American Gods 1x05

American Gods 1x05

Lemon Scented You kommt etwas langsam in Fahrt und entwickelt sich erst in seiner zweiten Hälfte zu einer interessanten, mitunter sehr spannenden Erzählung, die reich an neuen Informationen ist. Dabei sticht vor allem das Aufeinandertreffen einiger mächtiger Figuren im Spiel der Götter heraus.

Mr. World (Crispin Glover) in „Lemon Scented You“ / (c) Starz
Mr. World (Crispin Glover) in „Lemon Scented You“ / (c) Starz
© r. World (Crispin Glover) in „Lemon Scented You“ / (c) Starz

Nachdem in der letzten Episode Git Gone der Fokus allen voran auf Laura Moon (Emily Browning) gerichtet war und sich dadurch eine kleine Charakterstudie ergeben hat, die eine willkommende Abwechslung zu dem nach wie vor eher undurchsichtigen Plot der Serie darstellte, widmen sich die Macher in Lemon Scented You wieder dem großen Gesamtbild und der Frage, wohin die Reise des Fantasydramas eigentlich hinführen soll. Und auch wenn die Charaktere an sich eher kurz kommen, bereichern die neuen Informationen, die wir hier erhalten, unser Verständnis von der Serie und der Welt, in der diese stattfindet.

Es geht den Drehbuchautoren und Regisseur Vincenzo Natali (ein weiterer Hannibal-Alumni, der zuletzt zum Beispiel auch an der HBO-Serie Westworld gearbeitet hat) dabei vorwiegend um den Plot und darum, etwas mehr Klarheit bezüglich dem bevorstehenden Krieg zwischen den alten und neuen Göttern zu schaffen - wenn es denn überhaupt so weit kommt. Zunächst greift man aber verständlicherweise noch einmal die Wiederauferstehung der Laura Moon auf, die ihren liebsten Shadow (Ricky Whittle) konfrontiert. Dieser Teil der Episode ist es aber, bei sich „Lemon Scented You“ meiner Ansicht nach am schwächsten präsentiert und sich oftmals gefühlt unnötig hinzieht.

One last time with feeling

Im Endeffekt berichtet Laura ihrem Gatten Shadow noch einmal genau, was wir bereits in der letzten Episode gesehen haben. Inhaltlich ist dies also nicht besonders interessant für uns, weil wir schon aus erster Hand von ihre Untreue und ihrem nihilistischen Verhalten erfahren haben. Also müssen Emily Browning und Ricky Whittle uns auf andere Art und Weise fesseln. Doch genau das will hier nicht so recht funktionieren. Die Dynamik zwischen den beiden, die ich in der vorangegangenen Folge noch sehr solide und natürlich empfand, mag sich hier in den Szenen zwischen den beiden nicht wirklich entfalten. Im Endeffekt wird genau das ausformuliert, was sich viele längst gedacht haben: Laura kann anscheinend doch nicht ohne Shadow, dessen Liebe ihr wortwörtlich neues Leben einhaucht.

Unresolved issues

Shadow ist nachvollziehbarerweise etwas perplex, doch auch offen für diese unerwartete Entwicklung, hat er in letzter Zeit doch so einige verrückte Dinge erlebt. Die Versöhnung zwischen den ihm und Laura verläuft jedoch recht holprig und irgendwie gelingt es Whittle nicht - so sehr es auch versucht -, all die überwältigenden Emotionen im Inneren seines Charakters nach außen zu kehren und mich dadurch mitzureißen. Das Wiedersehen der beiden hätte ich mir tatsächlich etwas kraftvoller vorgestellt, auch wenn ich mir natürlich bewusst sind, dass die Umstände eher speziell sind.

Positiv ist immerhin, dass Shadow sich nicht gleich wieder von den unschuldigen Rehaugen seiner eigentlichen toten Ehefrau einlullen lässt und erst einmal darüber nachdenken muss, ob er sie so einfach wieder in sein Leben lassen kann. Lauras Eingeständnis, große Fehler begangen zu haben, wird von ihr indes sehr lapidar und fast schon reuelos vorgetragen, was es nicht gerade einfacher macht, mit dem Charakter zu sympathisieren. Zu allem Überfluss ziehen sich die Szenen um Laura und Shadow auch noch ziemlich hin, bis Shadow letztlich gemeinsam mit Mr. Wednesday von der Polizei gestellt wird und Laura im Motelzimmer zurückbleibt.

Starz
Starz - © Starz

Pluck that coin

Der eher fade Einstieg in die Episode kann glücklicherweise in der Folge aber gut aufgefangen werden, so zum Beispiel durch ein paar launige Momente zwischen Laura und dem glücklosen Kobold Mad Sweeney (immer noch bockstark: Pablo Schreiber), der nach wie vor seine verdammte Glücksmünze zurück haben will. Die Kombination dieser beiden Charaktere hat einen eigenwilligen Charme und zahlreiche amüsante Zwischentöne zu bieten. Was sich wie ein roter Faden durch Lemon Scented You zieht und vor allem beim Aufeinandertreffen von Laura und Mad Sweeney auffällt, ist derweil das hervorragende Sounddesign sowie der wunderbare Score, den man sich für diese Episode hat einfallen lassen.

Sweeneys „Thema“ wird musikalisch clever abgeändert und klingt teilweise wie eine kaputte Schallplatte, wodurch es perfekt zu seiner aktuellen, misslichen Lage passt, hat er doch einen harten Fall auf den Boden der Tatsachen hinter sich. Er kommt einfach nicht an seine mächtige Glücksmünze heran und bekommt dann auch noch eine ordentliche Abreibung von Laura verpasst. Wie diese ihren scheinbar gigantischen Gegenüber mal flugs durchs Zimmer schleudert, ruft in mir schon den einen oder anderen Lacher hervor. Ich fühle mich zwar etwas schlecht dabei, die brutale Badewannen-Szene zwischen den beiden ist jedoch ein komödiantischer Höhepunkt, spielt Laura ihren Angreifer doch fantastisch aus.

Jane Doe

Die Münze bleibt also erst einmal bei Laura. Vorerst. Denn bevor Sweeney sich ein letztes Mal aufbäumt, versucht er es noch mit ein paar kleinen Kopfspielchen, die Wirkung zeigen - so zumindest mein Eindruck. Denn Laura ist nur weil sie von den Toten zurückgekehrt ist noch lange nicht wieder lebendig. Irgendwann wird ihr Körper verwesen und dann holt sich Sweeney seinen kostbaren Schatz zurück. Der Gedanke daran, dass Lauras zweite Chance auf ein besseres Leben doch nur eine Illusion ist, scheint sie zu beschäftigen. Wer ist sie nach ihrer Wiederkehr wirklich? Kann sie Wiedergutmachung leisten und ihr altes Leben einfach so zurückbekommen, dieses Mal glücklich an der Seite von Shadow? Es ist bezeichnend, dass sie zum Ende der Episode in die Klamotten einer unidentifizierten Toten steigt. Sie macht hier gar einen sehr nachdenklichen, wenn nicht sogar rat- und ziellosen Eindruck auf mich.

Dead circuit

Das ist die eine Seite von „Lemon Scented You“ - grundsätzlich überschaubar und nicht all zu außergewöhnlich. „American Gods“ wäre jedoch nicht „American Gods“, wenn hier nicht in schöner Regelmäßigkeit ein wenig, wenn nicht sogar ziemlich heftig am Rad gedreht werden würde. Der zwischenzeitliche Auftritt von Gillian Anderson als „Media Bowie“ (oder lieber Gilly Stardust?), die den frechen Technical Boy (Bruce Langley) die Leviten liest, markiert dabei nur den Anfang eines abermals fantasievollen Kapitel, das die Tore zu der farbenprächtigen, übernatürlichen Welt dieser Serie weiter aufstößt. Und da sich die Episode bis zu diesem Zeitpunkt eher zurückgehalten hat, nimmt man die eher surreale Wendung der Handlung dankend an.

Shadow und Wednesday (dessen eigentlichen Namen ich auf der nächste Seite jetzt endlich ausschreiben werde, da es in „Lemon Scented You“ sehr eindeutig ist und mittlerweile jeder im Bilde sein dürfte, wer er wirklich ist) werden zunächst von der Obrigkeit ein wenig durch die Mangel genommen, behaupten sich jedoch ganz gut gegen die Befragung. Der stoische Shadow bleibt unbeeindruckt, während Wednesday großartig den senilen, unwissenden Knacker raushängen lässt, um dann dem Polizisten gegenüber einfach alles über einen alten slawischen Totengott, irgendeinen Anansi (der übrigens bei der Befreiung der beiden von großer Hilfe ist) und weiß der Geier was noch zu erzählen. Wer's glaubt...

Starz
Starz - © Starz

Reality reprogrammed

Es stellt sich heraus, dass Shadow und Wednesday wohl in das Visier von sehr mächtigen Feinden geraten sind, die sie an die Polizei ausgeliefert haben. Und diese Widersacher Wednesdays lassen sich auch nicht lange bitten, um ein klärendes Gespräch unter Konkurrenten zu suchen. Zunächst schwebt erneut Gillian Anderson ins Verhörzimmer, dieses Mal als Marilyn Monroe hergerichtet, die damals natürlich vom CIA umgebracht wurde, um die dunklen Geheimnisse von Liebhaber John F. Kennedy zu bewahren. Es folgt ein Anzugsträger, einnehmend von Crispin Glover gespielt, der sich als Mr. World entpuppt, der An- und Redelsführer der neuen, modernen Gottheiten. Mr. World möchte aber keinen Konflikt säen, er will die alten Gottheiten viel lieber für seine Zwecke „akquirieren“ und unter seiner Schirmherrschaft kontrollieren. Es muss doch wahrlich nicht gleich ein Krieg sein.

Zusätzlich soll sich die Rotznase Technical Boy bei Shadow und Wednesday entschuldigen, nachdem er einen harten Rüffel von Media erhalten hatte. Durch sein aus der Reihe Tanzen hat er eine lodernde Glut entzündet, die nun Feuer zu fangen droht - etwas, das Mr. World überhaupt nicht gebrauchen kann. Er will Frieden, Koexistenz, ja eigentlich eine Fusion der neuen und alten Welt der Götter. Glaube stellt sich für ihn wie ein Produkt dar, das beworben werden muss, das im Endeffekt nur unterschiedlich verpackt, aber identisch fabriziert ist. Es geht um Reichweite, um Relevanz. Die Bedeutung von Glaube und was dieser Menschen geben kann, das beschäftigt aber nach wie vor Wednesday, der schon deutlich bessere Tage gesehen hat und diese Zeiten wieder aufleben lassen will.

Valhalla anew!

Die glorreichen Zeiten von Grimnir, Wotan, oder einfach Allvater Odin, die ihn Mr. World und Media versprechen. Wie wäre es mit einem Rebranding im wunderschönen Nordkorea? Das Duo hat eine herrliche Präsentation vorbereitet, bunt, effektvoll, schmissig. Kann man da noch nein sagen? Hier kann Wednesday wieder zu dem ruhmreichen, respektierten Gott aufsteigen, der er einst gewesen ist. Aber was, wenn er nicht kooperiert? Dann greifen wohl die Regeln des Marktes, wenn wir das Konzept Glaube schon auf seine Eigenschaften als Produkt herunterbrechen. Dann werden die Kleinen von den Großen gefressen, ohne Gnade und ohne Rücksicht. Auf diese Falle will Wednesday nicht hereinfallen, so respektvoll der allwissende, hinterrücks bedrohlich wirkende Mr. World sich auch präsentiert.

Incorporated

Für Shadow ist dieser Trip mal wieder etwas zu viel des Guten, zu allem Überfluss wird er auch noch von einem Baum („that just happened...“) attackiert, als er und Wednesday aus dem Polizeigebäude fliehen wollen. Nachdem wir schon die Bekanntschaft von mehreren älteren Gottheiten gemacht haben, erfahren wir nun etwas mehr über die machtvolle Gegenseite, die wohl tatsächlich im Handumdrehen die Kontrolle übernehmen könnte, so wie es Technical Boy sich wünscht. Warum sich auf dieses Spielchen mit Odin, Czernobog und so weiter einlassen, wenn man den Anführer des Feindes isoliert und in seiner Hand hat? Doch Mr. World scheint ein größeres Bild zu sehen, weil er sich im Klaren darüber ist, dass nach wie vor eine gefährliche Macht von den alten Göttern ausgeht, die es gilt einzudämmen und zu kontrollieren, aber eben nicht komplett auszulöschen. Dies könnte sie nur provozieren und eine Auseinandersetzung hervorrufen, die schlecht fürs „Geschäft“ ist.

Und wer weiß, vielleicht kann Mr. World die alten Gottheiten und ihre Macht für sich selbst nutzen. Hier kommt wiederum die sehenswerte, animierte Kurzgeschichte am Anfang von Lemon Scented You ins Spiel, die uns den beschwerlichen Weg eines indigenen Volkes vor tausenden von Jahren nach Amerika zeigt. Mit ihnen kam ein Glaube, der wiederum in Zeiten von Not und Elend von einem anderen Glauben assimiliert wurde. Die Anhänger des alten Glaubens wechselten aus freien Stücken ihre Überzeugung, die Alternative war ihr Verderben. Auf einen ähnlichen Effekt scheint es Mr. World abgesehen zu haben, der die friedliche Übernahme der übriggebliebenen Anhängerschaft der alten Götter sowie deren schleichenden, natürlichen Fall bis hin zur Vergessenheit bevorzugt, als selber Hand anlegen zu müssen und im schlimmsten Fall eigene Verluste zu beklagen.

Verfasser: Felix Böhme am Montag, 29. Mai 2017
Episode
Staffel 1, Episode 5
(American Gods 1x05)
Deutscher Titel der Episode
Ein Ich, das nach Zitronen duftet
Titel der Episode im Original
Lemon Scented You
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 28. Mai 2017 (Starz)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 29. Mai 2017
Regisseur
Vincenzo Natali

Schauspieler in der Episode American Gods 1x05

Darsteller
Rolle
Emily Browning
Crispin Glover
Bruce Langley
Yetide Badaki
Pablo Schreiber

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?