American Gods 1x03

© mid Abtahi in „Head Full of Snow“ / (c) Starz
Erneut stellt uns American Gods auf die Probe, erneut werden sich viele Zuschauer und Zuschauerinnen fragen, was uns diese außergewöhnliche Serie eigentlich sagen will. Head Full of Snow sträubt sich von den bisherigen drei Episoden des Fantasyepos am meisten gegen eine nachvollziehbare Erzählstruktur - selbst wenn man gewiss thematische Verbindungen zwischen den verschiedenen Handlungssträngen ziehen kann. Was bleibt, ist eine Art Kurzgeschichtensammlung, wild arrangiert und wie so oft die Grenzen des Vorstellbaren sprengend. Als vermeintlicher „Anker“ dienen „Die Abenteuer von Wednesday und Shadow“, in denen die Macher noch am ehesten einem stringenten Muster folgen.
Um unsere beiden Hauptfiguren herum tragen sich auf den ersten Blick zusammenhanglose Momentaufnahmen zu, die die sonderbare Welt von „American Gods“ erweitern und vertiefen. Mit einer Mischung aus Faszination, Irrglauben und Verwirrung nimmt man sich diesen besonderen Facetten der Folge an - während man sich hier und da durchaus so fühlt, als würde man auf verlorenem Posten stehen.
Die Fragezeichen nehmen ununterbrochen zu, Antworten sind nach wie vor rar gesät. Ein „Problem“, das bereits früh abzusehen war und dem Publikum Geduld abverlangt. Kenner der Buchvorlage dürften einen längeren Atem haben. Als jemand, der zwar mit der Literaturvorlage von Neil Gaiman vertraut ist, kann ich aber auch alle anderen absolut verstehen, denen „American Gods“ jetzt schon zu viel beziehungsweise zu wenig ist.
Push your luck
Der Serienneustart könnte seine Zuschauerschaft früher spalten, als es sich die beiden Drehbuchautoren Bryan Fuller und Michael Green vorgestellt haben. Klar geht von der visuellen Komponente ein universeller Reiz aus, zusammen mit Regisseur David Slade lässt man sich auch in „Head Full of Snow“ zahlreiche wunderbare optische Spielereien einfallen, die es in dieser Form eher selten im TV zu sehen gibt.
Doch es ist eben auch ein gewisses Risiko - man könnte Zuschauer verlieren, die gerne etwas Handfestes hätten, eine zentrale Geschichte, an der man sich besser entlang hangeln kann. „American Gods“ bewegt sich momentan auf einem sehr schmalen Grad. Für seine ausgefallenen Ideen und seinen Mut verdient sich das Format aber weiterhin meine Aufmerksamkeit und mein Interesse. Irgendwann könnte aber auch das nicht mehr nur ausreichen.
Have a little faith
Anstelle einer „Coming to America“-Kurzgeschichte, wie wir sie in der ersten und zweiten Episode gesehen haben, serviert man uns in dieser Woche gleich zwei kleine, in sich abgeschlossene Erzählungen unter dem Titel „Somewhere in America“. Abermals erhaschen wir einen kleinen Einblick in die Welt der Götter und der spirituellen Wesen sowie den dazugehörigen Glaubensrichtungen. Den Anfang macht eine ältere Muslima, die nach ihrem unglücklichen Ableben in ihrem New Yorker Apartment Besuch von Anubis (Chris Obi), dem ägyptischen Totengott höchstpersönlich erhält.
Dieser weiß, dass die Verstorbene stets die Geschichten ägyptischer Gottheiten weitergetragen hat und somit diese nicht in Vergessenheit hat geraten lassen. Nur so bleiben die Götter jeder Art und der Glaube an sie erhalten. Als Belohnung erwartet die Tote nun ein erfüllendes Leben nach dem Tod - obwohl man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob dies wirklich der Fall ist. Glaubt sie daran, dann wird es wohl so kommen. Eine definitive Antwort, was sie erwartet, kann ihr selbst Anubis nicht geben. Er weiß nur, dass sie im Großen und Ganzen gut und rechtschaffen gewesen ist und schickt sie auf den Weg ins Jenseits - unter leichter Mithilfe ihrer Katze, ein Tier, das in der ägyptischen Mythologie eine besondere Stellung einnimmt.

Better days
Im Grunde genommen kann man den Tod der älteren Dame auch als eine Opfergabe für Anubis sehen, der aus dem Tod seine Macht zieht. Wie bereits bei anderen Göttern (Anansi, Bilquis) etabliert, brauchen diese Treibstoff, um weiter existieren zu können und nicht vergessen zu werden. Dies zeigt uns ebenfalls die Geschichte eines Vertreters aus dem Oman auf: Salim (Omid Abtahi), der nach New York gekommen ist, um sein Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden. Doch schnell macht sich bei ihm Ernüchterung breit. Es ist eine undankbare, gemeine neue Welt, auf die er sich eingelassen hat und in der er komplett auf sich allein gestellt ist. In verzweifelten Zeiten wie diesen findet man jedoch Kraft in seinem Glauben, auch wenn dieser tausende Meilen weit weg in der Heimat ist.
Doch irgendwie hat es dieser auch in die USA geschafft, in Form eines Taxifahrers, der eigentlich ein Dschinn (Mousa Kraish) mit lodernden Augen ist. Wir haben diese Figur bereits kurz gesehen, traf sich Mr. Wednesday (Ian McShane) doch mit ihm in einem Diner. Bei diesem Aufeinandertreffen trug er einen feinen, hellblauen Zwirn und wir wissen nun, woher er diesen hat. Salim sieht in seinem Taxifahrer einen verwandten Geist, jemand, der seine derzeitige Situation bereits erlebt hat und ebenfalls innerhalb kürzester Zeit vom amerikanischen Traum desillusioniert wurde. In diesen schweren Zeiten kann er sich an den Dschinn wenden, der ihn versteht und Halt gibt, so, wie sich viele Menschen in schweren Zeit an ihren Glauben klammern.
Selling shit
Dies gibt dem Vertreter für Nippes und touristischen Firlefanz Kraft, doch das hat seinen Preis. In einer intensiven Sexszene zwischen ihm und dem Dschinn, die selbst das amerikanische Kabelfernsehen so wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen hat (wobei Starz mit Spartacus selbst schon vorgelegt hatte) und dem Modus Operandi von Bilquis ähnelt, gibt sich Salim dem übernatürlichen Wesen voll und ganz hin. Das Liebesspiel zwischen den beiden wirkt jedoch weitaus intimer und emotionaler als bei der Fruchtbarkeitsgöttin und hat auch kein definitives Ende für Salim.
The people of the fire
Der Vertreter flüchtet sich in seiner Not körperlich und seelisch in die Arme des Dschinns. Durch Salims Hingabe ermächtigt sich dieser jenem, jedoch nimmt der Dschinn nicht nur von seinem „Opfer“ (seine Identität, seinen Anzug), er gibt ihm auch etwas im Gegenzug. Der junge Verkäufer wird mit dem glanzlosen Leben eines New Yorker Taxifahrers abgespeist, doch es ist kein Entsetzen in seinem Gesicht, das wir am Morgen nach der feurigen Liebesnacht sehen. Vielmehr hat ihn die Begegnung mit dem Dschinn die Augen geöffnet und seine Traumvorstellungen sowie unrealistischen Wünsche genommen.
In diesem Fall ist dies genau das, was er gebraucht hat. Nun ist er in diesem neuen Land angekommen und wirkt gefestigter als zuvor, in dem Wissen, dass er nicht allein ist. Dafür nimmt er auch ein - oberflächlich betrachtet - eher weniger ansprechendes Leben als Taxifahrer in Kauf. Es wird deutlich, wie viel Macht von einem Glauben ausgehen kann und dass dieser mit den persönlichen Überzeugungen steht und fällt, die man selbst hat. Der Dschinn hat indes nicht nur sich selbst - er ist noch lange nicht verblasst, so wie viele andere seiner „Kollegen“ -, sondern auch einem seiner Gläubigen geholfen. Und somit vielleicht doch einen Wunsch wahr werden lassen, auch wenn Salim zunächst gar nicht gewusst hat, was er will...

Remember
Aus dieser kleinen Nebengeschichte lassen sich gleich mehrere wichtige Aspekte für die gesamte Serie ziehen. Zum einen wird erneut das Konzept Glaube an sich thematisiert und analysiert. Am Beispiel Shadow (Ricky Whittle) sehen wir, dass dieser eigentlich an gar nichts glaubt und sich gegen all die fantastischen, übernatürlichen Elemente dieser Welt wehrt.
Doch erst der Glaube per se macht diesen so stark. Wenn Shadow dazu bereits ist, aufrichtig zu glauben und in die zahlreichen verrückten Dinge, die um ihn herum passieren, sein Vertrauen zu setzen, dann kann Glaube (vor allem an sich selbst) seine gesamte Wirkung entfalten - und eventuell doch Berge versetzen beziehungsweise einen plötzlichen Schneefall nach sich ziehen. Wobei der Schnee natürlich auch daher rühren kann, dass Shadow über besondere Fähigkeiten verfügt, denen er sich selbst noch nicht bewusst ist...
Ein weiterer Aspekt der Dschinn-Geschichte, den man hervorragend auf die anderen Handlungsstränge und die Serie anwenden kann, ist die Angst der Götter, vergessen zu werden. Jede der bisher aufgetretenen überirdischen Entitäten braucht Hingabe und Verehrung, sonst werden sie aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt.
Czernobog (Peter Stormare) ist alt und heruntergekommen, wer erinnert sich noch an ihn? Ebenso geht es seiner Schwester Zorya Vechernyaya (Cloris Leachman). Und auch Mr. Wednesday, dessen göttlichen Kräfte langsam, aber sicher mehr als eindeutig sind (viele dürften sicherlich schon im Bilde sein, was es mit dem Trickster auf sich hat, ich spare mir die Auflösung aus Spoilergründen aber weiterhin auf), fürchtet sich vor nichts mehr, als vergessen zu werden. Wer vergessen wird, existiert nicht mehr. Dies gilt nicht nur für Götter, sondern auch für Menschen, weshalb so viele von ihnen versuchen, ihre Spuren zu hinterlassen, in welcher Form auch immer.
Like a dream
Wednesday gedenkt zu verhindern, vergessen zu werden und setzt einen Krieg in Gang. Wie genau, zeigt man uns nicht. Der aufbrausende Sturm über Chicago hinterlässt dennoch Eindruck und macht Lust auf dieses höllische Gewitter, das sich da zusammenbraut. Dabei kann sich der Charmeur nun doch noch auf die Dienste von Czernobog verlassen, der geschickt von Shadow provoziert wird und bei der Revanche auf dem Checkers-Spielbrett den Kürzeren zieht. Shadow öffnet sich indes immer mehr seiner neuerlichen Umwelt, auch wenn er sich zunächst keinen Reim daraus machen kann, ob das Aufeinandertreffen mit der jungen Zorya Polunochnaya (Erika Kaar) über den Dächern Chicagos ein Traum oder die Wirklichkeit gewesen ist.
Dark skies and driving winds
Bevor es jedoch zum großen Knall kommen kann, müssen weitere Vorbereitungen getroffen werden. Göttliche Fähigkeiten hin oder her, in Amerika regiert immer noch das liebe Geld und so lässt sich Wednesday flott eine wunderbare kleine Masche einfallen, um sich zu bereichern.
In dieser Episode darf abermals Ian McShane glänzen, der sichtlich Spaß an der Rolle des aalglatten Trickbetrügers hat. Aber auch Ricky Whittle taut etwas auf. Allen voran die Szene, in der Shadow unfreiwillig in Wednesdays Spielchen involviert wird, ist ausgezeichnet. Shadow blüht nahezu auf, als er den Polizisten einen gewaltigen Bären aufbindet. Mit genügend Selbstbewusstsein kann man jeden überzeugen und an etwas glauben lassen, was eigentlich gar nicht stimmt. Shadow blickt das erste Mal selbst hinter den Vorhang und ihm gefällt, was er dort sieht.
Weniger glücklich gestaltet sich indes das Leben von Mad Sweeney (Pablo Schreiber), der seit der Pilotepisode nicht besonders weit gekommen ist und sich nun auf den Weg nach Wisconsin macht, wo er von Wednesday erwartet wird. Aber irgendwie läuft es nicht wirklich rund für den hünenhaften Kobold, der von seinem Glück verlassen wurde. Sweeneys Reaktion, als der nette Samariter, der ihn mitnimmt, „Final Destination“-esk das Zeitliche segnet, ist übrigens göttlich.
Gleichzeitig frage ich mich aber, wie er so schnell an verschiedenen Orten sein kann... Aber zurück zu seiner Pechsträhne. Diese hängt mit einer zauberhaften Glücksmünze zusammen, die er aus Versehen Shadow gegeben hat. Die Münze hat Shadow wiederum auf dem Grab von Laura (Emily Browning) platziert. Dieses ist zur Verwundung Mad Sweeneys jedoch leer und auch die Münze ist nicht auffindbar. Schnitt zurück zu Shadow, der in einem Motelzimmer von seiner eigentlich toten Ehefrau begrüßt wird. Und schon steht die nächste Glaubensprüfung für uns und unseren Protagonisten an...
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 15. Mai 2017(American Gods 1x03)
Schauspieler in der Episode American Gods 1x03
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