American Crime Story 1x05

Die Schauspieler Courtney B. Vance und Sterling K. Brown haben bisher in ihren Rollen als Verteidiger Johnnie Cochran und Ankläger Christopher Darden herausragende Arbeit geleistet. In der Episode The Race Card können sie ihre bisherigen Darbietungen jedoch noch einmal überbieten. Wie der Titel leicht vermuten lässt, geht es darin um ein zentrales Element des Mordverfahrens gegen OJ Simpson (Cuba Gooding Jr.) - seine Hautfarbe.
Here to tell a story
Im cold open bekommen wir einen jüngeren Johnnie Cochran zu sehen, der von einem Polizisten angehalten wird, weil er angeblich nicht geblinkt hat, als er die Spur wechselte. Bevor dieser weiße Polizist an die Fahrertür tritt, lässt Cochran seine Töchter die Verhaltensregeln wiederholen, die sie in einem solchen Falle stets zu beachten hätten. Es ist wahrlich traurig, dass ein Familienvater solche Verhaltensregeln für die Interaktion mit Ordnungshütern überhaupt aufstellen muss - noch trauriger ist allerdings, dass sich daran für schwarze Menschen bis heute - über 30 Jahre später - kaum etwas geändert hat.
Die Verkehrskontrolle endet glimpflich, als der Polizist feststellt, dass er gerade einen stellvertretenden Staatsanwalt angehalten hat. Ebenso wichtig für den weiteren Handlungsverlauf ist die Konversation, die Cochran danach mit seinen Töchtern führt. Sie fragen ihn verängstigt, ob er vom Polizisten mit dem N-Wort betitelt worden sei, woraufhin Johnnie ihnen eine weitere Lektion erteilt: Diese Verunglimpfung solle nie wieder von ihnen ausgesprochen werden. Einige Jahre später wird er diesen Ratschlag im Prozess gegen seinen Klienten über Bord werfen. Darin kristallisiert sich die Komplexität seines Charakters heraus - er ist ein unbestrittener Karrierist, aber einer mit Agenda.
Das bekommt vor allem Christopher Darden zu spüren. Bevor das Verfahren überhaupt eröffnet wird, fährt Cochran auf allen Kanälen schwere Geschütze gegen seinen Widersacher auf. Er bezeichnet Darden als schwarzen Strohmann für die Anklage, die sich davon erhoffe, bei der überwiegend schwarzen Jury punkten zu können. So werden die öffentlichen Ansichten über Darden befeuert, wonach er dem Bild des Uncle Tom entspreche - zumindest, wenn man einer Umfrage der Los Angeles Times Glauben schenkt.

Die Kopfschmerzen von Marcia Clark (Sarah Paulson) dürfte das weiter anfeuern. Dabei fängt alles so gut an - eine Parallelmontage offenbart, wie sicher sich beide Seiten in der Vorbereitung auf den Prozess sind. Zwar knirscht es bei der Verteidigung bisweilen im Getriebe, weil Shapiro (John Travolta) seine Eitelkeiten nicht in den Griff bekommt. Andererseits ist sein Ärger gegenüber F. Lee Bailey (Nathan Lane) auch nicht ganz unverständlich, war der es doch wirklich, der der Presse über Shapiros angebliche Überforderung berichtete.
Now Jesus is on their side, too
Bald darauf kann die Verteidigung aber dank Cochrans Aufgewecktheit einen ersten Punktsieg einfahren, bei dem Darden unter die Räder des Furors seines Gegenübers gerät. Darden bringt den Antrag vor, das N-Wort im Prozess zu verbieten. Er führt dafür eine zweiteilige Argumentation vor, deren erster Teil unverfänglich ist. Der zweite Teil jedoch weckt Cochrans Improvisationskunst. Er erklimmt das Rednerpult und erhebt schwere Anwürfe gegen seinen ehemaligen Protegé - mit dessen Behauptung, Schwarze könnten vom Gebrauch des Wortes geblendet werden und fortan keine informierte Meinung mehr bilden, spreche er ihnen die Fähigkeit zur Reflexion ab.
Dieser verbale Kinnhaken hinterlässt nachhaltigen Eindruck bei Darden, der seinem Ärger erst bei seinem Vater (Duane R. Shepard Sr.) und dann bei Staatsanwalt Gil Garcetti (Bruce Greenwood) Luft macht. Letztgenannter drückt daraufhin - zum Glück seines Untergebenen - auf die Bremse. Es ist jedoch nicht die einzige heikle Angelegenheit, mit der sich Christopher auseinanderzusetzen hat. Marcia Clark gibt ihm den Auftrag, den Polizisten Mark Fuhrman (Steven Pasquale) auf seine Zeugenaussage vorzubereiten und ihn schließlich auch im Zeugenstand zu befragen.
Wegen dessen rassistisch belasteter Vergangenheit, die auf gruselige Weise in der letzten Szene der Episode bestätigt wird, hält es Darden für eine schlechte Idee, ihn überhaupt zu berufen, geschweige denn von ihm selbst befragen zu lassen. Clark bleibt in dieser Frage stur, jedoch kommt Darden gelegen, dass ihr zweiter Ankläger Bill Hodgman (Christian Clemenson) im Gerichtssaal einen Zusammenbruch erleidet. Er kann es nicht fassen, dass die Verteidigung es versäumt hat, die Namen mancher Zeugen an die Staatsanwaltschaft zu übermitteln: „What is this? Opening statement by ambush?“

Hodgman ist danach dauerhaft außer Gefecht, weshalb Darden von Clark zum zweiten Ankläger befördert wird. Diese neue Machtfülle nutzt er aus, um abermals gegen die Aufnahme von Mark Fuhrman in den Zeugenstand zu lobbyieren. Erst sein neuer Rivale Cochran flößt ihm jedoch ausreichend Selbstbewusstsein ein, um Marcia unbeugsam gegenüberzutreten: „Don't do Fuhrman. Make the white people do him.“ Hier kommt erneut der ambivalente Charakter Cochrans zum Vorschein - statt seinen Gegenspieler zu verwirren, gibt er ihm einen ernstgemeinten Tipp.
I never left anyone behind
Die Szene ereignet sich jedoch inmitten eines weiteren Cochran-Coups. Bevor die Jury den Tatort und OJs Haus begeht, lässt er letztgenanntes umdekorieren, damit keine falsche Vorstellung aufkommt von OJ als „Mayor of Brentwood“, der keinerlei Umgang mit Schwarzen, sondern nur noch mit wohlhabenden Weißen pflegt. OJ will das zunächst nicht verstehen, was erst witzig klingt („Everybody loves my house. It was in Sunset Magazine.“), dann aber äußerst ernst: „You gotta get it on your own. Nobody can do it for you.“ Die Szene im Gefängnis ist ein weiterer Höhepunkt der Episode.
Verwirrend, zeitweilig sogar absonderlich ist hingegen das Verhalten des celebrity-vernarrten Richters Ito (Kenneth Choi) und des Autors Domenick Dunne (Robert Morse), dem Ito eine Vorzugsbehandlung als Prozessbeobachter zukommen lässt. In einer Runde offensichtlich wohlhabender Weißer, die sich das Essen von schwarzem Personal servieren lassen, tischt Dunne die boulevardesken Details über das Liebesleben der Ermordeten und des angeblichen Täters auf. Die Szene lässt durchblicken, für wie viele Menschen dieses Verfahren kein Ernst, sondern reines Entertainment war. Wir Zuschauer sind vor diesem Vorwurf indes nicht gefeit, schließlich lassen auch wir uns von dieser fiktionalen Aufarbeitung unterhalten.
Vor allem dank der explosiven Konfrontationen zwischen Cochran und Darden ist The Race Card die beste Episode seit dem Auftakt von American Crime Story. Es ist erschreckend, wie sehr sich die heutigen und damaligen Rassenkonflikte in den USA ähneln. Schwarze Familienväter sind heutzutage sicherlich gut beraten, ihren Kindern ebenjene Lektion einzubläuen, die Johnnie Cochran seinen Töchtern gut drei Jahrzehnte zuvor schon einbläute. Und so wird aus diesem Unterhaltungsformat eine sehenswerte Nachhilfestunde in amerikanischer Lebensrealität.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 2. März 2016(American Crime Story 1x05)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x05
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