American Gods 1x06

American Gods 1x06

A Murder of Gods dient nicht nur der weiteren Vorbereitung des zentralen Konflikts der Serie zwischen den alten und neuen Göttern, die Episode hat auch etliche erfrischende Charaktermomente sowie eine wunderbare Parabel zum mitunter absurden Waffenkult in den USA zu bieten.

Corbin Bernsen und Ian McShane in „A Murder of Gods“ / (c) Starz
Corbin Bernsen und Ian McShane in „A Murder of Gods“ / (c) Starz
© orbin Bernsen und Ian McShane in „A Murder of Gods“ / (c) Starz

A Murder of Gods, die sechste Episode das Fantasydramas American Gods, lässt sich auf dem Papier relativ einfach in drei unterschiedliche Handlungsebenen einteilen: Den Anfang macht mal wieder ein „Coming to America“-Prolog, der dieses Mal in der Gegenwart stattfindet und ein paar mexikanische Migranten auf ihrem Weg in die USA zeigt. Der Großteil der Episode wird indes von einem ständigen Hin und Her zwischen Shadow (Ricky Whittle) und Mr. Wednesday (Ian McShane) auf der einen sowie Shadows Frau Laura (Emily Browning) mitsamt neuen Begleitern auf der anderen Seite bestimmt.

Die verschiedenen Erzählstränge gestalten sich dabei sehr geradlinig, während sich das visuelle Spektakel eher in Grenzen hält. „American Gods“ präsentiert sich in dieser Ausgabe etwas nachdenklicher als sonst und setzt mehr auf fein geschliffene Dialoge und tiefsinnige Überlegungen - eine Rechnung, die größtenteils aufgeht. Hier und da wünscht man sich vielleicht etwas mehr Aufregung und Wahnsinn, schreitet die Handlung doch vergleichsweise gemächlich voran. Dennoch hat „A Murder of Gods“ mehrere starke Szenen im Angebot, so zusammenhanglos einem die einzelnen Handlungsstränge bisweilen auch erscheinen.

Through the window

Mit einem weiterhin famosen, teilweise sehr jazzigen und verräterischen Soundtrack unterlegt und in schicken Bildern (darunter zahlreiche fantastische Detailaufnahmen) verpackt, entwickelt die bis dato kürzeste Folge der achtteiligen ersten Staffel von „American Gods“ recht schnell eine besondere Eigendynamik sowie einen angenehmen Erzählfluss, selbst wenn die gewaltigen Ahamomente dieses Mal weitgehend ausbleiben. Es geht aber auch ohne die bisherigen Alleinstellungsmerkmale dieser immer wieder surrealen Serienproduktion, was in „A Murder of Gods“ vor allem am feinen Drehbuch von Bryan Fuller, Michael Green und Seamus Kevin Fahey liegt.

Not saved yet

Nach der sehenswerten „Coming to America“-Kurzgeschichte in animierter Form aus der letzten Episode Lemon Scented You nehmen uns die Macher in dieser Woche ausnahmsweise mal nicht mit in die mehr oder minder weit entfernte Vergangenheit. Auch heutzutage begeben sich viele Menschen auf die beschwerliche Reise in das Land der Träumer und bringen dabei ihren Glauben sowie ihre persönlichen Überzeugungen mit sich. Die Geschichte über ein paar Mexikaner und Mexikanerinnen, die den Rio Grande überqueren, von einem Neuanfang in den USA träumen und die Chance auf ein besseres Leben wahrnehmen wollen, nimmt jedoch schnell eine sehr tragische Wendung - und zeichnet ein Bild des modernen Amerikas, das leider schon lange nicht mehr nur Fiktion ist...

Das Absurde an dem schrecklichen Massaker ist, dass die Flüchtlinge und ihre Mörder offensichtlich der gleiche Glaube an Jesus Christus verbindet. Dieser - genauer die mexikanische Version von ihm - wird jedoch sinnbildlich selbst zum Opfer dieser blutigen Schießerei, bei der Männer, Frauen und Kinder kaltblütig abgeschlachtet werden. Wenn sich Anhänger des gleichen Glaubens gegenseitig meucheln, wenn sie sich von irrationaler Angst, Intoleranz und Hass leiten lassen, dann leidet auch der Glaube selbst darunter. Aber den schießwütigen Übeltätern ist wohl nicht einmal mehr bewusst, dass sie die eigentlichen Werte ihres ursprünglichen Glaubens mit Füßen treten und ohne mit der Wimper zu zucken Gleichgesinnte umbringen.

Starz
Starz - © Starz

The power of fire

Möglicherweise ist das so, weil sie schon längst einen neuen Gott gefunden haben und von diesem korrumpiert wurden. Bühne frei für den mächtigen Gott des Schießeisens und der Feuerkraft, der aufgrund der speziellen Waffenkultur in den USA in den letzten Jahrzehnten ein enormes Hoch erfahren hat.

Mit der Einführung von Vulcan (Corbin Bernsen), in der römischen Mythologie der antike Gott des Feuers, der Vulkane und des Schmiedehandwerks, legen die Macher von American Gods den Finger in die Wunde und rechnen gnadenlos mit einem großen Streitthema in den USA ab: der dortige Waffenkult und die damit einhergehenden Gefahren. Natürlich wird das Problem in A Murder of Gods besonders extrem dargestellt, doch anders kann man auch nicht den gewünschten Effekt erzielen.

Nachdem Shadow und Mr. Wednesday ihrer misslichen Lage in „Lemon Scented You, American Gods“ entkommen konnten und letzterer ersterem noch fix ein seltsames Wurzelgewächs entfernt hat, führt es das Duo nach Virginia in das beschauliche Städtchen Vulcan, in dessen Zentrum eine gigantische Munitionsfabrik wie eine Art Tempel oder gar Herrschaftssitz emporragt. Die Straßen sind wie geleckt, die amerikanische Nationalflagge weht im Wind, wir sehen den scheinbar perfekten Vorzeigeort. Doch es dauert nicht lang, da wecken die Szenen in Vulcan ein Gefühl des Unbehagens in mir und unserem Hauptcharakter Shadow.

Find your faith

Überall, wo man nur hinblickt, sehen wir Waffen. Ob alt oder neu, ob in den Händen einer klapprigen Oma oder über die Schulter eines jungen Mädchens geworfen - an diesem Ort werden Gewehre, Pistolen und alles andere, was man auf- sowie abmunitionieren kann wie religiöse Artefakte verehrt und zur Schau getragen. Den Höhepunkt markiert eine bizarre Parade, bei der ich mich irgendwie zwischen einem fassungslosen Kopfschütteln und einem leichten Lachen erwische. Vulcan hat sich einen beschaulichen Mikrokosmos erschaffen, zieht seine anhaltende Macht aus fleischlichen Opfergaben (unglückliche Betriebsunfälle gibt es immer mal wieder...) und aus der Hingabe der Stadtbewohner zu ihren Waffen. Jede Kugel, die abgefeuert wird, jeder Mord, der durch eine Schusswaffe begangen wird, ermächtigt Vulcan.

Die Macht, ein Menschenleben binnen weniger Millisekunden auszulöschen, hat seine „Anhänger“ zu einer treuen Schar an Verfechtern des Glaubens an die Feuerkraft gemacht. Es ist ein groteskes Gleichnis, doch diese neue Form des Glaubens ergibt erschreckend viel Sinn. So, wie sich Menschen heutzutage devot dem Internet und den Medien verschreiben, so lassen sie sich auch von der Macht des Schießeisens vernebeln, das sie zu Göttern machen kann. Vulcan hat das Potential dieser „modernen Glaubensrichtung“ erkannt und profitiert jetzt davon. Dabei hat er wohl auch etwas Unterstützung von den modernen Göttern wie Mr. World oder Media bekommen (allein der Begriff „Franchise“ im Zusammenhang mit Glauben ist ein erstes Indiz), wie sich später zeigt, als klarwird, dass er Wednesday und Shadow verraten hat.

Tossed in the volcano

Wednesday, der zunächst viel Hoffnung in seinen alten Weggefährten gesteckt hat, weiß aus Vulcans Illoyalität jedoch sogleich einen Vorteil zu schlagen. So will er den Feuergott - den er sauber mit der Klinge enthauptet, die ihm Vulcan gerade noch geschmiedet hat - als Märtyrerfigur für seine Zwecke nutzen, um weitere Verbündete zu gewinnen. Er gibt sich nicht damit zufrieden, die nahende Flut einfach so über sich ergehen zu lassen und verabschiedet sich mit einem kleinen Fluch von seinem ehemaligen Bekannten Vulcan. Für Shadow ist all dies indes eine weitere unglaubliche Episode, die die Grenzen seiner Vorstellungskraft und seines Glaubens sprengt.

Und das ist mittlerweile vielleicht ein kleines Problem, weil sich das Thema wiederholt. Die Gespräche zwischen Shadow und Wednesday sind nach wie vor größtenteils von der Diskussion geprägt, ob sich der Exsträfling auf all die verrückten neuen Dinge um sich herum einlassen kann oder nicht. Dieses Spielchen haben wir nun schon ein paar Mal durchgemacht, wodurch sich Shadow in seiner Rolle als ungläubiger, völlig überforderter Charakter langsam etwas abnutzt. Abseits davon ist es aber ein absoluter Genuss, Ian McShane und Corbin Bernsen bei der perfekten Wiedergabe der mit so viel Subtext gefüllten Dialoge zusehen und zuhören zu dürfen. Und auch das Setdesign der Örtlichkeiten in Vulcan sowie die schicken Aufnahmen im Zuge der Minutionsherstellung können sich sehen lassen.

Starz
Starz - © Starz

Fade away

Der zweite Haupthandlungsstrang von A Murder of Gods dreht sich indes um Laura, die immer noch darauf hofft, ihr altes Leben mit Shadow zurückzubekommen, nachdem sie von den Toten zurückgekehrt ist. Wednesday hat wenig Interesse daran, dass sein Begleiter weiterhin von Laura abgelenkt wird, weshalb er versucht, Shadow davon zu überzeugen, dass er sie doch gar nicht braucht. Und auch Laura kommt ein wenig ins Grübeln, ob es wirklich so ratsam ist, sich an ihr altes Leben zu klammern. Vielleicht sollte sie ihre zweite Chance anderweitig nutzen. Wobei: In Shadow sieht sie eine Möglichkeit, wieder zu leben, zumindest gibt er ihr dieses Gefühl. Oder ist dies nur eine Illusion und existieren andere Wege, wirklich wiederaufzuerstehen?

Schenkt man Leprechaun Mad Sweeney Glauben, dann kennt er jemanden, der Laura helfen kann. Wobei man die Worte des vulgären Kobolds mit Vorsicht genießen sollte, will er doch eigentlich nur seine Glücksmünze zurück...

Gemeinsam starten die beiden nun ihren eigenen kleinen Roadtrip und werden dabei von dem Taxifahrer aus der Episode Head Full of Snow begleitet, der sich auf der Suche nach dem Dschinn befindet. Zugegeben, die Zusammenkunft dieser Charaktere ist etwas beliebig und kommt recht unerwartet. Das ändert aber nicht viel daran, dass die Kombination dieses Trio ungemein kurzweilig und abwechslungsreich ist. Dieser bunt zusammengewürfelte Haufen an speziellen Charakteren hat einen extrem hohen Unterhaltungswert. Den guten Darstellern und dem scharfzüngigen, oft sehr derben (Stichwort „Lepracunt“...) Drehbuch sei Dank.

Dazed and confused

In Emily Browning und Pablo Schreiber haben sich zwei gefunden, die sich in ihren Rollen großartig belappen und gleichzeitig binnen kürzester Zeit eine starke Dynamik untereinander aufgebaut haben. Die Interaktion der beiden macht schlichtweg großen Spaß, während Omid Abtahi eine gewisse Sensibilität und Verletzlichkeit mit sich bringt, was hervorragend als Gegengewicht zu den kernigen Wortgefechten passt, die sich Laura mit Mad Sweeney liefert. Sweeney ist ein egoistischer, unflätiger Grobian, desillusioniert, selbstgefällig und, egal wie abgedreht seine Umwelt auch ist, nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Salim hingegen ist hingebungsvoll, bescheiden, dankbar und auf der Suche nach der Person, die seinem Leben einen neuen Sinn gegeben hat.

A new life

Laura befindet sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen: viel zu cool, um sich von irgendwelchen übernatürlichen Göttergeschichten beeindrucken zu lassen, aber zeitgleich verunsichert und ahnungslos, was sie als Nächstes tun soll. Es geht ein wunderbarer Reiz von dieser eigenwilligen Kombination an grundverschiedenen Charakteren mit unterschiedlichen Ansichten, Lebensphilosophien und Überzeugungen aus, was dieses Trio an Nebenfiguren derzeit aufregender als unsere Hauptfigur Shadow Moon macht. Lauras weiterer Weg weckt mein Interesse und auch die Frage, die sie sich indirekt stellt, was sie zum Leben braucht, macht neugierig.

Manch einer lässt sich von seinem Glauben führen, siehe Salim. Andere denken nur an sich und werden von ihrem Selbsterhaltungstrieb gesteuert (Mad Sweeney). Der Nächste kann nur existieren, wenn er von Macht erfüllt ist und ihm Anerkennung sowie Aufmerksamkeit gegeben wird (Vulcan). Und Laura? Sie sieht in der Liebe zu Shadow einen Schlüssel zum Erfolg, ein Mittel, ihr Leben neuzustarten. Aber ist es so einfach? Hat Shadow und jeder andere, so auch ihre eigene Mutter, sie nicht schon längst vergessen? Und wer sagt, dass sie diese Liebe wirklich erfüllt? Dies war nicht der Fall, als sie noch lebendig war. Laura befindet sich auf der Suche, nach was auch immer. Und das ist überraschend spannend mit anzusehen.

Verfasser: Felix Böhme am Montag, 5. Juni 2017
Episode
Staffel 1, Episode 6
(American Gods 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Ein Götterschwarm
Titel der Episode im Original
A Murder of Gods
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. Juni 2017 (Starz)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 5. Juni 2017
Regisseur
Adam Kane

Schauspieler in der Episode American Gods 1x06

Darsteller
Rolle
Emily Browning
Crispin Glover
Bruce Langley
Yetide Badaki
Pablo Schreiber

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