American Gods 2x01

© ??American Gods“ (c) Starz
In The House on the Rock, der Auftaktepisode der zweiten Staffel von American Gods, gibt es eine Szene, in der ich mich für einen kurzen Augenblick völlig verstanden fühle. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass dieser Augenblick symptomatisch für die Rückkehr der problembehafteten Starz-Produktion ist, die ab heute immer wöchentlich mit neuen Folgen auf Amazon Prime aufwartet. Es ist der Moment, als unser Protagonist Shadow Moon (Ricky Whittle) das irdische Hier und Jetzt hinter sich lässt und perplex in die fantastische Gedankenwelt von Mr. Wednesday aka Odin (Ian McShane) höchstpersönlich eintaucht. Um unsere zentrale Identifikationsfigur herum tummeln sich plötzlich farbenfrohe Gottheiten aus allen Winkeln dieses Universums, es handelt sich um eine surreale Erfahrung sondergleichen, die für jeden wohl nur schwer in Worte zu fassen wäre...
Doch so absurd und daher in gewisser Weise reizvoll diese außergewöhnliche Situation auch ist: Diese göttliche Zusammenkunft fühlt sich schrecklich leer und aussageschwach an. Wie Shadow steht man im Hintergrund und versucht, sich einen Reim aus diesem wilden Allerlei zu machen. Doch der Funke springt einfach nicht über, im Gegensatz zu unserem vermeintlichen „Helden“ der Geschichte, der dann voller Überzeugung das Wort ergreift und ein Plädoyer auf Odin hält. Während Shadow nun komplett involviert in die Machenschaft das Allvaters ist, der seine alten Weggefährten im Kampf gegen die neuen Gottheiten wie Mr. World (Crispin Glover) oder Technical Boy (Bruce Langley) mobilisieren will, fühle ich mich als Zuschauer ein Stück weit zurückgelassen. Wie Beiwerk. Wie jemand, der den Verantwortlichen vielleicht etwas egal ist. „Euch holen wir schon noch ab, wartet nur die pompösen Set Pieces ab, die wir uns ausgedacht haben!“ So einfach ist es aber eben leider nicht.
Counterparts in agony
Es wurde viel zur zweiten Staffel von „American Gods“ geschrieben, lange bevor überhaupt ersichtlich gewesen ist, dass die Adaption des Bestsellerromans von Neil Gaiman im März 2019 mit neuen Episoden zurückkehren würde. Die erste Staffel glich einem Fiebertraum auf bewusstseinerweiternden Rauschmitteln, kostspielig zusammengezimmert von den beiden Serienschöpfern und damaligen Co-Showrunnern Bryan Fuller und Michael Green, deren Engagement jedoch von eher kurzer Dauer war. Beide haben sich längst von der Produktion verabschiedet, kreative Differenzen und vor allem ein außerordentlicher Budgetverschleiß (gerüchteweise 30 Millionen US-Dollar über den kalkulierten Kosten) bedeuteten das jähe Ende der Zusammenarbeit mit dem Sender Starz und der hauptverantwortlichen Produktionsfirma Fremantle. Der TV-Autor Jesse Alexander wurde zum neuen Showrunner ernannt - doch auch er strich frühzeitig die Segel.
Dieses Mal war man nicht mit der Qualität der Drehbücher zufrieden, außerdem verzögerte sich die Produktion um mehrere Wochen, wodurch weiter munter Geld verbrannt wurde. Seit September 2018, als Alexander gegangen wurde, haben nun Regisseur Chris Byrne und Produktionsmanagerin Lisa Kussner die Zügel in der Hand. Unterstützt werden sie von Buchautor Neil Gaiman, dessen Werk in der Branche lange den Ruf hatte, dass es schwer zu adaptieren sei. 2011 stieg gar HBO in den Ring und versuchte sich an einer Umsetzung des ideenreichen Ausgangsmaterials, jedoch ohne Erfolg. Und selbst, wenn man der Serie „American Gods“ in ihrer ersten Staffel vorwerfen konnte, mehr undefinierbarer Bewusstseinsstrom als eine kohärente Erzählung zu sein, kamen Fuller und Green mit ihrer Vision der speziellen Welt Gaimans um neue und alte Gottheiten im heutigen Amerika irgendwie doch sehr nahe. Zumindest in den Augen vieler Buchkenner. Aber auch Außenstehende fühlten sich von dieser wöchentlichen Dosis Wahnsinn durchaus angesprochen.
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Time for preparation
Nun stellt sich zum Auftakt der zweiten Staffel von American Gods automatisch die Frage, inwiefern man die besagte Dosis Wahnsinn, vielleicht das Alleinstellungsmerkmal der Serie, beibehalten kann, wenn sich im Hintergrund so viel getan hat - sowohl personell als auch finanziell. Die Kostenbremse wirkt sich natürlich auf die Produktion aus, die Uneinigkeiten bei den Machern auf die Besetzung, wie die Abgänge von Gillian Anderson (Media) und auch Kristin Chenoweth (Easter) gezeigt haben. Dennoch war man im Vorfeld von Staffel zwei guter Dinge und alle Beteiligten spielten die Probleme am Set und rund um Arbeit an der Serie gekonnt runter. Uns Zuschauern bleibt nun wie so oft „nur“ das fertige Produkt, über das wir Vermutungen anstellen können, inwiefern sich das gesamte Format verändert hat - ob nun zum Guten oder zum Schlechten.
Als Fan der Buchvorlage und jemand, der der ersten Staffel von „American Gods“ sehr viel abgewinnen konnte (auch wenn ich mir den Schwächen der Serie durchaus bewusst war), war ich natürlich gespannt, was uns nun erwartet. Der Einstieg in die neue Staffel nimmt auch noch Bezug auf ein extrem wichtiges Ereignis im Roman: das Treffen der alten Gottheiten im „House on the Rock“, von dem aus der Krieg zwischen den alten und neuen Göttern unserer Zeit erst so richtig in die Vollen geht. In die Vollen geht auch die Episode, in der man sich mehrfach daran probiert, großartiges Spektakel zu inszenieren und das Publikum abermals an die Hand zu nehmen, um dieses erfolgreich in die abgedrehte Welt der Serie einzuführen. Doch recht schnell wird deutlich, dass es hier nicht unbedingt an den Produktionswerten mangelt, die sich nach wie vor auf einem sehr ordentlichen Niveau bewegen.
Time to ride
Nein, es mangelt der Premiere der zweiten Staffel von „American Gods“ vielmehr an einem klar erkennbaren roten Faden, an einer durchdachten Erzählstruktur entlang der zentralen Charaktere. Was wir anstelle dessen hier beobachten können, ist eine Aneinanderreihung von hochstilisierten Momentaufnahmen, in denen nicht viel von Bedeutung gesagt wird und so manche Figur unnötigerweise sogar wiederholt, was längst etabliert wurde. Aber Halt... Auch in der ersten Staffel entstand immer wieder der Eindruck, die Serie würde für den besonderen Moment leben, diese eine herausstechende Szene, die die Zuschauer an ihrem Glauben zweifeln lässt. Doch wo sich in Staffel eins noch mehr Verbindungen zwischen dem Gezeigten und dem emotionalen Innenleben der Charaktere erkennen ließen, fällt es „House on the Rock“ sehr oft schwer, Bezüge herzustellen, die wir als Publikum emotional nachvollziehen können.
Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass es einem schlichtweg egal ist, was in dieser Folge passiert. Wir werden Zeugen von „Eventdramaturgie“ in Reinform: Über ein paar Minidialogszenen sollen die verschiedenen Figuren, die allesamt das gleiche Ziel haben, verknüpft werden. Aber nicht einmal sehen wir, wie sie wirklich miteinander kommunizieren. Wir springen von A nach B, dann weiter über C nach D, bis wir irgendwann bei Z angekommen sind, auf die Uhr schauen und uns wundern, dass tatsächlich fast eine ganze Stunde vergangen ist, um diesen Punkt zu erreichen. Das leicht Absurde daran ist, dass viele Elemente in „American Gods“ nach wie vor funktionieren, zumindest im weitesten Sinn. Dem gesamten Cast merkt man unverändert eine gewisse Bereitschaft und auch Freude an, Teil dieses sonderbaren Projekts zu sein. Allen voran Ian McShane, dessen teuflische Silberzunge weiterhin gekonnt zum Einsatz kommt, sticht hier hervor.
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A magic world without the magic
Über Ricky Whittle lässt sich als Hauptdarsteller immer noch streiten, doch auch er kniet sich offensichtlich rein, ebenso wie Emily Browning, Pablo Schreiber, Orlando Jones und wie sie alle heißen. Manche der Figuren sind einfach nur drüber, anderen merkt man an, wie gebeutelt und gezeichnet sie in Wirklichkeit sind. Doch sie dürfen es nicht ausleben, weil sie allesamt Sklaven des Plots sind, der nie wirklich Tempo aufnimmt und mehr damit beschäftigt ist, diverse Storykästchen abzuhaken, als eine organische Geschichte zu erzählen. Was folgt, ist eine Art bunter Haufen an Charakteren, flachen Motiven, funkelnden Schauwerten und, mit Blick auf die junge Geschichte der Serie, vergleichsweise unspektakuläres Drama, dem einfach diese spezielle Magie fehlt, aufgrund welcher man das Format anfangs sehr zu schätzen wusste.
House on the Rock ist bei weitem kein Totalausfall. Man feilt nicht nur etwas an der Mythologie der Serie, man bringt auch die wichtigsten Teilnehmer in diesem Spiel um Leben und Tod, um Macht und Status, in Position. Das Massaker an den alten Göttern am Ende der Folge ist zu den Klängen von Paul Cauthens „Everybody Walkin' This Land“ noch mal eine spritzig-unterhaltsame Momentaufnahme und auch das episodentitelgebende Kuriositätenkabinett, mühevoll ausgestattet mit allerlei Klimbim und Nippes, zeugt von der Sorgfalt, mit der die Serie gestaltet wird. All diese aufregenden Äußerlichkeiten täuschen aber nicht darüber hinweg, dass sich „American Gods“ auf einmal schrecklich leer anfühlt, dass Zeit mit trivialen Gesprächen (so gerne ich Mr. Wednesday beim Reden zuhöre, er kaut hier auch erschreckend viel wieder) verschwendet wird und dass vielleicht sogar zu sehr die Stühle hin- und hergerückt werden.
Shock and awe
Es fehlt an Fokus, so wie es an einer greifbaren Motivation für viele Charaktere fehlt. Im Schnelldurchlauf erfahren wir, was sie alle antreibt, aber nie verbringen wir so viel Zeit mit ihnen, dass wir die Figuren verstehen und ihnen wirklich beiwohnen, wenn sie sich Gedanken darüber machen, was sie eigentlich wollen. Nach all der Zeit - die erste Staffel feierte im Juni 2017 ihr Finale - wäre es eventuell ratsamer gewesen, die Zuschauer daran zu erinnern, was in den verschiedenen Charakteren steckt, und dann erst ein audiovisuelles Spektakel folgen zu lassen. Man geht aber den umgekehrten Weg, wodurch es an Substanz fehlt. Auch die erste Staffel ist oft der Devise „style over substance“ gefolgt, konnte aber bei ersterem dermaßen hochwertig abliefern, so dass man sich einfach mitreißen lassen konnte. Jetzt mangelt es wiederum an dem gewissen Etwas, weshalb es umso heftiger ins Gewicht fällt, dass „American Gods“ zu Beginn seiner neuen Staffel inhaltlich zu schwach auf der Brust ist.
Das kann sich aber ändern. Die vielen Turbulenzen, ob es nun die überschaubare Qualität der Drehbüchern, die Budgetprobleme oder was auch immer war, können gar nicht spurlos an einer Produktion wie American Gods vorbeigegangen sein. Gut möglich, dass sich das Format nun erst einmal wieder finden muss (was schwieriger sein könnte als gedacht, war man doch selbst nach Staffel eins noch auf der Suche nach sich selbst) und diese Zeit kann man den Verantwortlichen schon eingestehen, wenngleich eine solche Übergangsphase nicht ohne Risiko ist. Schafft man es, relevante Geschichten zu erzählen, sich neu zu fokussieren und aus der vermeintlichen Not eine Tugend zu machen? Oder scheitert man nachträglich an dem schwierigen Unterfangen, ein Buch wie „American Gods“ als Serie umzusetzen? Was glaubt Ihr?
Trailer zur zweiten Staffel von „American Gods“:
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 11. März 2019American Gods 2x01 Trailer
(American Gods 2x01)
Schauspieler in der Episode American Gods 2x01
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