gesetzt als bisher.
Die beiden Großmächte im Hause White haben sich derweil durch die mächtigen Waffen auf beiden Seiten in die gegenseitige Untätigkeit manövriert. Doch die Waffenruhe zwischen Walter und Skyler kann in der hasserfüllten Atmosphäre nicht von Dauer sein. Es kommt also nur darauf an, wer von beiden sich als erstes den entscheidenden Vorteil erarbeiten kann. Die Zeit arbeitet dabei gegen Walter, der trotz des mächtigen Feindes im eigenen Körper nicht davor zurückschreckt, seinen Kopf in die toxischen Methylamin-Tanks zu stecken.
Dead Freight kann nicht nur im Bezug auf die haarsträubende Spannung mit ihren Vorgängerepisoden der fünften Staffel mithalten. Auch grafisch ist den Kreativen wieder ein Meisterwerk gelungen. Zu den ansprechendsten Passagen gehört sicherlich auch die Fahrt der - selbstverständlich in gelb gehaltenen - Meth-Lokomotive.
Dank der phantastischen Chemie zwischen den drei Methketieren kommen weder die humorige Segmente noch das kriminelle Genie zu kurz, dass sich eindrucksvoll in dem brillanten Saugüberfall auf den Zug niederschlägt.
Der selbstzerstörerische Zug namens Heisenberg hat unterdessen volle Fahrt aufgenommen.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 13. August 2012(Breaking Bad 5x05)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x05
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