Breaking Bad 5x04

Breaking Bad 5x04

Die Breaking Bad-Episode Fifty-One zeigt eine kraftvolle Skyler, einen Heisenberg, der eine neue Vielschichtigkeit an den Tag legt und einen alten Spürhund, der vielleicht seinen Biss verloren hat. Wie so oft: ganz, ganz großes Kino!

Walter White (Bryan Cranston) in „Breaking Bad“ - ist doch noch Mensch übrig? / (c) AMC
Walter White (Bryan Cranston) in „Breaking Bad“ - ist doch noch Mensch übrig? / (c) AMC

What the Walter?!?

Guter alter, oft reparierter, hässlicher Pontiac Aztek. Was dem Heisenberg sein Hut, war dem Walter (Bryan Cranston) sein Auto. Indem er diese alte Hülle abstreift, trägt Walt die gravierende Veränderung seines Inneren an die Oberfläche. Weithin sichtbar und sogar vor den Augen von Walter Jr. (RJ Mitte). Die Zeit der akribisch gepflegten Fassade und des schizophrenen Versteckspiels scheint endgültig vorbei. Walter ist nicht „crazy“, sondern wird seinem neuen Selbst treu: Wenn Heisenberg schon am Steuer sitzt, sollte sich sein Gefährt ihm auch als würdig erweisen. Die Mimik, die sich dabei auf dem Gesicht des ehemaligen Chemielehrers abzeichnet, lässt auf einen fast kindlichen Größenwahn schließen. Walters Gemütslage wird durch Kameraschwenks, die einem Gangsterrapvideo nicht unwürdig wären, und einem furiosen Dubstep-Intermezzo (Knife Party mit „Bonfire“) gekonnt reflektiert. Und wenn das Scheckbuch erst einmal gezückt ist, soll doch gleich noch der Sohn davon profitieren:

Skylers (Anna Gunn) frühere Einwände haben praktisch kein Gewicht mehr und so bekommt Jr. endlich sein PS-starkes Traummobil zurück. Wie bereits in der Episode Cornered in der vierten Staffel, sichert sich Walt mit dem Dodge Challenger die euphorische Loyalität seines Sohnes.

Alleine für die Anfangssequenz muss man vor Rian Johnson, der auch schon bei der Episode Fly Regie geführt hatte, den schwarzen Hut ziehen. Doch jetzt geht Fifty-One erst richtig los:

Besuch bei Madrigal

Lydias (Laura Fraser) ausgezeichnete Fähigkeiten im Bereich „Leadership“ helfen ihr zwar dabei, routiniert (wenn auch etwas vernuschelt) mit den Softwareproblemen ihrer deutschen Kollegen umzugehen. Doch im Umgang mit Hank (Dean Norris) und dessen Entourage gerät sie trotzdem in Bedrängnis. Ganz nebenbei beweist Mike (Jonathan Banks) mit seinem Warnanruf, wie hervorragend er über alles und jeden informiert ist.

So groß die Madrigal-Lagerhalle auch ist, durch die Lydia die Männer der DEA führt - sie kann sich in den endlosen Gängen nicht vor Rons (Russ Dillen) Blicken verstecken, als sie den Mann der Anti-Drogenbehörde ausliefert. Lydias angegriffenes Nervenkostüm wird von Fraser glaubhaft und mitreißend umgesetzt. Während die Deutschen am Telefon weiterhin ungerührt vor sich hinplappern, braucht Mike nur eine minimale Anzahl von Silben, um den Fortbestand des anderen Geschäftszweigs zu artikulieren. Er ist - wie fast immer - die Ruhe selbst.

„Life Is Good“

Skyler kann den neuen Optimismus, der mit Walts euphorischer Selbstinszenierung einhergeht, beim besten Willen nicht teilen. Zaghaft versucht sie, die gemeinsamen Kinder möglichst weit weg von Heisenbergs toxischem Einfluss und somit aus der Schusslinie zu bringen. Doch zunächst wirkt es so, als hätte Skyler ihrem Mann noch immer nichts entgegenzusetzen. Wie in den vorangegangenen Episoden findet sie sich in ihrer angestammten Defensivstellung im Bett wieder. Wenn man nicht mittlerweile genügend Gelegenheiten gehabt hätte, um hinter Heisenbergs Fassade zu blicken, könnte man hinter dessen wohlmeinenden Beteuerungen fast den fürsorglichen Walter erahnen.

Bacon bringt Gewissheit

Mit Jr. als gefügig-gekauftem Cheerleader an seiner Seite, drängt der sadistische Manipulationsvirtuose Walt seine Frau beim Frühstück wieder einmal in die Position der unbegründet zickigen Spielverderberin. Dabei wird mithilfe des Frühstücksspecks eine Brücke zur düsteren Zukunftsprognose des Staffelauftakts in Live Free or Die geschlossen: In einem Jahr wird sich Skyler nicht mehr dazu nötigen lassen, den Geburtstagsteller zu dekorieren. Und anstatt seines begeisterten Sohnes, wird Walter in 365 Tagen ein geladenes Maschinengewehr an seiner Seite haben.

Jedes Wort und jede Geste in der Szene scheinen darüber hinaus vor Symbolträchtigkeit nur so zu triefen: zum Beispiel die zu kurz gekommene „1“ der „51“, wie Walter die Wichtigkeit betont, Opfer für die Familie zu bringen - und das alles vor der Kulisse des „Happy Birthday“.

Ein Spürhund auf Abwegen?

In den Gemächern der DEA glänzt Hank einmal mehr durch seine spitze Zunge („Six feet under, half a face. And he is still screwing with us.“) und vor allem seinen scharfen Riecher. Wie schon bei Gus kann ihn auch die Fassade Lydias samt nachlässigem Schuhwerk nicht täuschen. Hinter seinem Rücken schließt sich dabei das sprichwörtliche Netz enger und enger um die noch unbekannten Gesichter des Fring-Universums. Es scheint so nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Fäden des ausgebrannten Meth-Labors ihren Weg zu Jesse (Aaron Paul) und Walter finden werden.

Doch auch die kompromisslose Determination, durch die sich Hank stets auszeichnete, ist mit einem Preisschild versehen. Mit der Beförderung zum Assistant Special Agent in Charge schwingt ein unschätzbarer Vorteil für das erneut aufkeimende Blue-Meth-Imperium Heisenbergs mit. So würde ausgerechnet die DEA selbst mit dem gefährlichsten Spürhund auch die größte Bedrohung von dem Trio ablenken. Gedankt sei Marie (Betsy Brandt)!

Statt eines aus vielen Kehlen gebrüllten „Überraschung“, erwartet Walt an seinem Ehrentag nur der familiäre Alltag. Trotz ihrer vehement beschnittenen Einflussmöglichkeiten hat Skyler so die Gelegenheit, sich für die Demütigungen der Vergangenheit wenigstens ein Stück weit zu rächen.

Als Walt jedoch auch die kleine Runde nutzt, um sich und sein Lügenkonstrukt zu zelebrieren, flüchtet sich Skyler in die schwerelose Isolation des Pools. Was im ersten Moment wirkt wie die ohnmächtige Flucht vor Walters beißender Scheinheiligkeit, ist in Wirklichkeit Teil eines fundierten Plans.

Auch Lydia hat mit dem Gefühl der Ohnmacht zu kämpfen, seit sich die DEA ihres guys bemächtigt hat. Ein Sicherungskasten wird so zur nervlichen Zerreißprobe. Mit tatkräftiger Hilfe von Jesse landet das zuvor aus dem Protokoll entfernte Fass Methylamin auf einem Gabelstapler. Doch der Behälter ist mit einer bösen Zugabe versehen: einem erstaunlich gut sichtbaren GPS-Sender.

High Noon im Schlafzimmer

Endlich stellt sich Skyler dem Kampf mit ihrer Hilflosigkeit. Sie nutzt ihr labil anmutendes Auftreten, um die Kinder auch gegen Walts Willen aus dem Haus zu bekommen. Es kommt zu einem intensiven Schlagabtausch zwischen den Eheleuten. Angst trifft auf Größenwahn. Muttergefühle auf rationale Abgebrühtheit. Drohung auf Drohung. Wer kann das verheerendere Szenario heraufbeschwören, wer gewinnt das düstere „Was wäre wenn“?

Skyler ist Walters rationaler „Magie“ nicht gewachsen, die auch von der Kamera in die überlegene Position erhoben wird. Obwohl die Frau ihre Hilflosigkeit eingesteht, hat sie doch noch einen letzten Trumpf im Ärmel. Einen Satz, der Walter an seine eigene Gefährdung erinnert. Und ihm gleichzeitig regelrecht entgegenschmettert, wie tief Skylers Hass geworden ist: Sie wartet auf den Siegeszug des Krebs. Walters angegriffene Gesundheit war einst Skylers größte Furcht. Jetzt ist die Krankheit zu ihrem stärksten Verbündeten geworden.

Von Gnade und Hass

Nicht nur Laura Fraser versteht etwas von ihrem Handwerk. Auch ihr Charakter Lydia ist in der Vortäuschung falscher Tatsachen durchaus bewandert. So gelingt es ihr zwar, Jesse hinters Licht zu führen, doch reicht ihr tollkühner Täuschungsversuch längst nicht aus, um auch Mike zu überzeugen.

Als der Routinier seine Nachlässigkeit der Vergangenheit wiedergutmachen und Lydias Leben ein verdientes Ende setzen möchte, kommen der Frau sowohl Walter als auch Jesse zu Hilfe - allerdings aus gänzlich verschiedener Motivation heraus. Jesse kann nämlich den Gedanken an ein weiteres Opfer nicht ertragen, Walter hingegen möchte mit der Methproduktion nicht den einzigen Bestandteil seines Lebens gefährden, über den er noch die volle Kontrolle zu haben glaubt.

An diesem Abend ist es so auch Walter, der sich einsam ins Schlafzimmer zurückzieht. Heute ist Skyler diejenige, die mitleidlos den Flur herabsieht, während sie in den Geburtstagsbecher ihres Mannes ascht.

Walter sagt Skyler, dass sie mitsamt ihrer Gefühle zu ihm zurückkehren wird, so wie es auch Jesse getan hat. Dabei wirkt es, als müsste sich Walt selbst versichern, dass dem so ist. Doch der Mann erliegt seiner eigenen Täuschung. Würde Jesse das Ausmaß von Walters durchtriebener Manipulation erfahren - er hätte ihm mit Sicherheit keine Uhr geschenkt.

Fazit

Was für eine Episode! Skyler hat endlich die Gelegenheit, aus ihrer vollkommenen Passivität herauszutreten und Walter gewinnt eine neue Vielschichtigkeit. So wird er zwischen dem neuen - übertrieben zur Schau gestellten - Selbstvertrauen und der schrecklichen Gewissheit zerrieben, dass er nicht mehr geliebt wird. Es ist nicht allein der Kontrollverlust, der ihm zu schaffen macht.

Wie so oft kann Breaking Bad auch in Fifty-One mit innovativen Kameraperspektiven und Bildmotiven glänzen. Der Tropfen Blut, der beim Rasieren an Walts Schädel herabrinnt, unterstreicht auf unheilschwangere Art und Weise die Tatsache, dass auch ein Heisenberg nicht unverwundbar ist.

Hanks brillante Beobachtungsgabe soll tatsächlich an einen quasi-repräsentativen Posten verschwendet werden? Es ist doch sehr schwer vorstellbar, dass der alte Knabe aus Rücksicht auf Maries Beförderungsgier von der Arbeit auf der Straße Abstand nehmen wird. Spätestens, wenn das blaue Meth den Markt wieder überschwemmt, kann mit seiner Rückkehr gerechnet werden. Neben der anhaltenden Bedrohung durch den Agenten besteht ein weiterer Risikofaktor für die Meth-Vertreiber in Lydia.

Dank der großartigen schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten überzeugt die Handlung, auch wenn sie zunächst etwas überzogen zu sein scheint. Neben Walters Autoszene ist besonders das Verbalduell zwischen ihm und Skyler hervorzuheben, das in seiner Intensität packender nicht sein könnte.

Mike begeistert wie immer durch seine Abgeklärtheit und sorgt zudem mit seinem trockenen Humor („That's what I get for being a sexist“) für kurze Atempausen in diesem grandiosen Spektakel.

In den letzten Sekunden von Fifty-One dröhnt unheilvolles Ticken durch die Stille. Der Countdown läuft.

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 6. August 2012
Episode
Staffel 5, Episode 4
(Breaking Bad 5x04)
Deutscher Titel der Episode
51
Titel der Episode im Original
Fifty-One
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 5. August 2012 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 25. Oktober 2012
Autor
Sam Catlin
Regisseur
Rian Johnson

Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x04

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