American Crime Story 1x02

Heute würde man über den einzigartigen Fall, der uns Zuschauern in der ersten Staffel von American Crime Story aufbereitet wird, wohl schreiben, er wäre ein virales Phänomen. Die Episode The Run of His Life fängt die allgemeine Aufregung, die ganz Amerika am 17. Juni 1994 in Atem hielt, sehr gut ein. Nicht nur all diejenigen, die direkt mit OJ Simpson (Cuba Gooding Jr.) zu tun hatten, wussten kaum noch, wo ihnen der Kopf stand.
Something big's happening here
Auch die TV-Zuschauer, Journalisten, ja sogar die Angestellten von Pizzalieferdiensten verloren während der Liveübertragung dieser bizarren Ereignisse ihren Kopf. Außer den Reportern und Polizisten ging kaum noch jemand seiner Arbeit nach - alle starrten gebannt auf die Bildschirme und warteten darauf, dass sich OJ endlich ergeben würde. Jeder, der nicht zu jung ist, weiß natürlich, dass diese Flucht nicht im angekündigten Selbstmord des Superstars endet. Und trotzdem schafft es die Episode, ihren Zuschauern beinahe den Atem zu rauben.
Während OJs bester Freund Bob Kardashian (David Schwimmer) in der ersten Einstellung noch für seinen geflüchteten Freund betet, hat sich Anwalt Shapiro (John Travolta) längst ans Telefon geschmissen, um Schadensbegrenzung bei Staatsanwalt Gil Garcetti (Bruce Greenwood) zu betreiben. Der ist natürlich ebenso außer sich wie seine Angestelle Marcia Clark (Sarah Paulson), die in diesem Fall bereits den eigenen Aufstieg manifestiert gesehen hatte. Nun jedoch stehen die beiden vor einem Trümmerfeld - sollte sich OJ wirklich umbringen, würde das das Ende ihrer Karrieren bedeuten.
Trotzdem bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, als der Entfaltung ihres zukünftigen Schicksals live beizuwohnen. Die eigene Pressekonferenz verläuft erwartbar desaströs, weil keine Antworten auf die drängendste aller Fragen gegeben werden können: Wie zur Hölle konnte OJ, eine der bekanntesten Persönlichkeiten des ganzen Landes, abhauen? Eine zum Schmunzeln einladende Erklärung geht so: Der weiße Bronco, in dem er und sein Freund AC (Malcolm-Jamal Warner) flüchten, ist gar nicht seiner, sondern der seines langjährigen Wegbegleiters, der ihn so bewundert habe, dass er sich das gleiche Auto kaufte.

Marcia Clark sieht ob solcher Obskuritäten entsprechend gepeinigt aus, während sie neben ihrem Chef die Pressekonferenz über sich ergehen lässt, was ihren Kollegen Christopher Darden (Sterling K. Brown) zu folgender trefflicher Beobachtung veranlasst: „Marcia's dying up there.“ Ihre Sorgenfalten werden anschließend nur noch größer, als Shapiro und Kardashian ihre eigene Pressekonferenz abhalten - auf Betreiben des gewieften Anwalts, der sich um seinen guten Ruf sorgt.
Still in the game
Kardashian fühlt sich vor den Kameras sichtlich unwohl, was seinen vier Kindern, die über den öffentlichen Auftritt in Jubelchöre ausbrechen, nicht auffällt. Nachdem Shapiro seinen Klienten eindringlich dazu aufgefordert hat, sich sofort zu stellen, verliest Kardashian dessen Abschiedsbrief, der ebenso als Schuldeingeständnis gelesen werden könnte. Um sein Unwohlsein weiter zu verschlimmern, fragen ihn die ahnungslosen Reporter, wer er überhaupt sei - und wie man seinen Namen buchstabiere.
Diese wahrlich grotesken Szenen werden durch die folgenden Ereignisse jedoch bei Weitem übertroffen - wobei wir stets im Hinterkopf behalten sollten, dass all dies - bis auf wenige Ausnahmen - genau so geschehen ist. Auf der Rückbank des weißen Broncos ringt der völlig verzweifelte OJ mit der eigenen Fassung. Er trägt weiterhin den Revolver bei sich, umklammert mit der anderen Hand jedoch zwei gerahmte Bilder seiner Familie. AC versucht ohne Unterlass, ihn davon zu überzeugen, doch endlich die Waffe aus der Hand zu legen. OJ aber alterniert ständig zwischen den Wünschen, seine Mutter noch einmal zu sehen und sich umzubringen.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auf der Autobahn entdeckt wird, weshalb schon bald zwei Streifenwagen die Verfolgung aufnehmen. Es folgt der Moment, in dem diese Geschichte von den bunten Seiten der Tageszeitungen auf den Fernsehbildschirm eines jeden Amerikaners katapultiert wurde. Die Polizei hält den weißen Bronco an, muss ihn aber wieder ziehen lassen, weil sich die Beamten nicht trauen, auf die Insassen zu schießen: „I'm not shooting at OJ Simpson unless someone authorizes it.“ Fortan wird der Wagen von einer ganzen Polizeiarmada verfolgt, am Himmel kreisen mehrere Nachrichtenhubschrauber und die Autobahn wird weiträumig abgesperrt.
Es entfaltet sich ein mediales Ereignis, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Alle sind nun ratlos: Die Staatsanwaltschaft kennt für eine solche Situation keine Blaupause, schaut also einfach zu, wie die Polizei die Angelegenheit regelt. Beim Fernsehsender NBC entbrennt ein Streit zwischen Produzent und Regisseur, ob die Liveübertragung des Basketball-Playoffspiels zwischen den New York Knicks und den Houston Rockets unterbrochen werden soll. Während den meisten Zuschauern - selbst den eingefleischtesten Basketballfans - der Atem stockt, fühlen sich andere zu Galgenhumor veranlasst: „It's like the world's longest Ford Bronco commercial.“
He became white
Überall entzünden sich hitzige Diskussionen darüber, ob OJ schuldig ist oder ein Opfer von institutionellem Rassismus. Während Darden seinen Nachbarn klarmachen will, dass OJ nicht der Heilige ist, für den sie ihn halten, verteidigt Strafverteidiger und Anti-Rassismus-Aktivist Johnnie Cochran (Courtney B. Vance) den Ex-Footballstar im Fernsehen mit eindeutigen Worten: „The only crime he ever committed was being black.“ Entlang der Autobahn und auf dem Weg zu OJs Anwesen bilden sich indes regelrechte Menschenmassen, die ihrem Idol ihre Unterstützung zurufen.
Und als wäre das alles noch nicht genug des Wahnsinns, stehen die beiden Flüchtigen über das Autotelefon auch noch in Kontakt mit der Polizei sowie Bob Kardashian. Letztgenannter ist es schließlich auch, dem es gelingt, OJ zur Aufgabe zu überreden, womit er sich innerhalb weniger Stunden vom Depp zum Helden der Nation wandelt. Hatte er sich tagsüber noch bei der Pressekonferenz blamiert und OJs Angehörige mit der Nachricht seines vermeintlichen Selbstmords unnötig schockiert, ohne dafür einen Beweis zu haben, findet er nun die richtigen Worte, um seinen Freund aus dem Wagen zu locken.
An dieser Stelle gibt es eine Szene, die so nicht überliefert ist - zumindest nicht in dem Buch, auf dem die Serie basiert. Laut Autor Toobin habe sich Kardashian im Haus befunden, während sich OJ ergab. Hier aber hält er die Polizisten davon ab, auf OJ zu schießen, weil sie die Bilder, die er immer noch im Arm trägt, für eine Pistole halten. Wie im echten Leben geht die Situation jedenfalls glimpflich aus, woraufhin OJ im Haus zusammenbricht. Bevor er verhaftet wird, will er nur noch mit seiner Mutter sprechen und ein Glas Orangensaft trinken.
Ihn umgibt die Aura eines geschlagenen, eines schuldigen Mannes.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 10. Februar 2016(American Crime Story 1x02)
Schauspieler in der Episode American Crime Story 1x02
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