American Crime Story 1x03

Die American Crime Story-Episode The Dream Team ist bis an den Rand mit Plot vollgepackt, schafft es aber auf besonders elegante Weise, nicht überladen auszusehen. Autor D.V. DeVincentis konzentriert sich in jedem Handlungsbogen auf die Kernelemente und legt frühzeitig die dramaturgischen Schienen für künftige Erzählstränge. So ergibt sich aus unübersichtlichen realhistorischen Entwicklungen ein nachvollziehbares Bild, das nicht nur die Aktionen der Figuren näher beleuchtet, sondern auch Zusammenhänge und Auswirkungen.
Fame's complicated
Das Leitmotiv der Episode ist Ruhm - nicht nur der von OJ Simpson (Cuba Gooding Jr.), sondern auch der von all denjenigen, die während des Verfahrens - ob gewollt oder nicht - dazu kommen werden. Um das deutlich zu machen, stellt DeVincentis der Episode ein streitbares cold open voran, in dem Robert Kardashian (David Schwimmer) versucht, seinen Kindern eine wichtige Lektion mit auf den Weg zu geben: „Fame is fleeting, it's hollow. It means nothing without a virtuous heart.“ Wie wir heute alle wissen, sind diese Worte auf nicht allzu fruchtbaren Boden gefallen.
Der Chef von OJs Verteidigung, Bob Shapiro (John Travolta), versammelt derweil profilierte Strafverteidiger und mehrere Experten, um das sogenannte „Dream Team“ zusammenzustellen. Dazu gehört F. Lee Bailey (Nathan Lane), der größte Bekanntheit mit der erfolgreichen Verteidigung von Dr. Sam Sheppard erlangte - ebenjenem Arzt, dessen Geschichte später im Filmklassiker „Auf der Flucht“ mit Harrison Ford nacherzählt wurde. Auf Baileys Geheiß engagiert Shapiro überdies den Staranwalt Alan Dershowitz (Evan Handler), der sogleich eine wichtige Verteidigungsstrategie einbringt - den Plan nämlich, im Verfahren begründete Zweifel an den DNA-Beweisen der Anklage vorzubringen.
Von seinem Berater Pat McKenna (Rio Hackford) bekommt Shapiro schließlich den entscheidenden Beitrag zur Vervollständigung der Verteidigungsstrategie. In öffentlich zugänglichen Unterlagen findet McKenna Hinweise darauf, dass Mordermittler Mark Fuhrman (Steven Pasquale), der den blutigen Handschuh gefunden hatte, einen üblen Ruf als Rassist genießt. Sofort realisiert Shapiro, was er da in den Händen hält: „This is a gift.“ Und wie es der für ihn glückliche Umstand will, klopft bald darauf ein Reporter des „New Yorker“ an seine Tür und bittet ihn um einen Kommentar zum Verfahren. Es ist Jeffrey Toobin (Chris Conner), dessen Buch als Vorlage für diese Serie genutzt wird.

Bei der Staatsanwaltschaft ist man nach der ersten Pressekonferenz von Anklageführerin Marcia Clark (Sarah Paulson) indes in Jubelstimmung. Sie wird schon als neuer Star gefeiert und beantwortet das mit der adrenalingeschwängerten Aussage, ein solcher Moment sei besser als Sex. Am Ende der Episode realisiert sie jedoch, dass dieser Fall noch lange nicht gewonnen ist. Zwischendurch hat es eine Kontroverse um das Cover des „Time“-Magazins gegeben, auf dem OJs Hautfarbe offensichtlich geschwärzt wurde, was viele Kommentatoren als klaren Fall von Rassismus einordnen.
Let's make everyone look good
Dies ist jedoch lange nicht der einzige Vorgang, der Marcias Hochstimmung graduell eintrübt. Ihre einzige Augenzeugin, Jill Shively (Romy Rosemont), hat sich von einem TV-Sender für ein Interview bezahlen lassen, weshalb sie nun nicht mehr in den Zeugenstand gerufen werden kann, ohne von der Gegenseite auseinandergenommen zu werden. Über ebenjenes sogenanntes „cash for trash“ wollte Toobin ursprünglich seinen Artikel schreiben, woraus dann aber dank des Interviews mit Shapiro die Story über eine angebliche rassistische Verschwörung innerhalb des LAPD wurde.
Von ihrem Kollegen Christopher Darden (Sterling K. Brown) wird Marcia anschließend darüber aufgeklärt, wie die Stimmung im schwarzen Bevölkerungsteil wirklich ist: „A lot of black people think OJ didn't do it.“ Er ist bereits so umsichtig, zu wissen, dass es in dieser Phase des Verfahrens wegen der massiven medialen Aufmerksamkeit schon nicht mehr um die Faktenlage geht, sondern viel eher um das, was die Öffentlichkeit glauben will: „Right now it's an emotional thing, not a rational one.“ Belohnt wird er dafür mit der Übernahme der Anklage gegen AC Cowlings (Malcolm-Jamal Warner) wegen Beihilfe zur Flucht.
Während sich Marcias Kollegen - mit Ausnahme von Chris Darden - noch siegessicher geben, weiß sie spätestens, als sie den Artikel im „New Yorker“ liest, was nun Sache ist: „It's a declaration of war.“ Eine weitere Schlüsselfigur des Verfahrens, Johnnie Cochran (Courtney B. Vance), ärgert sich da noch über Scherzanrufe, hat aber schon Blut geleckt. Seine Ehefrau Dale (Keesha Sharp) motiviert ihn mit einer besonders durchtriebenen Taktik: Seinen Befürchtungen, einen Fall anzunehmen, der vor dem ersten Verhandlungstag bereits als verloren gilt, stellt sie den Ärger gegenüber, den er verspüren würde, wäre er nicht Teil eines Überraschungserfolgs.

Damit weckt sie den Kampfgeist ihres Ehemanns, der am Ende von Shapiro nur noch höflich gebeten werden muss, zum „Dream Team“ zu stoßen. Mehr Überzeugungsarbeit müssen Shapiro, Kardashian und Bailey bei OJ selbst leisten, weil der es zunächst mit berühmten Worten ablehnt, die Rassismus-Karte auszuspielen: „I'm not black, I'm OJ.“ Als jedoch die Aufnahmen des Notrufs von Nicole an die Medien durchsickern, auf denen zu hören ist, wie sie von OJ verprügelt wird, sieht auch er ein, dass nun jedes legale Mittel recht ist, um einen Freispruch zu erwirken.
The crux of our case
Cochran gibt OJ denn auch gleich eine Erfolgsaussicht, sollte nur ein schwarzes Jurymitglied berufen werden. Wäre das der Fall, ist er sich jetzt schon sicher, eine hung jury erwirken zu können, was bedeuten würde, dass OJ nach Hause dürfte. Die Besetzung der Jury war in dieser Episode schon einmal zwischen Marcia Clark und ihrem Vorgesetzten Gil Garcetti (Bruce Greenwood) Thema, als er darauf pocht, dass die „Optik“ von entscheidender Bedeutung sei. Oder mit anderen Worten: Eine weiße Jury würde der Anklage die Arbeit deutlich erleichtern.
Es ist nahezu unfassbar, wie schnell sich dieses Verfahren von einem reinen Mordprozess zu einem öffentlichen Spektakel entwickelt hat. Noch viel erschütternder ist jedoch die Tatsache, dass schon jetzt kaum noch über die Opfer gesprochen wird, sondern nur noch darüber, wie diese mediale Schlacht gewonnen werden kann. Es ist die Pflicht der Verteidigung, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihrem Klienten zu helfen, jedoch ist es verblüffend, dass die Anwälte auch im Gespräch untereinander von keinerlei Zweifel ob der Unschuld OJs befallen sind.
Der Ruhm des Ex-Footballstars gereicht ihm dabei eher zum Vor- denn zum Nachteil. Seine Fans sind trotz eindeutiger Beweislage davon überzeugt, dass er unschuldig ist. In einem Verfahren, dem so viel Sendezeit gewidmet wird, ist das ein unschätzbarer Vorteil. Die Episode The Dream Team illustriert äußerst anschaulich und übersichtlich, was Marcia Clark bald befürchtet: „The tail (is) wagging the dog.“ Wir Zuschauer können da nur noch erstaunt zusehen, wie sich dieses merkwürdige, legendäre und unendlich faszinierende Verfahren entspinnt.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 17. Februar 2016(American Crime Story 1x03)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x03
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