American Gods 1x04

American Gods 1x04

In der bis dato vielleicht besten Episode von American Gods rückt eine vermeintliche Nebenfigur der Fantasygeschichte in den Fokus. Es folgt eine ungewohnt geradlinige Erzählung, die neben einer faszinierenden Charakterstudie auch eine hervorragende Darbietung von Emily Browning zu bieten hat.

Emily Browning und Ricky Whittle in „Git Gone“ / (c) Starz
Emily Browning und Ricky Whittle in „Git Gone“ / (c) Starz
© mily Browning und Ricky Whittle in „Git Gone“ / (c) Starz

Überraschung! Das fantasievolle, immer wieder sehr sprunghafte American Gods kann auch ein ganzes Stück anders. Das zeigt die exzellente Episode Git Gone, in der die beiden Serienmacher Michael Green und Bryan Fuller sowie Regisseur Craig Zobel auf die bisherige vignettenartige Erzählstruktur verzichten und uns eine recht einfach strukturierte Geschichte präsentieren.

Zobel - verantwortlich für International Assassin, eine der womöglich sonderbarsten und zugleich faszinierendsten Folgen von The Leftovers (er hat im Übrigen auch die Inszenierung der vorletzten Episode der aktuellen dritten Staffel übernommen) - kann sich dabei auf eine glänzend aufgelegte Emily Browning verlassen, deren große Stunde schlägt. Und wie!

Im Gegensatz zum gleichnamigen Roman von Neil Gaiman ist die Rolle von Emily Browning, Shadows Frau Laura Moon, in der Serie „American Gods“ größer und sie wurde deutlich aufgewertet. Wobei man dieser Figur bezüglich zunächst aber erst einmal klären sollte, dass Laura aus irgendwelchen zauberhaften Gründen (die Glücksmünze von Mad Sweeney vielleicht?) nach ihrem schrecklichen Unfalltod wieder ins Reich der Lebenden zurückkehrt und fortan als Untote durch die Menschenwelt wandelt. Im Buch taucht der Charakter zwischendurch immer mal wieder auf - was sie jedoch alles erlebt, erfahren die Leser nicht wirklich. Die Serie kann diese Lücken nun schließen. Ein Umstand, der nach eigener Aussage selbst Autor Neil Gaiman gefällt.

Queen of the Bored

So widmet sich „Git Gone“ für eine gute Stunde voll und ganz dem Leben und Tod sowie dem neuen Leben von Laura Moon. Die Episode offenbart dabei einen komplexen Charakter, den man nur zu gerne ergründet. Tatsächlich hat uns „American Gods“ bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich eine derartig ausführliche Auseinandersetzung mit einer seiner Hauptfiguren angeboten. Während Titelheld Shadow (Ricky Whittle) nach wie vor ein paar Rätsel aufwirft, erschließt sich uns nach dieser Episode ein wunderbares Bild von einer vielschichtigen Frau, die von den Toten wiedergekehrt ist und jetzt erneut die Wege mit ihrem perplexen Gatten kreuzt. Ebenso verwundert die Welt generell, die nur von eigenartigen Gestalten bevölkert ist.

Perfect plan

Nichts mit kleinen, ausgefallenen Kurzgeschichten zwischendurch. Mehrdeutige, oftmals rätselhafte und mitunter extrem verwirrende Momentaufnahmen gibt es hier ebenfalls nicht. „Git Gone“ folgt einem simplen Plan und brilliert dabei. Zwar gibt es nach der Hälfte einen kleinen übernatürlichen Bruch, doch die geerdete Darbietung von Emily Browning, die in ihrer Rolle als Laura herrlich unbeeindruckt von ihrer teilweise verrückten Umwelt ist, egal, wie sich diese darstellt, sorgt dafür, dass „American Gods“ nicht im Ansatz so freidreht, wie es die Folgen zuvor gerne getan haben.

Das Fantasydrama zeigt eine neue Seite, eine andere Facette des Geschichtenerzählens, die Fuller und Green genauso gut beherrschen wie den ganz normalen, audiovisuellen Wahnsinn, den die Serie zuvor mitunter in rauen Mengen angeboten hatte. Laura Moon ist wie ein kühler Fels in der Brandung, jedoch ebenso von den eigenen Dämonen geplagt wie alle anderen auch. Mit diesem sehr persönlichen Einblick in ihr Wesen, ihre Denke und ihr Dasein erzeugt man ein großartiges Gegengewicht zu dem äußerst wilden Charakter, den die Serie bisher gezeigt hat. Eine Entscheidung, die Früchte trägt.

Starz
Starz - © Starz

Wanting more

Die Episode beginnt damit, dass wir Laura bei ihrer tagtäglichen, unspektakulären Arbeit in einem Casino (der ägyptische Stil ist eine nette Referenz an die letzte Folge) sehen. Ihre Tätigkeit in diesem „Spieltempel“ ist alles andere als erfüllend und von einem immer gleichen Trott gekennzeichnet. Dies überträgt sich auch auf ihr recht langweiliges Leben und geht sogar so weit, dass Laura mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen, da ihr dieses eh nicht viel gibt. Wir erfahren später, dass sie an nichts glaubt und die Geschichten um Jesus, den Weihnachtsmann und die Zahnfee eh alles nur Märchen sind, die unser Leben irgendwie besser machen sollen. Auf derartige Illusionen fällt sie jedoch schon länger nicht mehr herein.

Ihr nihilistisches Dasein erfährt jedoch eine kleine Wendung, als sie während einer ihrer Schichten auf den charmanten Trickbetrüger Shadow trifft, der vor seiner Zeit im Gefängnis wohl doch einiges mehr mit Mr. Wednesday gemein hatte, als er jetzt eventuell zugeben würde. Dieser Shadow entfacht kurzzeitig ein neues Feuer in Laura, eine neue Aufregung in ihrem tristen Leben, das bisher nur so vor sich hin plätscherte. Die Flitterwochenphase ist aber schon bald wieder beendet, Laura kehrt (in einer starken Motange unter den Klängen von Brian Reitzells und Shirley Mansons „Queen of the Bored“) zu ihrem alten, unerfüllenden, deprimierenden Trott zurück.

Like a pet

Unter der Devise „Show, don't tell.“ zeichnen die Macher eine komplexe Persönlichkeit, die in ihrem Innern mindestens genauso tot ist, wie sie es letztlich im Laufe der Episode tatsächlich sein wird. Laura ist wie ein gewaltiges schwarzes Loch, jemand, der keine Liebe erwidern kann, was die Beziehung zu Shadow, seines Zeichens komplett vernarrt in Laura und ihren Worten zufolge viel zu gut für sie, so schwierig macht. Emily Browning trifft bei ihrer Darbietung nicht nur die faszinierende Gleichgültigkeit ihrer Figur hervorragend, man merkt Laura auch an, wie schwer es ihr fällt, so ein Leben zu führen und Shadow mit ihrer Direktheit und wahren Worten zu verletzten. Aber sie ist nun einmal nicht glücklich. Sie kann ihm nicht wirklich sagen, warum, aber es ist nun mal so.

Fixed system

Ein neuer Thrill könnte ihr wieder Leben einhauchen und so plant das Duo einen Überfall auf das Casino, in dem Laura arbeitet. Dieser geht natürlich schief, Shadow nimmt die komplette Schuld auf sich und wandert hinter schwedische Gardinen. Laura fühlt sich ihrem Mann nun verpflichtet, aber von aufrichtiger Liebe für ihn kann weiterhin nicht die Rede sein.

Es folgt eine Affäre (deren Verlauf übrigens unter den wachsamen Augen von zwei Raben registriert wird...) mit dem Mann ihrer besten Freundin, doch auch dieser nach außen hin leidenschaftliche Seitensprung ist nur eine weitere banale Sache, mit der Laura die Leere in ihr stopfen will. Und auch wenn sie nicht in der Lage dazu ist, artikulieren zu können, was ihre Probleme sind und warum sie die verletzenden Dinge tut, die sie tut: Wir sind auf magische Weise an ihrer Seite und fühlen mit ihr.

Bis hin zu ihrem weniger glorreichen Tod, als sie plötzlich erfährt, dass da doch noch etwas nach dem Leben ist. Warum es der ägyptische Totengott Anubis (Chris Obi) ist, der nun über sie urteilt, ist angesichts Lauras Atheismus und ihrer Skepsis gegenüber jedwedem Glauben frei interpretierbar (erneut ist eine Katze im Spiel, so seltsam dieses tierische Verbindungsstück auch sein mag), ihre rebellische Haltung ihrem Richter gegenüber ist indes fantastisch.

Sie bleibt bei ihren Überzeugungen und pfeift auf den ganzen Firlefanz, was eine originäre Reaktion auf das fantastische, absurde Leben nach dem Tod ist. In einer Welt und einer Serie, in der wir bisher immer wieder gesehen haben, wie sich die Menschen devot ihren Göttern gebeugt haben, ist Lauras Widerspenstigkeit und offensichtliche Langeweile ob des Aufeinandertreffens mit Anubis in einer Parallelwelt einfach nur erfrischend.

Interview mit Emily Browning zu „American Gods“:

Starz
Starz - © Starz

There will be darkness

Bevor Laura auf eine Standpauke von Anubis angemessen reagieren kann, katapultiert es sie jedoch wortwörtlich zurück in die Welt der Lebenden, in der sie aus ihrem Grab aufersteht. Nanu? Ein heller Lichtstrahl weist ihr in ihrer verdunkelten Sicht den Weg und führt sie zu dem Lynchmob, der gerade Shadow (am Ende der ersten Episode) aufgeknüpft hat.

Nun wird klar, wer ihn damals gerettet hat. Unbeeindruckt von den Angriffen der gesichtslosen Handlanger befreit sie ihren Mann und richtet dann auch noch ein kleines Massaker an, bei dem sich das Effektteam von American Gods abermals austoben darf. Ein saftiger Faustschlag hier, ein deftiger Tritt in die Leisten - für einen Moment kehrt wieder der ganz normale Wahnsinn dieser Serie ein, doch die anhaltende Gleichgültigkeit, mit der Laura vorgeht, gibt uns ein anderes Gefühl, als nur Zeugen eines blutigen Spektakels zu sein.

Sie avanciert fast schon zu einer tragikomischen Figur, die ihren neuen körperlichen Zustand einfach so hinnimmt und in der Folge recht gefasst mit ihrem abgetrennten Arm in der Hand durch die Gegend spaziert. Ihr Wiedersehen mit Audrey (Betty Gilpin), die sie mit ihrem Mann betrogen hat, ist eine komödiantische (verdammter Balsam...), wenn auch äußerst surreale Meisterleistung. Es ist nun einmal, wie es ist, denkt sich Laura, die extrem gefasst wirkt und sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Gleichzeitig muss sie sich den Verfehlungen ihrer Vergangenheit stellen, auch wenn sie dabei sehr unterkühlt und empathielos zu Werke geht. Zumindest aus der Sicht von Audrey, der man nach ihrem Schock definitiv noch sehr viel Wut gegenüber Laura anmerkt.

Weak spot

Aber ähnlich wie Laura hat auch Audrey zu einer Akzeptanz der Dinge gefunden, wie sie eben sind. So, wie für Laura die Affäre mit Robbie einfach nur eine spaßige Zeit gewesen ist und keinerlei große Bedeutung für sie hatte, hat Audrey nun mit diesem Verrat abgeschlossen und lässt ihn hinter sich. So sehr es vorher geschmerzt hat, jetzt ist es ein Stück weit befreiend für sie. Was würde es auch bringen, ihrem fremdgehenden Ehemann nachzutrauern, der ihre Gefühle mit Füßen getreten hat? Die beiden Frauen finden in ihrem Nihilismus zueinander, reetablieren zwar nicht ihre Freundschaft, haben auf gewisse Art und Weise aber auch das Kriegsbeil begraben, da sie einander verstehen und wahrscheinlich auch die Position der jeweils anderen ein Stück weit nachvollziehen können.

Light of my life

Und was die Herren der Schöpfung können, können die Damen schon lange: Laura und Audrey begeben sich auf einen kleinen Roadtrip, scheint es in Lauras neuem Leben als Untote doch plötzlich ein Ziel zu geben, zu dem sie sich hingezogen fühlt: Shadow. Dieser ist wie ein Leuchtsignal, das sie permanent vor Augen hat. Weil seine unerschütterliche Liebe ihr gegenüber sie doch retten und erfüllen kann? Weil sie nach ihrer Mehr-als-Nahtoderfahrung erkannt hat, was sie mit ihrer Untreue einfach so aufgegeben und dass sie einen Fehler begangen hat? Oder einfach nur, weil ein besonderer, bisher nicht weiter erklärter Zauber von Shadow ausgeht, der Mad Sweeneys Münze auf Lauras Grab gelegt und somit ihre Wiederauferstehung möglich gemacht hatte?

Ich erwarte nicht, dass wir definitive Antworten auf diese Fragen bekommen. American Gods genießt seine Ambiguität viel zu sehr, als uns offen und direkt Klarheit zu geben, was wiederum einen Reiz der Serie ausmacht. Laura scheint in der Zukunft auf jeden Fall eine besondere Rolle einzunehmen, immerhin kümmern sich nun plötzlich der ihr vorher eher unfreundlich gesinnte Anubis aka Mr. Jacquel (get it?) und sein Kollege Mr. Ibis (Demore Barnes) - der Chronist der „Coming to America“-Geschichten - um sie.

Wie Laura nun in Shadows Abenteuer hineinpasst und ob sie ihn und Mr. Wednesday von nun an begleiten wird, ist unklar. Für mich als Kenner der Buchvorlage tut sich so oder so ein neuer, spannender Aspekt des Materials auf. Aber selbst wer nur die Serie kennt und schaut, wird in Git Gone mit einer angenehm unkomplizierten, abwechslungsreichen, tief persönlichen Erzählung verwöhnt. Diese kommt zu einem wunderbaren Zeitpunkt, bringt eine tolle Leistung von Emily Browning mit sich und zeigt sehr gut auf, dass das Fantasydrama nicht nur den einen Trick im Ärmel hat.

Verfasser: Felix Böhme am Montag, 22. Mai 2017
Episode
Staffel 1, Episode 4
(American Gods 1x04)
Deutscher Titel der Episode
Hinfort
Titel der Episode im Original
Git Gone
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 21. Mai 2017 (Starz)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 22. Mai 2017
Regisseur
Craig Zobel

Schauspieler in der Episode American Gods 1x04

Darsteller
Rolle
Emily Browning
Crispin Glover
Bruce Langley
Yetide Badaki
Pablo Schreiber
Dane Cook

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