American Gods 1x02

© eter Stormare (l.) und Ian McShane in âThe Secret of Spoonsâ / (c) Starz
Wer nach dem wahnsinnigen Auftakt von American Gods gedacht hat, dass in der zweiten Episode The Secret of Spoons etwas mehr Klarheit und Struktur Einzug halten wĂŒrden, hat sich getĂ€uscht. Wir haben gerade erst unseren Abstieg in den Kaninchenbau begonnen, wohin uns und die Charaktere, allen voran Protagonist Shadow Moon (Ricky Whittle), dieser Pfad fĂŒhren wird, wissen nur die Sterne. Oder eben die Götter. Von denen geben sich in „The Secret of Spoons“ ein paar neue Kandidaten die Ehre, die diese spezielle Serienwelt des Fantasydramas bevölkern - sowohl auf Seiten der neuen als auch alten Gottheiten.
Ansonsten hĂ€lt das Format weiterhin diverse visuelle Leckerbissen (die richtige Bezeichnung fĂŒr das âInnenlebenâ von Bilquis?) sowie Ă€uĂerst grafische, explizite Momentaufnahmen bereit. Eine erste, wenn auch sehr vage Antwort auf die Frage, was eigentlich das Ziel der ErzĂ€hlung und des Roadtrips von Mr. Wednesday (Ian McShane) und Shadow ist, gibt es ebenfalls. Viel schlauer ist man letztlich aber auch nicht, auĂer, dass man nun weiĂ, dass der aalglatte Charmeur ein paar alte Freunde versammeln will, mit denen man sich dann an einem der heiligsten Orte Amerikas treffen will, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Not a clue
Ăhnlich wie unser âHeldâ Shadow tappen wir als Zuschauer weiterhin im Dunkeln und sehen uns letztlich der gleichen Herausforderung wie unsere stoische Hauptfigur ausgesetzt: glauben oder nicht glauben. Ist man bereit, sich auf diese verrĂŒckte, unerklĂ€rliche Welt einzulassen? „American Gods“ verlangt von seinem Publikum eine Art Hingabe wie die hier auftretenden Gottheiten selbst. Wer sich zu sehr gegen diesen Wahnsinn wehrt, der wird sich wohl auch nur schwer mit dem eigenwilligen ErzĂ€hlstil anfreunden können. Bei der speziellen Machart des Formats durchaus verstĂ€ndlich. Aber was spricht dagegen, sich einfach mal fallen zu lassen?
Hear my voice
Wie bereits in der Pilotepisode beginnt die Geschichte mit einer kleinen Kurzgeschichte, wie es ein Glauben und ein Gott vor vielen Jahren auf den amerikanischen Kontinent geschafft haben. Dabei lernen wir die afrikanische Gottheit Anansi kennen, die 1697 einigen Gefangenen an Bord eines Sklavenschiffes erscheint. Der manipulierende Anansi, ĂŒberragend von Orlando Jones zum Besten gegeben, fordert sein Opfer ein und gibt den armen Teufeln auf hoher See einen kleinen Ausblick auf ihre unschöne Zukunft sowie die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder.
Den schwarzen Mann erwartet in Amerika ein furchtbares Schicksal ĂŒber Jahrhunderte lang. Sklaverei, Diskriminierung, ungleiche Behandlung, willkĂŒrliche Polizeigewalt in der fernen Zukunft. Es ist eine flammende Ansprache, die Wirkung zeigt - und Spinnengott Anansi genau das gibt, was er will und braucht: ein Opfer, das seinesgleichen sucht und ihn mit groĂer Macht erfĂŒllt. Die Sklaven rebellieren, stecken das Schiff in Brand und sterben einen schrecklichen Tod. Besser als die Qualen, die auf sie in der neuen Welt zugekommen werden, so denkt zumindest Anansi. Dieser zieht wiederum seine Kraft aus dem Flammentod seiner GlĂ€ubigen und betritt gestĂ€rkt ein neues Ufer.

Fighting gravity
So funktioniert ein alter Glaube mit direkten Opfergaben, wie zum Beispiel auch die Geschichte von Bilquis (Yetide Badaki) zeigt. Diese ist lĂ€ngst ein Relikt vergangener Tage und hĂ€lt sich regelmĂ€Ăig mit ein paar Sexualpartnern ĂŒber Wasser, die sie wortwörtlich verschlingt und sie am Leben erhalten. Ihre glorreichen Tage sind lĂ€ngst passĂ© und eine TrĂ€ne auf ihrer Wange lĂ€sst Raum zur Spekulation, ob sie um ihre Opfer weint oder vielmehr deshalb, weil sie von den Menschen vergessen wurde und nicht mehr die mĂ€chtige Fruchtbarkeitsgöttin ist, die sie einst gewesen ist.
Bilquis sehnt sich zu den alten Zeiten zurĂŒck - ein Museumsbesuch, bei dem sie eine Götze von sich selbst und ihren alten Schmuck sieht, macht dies deutlich. Aber Glauben verĂ€ndert sich nun einmal, stirbt komplett aus oder findet neue Wege und Formen. Siehe Media (Gillian Anderson), eine der neuen Gottheiten, die in einer Szene Shadow vorstellig wird und diesen auf ihre Seite ziehen will. „Time and attention - better than lamb's blood.“ Blutige Rituale und fleischliche Opfer gehören der Vergangenheit an, im Hier und Jetzt feiern die Menschen ihre Hingabe anders. Mit ihrem endlosen Konsum und mit ihrer Lebenszeit, die sie ins Fernsehen, in Technologie oder ins Internet investieren.
Take your time
So hat sich ein neuer âGlaubenâ geformt, einer, der bei weitem nicht so archaisch ist, aber im Grunde genommen nicht anders als Glaubenskonzepte frĂŒherer Tage funktioniert, mitsamt âTempelâ (riesige SupermĂ€rkte und Einkaufshallen), in denen man seinen âreligiösen Ăberzeugungenâ nachgehen kann, sowie âOpfergabenâ - zwischenmenschliche Interaktion, Freizeit und mehr -, die man bereitwillig aufgibt, um diesen âGlaubenâ zu stĂ€rken. Diese Macht ist nicht zu unterschĂ€tzen, kann Media doch spielend leicht die Leben seiner Konsumenten diktieren. Und an wen die Menschen glauben, der hat in dieser Welt der amerikanischen Götter die Macht.
Let go
Neben einer wunderbaren Darbietung von Gillian Anderson als Media, konkret in Person von Lucille Ball im Rahmen ihrer Sitcom „I Love Lucy“ aus den 1950er Jahren, offenbart American Gods in dieser Szene auch einige philosophische AnsĂ€tze, die Neil Gaimans gleichnamiger Roman mit sich bringt. Dabei wird jedoch nicht nur schonungslos mit unserer Gesellschaft und den Menschen selbst abgerechnet, die sich immer wieder blind wie die LĂ€mmer zur Schlachtbank fĂŒhren lassen und in der heutigen Zeit der Mattscheibe einen GroĂteil ihres Lebens widmen. (Als âSerienjunkieâ bin ich mir ĂŒbrigens der Ironie dieser Kritik durchaus bewusst.)
Auch mit nostalgischen VerklÀrungen, das Festklammern an die gute alte Zeit, die noch nicht vom Informationszeitalter geprÀgt gewesen ist und der man sich via Telegramm Nachrichten hat zukommen lassen, wird in gewisser Art hart ins Gericht gegangen. Denn nur, weil es den alten Recken wie Mr. Wednesday, Anansi oder den im weiteren Verlauf der Familie auftretenden Zorya-Schwestern und dem heruntergekommenen Czernobog (Peter Stormare) damals besser ging, nutzten sie ihre glÀubigen AnhÀnger nicht weniger aus, als dass es ihre moderne Konkurrenz nun tut.

Occupational hazard
Wenn eines bezĂŒglich der Götter in American Gods - ob nun neu oder alt - bereits frĂŒh in der Serie klar ist, dann, dass ein jeder von ihnen mit faulen Tricks und TĂ€uschungen arbeitet. Und das macht auch den Reiz an der Geschichte aus: die ungeschönte Darstellung von Glauben, der manchmal weit mehr wie ein fauler Zauber wirkt, als wirklich Berge versetzen zu können. Jemanden zum Glauben bringen zu können, heiĂt in dieser Welt, jemanden manipulieren zu können und Dinge tun zu lassen, die einem selbst am meisten weiterhelfen.
Unser Hauptcharakter Shadow Moon weiĂ es erst noch gar nicht, scheint sich dann aber zum Ende der Episode mit seiner Rolle in diesem Spiel abgefunden zu haben: Er ist ein Instrument, eine Spielfigur, die von A nach B geschoben wird, so, wie es den Strippenziehern gerade passt. Zumindest glaubt er das, weshalb es Shadow letztlich auch egal zu sein scheint, was mit ihm passiert, sollte er eine Runde Checkers gegen den wandelnden Aschenbecher Czernobog verlieren. Zu Beginn von The Secret of Spoons wehrt er sich noch ein StĂŒck weit gegen den ganzen Wahnsinn dieser Welt, wie ein paar emotionale AusbrĂŒche seinerseits zeigen.
Bad news
Nicht vergessen darf man dabei, dass seine Trauer aufgrund Lauras Tod, aber auch seine Wut ob ihrer Untreue zwei gewaltige Faktoren sind, die ihn beschĂ€ftigen und zunĂ€chst nicht zur Ruhe kommen lassen. Er scheint jedoch eine Art Schlussstrich ziehen zu können, auch auf Anraten Wednesdays hin, wobei ich bezweifele, dass Shadow tatsĂ€chlich voll und ganz mit Laura abgeschlossen hat. FĂŒr den Moment lĂ€sst sich Shadow jedoch auf dieses neue Abenteuer ein und seine Vergangenheit hinter sich. Er hat eh nicht mehr viel zu verlieren, also kann er sein Leben in einem Duell mit Czernobog auch einfach so aufs Spiel setzen. Dieser verkörpert indes all das, was von den alten Götter ĂŒbrig geblieben ist.
Is good?
Der Lack ist lĂ€ngst ab, der fulminante Kriegshammer verrostet und die Wampe unter ein schmieriges Unterhemd gequetscht. Damals, das waren noch Zeiten, als er respektiert wurde. Wir erfahren, dass er in seiner Heimat fĂŒr die dunkle und sein Bruder fĂŒr die helle Seite stand. Nach der Ankunft in Amerika folgte ein Job im Schlachthaus, bei dem Czernobog KĂŒhen den SchĂ€del zertrĂŒmmerte, doch selbst diese weniger glanzvolle, aber dankbare Aufgabe hat ihm der technologische Fortschritt genommen.
Jetzt haust er mit seiner buckligen Verwandtschaft - prost Mahlzeit, Zorya Vechernyaya (Cloris Leachman) und viel Spaà beim Lesen, Zorya Utrennyaya (Martha Kelly aus Baskets)! - in einem schÀbigen Apartment in Chicago. Mit den PlÀnen von Wednesday (sein guter alter Freund Wotan...) will er nichts zu tun haben, die Chance auf ein Blutopfer lÀsst er sich jedoch nicht so schnell entgehen.
Der Schwede Peter Stormare trĂ€gt mit seinem dicken slawischen Akzent ordentlich auf, er strahlt in dieser Rolle aber auch auf spielerische Weise eine einzigartige Bedrohung aus, die durch eine sehr ruhige, fokussierte Inszenierung und minimalistische musikalische Begleitung intensiviert wird. Am Ende zieht Shadow den KĂŒrzeren und scheint abermals seinem Tod entgegenzublicken, so wie bereits am Ende der ersten Episode. Es zeichnet sich ein Muster ab. Wir dĂŒrfen aber stark davon ausgehen, dass er einen Ausweg aus dieser kniffligen Situation finden wird oder Czernobog anderweitig beschwichtigt werden kann.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 8. Mai 2017(American Gods 1x02)
Schauspieler in der Episode American Gods 1x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?