American Gods 1x07

© ad Sweeney (Pablo Schreiber) und Laura Moon (Emily Browning) in „A Prayer for Mad Sweeney“ / (c) Starz
Es ist vielleicht ein Stück weit bezeichnend, dass die zwei bisher stärksten Folgen des immer wieder sehr wild arrangierten American Gods Fokusepisoden gewesen sind, in denen sich die Macher nur einem Charakter ihrer bunten, vielfältigen Serienwelt annehmen. Nach dem ausgezeichneten Rückblick auf Lauras (Emily Browning) Leben nach und vor ihrem Aufeinandertreffen mit Shadow (Ricky Whittle) sowie ihre Wiederauferstehung in Git Gone, lässt man in A Prayer for Mad Sweeney erneut die übergreifende Handlung um den Krieg der Götter ruhen, um sich komplett einer einzigen Facette beziehungsweise einem Charakter der Serie zu widmen.
Dabei kommt man ohne unsere vermeintliche Hauptfigur Shadow oder Mr. Wednesday (Ian McShane) aus, ja selbst die Handlung findet für die meiste Zeit nicht einmal in der Gegenwart, sondern im Rahmen einer im wahrste Sinne des Wortes sagenhaften Geschichte statt, die von dem Chronisten Mr. Ibis (Demore Barnes) zu Papier gebracht wird. Dabei dreht sich alles um den glücklosen Mad Sweeney (Pablo Schreiber) und wie er es dank einer treuen Glaubensanhängerin in die Neue Welt geschafft hat. Aber nicht nur das: Der Haupthandlungsstrang in „A Prayer for Mad Sweeney“ ist wie ein herrliches, oft sogar sehr sentimentales kleines Märchen, das angenehm losgelöst von den sonst so verrückten Ereignissen des Fantasydramas stattfindet.
Escape
Wie bereits im konkreten Fall von Laura Moon dient „A Prayer for Mad Sweeney“ dazu, um eine der bisher auffälligsten Nebenfiguren in „American Gods“ mehr Profil und einen Charakter zu geben, für den wir als Zuschauer etwas empfinden. Die Autoren meistern dies mit Bravour, was mich persönlich nach weiteren Einzelepisoden zu all den verschiedenen Gottheiten und fantastischen Kreaturen dieser Welt lechzen lässt. Man hangelt sich gekonnt an einem Teil der Buchvorlage von Neil Gaiman entlang, bringt jedoch auch eigene Ideen sowie eine schöne Parallele zu der aktuellen Zweckgemeinschaft zwischen Laura und Mad Sweeney ein, die nach wie vor die Straßen des mittleren Westens unsicher machen.
Fine fiction
Bei der Inszenierung dieser fabelhaften Geschichte findet man indes zahlreiche Wege, um das Seherlebnis abwechslungsreich und kurzweilig zu gestalten, sei es aufgrund der schicken Ausstattung, den ständigen Wechsel der verschiedenen Erzählstile ober aber auch erneut der exzellentem Musikauswahl, die zwischen irischer Folkloremusik und romantischen 50er-Jahre-Klängen pendelt. Diese passen indes hervorragend zu all den Szenen, die sich irgendwann im England des 18. Jahrhunderts abspielen, so stilbrechend dieser Kniff im ersten Moment auch erscheint. Letztlich könnte die facettenreiche Lebensgeschichte von Essie McGowan, einer Frau, die Zeit ihres Lebens eine spezielle Verbindung zu den Kobolden wie Mad Sweeney pflegte, aber melodisch nicht besser begleitet werden.
Von der ersten bis zur letzten Minute von „A Prayer for Mad Sweeney“ formt sich nicht nur ein einnehmendes Bild dieser Figur, auch Mad Sweeney selbst profitiert von dieser näheren Betrachtung und avanciert in den letzten Momenten der Episode zu einer tragischen Persönlichkeit, in der sich ein Herz aus Gold verbirgt. Dass Essie McGowan in einer Doppelrolle von Emily Browning gespielt wird, unterstreicht indirekt nur noch umso mehr, dass Laura und Mad Sweeney eine besondere Beziehung verbindet, was die beiden Schauspieler bereits mehr als angedeutet haben. Eine schwerwiegende Enthüllung zum Ende offenbart dann sogar, dass Mad Sweeney weitmehr als nur ein einfacher Rüpel ist, der auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Unpleasant creature
Nachdem Laura Salim (Omid Abtahi) von seinen Pflichten entbunden (nächster Halt: House on the Rock, Wisconsin) und sie einen Eiswagen als neues Fortbewegungsmittel gekapert hat, zeigt sich in den letzten Minuten von A Prayer for Mad Sweeney, dass Mad Sweeney im Auftrag von Mr. Wednesday für den folgenschweren Unfall von Laura verantwortlich gewesen ist, bei dem diese ihr Leben verlor. Wednesday hatte wohl nur wenig Interesse daran, dass Shadow eventuell von seiner Frau abgelenkt werden würde und ließ sie einfach aus dem Leben streichen, um seinen jetzigen Begleiter exklusiv für sich und seine Zwecke zu haben.
Als Sweeney nun nach einem weiteren Unfall (verursacht von einem schneeweißen Hasen...) die tote Laura - Respekt an die Maske für das ekelerregende Design ihres ramponierten Körpers - auf der Straße liegen seht, mitsamt seiner Glücksmünze, die aus ihr hinausgeschleudert wurde, hat er eigentlich genau das erreicht, was die ganze Zeit sein Ziel gewesen ist. Und dennoch hat Sweeney nach einem stillen Moment einen heftigen Wutausbruch, bei dem er letztlich hart mit sich selbst ins Gericht geht. Sein Gewissen und seine Schuldgefühle melden sich zu Wort, weshalb er Laura letzten Endes seine Münze zurückgibt und sich somit weiter gegen seinen Auftraggeber Mr. Wednesday stellt.
Serve your sentence
Sweeney erkennt, dass er sich zu einem Werkzeug hat degradieren lassen und dass er dadurch etwas getan hat, was eigentlich unverzeihlich ist. Die Geschichte um Essie McGowan fungiert als eine Art Erinnerung an eine andere, vielleicht sogar bessere Zeit, auch wenn Mad Sweeney über die Jahrhunderte mehr und mehr an seinem Glanz verloren hat. Aber der Fall von einem gottgleichen Wesen, das die Schicksale seiner Anhänger positiv beeinflussen kann, zu einem skrupellosen Auftragsmörder, ist ein tiefer. Und das wiegt heftig auf Sweeneys Seele, den wir in der Erzählung über das Leben von Essie McGowan schlussendlich als gütigen und dankbaren Geist kennenlernen.
Passing through the twilight
Deren Geschichte macht den Löwenanteil dieser Episode aus. Die kleine Essie konnte sich schon in jungen Jahren für Fabeln, Sagen und dergleichen über Kobolde, Feen und Banshees begeistern und verbreitete in der Folge derartige Mythen und Bräuche munter weiter. Kleine Opfergaben sicherten ihr die Gunst dieser Fabelwesen, die sie durch ihr aufregendes, teils dramatisches Leben begleiteten. Nachdem sie als Diebin angeklagt wurde, drohte ihr die Deportation in die Neue Welt. Später wartete gar die Todesstrafe auf sie, der sie gerade noch so entgehen konnte. Essie war keine Heilige, doch sie zollte ihren Wurzeln, ihren Überzeugungen und Glauben stets Respekt und wurde dafür scheinbar auch entlohnt. Und wenn sie mal vergaß, eine Gabe zu entrichten, sei es auch nur ein kleines Schälchen voll Milch oder ein Kanten Brot, so war ihr das Glück eben weniger hold.
Ob die vielen Aufs und Abs ihres Daseins nun reiner Zufall sind oder aber im Zusammenhang mit einer höheren Macht stehen - Essie glaubt, und nur dadurch speist sich Kraft von Mad Sweeney. Wie sagte Mr. Ibis noch zuletzt in der Episode Lemon Scented You: „Gods are great, but people are greater. For it is in their hearts that gods are born, and to their hearts that they return. Gods live and gods die.“ Und so ist es schließlich auch sie, die den Leprechaun nach Amerika bringt, nachdem er in seiner Heimat immer mehr in Vergessenheit (mit besten Dank an die englische Kirche!) gerät.

Face the gallows
Das Aufeinandertreffen von Essie und Mad Sweeney in einem Kerker sticht hierbei als Schlüsselszene heraus. Nicht er gibt hier ihr Kraft, wie es so viele andere Mal zuvor der Fall gewesen ist. Essie gibt Mad Sweeney Hoffnung, einen Neuanfang zu wagen, in der Gewissheit, dass er nicht vergessen wird und weiter relevant sein kann. Dieses Vertrauen zahlt er zurück, in dem er ihr einen Ausweg aus ihrer Misere eröffnet. Erneut führt es Essie nach Amerika, wo sie nun ein neues Leben führt, Ehefrau, Mutter und Großmutter wird und die Geschichten weitererzählt, die ihr als kleines Kind mit auf den Weg gegeben wurde.
Dass mit Fionnula Flanagan die gleiche Schauspielerin die alte Essie spielt, die zu Beginn der Episode die Großmutter der jungen Essie verkörpert, ist ein charmanter Einfall und äußerst passend zu der Idee, dass sich der Kreis für Essie geschlossen hat. Als ihre Zeit gekommen ist, wird sie mit Dankbarkeit und Wärme von Mad Sweeney empfangen, der nun in der Neuen Welt existiert, dank ihr und einigen anderen, die stets an ihn geglaubt haben.
A king once
Während wir zuvor Mad Sweeney immer wieder von einer sehr vulgären, egoistischen und lauten Seite gesehen haben, präsentiert sich der Charakter in dieser Szene ungewohnt sanftmütig und mit Dank erfüllt. Umso betroffener fühle ich mich als Zuschauer, wenn man mir parallel in A Prayer for Mad Sweeney aufzeigt, wo der hünenhafte Kobold letzten Endes gelandet ist. Man fühlt sich schon fast etwas von Wehmut und Mitleid ergriffen, sieht man diese beiden verschiedenen Welten und Versionen von Mad Sweeney aufeinanderprallen. Doch wie bereits erwähnt ist da noch etwas in ihm, das an eine unbeschwertere Zeit erinnert, als er mehr als nur ein forscher Trunkenbold gewesen ist.
Old spirit
Aber nicht nur die clever strukturierte Erzählung, die uns einen so wunderbaren Kontext zu diesem Charakter gibt, macht „A Prayer for Mad Sweeney“ so sehenswert. Es ist natürlich auch Pablo Schreiber selbst, der eine Mammutleistung abliefert und eine ganze Palette an verschiedenen Emotionen transportieren muss. Zusätzlich zu dem eigenwilligen Charme und Humor, der von Mad Sweeney ausgeht, allen voran im direkten Zusammenspiel mit Laura, gelingt es Schreiber hevorragend , eine unerwartete Verletztlichkeit seines Charakters offenzulegen. Gemeinsam mit den Drehbuchautoren Bryan Fuller, Michael Green und Maria Melnik durchbricht der Darsteller die harte Schale von Mad Sweeney und gibt der Figur eine Tiefe, die es für uns sehr einfach macht, mit diesem Charakter, der am Anfang der Staffel wie ein unterhaltsames Gimmick dahergekommen ist, mitzufühlen.
American Gods bricht abermals mit den Konventionen und lässt in der vorletzter Folge seiner ersten Staffel ein Großteil davon links liegen, was mit der großen, übergeordneten Handlung zu tun haben könnte. Die mutige Entscheidung für eine sehr intime, losgelöste Episode macht sich aber bezahlt, zeigt sich doch erneut auf beeindruckende Art und Weise, dass die Fantasyserie nicht nur laut, knallbunt und völlig abgedreht sein kann. Im Kern von „American Gods“ verstecken sich auch faszinierende Charakterdramen, von denen es in Zukunft gerne mehr geben darf.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 12. Juni 2017(American Gods 1x07)
Schauspieler in der Episode American Gods 1x07
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