American Crime Story 1x06

American Crime Story 1x06

Sarah Paulson liefert in der American Crime Story-Episode Marcia, Marcia, Marcia eine denkwürdige Performance ab. Sie spielt die Titelfigur mit zerbrechlicher Kraft - was die Anklägerin damals an Sexismus aushalten musste, war gelinde gesagt abscheulich.

Marcia Clark (Sarah Paulson) und Christopher Darden (Sterling K. Brown) ahnen Böses. / (c) FX
Marcia Clark (Sarah Paulson) und Christopher Darden (Sterling K. Brown) ahnen Böses. / (c) FX

Vorab einen herzlichen Glückwunsch an all jene Zuschauer von American Crime Story, die es während und nach der Episode Marcia, Marcia, Marcia geschafft haben, ihren Fernseher nicht aus lauter Wut auf den Boden zu schmettern. Wie der Titel verrät, fokussiert die Folge größtenteils die Chefanklägerin im Fall OJ Simpson, Marcia Clark (Sarah Paulson). Es ist wohl einem kosmischen Zufall zu verdanken, dass sie ausgerechnet am Weltfrauentag ausgestrahlt wurde - oder einer/m besonders findigen Programmplaner/-in bei FX.

Stop watching so much TV

Jedoch muss es nicht Weltfrauentag sein, um abstoßend zu finden, was mit Marcia Clark während des Verfahrens veranstaltet wurde. Der von den Medien, aber auch von der Bevölkerung vorgetragene offene Sexismus ist wahrlich verabscheuungswürdig. Zusätzlich zur Verantwortung für diesen Karrierefall musste sich Marcia unzähligen weiteren Herausforderungen stellen - und das alles nur, weil sie eine Frau ist. Über sie gab es call-in-Shows im Radio, in denen die Zuhörer gefragt wurden, ob Marcia „heiß“ sei oder eher eine „Schlampe“.

Über das Aussehen von Bob Shapiro (John Travolta) oder Robert Kardashian (David Schwimmer) machte sich indes niemand lustig. Wirklich brutal wird es, als sie auch noch von ihrem Vorgesetzten Gil Garcetti (Bruce Greenwood) den zwar zurückhaltenderen, aber nicht weniger eindeutigen Vorschlag eines Makeovers bekommt. Aber es geht immer noch schlimmer: Nachdem sie sich für eine neue Frisur entschieden hat, wird Marcia sogar von Richter Ito (Kenneth Choi) veräppelt: „Good morning, Miss Clark. I think.

Am Ende ist das alles zuviel für sie. Nachdem ihr erster Ehemann ein Nacktbild von ihr an die Presse verhökert hat, entscheidet selbst der unsensible Richter, dass dies genug Hohn für einen Tag war. Trost findet Marcia nur noch in den Armen ihres Kollegen Christopher Darden (Sterling K. Brown), der über den gesamten Verlauf der Episode immer wieder derjenige ist, der sie mit einfachen, aber wirkungsvollen Parolen aufzumuntern versucht. Zwischendurch fordert er sie gar zum Tanz auf, obwohl Marcia sich ein striktes Spaßverbot auferlegt hat: „I cannot afford to be accused of having a good time.

Für die Presse ist Marcias neuer Look ein gefundenes Fressen. © FX
Für die Presse ist Marcias neuer Look ein gefundenes Fressen. © FX

Es ist eine wunderbare Szene, genau wie die zu Beginn, als Marcia von ihrem Sohn Travis (Hudson West) beim Rauchen erwischt wird. Ihn kümmert das nicht, er bietet seiner offensichtlich gestressten Mutter lieber eine Umarmung an. Diese beiden Atempausen sind jedoch die einzigen für eine bemitleidenswerte Chefanklägerin, die wohl niemals hätte abschätzen können, von welch niederträchtigem Medientsunami sie überrollt werden würde. Doch schon während sie den stillen Moment mit ihrem Sohn genießt, fällen die Moderatorin einer Talkshow und ihr Gast ein vernichtendes Urteil: „This is not a look, this is a cry for help.

We need to make them believe

Die Fokussierung der Medien auf Marcias Aussehen dürfte für die von Johnnie Cochran (Courtney B. Vance) angeführte Verteidigung von Vorteil gewesen sein, schließlich ist sie nicht an der Darlegung der Fakten interessiert, sondern viel eher daran, eine „bessere“ Geschichte als die Anklage zu erzählen. Für einen Teil des Publikums war die Live-Ausstrahlung des Verfahrens tatsächlich eine Geschichte, wie eine Szene sehr schön verdeutlicht, in der ein Zuschauer den Wunsch äußert, dass Kato (Billy Magnussen) endlich wieder auftauchen soll.

Natürlich ging dieses enorme Interesse auch nicht an den Programmverantwortlichen der übertragenden Sender vorbei. Ein weiterer Cutaway zeigt uns, wie kühl kalkulierend sie dabei vorgingen. Um die Einschaltquoten hochzuhalten, beschlossen sie, ihren Soapausstrahlungen am Nachmittag Aufnahmen aus dem Gericht voranzustellen. Sie werden für diese Entscheidung belohnt - zum Beispiel mit der Befragung von Mark Fuhrman (Steven Pasquale), an deren Ende eine Fernsehfrau ungläubig staunt: „Oh my God, this is insane.

Hinsichtlich Fuhrman und seiner rassistisch belasteten Vergangenheit äußerte Darden ja bereits in früheren Episoden Bedenken, die er hier gegenüber Marcia erneuert. Sie hält jedoch eisern daran fest, dass sein Vorgehen am Tatort keinerlei zweite Meinung zulasse und er gegen sämtliche Angriffsversuche der Verteidigung gefeit sei. Da rechnet sie aber nicht mit der Taktik, die sich Lee Bailey (Nathan Lane) zurechtgelegt hat. Er konfrontiert Fuhrman beim Kreuzverhör mit dem N-Wort und fragt ohne Umschweife, ob der Polizist dieses Wort in den letzten zehn Jahren benutzt habe, um schwarze Personen zu beschreiben.

An der Schulter von Christopher Darden (Sterling K. Brown) findet Marcia (Sarah Paulson) Trost. © FX
An der Schulter von Christopher Darden (Sterling K. Brown) findet Marcia (Sarah Paulson) Trost. © FX

Fuhrman verneint das energisch, jedoch geht der Plan der Verteidigung auf. Sollte bei der Jury der geringste Zweifel über die Intergrität und Toleranz Fuhrmans bestanden haben, wird dieser alleine durch die Andeutung des „most powerful word in the English language“ weiter genährt. Lane schlägt damit in genau die Kerbe, die Cochran vorgegeben hat: Es ist nicht wichtig, was wirklich passiert ist - es ist wichtig, was die Jury glaubt. Sie muss nur davon überzeugt werden, dass Anklage und Polizei wahlweise unseriös - im Falle von Marcia Clark - oder rassistisch - im Falle von Fuhrman oder Tom Lange (Chris Bauer) - agieren.

Not a public personality

Wenig überraschend begehen beide Seiten auch Fehler. In der Nachbetrachtung hätte Marcia den Bedenken ihres Kollegen Darden wegen Fuhrman mehr Bedacht schenken sollen. Ebenso hätte sie ihrem Exmann Gordon (Brian Byrnes) nicht die Chance geben dürfen, sie öffentlich bloßzustellen - erst recht nicht, nachdem sie zuvor im Gericht eine aufsehenerregenden Knockout gegen Johnnie Cochran errungen hatte. Der muss sich indes über die Berufung der Haushälterin Rosa Lopez (Peggy Blow) in den Zeugenstand ärgern, weil sie dort für die Verteidigung äußerst nachteilige Aussagen wie diese trifft: „Whatever Mister Johnnie says, I say.

Hauptsächlich wird aber Marcia Clark zum Opfer der medialen Aasgeier. Es ist wahrlich furchterregend, wie diese starke, selbstbewusste Frau in die Mühlen der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät. Noch erschreckender ist, wie Zuschauer und Zuhörer dabei mitspielten. Die Szene an der Supermarktkasse, in der Marcia erst fassungslos die Titelblätter mit ihrem Konterfei studiert, um hernach vom Kassierer in übelster sexistischer Manier ausgelacht zu werden, hätte meinen Monitor beinahe das Leben gekostet. Gerettet hat ihn die fantastische Darstellung von Sarah Paulson, die ihre Figur spielerisch leicht durch sämtliche emotionale Stadien gehen lässt.

Für diese bedeutsame Episode ließ sich Serienschöpfer Ryan Murphy höchstselbst auf dem Regiestuhl nieder, um das Drehbuch von D.V. DeVincentis umzusetzen. Allerdings empfand ich seinen aufsehenerregenden Stil in diesem Zusammenhang als störend. Unablässig schwirrt die Kamera durch den Gerichtssaal, Ryan setzt Zooms, schnelle Schnitte und Kreiselfahrten ein, bis man als Zuschauer glaubt, an Vertigo zu leiden. Seine Absicht dahinter ist offensichtlich - er will den vermeintlich drögen Szenen im Gericht mehr Pep verleihen. Jedoch hätten diese von Zurückhaltung profitiert - das menschliche Drama, das sich in ihnen abspielt, ist mitreißend genug.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 10. März 2016
Episode
Staffel 1, Episode 6
(American Crime Story 1x06)
Titel der Episode im Original
Marcia, Marcia, Marcia
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 8. März 2016 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 10. Februar 2017
Autor
D.V. DeVincentis
Regisseur
Ryan Murphy

Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x06

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?