American Gods 1x08

© ristin Chenoweth und Ian McShane in âCome to Jesusâ / (c) Starz
Als Mr. Wednesday (Ian McShane) am Ende der Episode Come to Jesus seinem unglĂ€ubigen WeggefĂ€hrten Shadow (Ricky Whittle) zum wiederholten Male die Frage stellt, ob er denn jetzt endlich an all das glaubt, was er in letzter Zeit an seltsamen Gestalten und sonderbaren Situationen erlebt hat, ist das auch gleichzeitig eine Frage an uns Zuschauer von den Serienmachern, ob wir nun endlich bereit dafĂŒr sind, uns voll und ganz auf dieses göttlich-bizarre Abenteuer einzulassen.
In seiner ersten Staffel hat die Fantasyserie American Gods die GemĂŒter gespalten. Man findet in gleichen MaĂen treue AnhĂ€nger, frustrierte Skeptiker und irgendetwas zwischen diesen beiden Polen. Das Staffelfinale verlangt nun ein fĂŒr alle Mal, sich gegenĂŒber dieser spezieller, visuell immer wieder atemberaubenden TV-Produktion zu positionieren. LĂ€sst man sich wie Protagonist Shadow letzten Endes auf diese Welt ein und gibt man sich dieser vollends hin? Oder schwenkt man die weiĂe Flagge und belĂ€sst man es bei acht Folgen „American Gods“?
Confused and intrigued
Ich kann beide Standpunkte nachvollziehen. Die Serienadaption von Neil Gaimans gleichnamigen Bestseller hat uns fantastische Sternstunden, faszinierende CharakterportrĂ€ts, eine originĂ€re und originelle Inszenierung sowie einen göttlichen Soundtrack beschert. Gleichzeitig hat man sich immer wieder mit der etwas faden, ĂŒberforderten Hauptfigur rumgeĂ€rgert, ebenso wie mit der scheinbaren Ziellosigkeit der ErzĂ€hlung, die selten konkrete Antworten zu bieten hat und den Zuschauer gerne mal komplett auf verlorenen Posten stehen lĂ€sst. Dieses Konzept ist eigen und auĂergewöhnlich, und es hat definitiv seine Vorteile, kann man sich dem Rausch doch einfach mal hingeben und die Bilder auf sich wirken lassen.
Believing is seeing
Manchmal wĂŒnscht man sich jedoch, ein bisschen an die Hand genommen zu werden - etwas, was in „American Gods“ nicht passiert. Ganz im Gegenteil sogar, oftmals wird man einfach so in irgendeine Geschichte oder Situationen reingestoĂen, nichtsahnend und unwissend. Und das hat seinen Reiz. Die beiden Serienmacher Bryan Fuller und Michael Green brechen gerne mit Konventionen und geben ihrem Publikum selten das, was es sich wĂŒnscht oder erwartet. So auch in der letzten Episode dieser Staffel, die noch einmal ziemlich gut zusammenfasst, was die Serie eigentlich auszeichnet.
Reich an verschiedenen, ausgefallenen Charakteren und prall gefĂŒllt mit allerlei unterschiedlichen Storylines bekommen wir mitnichten einen wirklich greifbaren Abschluss der Staffel prĂ€sentiert. Der Krieg zwischen den alten und neuen Gottheiten geht in die erste Phase, doch das eigentliche Spektakel spart man sich fĂŒr die zweite Staffel auf. WĂ€hrend einige sicherlich etwas ungeduldig auf den ganz groĂen Knall zum Ende gewartet haben und sich jetzt eventuell Ă€rgern, dass dieser ausgeblieben ist, sehe ich in „Come to Jesus“ eine nahezu perfekte Summe aus all den Elementen und Besonderheiten, die die Serie bisher so aufregend und einzigartig gemacht haben. Dass sich nicht jeder davon angesprochen fĂŒhlt, dĂŒrfte klar sein.

Play the game
Wie bereits erwĂ€hnt bricht „American Gods“ gerne mit den Konvention und hat dabei innerhalb kĂŒrzester Zeit eigene Muster etabliert. So zum Beispiel der regelmĂ€Ăige Einstieg in eine Folge ĂŒber eine kleine, fantastische ErzĂ€hlung, fast schon eine Art MĂ€rchenstunde. Diese gehören zur allerersten GĂŒte, gelingt es kaum einem Fernsehformat doch so wunderbar, ideenreich und audiovisuell ansprechend kleine, losgelöste Geschichten zu erzĂ€hlen, die entweder als smarte Metapher funktionieren oder aber einen interessanten Bogen zu Haupthandlung spannen. Oder eben beides.
Dieses Mal darf Showmaster Mr. Nancy aka Anansi (Orlando Jones) auf der BĂŒhne glĂ€nzen. Er erzĂ€hlt uns und Mr. Wednesday sowie Shadow die Geschichte von Bilquis (Yetide Badaki), die mehr als 800 Jahre vor unserer Zeitrechnung abgöttisch als Königin aller Königinnen verehrt und angebetet wurde. Die Aufnahmen gleichen einer surrealen Fantasywelt, eine exzessive Orgie artet in einem Massenopfer zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin aus, die in der Folge immer wieder von MĂ€nnern bedroht wurde, die sie ihrer Macht berauben wollten. Nach der iranischen Revolution Ende der 1970er Jahren, im Zuge derer die Rechte von Frauen drastisch eingeschrĂ€nkt wurden, kehrte sie ihren Wurzeln den RĂŒcken und suchte ein neues âWirkungsgebietâ.
Forgotten, unloved, unremembered
Sie passte sich an und zog nach Amerika, doch auch dort ging ihr Fall weiter, wĂ€hrend in ihrer Heimat GedenkstĂ€tten zu Bilquis' Ehren zerstört und niedergerissen wurden. Doch es bot sich ihr ein Ausweg, eine Chance, ihren alten Glanz zurĂŒckzugewinnen. Bilquis lieĂ sich auf einen Handel mit den neuen Göttern ein, genauer Technical Boy (Bruce Langley), der ihr dank Technologie die Möglichkeit gab, wieder flĂ€chendeckend angebetet zu werden. Die Moral der Geschichte ist aber nicht, dass Kompromisse ihre Vor- und Nachteile haben. Nein, die Moral der Geschichte ist, dass Wednesday eine Ă€hnlich mĂ€chtige Königin wie Bilquis fĂŒr seine PlĂ€ne benötigt, jemand, der den Unterschied kennt kann und nur wiedererweckt werden muss, nachdem man ihr ihre Bedeutung genommen hat.
Diesen jemand findet Wednesday in der ĂŒberfreundlichen Ostara (Kristin Chenoweth) oder auch âEasterâ, eine alte Göttin, die einen Ă€hnlichen Weg wie Bilquis hinter sich hat. Auch sie, die die Menschen tausend Jahre lang zu jedem FrĂŒhlingsanfang anbeteten und sich reiche Gaben von ihr erhofften, hat an Bedeutung verloren. Nicht zuletzt aufgrund der Wiederauferstehung von Jesus Christi (perfekt gecastet: Jeremy Davies, bekannt aus Justified und Lost), der heutzutage mit dem Osterfest verbunden wird und Ostara in die zweite Reihe verdrĂ€ngt hat. Aber die strahlende âFrĂŒhlingsgöttinâ hat sich arrangiert. Dank den neuen Göttern, allen voran Media (Gillian Anderson tritt dieses Mal passenderweise als Judy Garland in ihrer Rolle aus dem Filmusical âEaster Paradeâ auf), und einem frischen Rebranding hat sie viele AnhĂ€nger und kann sich nicht beklagen.
Fight the progress
Aber glauben die Menschen wirklich an Ostara? Oder nur an den ganzen SĂŒĂkram, die zahlreichen Festessen und die diversen âJesusseâ, die sich auf der kleiner Party auf dem schicken Anwesen Ostaras herumtreiben? Wednesday weiĂ, wo er ansetzen muss, um Ostara zu umgarnen und ein StĂŒckchen von dem alten Dasein anzubieten, als Ostern sich wirklich nur um sie gedreht hat. Die Götter sind nun einmal eitel und in dieser Hinsicht fast menschlich. Interessant ist, dass die Serienmacher mit Blick auf Bilquis nicht nur deutliche VerĂ€nderungen zur literarische Vorlage vornehmen (mit Erfolg!), man implementiert auch sehr klar eine Botschaft ĂŒber die StĂ€rkung von Frauen, die - ob damals oder auch noch heute - regelmĂ€Ăig unterdrĂŒckt und diskriminiert werden.
Bilquis, Ostara, ja selbst Laura (Emily Browning) - eine jede von ihnen wurde zu einer Art Spielfigur degradiert, Marionetten, die sich fĂŒgen mĂŒssten oder sich gefĂŒgt haben und ĂŒber die nun fremde MĂ€chte bestimmen. Nun erheben sich die beiden letztgenannten aus dieser Unterwerfung, wĂ€hrend abzuwarten bleibt, welche Rolle Bilquis noch spielen wird, die sich als Gegenleistung fĂŒr die Dienste von Technical Boy zum âHouse on the Rockâ in Wisconsin begibt. Ostara lĂ€sst sich indes von Wednesday beziehungsweise Odin (fĂŒr alle, die noch nicht lĂ€ngst darauf gekommen sind) âwiedererweckenâ und löst sich von ihrer AbhĂ€ngigkeit zu den neuen Göttern.

Divine intervention
Nun könnte man diskutieren, ob sie jetzt nicht einfach nur die Seiten gewechselt hat und zu einem Spielstein Odins geworden ist, immer noch nicht frei von einem mĂ€nnlichen Bestimmer. Doch der alte Allvater scheint Ostara gar nicht kontrollieren zu wollen, er will sie nur freisetzen und schlĂ€gt dadurch mehrere Fliegen mit einer Klappe. Die neuen Gottheiten sind geschwĂ€cht und wurden erfolgreich provoziert, wĂ€hrend Ostara eine starke VerbĂŒndete fĂŒr die Zukunft ist. Diese setzt den Menschen nun die Pistole auf die Brust (indem sie das Land vertrocknet und unfruchtbar macht), um nicht nur deren Aufmerksamkeit, sondern vor allem deren Gebete fĂŒr eine Wende hin zum Guten bekommt, was ihr neue Macht verleihen wĂŒrde.
Wednesday ist derweil hervorragend davongekommen, sieht sich aber in naher Zukunft einer anderen Herausforderung ausgesetzt: Laura. Diese bringt nĂ€mlich in Erfahrung, wer sie wirklich auf dem Gewissen hat und das eine RĂŒckkehr fĂŒr sie ins Reich der Lebenden nicht ganz so einfach ist. Gerade, als Wednesday Shadow ĂŒberzeugt hat, tritt erneut Laura auf, die der alte Trickster von Mad Sweeney (Pablo Schreiber) hatte umbringen lassen, um Shadow komplett fĂŒr sich zu haben. Diese spannende Konstellation verspricht einiges an Konfliktpotential, haben wir Laura doch als einen Charakter kennengelernt, dem nicht so schnell Einhalt geboten werden kann und die sich ungern vorschreiben lĂ€sst, was sie tun soll.
Make them pray
Shadow hat indes zum Glauben gefunden, auch wenn der Weg dorthin bei Weitem kein leichter gewesen ist. Gut, nach der eindrucksvollen Showeinlage von âLanghutâ, der âHeer-Froheâ, dem Allvater, kurz Odin hat nicht nur unsere Hauptfigur etwas GĂ€nsehaut und starrt mit weit aufgerissenen Augen ins Leere. Auch meine Wenigkeit ist voll und ganz von diesem epischen Augenblick gepackt, der dann noch mit der beeindruckenden Demonstration von Ostaras KrĂ€ften abgerundet wird. Ein Jammer, dass dann auch schon ein Schlussstrich gezogen wird, gerade dann, als die ganzen Charaktere versammelt sind und ein herrliches Knistern in der Luft liegt.
Womöglich kann man diese erste Staffel von „American Gods“ aber auch nicht besser beenden. Die Serie ist und bleibt ein wilder, die Grenzen der RealitĂ€t sprengender Trip, der nicht unbedingt verstanden, sondern vielmehr erfahren werden will. Von jetzt auf gleich sehen wir Shadow in einem fantastischen Traum noch einen Berg an TotenschĂ€deln hinaufklettern, wo er am FuĂe des Weltenbaumes Yggdrasil abermals von einem weiĂen BĂŒffel mit flammenden Augen (ein weiterer Beinahme Odins: âDer mit den flammenden Augenâ) in Empfang genommen wird. Wenig spĂ€ter macht unser Held auf einer göttlichen Party (mitsamt Jungfrau Maria) die Bekanntschaften von mehreren âJesussenâ, denn jeder glĂ€ubiger Christ hat ja eine andere Vorstellung davon, wie sein Herr und Erlöser aussieht.
Have a little bit faith
American Gods bleibt bis zur letzten Minute seiner Staffel besonders und einmalig, ob es nun der ErzĂ€hlstil und die Struktur der einzelnen Folgen sind oder der eigenwillige Humor, findet man in all den schrĂ€gen Momentaufnahmen doch auch immer wieder etwas zu lachen (die armen Hasen!), oder aber die Charaktere sind, von denen viele auf sehr einfallsreiche und spannende Art ergrĂŒndet wurden. Come to Jesus ist eine schöne Mischung aus aufschlussreichen Charakterdrama und fortlaufender ErzĂ€hlung, und die Rechnung geht auf. Das Fantasydrama pulsiert voller Leben und ist gewohnt farbenfroh und abwechslungsreich in Szene gesetzt, dank Regisseurin Floria Sigismondi, die lange Zeit Musikvideos inszeniert hat und jetzt so richtig ins TV-GeschĂ€ft einsteigt, zum Beispiel auch bei Hulus The Handmaid's Tale.
Ob man all dem letztlich etwas abgewinnen kann, ist eine persönliche Glaubensfrage, die sich jeder selbst stellen muss. Um es im Geiste der Serie zu halten: Wer glaubt, der wird belohnt. Was nicht bedeutet, dass fĂŒr die zweite Staffel nicht eine Menge Arbeit vor Fuller, Green und Co. liegt, siehe unsere Hauptfigur, die etwas vielschichtiger gestaltet werden sollte, und der altbekannte rote Faden, der gerne etwas auf der Strecke bleibt, was fĂŒr viele Fluch und Segen zugleich ist. Jetzt, wo diese einzigartige Welt etabliert ist, geht es nun an die Feinjustierung. Oder aber auch nicht. Wer kann dies schon mit Bestimmtheit sagen, gestaltet sich American Gods meinem Empfinden nach doch angenehm unberechenbar. Und vielleicht ist dies das Alleinstellungsmerkmal schlechthin, was mich an diese Serie glauben lĂ€sst.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 19. Juni 2017(American Gods 1x08)
Schauspieler in der Episode American Gods 1x08
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