American Crime Story 1x04

American Crime Story 1x04

Das Verfahren gegen OJ Simpson nimmt in 100% Not Guilty konkrete Form an. Während die Anklage weiterhin optimistisch ist und lediglich kleine Stellschrauben justiert, kommt es innerhalb der Verteidigungsmannschaft zu einer Revolte. Die American Crime Story bleibt äußerst unterhaltsam.

Die Verteidungsmannschaft leidet unter internen Querelen. / (c) FX
Die Verteidungsmannschaft leidet unter internen Querelen. / (c) FX

Es gibt eine Szene in der Episode 100% Not Guilty, die die Skurrilität des Falls um den Doppelmord an der Exfrau von OJ Simpson (Cuba Gooding Jr.) und ihrem Liebhaber sehr gut einfängt. Da bekommt Staatsanwältin Marcia Clark (Sarah Paulson) Besuch vom Vater des männlichen Opfers, Fred Goldman (Joseph Siravo, der in den Rückblenden der „Sopranos“ Tonys Vater spielte). Er kann es nicht fassen, dass der öffentliche Fokus völlig abgekommen ist von den Opfern - und vor allem von seinem ermordeten Sohn - und nun nur noch auf dem berühmten Ex-Footballer liegt.

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Die Szene ist bewegend, vor allem aber wichtig, weil sie auch uns Zuschauern deutlich macht, worum es eigentlich geht. So einig sich das sogenannte „Dream Team“ der Verteidigung zu Beginn der Episode unter Führung von Bob Shapiro (John Travolta) indes ist, so sehr verfängt es sich allmählich in Streitereien um die Führungsfrage. Shapiro will nicht wahrhaben, dass Johnnie Cochran (Courtney B. Vance) der bessere Kandidat ist - und das nicht nur wegen seiner Hautfarbe. Aber er kann die Welle der Unterstützung innerhalb des Teams nicht mehr aufhalten - eine Welle, an deren Aufkommen Cochran selbst kräftig mitarbeitet.

Ihm gehört die zweite große Szene der Episode. Da besucht er OJ alleine im Gefängnis und merkt, dass sein Klient unbedingt eine Motivationsspritze braucht. Mitreißend erzählt er ihm vom größten Tief seines eigenen Lebens, aus dem ihm OJ mit seinem Spiel herausgeholfen habe. Das mag stimmen oder nicht, erzielt aber die angestrebte Wirkung: „This right here is the run of your life.“ OJ wirkt danach wirklich aufgeweckter - jedoch nur, bis er eine weitere schwierige Entscheidung treffen muss. Am Ende wartet das gesamte Team darauf, dass er Cochran zum Anführer kürt und Shapiro entthront. Trotz seiner selbsterklärten Konfliktscheu ringt sich OJ dazu durch.

Für Marcia Clark dürfte das mehr schlechte Neuigkeiten bedeuten, obwohl sie selbst weiterhin fest daran glaubt, das Verfahren für sich entscheiden zu können. Diese Hybris ist es denn auch, die sie die Empfehlungen einer Fokusgruppe ignorieren lassen. Beide Seiten lassen solche Nachforschungen anstellen, jedoch zieht nur eine die richtigen Schlüsse daraus. Während sich die Verteidigung darauf einigt, vor allem schwarze Frauen in den Zeugenstand berufen zu wollen, schlägt Marcia die Ablehnung schwarzer Frauen ihr gegenüber in den Wind und stimmt den ausgewählten Jurymitgliedern zu.

Immerhin offenbart sie genug Weitsicht, Christopher Darden (Sterling K. Brown) in ihr Team zu holen, was OJ zu folgendem tragikomischen Ausspruch verleitet: „When did they get a black guy?“ Tragikomisch ist denn auch dieser gesamte Fall, der ein solches Novum war, dass es jedem und jeder Involvierten schwergefallen sein muss, sich nicht vom allgemeinen Trubel anstecken zu lassen. Alleine diese Episode liefert dafür mehrere Beispiele - etwa die Diskussion zwischen Clark und Gil Garcetti (Bruce Greenwood), ob die Todesstrafe als Höchststrafe gefordert werden sollte. Oder die Spontan-Pressekonferenz von Johnnie Cochran auf dem Schuhputzsessel.

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Oder die öffentlichen Auftritte und das Buch der Simpson-Bekannten Faye Resnick (Connie Britton). Sie wirkt stets, als habe sie sich einen Cocktail mehrerer Drogen eingeflöst, versichert sich noch gegenüber den beiden Journalisten, die ihre Geschichte drucken wollen, dass es nicht „ausbeutend“ rüberkommen soll, erzählt dann aber jedes pikante Detail aus ihrer Freundschaft zur ermordeten Nicole Brown Simpson. Als das Buch bald darauf veröffentlicht wird, sieht sich Richter Ito (Kenneth Choi) gezwungen, die Juryauswahl zu verschieben, damit alle Parteien das Machwerk studieren können.

In einem Gespräch zwischen Shapiro und F. Lee Bailey (Nathan Lane) wird indes eine Entwicklung angesprochen, die das Verfahren erst auf dieses absurde Niveau heben konnte. Es waren die frühen Tage des 24-Stunden-Nachrichtenzyklus', der heutzutage für die Verwandlung von Politik in Theater verantwortlich gemacht wird. Wie sehr das Verfahren in diesem frühen Stadium schon dem Theater gleicht, macht 100% Not Guilty sehr deutlich. Überall, wo man hinschaut, spielt sich ein anderes Stück ab: Dort Drama, hier Komödie. Dort Soap, hier Thriller.

Kritische Gesellschaftsbeobachtung kann man überdies als Kategorie hinzufügen, betrachtet man die sexistischen Anwürfe, mit denen sich Marcia Clark auseinandersetzen muss. Die Fokusgruppe, der ein Auftritt von ihr vor Gericht gezeigt wird, ist sich schnell einig, sie als „hochnäsige, besserwisserische Schlampe“ abzustempeln. Wer glaubt, dass sich das im Verfahren bessert, der wird wohl bald eines Besseren belehrt. Bisher haben wir nur die Ouvertüre gesehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 27. Februar 2016
Episode
Staffel 1, Episode 4
(American Crime Story 1x04)
Deutscher Titel der Episode
100 Prozent nicht schuldig
Titel der Episode im Original
100% Not Guilty
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 23. Februar 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 27. Januar 2017
Autoren
Maya Forbes, Wallace Wolodarsky, Scott Alexander, Larry Karaszewski
Regisseur
Anthony Hemingway

Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x04

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