Breaking Bad 5x02

Breaking Bad 5x02

In einer Exkursion nach Deutschland offenbart sich die globale Tragweite von Gus' Niedergang. Zudem begeistert die Breaking Bad-Episode Madrigal durch tiefe Einblicke in das wahre Innere der Charaktere. Als Bonus gibt es kriminelle Brillanz und ein Ende, das ein Thriller ist.

Bryan Cranston ist Walter White in „Breaking Bad“ / (c) AMC
Bryan Cranston ist Walter White in „Breaking Bad“ / (c) AMC

Breaking German

Die Episode Madrigal nimmt in Deutschland ihren Lauf. Genauer gesagt in der dortigen Niederlassung von Madrigal Elektromotoren, dem Mutterkonzern, zu dem auch Gus Frings (Giancarlo Esposito) Pollos Hermanos gehörte.

Der (stereo)typische Deutsche kommt gleich in vielfacher Ausfertigung in die Anfangssequenz marschiert. Korrekt, effektiv und auf eine anstrengende Weise phantasielos. Der leicht amerikanische Einschlag im Deutsch des Darstellers, der den Sprecher der Chemiker mimt, ist für nicht-deutsche Zuschauer nicht wahrnehmbar, und ist nur ein unbedeutendes Detail. Allerdings wäre in Deutschland sicherlich kein Mangel an Statisten gewesen, die liebend gern seinen Part übernommen hätten.

Abseits von diesem kleinen Schönheitsfehler ist es aber durchaus interessant, Carrington Vilmont dabei zuzusehen, wie sich ein deutscher Chemiker wohl verhalten sollte. Das deutsche Wesen wird von der Großkücheneinrichtung reflektiert: Pragmatisch, ohne gefühlsduselige Spielereien und mit einem Hang zur sterilen Funktionalität.

In erster Linie geht es aber um Herrn Schuler (Norbert Weisser). Er hat augenscheinlich größere Sorgen als die möglichst kosteneffiziente Zusammensetzung neuer Saucen.

Sein drängenderer Grund zur Sorge wird von Regisseurin Michelle MacLaren wenig später symbolisch verdeutlicht, als das Logo von „Pollos Hermanos“ aus dem Gestirn der verschiedenen Fast-Food-Ketten entfernt wird. So erweisen zwei Arbeiter dem Vermächtnis von Walters bislang mächtigsten Opfer die letzte Ehre. Auf Schulers Gesicht kann man dabei zunächst höchstens so etwas wie eine leichte Erschöpfung ablesen. Er verkörpert die Autorität eines Mannes, der sich Vieles erarbeitet hat, und der nicht dazu bereit ist, sich einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen.

Dennoch ist auch er zu einem Opfer der Lawine geworden, die Heisenberg losgetreten hat. Herrn Schuler wird als Zugehörigem der deutschen Nationalität ein höchst innovativer Abgang zuteil. Kalkuliert, effizient und ordentlich bis zum Schluss, kommt es durch den Tod durch Defibrillation nicht einmal zu einer lästigen Sauerei - und der Geschäftsmann kann sich bis zum Schluss an den Errungenschaften der Technik erfreuen.

Ricin

Walter (Bryan Cranston) hingegen, denkt an die Zukunft. Er spült das tödliche Gift Ricin, das Sauls Bodyguard Huell (Lavell Crawford) zuvor von Jesse (Aaron Paul) gestohlen hatte, nicht einfach das Klo hinunter. Der Heisenberg in ihm hebt es lieber für später auf - man weiß ja nie.

Während Jesse sich darüber entrüstet, dass ein Unschuldiger durch seine Fahrlässigkeit zu schulden kommen könnte, wird die Kälte offensichtlich, die sich Walters inzwischen bemächtigt hat: Jesse ist nicht sein Schüler, oder gar sein Freund. Er ist ein nützliches Werkzeug, dessen emotionale Stabilität gewahrt bleiben sollte, um es nicht unbrauchbar zu machen.

Unkonventionelle Kamerafahrten und ungewöhnlich lebhafte Musik unterstreichen dabei Walters Perspektive: Alles ist ein wohl durchdachtes Spiel. Er hat das Gift und bereitet nun den nächsten Schritt vor, um Jesse weiterhin an sich zu binden. Wie die musikalische Untermalung dieser Scharade bereits berichtet, werden hier keine echten Antworten zu finden sein.

In seiner fingierten Herangehensweise ähnelt Walt dem toten Schuler. Auch er bedient sich mit dem Reinigungsroboter einer technischen Spielerei für die Drecksarbeit. Eine leichte Andeutung Walters genügt, um den weniger scharfsinnigen Jesse auf die sorgfältig vorbereitete Spur zu bringen, und sich selbst gleichzeitig weiter von jeglichen Verdachtsmomenten zu distanzieren. Besonders im Lichte von Jesses rührendem Gefühlsausbruch, wird Walters kaltes Kalkül deutlich. Auch Walters Lobeshymne auf den bedingungslosen Zusammenhalt ist weniger ein Dank für Jesses bisherige Aufopferung, als ein eingeübter Ansporn für das, was noch kommt.

As we go foreward...

In Walters vager Andeutung „As we go foreward“ ist auch die Partizipation von Mike (Jonathan Banks) vorgesehen. So bekommt dieser keine Zeit zugestanden, um sich zu einer Sequenz von „The Caine Mutiny“ auszukurieren. Dabei wird scharfsinnig eine Parallele zwischen Walter und dem durch Humphrey Bogart porträtierten Kapitän aus dem Film angedeutet. Aufgrund von dessen rücksichtsloses Treiben schließlich zu einer Meuterei seiner Besatzung führt.

Während Walters perfides Spiel Jesse wieder zu einem loyalen Partner gemacht hat, erkennt der Routinier Mike hinter Walters nüchterner Geschäftstüchtigkeit die „tickende Zeitbombe“. Trotzdem erkennt der Mann fürs Grobe auch die Urgewalt an, die mit dem neuen Mr. White einhergeht. Trotz aller Bedenken gibt er seinem Gegenüber die Hand - ein Beweis für Walters nicht mehr zu leugnende Macht.

Hank (Dean Norris) ist unterdessen so determiniert wie eh und je. Dieser sture Charakterzug spiegelt sich auch darin wieder, dass der DEA-Ermittler bereits wieder auf seine Krücke verzichtet.

Der CEO von Madrigal Elektromotoren betitelt den aufgeflogenen Schuler als „Lone Anormaly“, was die Frage aufkommen lässt, ob mit dem Toten wirklich schon die Spitze des hierarchischen Methberges erreicht ist.

In einem Gespräch zwischen Hank und seinem Vorgesetzten Merkert (Michael Shamus Wiles) wird Gus Frings (Giancarlo Esposito) Ruf als überaus vorsichtiger Zeitgenosse posthum rehabilitiert. So wird offenbart, dass die Videoaufnahmen auf dessen Laptop nicht bedenkenlos ungesichert auf der Festplatte lagerten. Während Merkert darüber resümiert, wie Gus direkt „vor seiner Nase“ ein doppeltes Spiel gespielt hatte, versucht die Kamera förmlich - im Einklang mit den expliziten Formulierungen - auch Hank zu der Erkenntnis zu verhelfen, dass auch in seinem Umfeld der Schein über als Sein dominiert.

Prophylaktischer Mord

Das Augenmerk fällt nun auf den weiblichen Neuzugang Lydia (Laura Fraser). Die junge Frau ist eine Angestellte der Madrigal Electromotive GmbH und war in dieser Funktion bereits während des Treffens mit der DEA von der Kamera eingeführt worden. Bei ihrem Treffen mit Mike im Diner outet sie sich nicht nur durch ihre extravagante Bestellung als Kontrollfreak mit einem Hang zur Paranoia. Ihre Vorsichtsmaßnahmen übertreffen sogar die, die Mike in seinem Verhaltenskodex etabliert hat. Er ist dementsprechend nicht gewillt, „prophylaktisch“ das Leben von elf Männern auszulöschen. Neben Jesse wird so auch Mike ein Stück weit Menschlichkeit zugeschrieben - zumindest ist er noch dazu in der Lage, Menschen zu vertrauen.

Skyler (Anna Gunn) befindet sich währenddessen mit Haut und Haaren unter Walts Kontrolle. Während sich dieser vordergründig liebevoll um seine Frau zu kümmern scheint, lässt er ihr weder die Freiheit, den Zeitpunkt zum Aufstehen zu wählen, noch darf sie sich selbst ihre eigenen Cornflakes auftun. In Walts Plan ist es wichtig, dass die Frau an seiner Seite funktioniert. Er ist nicht länger an ihrer Wertschätzung interessiert, sondern will vermeiden, durch eventuelle Eskapaden ihrerseits Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Mentales Poker und der Schwachpunkt Mensch

Während die DEA ihre Untersuchungen vorantreibt, muss auch Mike sich einem Verhör durch Hank stellen. Die beiden Experten für ihr jeweiliges Gebiet liefern sich dabei ein furioses Mental-Poker. Obwohl der Gedanke daran, dass seine Enkelin gerade ihrer gesicherten Zukunft beraubt wurde, Mike sehr zu schaffen macht, bleibt er hart und seiner Berufsehre verpflichtet - in dem Maße, in dem er es auch von seinen Männern erwartet. Vorerst kommt es so zu einem Unentschieden. Während Hank zwar mit immer detaillierteren Informationen die besseren Karten zu haben scheint, sollte man nicht erwarten, dass Mike bereits alle Asse ausgespielt hat. Zudem bringt die Intervention der DEA Gus' früheren Bereiniger in die missliche Lage, wieder auf einen lukrativen Verdienst angewiesen zu sein.

Chow (James Ning), der einst für die Gus' chemische Reinigung verantwortlich war, lockt Mike in eine Falle. Was die Drohungen der DEA-Kräfte nicht vermochten, schafft nun eine geladene Waffe.

Doch Mike hat nicht so lange überlebt, weil er sich unvorsichtig verhält. Das Werkzeug in seinem neuerlichen Geniestreich ist netterweise ein bewegliches Stoffschwein, das liebevolle Erinnerungen an den pinken Teddy wachruft, den Walter in der dritten Staffel von Breaking Bad aus dem Pool gefischt hatte.

Die Killer Chris (Christopher King) und Mike sitzen sich gegenüber. Wie ein Puffer zwischen den beiden wirkt der Kopf von Chow. Anhand der Fliege, die dort ihre Runden dreht wird wieder einmal deutlich, dass kein Element nur zufällig in der Szenerie vorhanden ist. Das Insekt deutet an, was einige Sekunden später grimmige Gewissheit wird: Chow ist bereits tot. Mit ihm hat der von der panischen Lydia angeheuerte Chris den ersten der elf Männer ermordet, die sie in Gefahr hätten bringen können. Während Mike seine weiteren Pläne entwickelt, verweilt er in einem Moment der Ruhe in der Gesellschaft der beiden Leblosen.

Anstatt Lydia unverzüglich für ihre Tat bezahlen zu lassen, lässt sich Mike durch seinen einzigen Schwachpunkt zurückhalten: Lydias kleine Tochter. Und die Aussicht auf das Leiden, das das Verschwinden oder gar der Tod ihrer Mutter für deren Zukunftsaussichten bedeuten würde. Seine menschliche Anwandlung geschieht sicher auch in Kombination mit der unumgänglich gewordenen Zusammenarbeit mit Walter. Immerhin kann Lydia aufgrund ihrer verbleibenden Kontakte als wichtige Quelle für das knappe Methylamin herhalten.

Thriller

Walters Untätigkeit, zu der er ohne Mikes weitreichende Kontakte verdammt war, kommt mit dessen Einverständnis zur Zusammenarbeit zu einem Ende. Bald wird Heisenberg die gelben Spülhandschuhe wieder gegen einen Ganzkörper-Schutzanzug eintauschen können.

Walter ist mittlerweile entweder zu mechanisch, oder zu größenwahnsinnig veranlagt, um die erfreuliche Wendung mit auch nur dem Anflug eines Lächelns zu würdigen. Walters emotionsarmem Ausdruck heftet keinerlei gezwungene Coolness mehr an. Dies ist der echte Walter. Eine Maske legt er erst auf, als er im nächsten Moment bei Skyler vor sich hin plappert. Hinter den harmlosen Belanglosigkeiten verbirgt sich ein tiefer Abgrund.

Nie hat man so sehr mit Skyler gelitten wie in der Schlusssequenz dieser Episode. Obwohl man kaum mehr von Walter wahrnimmt als seine Stimme, gefriert einem das Blut in den Adern als man das Öffnen seines Reißverschlusses vernimmt. Die Nackenhaare sträuben sich, als er dabei von Familie spricht, während Skyler sich in ihr Kissen krallt. In Anbetracht von Walters unangefochtener Allmachtstellung ist „Familie“ nicht mehr als eine bloße Hülse, mit der Walt seinen egomanischen Trip rechtfertigt... Einen Trip, der längst nicht mehr durch die Sorge um seine Liebsten beeinträchtigt wird.

Fazit

Während Walter sich entkleidet, dienen Sätze wie „es wird leichter“ nur vordergründig dazu, seiner Ehefrau Mut zu machen. Eigentlich handelt es sich bei ihnen um eine Selbstdiagnose. Aus dieser kann man den Grad an emotionaler Verrohung ablesen, der mittlerweile auf Walt zutrifft. So hat der ehemalige Chemielehrer mittlerweile nicht mehr damit zu kämpfen, Unrecht zu tun - so lange es „aus guten Gründen“ passiert. Da Walter selbst darüber entscheidet was gut ist, muss er sich keiner moralischen Instanz gegenüber mehr verantworten.

Die Episode Madrigal liefert nicht nur einen tiefen Einblick in Walters verrohtes Innenleben. Gleichzeitig wird - nicht zuletzt mit Hilfe der „The Caine Mutiny“-Metapher - der unumgängliche Niedergang Heisenbergs angedeutet. Die Sympathiepunkte, die Walter mehr und mehr abhanden kommen, können Jesse und auch Mike auf ihrem Konto gutschreiben. Mikes großartige Fähigkeiten zur Problemlösung begeistern dabei genauso wie sein gnädiges Urteil über Lydia - auch wenn von diesem labilen Charakter zukünftig wenig Gutes zu erwarten ist. Jesse ist herzerwärmend menschlich und erweckt aufgrund seiner totalen Instrumentalisierung Mitleid - ähnlich wie Skyler.

Bei gewohnt phänomenalem Kameraeinsatz entspinnt sich so eine weitere brillante Episode. Man darf darauf gespannt sein, wer Walters selbstsüchtigem Streifzug als nächstes zum Opfer fallen wird.

Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 23. Juli 2012
Episode
Staffel 5, Episode 2
(Breaking Bad 5x02)
Titel der Episode im Original
Madrigal
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 22. Juli 2012 (AMC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 11. Oktober 2012
Autor
Vince Gilligan
Regisseur
Michelle MacLaren

Schauspieler in der Episode Breaking Bad 5x02

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