Breaking Bad 5x03

Die Ruhe selbst
Im Gegensatz zu Lydia (Laura Fraser) glaubt Mike (Jonathan Banks) nicht daran, dass Mord die einzige Möglichkeit ist, um die Männer, die auf Gus' Gehaltsliste standen, zum Schweigen zu bringen.
Vordergründig ist er nach wie vor gefasst, als er seinen Männern - getarnt als Hilfskraft eines Anwaltes - weitere Unterstützung zusichert. Dass die Strapazen der Vergangenheit und die Intervention des FBI dem Routinier dennoch zusetzen, wird an Mikes wütendem Ausbruch deutlich, als er an einer Tür warten muss.
Walter (Bryan Cranston) hingegen ist die Entspannung selbst. Während er seinen Umzug zurück in das gemeinsame Haus vollendet, stimmt er sogar ein Liedchen an. Als ihm das Buch „Leaves of Grass“ seines quasi-Namensvetters Walt Whitman in die Hände fällt, ist es als würde er mit dem alten Walter konfrontiert werden. Als Walter die Gedichtsammlung zur Seite legt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Dieses ist jedoch weniger ein Ausdruck von Nostalgie als ein Zeichen der Nachsicht mit dem devoten Chemielehrer. So führt die Wiederentdeckung des Schriftbandes nicht dazu, dass Walter seine frühere Sanftmut wiederentdeckt. Stattdessen duldet er weder Skylers (Anna Gunn) zaghaften Widerspruch gegen den Einzug, noch irgendwelche Gefühlsregungen seinerseits. Die Zeit der Rücksicht ist vorbei. Störende Elemente werden von Walter ebenso rigoros aus dem Weg geräumt wie Skylers Unterwäsche.
Küche gesucht
Als sich das neue Dream-Team am Drogenhimmel in dem Büro von Saul Goodman (Bob Odenkirk) trifft, ist Walter der einzige, der sitzt. Dadurch ist er zwar kleiner als die anderen. Das bedeutet jedoch nicht, dass er sich unterordnet. Er hat es einfach nicht mehr nötig, seine Überlegenheit überheblich zu demonstrieren. Auch lässt er sich nicht von Mikes klaren Forderungen provozieren. „He handles the business, and I handle him.“ Mike ist in Walters Augen wenig mehr als eine nützliche Marionette: Der Handlanger darf sich so aufspielen, weil Walt noch auf die Zusammenarbeit angewiesen ist. Dabei hat er den Mann jedoch - seiner Ansicht nach - fest in seiner Hand.
Doch Walts neue Überheblichkeit kommt nicht von ungefähr. So sondiert er die erste potentielle Methküche und kommt ohne Umwege sofort auf den springenden Punkt: die Luftfeuchtigkeit. Nach nur ein paar Worten dreht sich Walt um und geht. Widerspruchslos folgen ihm Jesse (Aaron Paul) und auch Mike. Saul hingegen bemüht sich zwar, seinen alten Witz aufrechtzuerhalten. Doch in der Gegenwart von Walter wirken seine Sprüche wie ein dünner werdendes Schutzschild gegen eine gefährliche Geschäftsbeziehung, aus der es kein Entkommen für ihn gibt.
In der zweiten Räumlichkeit ist es ebenfalls Walter, der pointiert auf den gewichtigsten Makel aufmerksam macht: unangekündigte Kontrollen durch die Behörden. Auch die bereits aus der Episode Full Measure bekannte „Lazer Base“ kann sich nicht als neue Meth-Produktionsstätte durchsetzen.
Im Laufe der Episode demonstriert Walt immer wieder das gewaltige Ausmaß seines Selbstbewusstseins. Das Meth künftig in Häusern zu kochen, die kurz darauf mit Insektengift eingesprüht werden, ist zwar ebenso innovativ wie brillant. Doch lässt sich daran auch eine neue Dreistigkeit ablesen.
Falsches Spiel
Mit Walt als unangefochtenem Anführer und Mike „in charge of business“ bleibt für Jesse nicht mehr all zu viel Entscheidungsgewalt übrig. So darf er auch nicht seine Freunde Badger (Matt L. Jones) und den überraschend musikalischen Skinny Pete (Charles Baker) anheuern.
Genauso wie Walter Mike zuweilen das Gefühl einräumt, über Entscheidungsgewalt zu verfügen, weiß er auch genau, wie er mit Jesse umzugehen hat. So honoriert er sowohl dessen technische Überlegungen als auch das Privatleben seines Partners. Wie viel Kalkül und wie wenig echte Wertschätzung dabei im Spiel ist, wird auch daran deutlich, dass Walter keine Probleme dabei hat, Andreas (Emily Rios) Sohn Brock (Ian Posada) in die Augen zu schauen - obwohl er das Kind einst heimtückisch vergiftet hatte.
Nachdem die Kammerjäger um Todd (Jesse Plemons) die Abdeckung über dem insektenverseuchten Haus angebracht haben, kann das Kochen beginnen. Dabei wird das Innere des Gebäudes durch die Plane in das charakteristische Gelb getaucht. Die Szenerie wird zudem mit einer sorglosen Musik hinterlegt. Für kurze Zeit ist wieder die gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Walt und Jesse gegeben. Wie einen eingespielten Tanz vollführen die beiden in routinierter Eintracht ihre Arbeit. Die Leichtigkeit wird durch das Hervorheben der ästhetischen Aspekte der Methproduktion betont.
Nach getaner Arbeit trinken Walt und Jesse zusammen ein Bier. Doch die entspannte Atmosphäre wird von einer unsteten Kamera als bloßer Schein enthüllt. Fingiert bringt Walter seinen Komplizen auf die Idee, dass er das Glück, dass mit Andrea endlich zum Greifen nah zu sein scheint, eigentlich nicht verdient hat. Im Gegenteil: Es wäre eigentlich seine Pflicht, die beiden Menschen wieder aus seinem Leben zu verdrängen. „Did you see the way he looks at you?“ bedeutet so nichts anderes, als dass Jesse Brock durch den eigenen Lebenswandel gefährdet. Das „if she loves you, she will understand“ ist so scheinheilig wie durchtrieben.
Menschliches Gift
Walters toxische Wirkung auf die Menschen in seiner Umgebung zeigt bei Skyler seine Auswirkungen. Als Marie (Betsy Brandt) auf Walters anstehenden Geburtstag zu sprechen kommt, kann sie sich nicht mehr beherrschen. So zerbricht die Frau an dem gravierenden Unterschied zwischen Walters gütiger Fassade und seiner schrecklichen wahren Natur, über die Skyler jedoch kein Wort verlieren darf.
Als Marie Walter daraufhin in die Enge treibt, nutzt er auf brilliant-perverse Art Skylers Affäre mit Ted (Christopher Cousins), um Maries Sorgen zu zerstreuen und dabei gleichzeitig sein eigenes Ansehen zu wahren. Danach schlägt er seine Zähne beherzt in die Frucht der Sünde, anstatt sich um das Wrack am anderen Ende des Flures zu kümmern, das einmal seine Frau gewesen ist. Sicherlich gehen Walt die Schwäche Skylers und die Intervention seiner Schwägerin auf die Nerven. Dabei labt er sich aber gleichzeitig auch an der eigenen Überlegenheit. Das wahre Familienglück hat er längst seinem selbstherrlichen Feldzug geopfert.
Wahrscheinlich sieht er sich insgeheim selbst als den tragischen Helden des Films, den er sich mit Holly und Walter Jr. (RJ Mitte) ansieht. In Anbetracht des Maschinengewehres, das Walter zu Beginn der fünften Staffel in einem Ausblick erwirbt, wird mithilfe von „Scarface“ eine unheilvolle Zukunftsprognose inszeniert.
In einem wohldurchdachten Übergang von Gewehrsalven zu dem Rattern einer Geldzählmaschine in der Realität von Breaking Bad wird deutlich, dass schmutziges Geld immer mit einem Preis verbunden ist.
Paytime
Alles, was bleibt, sind 137.000 Dollar. Nicht nur die Fahrer und Saul wollen bezahlt werden - auch das Schweigen der neun Inhaftierten hat seinen Preis.
Das neuerliche Kräftemessen zwischen Walt und Mike entscheidet Mike für sich. Besonders seine offene Anfeindung von Walts Ego („Just because you shot Jesse James, don't make you Jesse James“) wirkt vor dem Hintergrund von dessen florierendem Größenwahn wie eine kaum tolerierbare Schmähung.
Als Jesse seinem vermeintlichen Vertrauten von dem Ende der Beziehung mit Andrea berichtet, macht sich Walter nicht einmal die Mühe, überrascht oder gar betroffen zu tun - schließlich war er es, der die Trennung durch umgekehrte Psychologie in die Wege leitete.
Zum Abschied formuliert Walt anhand von Victors (Jeremiah Bitsui) Schicksal eine Drohung. Die abgeklärte Konsequenz, mit der Gus seinem Mitarbeiter das Teppichmesser in den Hals rammte, erscheint ihm heute nicht mehr all zu abwegig - Mike sollte bei all seiner Erfahrung darauf achten, nicht zu nah an die Sonne zu fliegen. Eine alles verzehrende Sonne namens Heisenberg.
Fazit
Im Vergleich zu den ersten beiden Episoden der finalen Staffel von Breaking Bad, kann Hazard Pay nicht in dem gleichen Maße packen. Zwar wird Skylers Labilität genauso gut inszeniert wie Walts zunehmende Gier. Auch das Kräftemessen mit Mike überzeugt. Doch war schon zuvor deutlich geworden, wie herzlos Walter Jesse für seine Zwecke instrumentalisiert. Auch ist die komplette Abwesenheit von Hank (Dean Norris) zu bemängeln.
Abseits der - sehr genialen - Lösung für das Problem einer passenden Kochstätte, scheint die Episode aufgrund der langsamen Machart zeitweise auf der Stelle zu treten. Dabei wird jedoch die Grundlage für ein neuerlich florierendes Meth-Geschäft gelegt.
Nichtsdestotrotz ist auch die dritte Episode definitiv unterhaltsam. Bemerkenswert sind neben der beeindruckenden Kameraführung auch die kleinen humoristischen Details. Ob beim Klaviervirtuosen Pete oder bei Mikes einschwörenden Rede vor den langfingrigen Kammerjägern - immer wieder beweisen die Kreativen um Vince Gilligan ein Händchen für feinsinnigen Witz. Zwischen den schwerwiegenderen Handlungsmomenten werden den Zuschauern so kurze Entspannungssequenzen eingeräumt.
Seit Walters Diagnose ist erst ein Jahr vergangen - und doch hat sich sein Charakter komplett gewandelt. Er vergiftet sein gesamtes Umfeld und scheint dabei - im Gegensatz zu Mike - die Gefahr zu unterschätzen. Es wird mehr als spannend, zu verfolgen, welche Rolle der aufmerksame Kammerjäger Todd in der Zukunft spielen wird, und - vor allem - wie lange Jesse als harmoniestiftender Puffer das Dreiergespann mit Walt und Mike noch zusammenhalten kann.
Inside Breaking Bad: Hazard Pay
[videosj=Inside Breaking Bad 5x03 _Hazard Pay_] Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 30. Juli 2012(Breaking Bad 5x03)
Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x03
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?