The Sopranos 1x12

The Sopranos 1x12

Zum Ende der ersten Staffel läuft die Mafiaserie The Sopranos zu Höchstform auf. Tony Soprano bekommt in Isabella Hilfe von unerwarteter Seite, um aus seinem depressiven Loch herauszukommen. Nur mit Mühe entkommt er dem Tod.

Tony Soprano (James Gandolfini) erwacht zu neuem Leben. / (c) HBO
Tony Soprano (James Gandolfini) erwacht zu neuem Leben. / (c) HBO

In den letzten Episoden der ersten Staffel von The Sopranos standen taktische Erwägungen der verfeindeten Parteien im Vordergrund. Isabella macht sich nun ans Eingemachte. Tony Soprano (James Gandolfini) befindet sich in der tiefsten Depression, seit wir ihm dabei zusehen dürfen, wie er die Ursachen dieser Depression erforscht. Hier wird er mit einem Schlag (zumindest vorübergehend) aus diesem tiefen Tal befreit - weil seine Instinkte ihn dazu zwingen.

What are you, a kid in a treehouse?

Die Schachzüge von Junior Soprano (Dominic Chianese) gegen seinen eigenen Neffen kulminieren in einem verunglückten Anschlagsversuch zweier Auftragsmörder. Die Szene, in der Tony den Angriff abwehrt und blitzartig aus seinem medikamenteninduzierten Delirium gerissen wird, ist der bisherige Actionhöhepunkt dieser Staffel. Im Vergleich zum Anschlag auf Febby Petrulio in College ist Tony aber nicht der Aggressor, sondern der Angegriffene. Das Resultat bleibt das gleiche: Tony steht am Ende als Sieger da - auch wenn er wenige Sekunden später einen Unfall baut, der ihm schlimmere Verletzungen zufügt als der eigentliche Angriff.

Im Krankenhaus ist er schon wieder zu Scherzen aufgelegt, setzt er doch alles daran, den Überfall wie einen Raub aussehen zu lassen, um die Sorgen seiner Familie zu zerstreuen. Carmela (Edie Falco) weiß natürlich, dass all das bullshit ist, weshalb sie gar nicht so abgeneigt ist, als ihr FBI-Agent Harris (Matt Servitto) vor Tonys Augen ein Angebot zum Eintritt ins Zeugenschutzprogramm macht. Nachdem Harris von Tony verscheucht wurde, lässt der Mafiaboss seine Ehefrau jedoch unmissverständlich wissen, wie es für ihn und seine Familie weitergehen wird - nämlich genau so, wie es immer war: „They got one. This one. Me. Tony Soprano. And all that comes with it.

Die Zeile entfaltet ihre volle emotionale Wirkung, weil sie manifestiert, welchen neuen Lebensmut Tony gefunden hat. Dafür sorgen David Chase und Konsorten mit dem vorherigen Verlauf der Episode, indem sie Tony an seinen tiefsten Punkt ankommen lassen. Die Medikamente wollen trotz hoher Dosierung nicht so recht wirken, weshalb es Tony kaum schafft, aus dem Bett zu kriechen. Weder die familiäre noch die berufliche Krise vermögen es, den Schwergewichtler aus seinen Tagträumen aufzuwecken. Carmela kann ebensowenig zu ihm vordringen wie Christopher (Michael Imperioli), wenn er über das weitere Vorgehen im Fall Jimmy Altieri (Joseph Badalucco Jr.) referiert.

Gleichzeitig ist Tony durchaus in der Lage, seine miserable geistige Verfassung zu reflektieren. Gegenüber seiner Therapeutin Dr. Melfi (Lorraine Bracco) lässt er tief in seine geschundene Seele blicken: „This shit, I don't feel nothing. Nothing. Dead. Empty.“ Man muss sich dabei immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir hier einem Mörder zuhören, wie er sich selbst bemitleidet - ansonsten könnte man möglicherweise noch Mitleid mit diesem Schwerverbrecher empfinden.

I feel pretty good

Es sind jedoch nicht seine Verbrechen, die Tony zu schaffen machen - es sind zutiefst menschliche, leicht nachvollziehbare emotionale Schmerzen, die ihn plagen. Zum einen quält ihn das plötzliche Verschwinden seines besten Freundes Pussy (Vincent Pastore), zum anderen treibt ihn das Verhalten seiner Mutter Livia (Nancy Marchand) - bewusst und unbewusst - in den Wahnsinn. Dabei weiß er noch gar nicht, dass sie eine treibende Kraft bei seiner gescheiterten Ermordung war.

Um diesem Leiden etwas entgegenzusetzen, tritt Tonys Geist die Flucht nach vorne an. Im Garten der verreisten Nachbarn entdeckt er Isabella (Maria Grazia Cucinotta), die sich als italienische Austauschstudentin ausgibt. Wie Melfi später analysieren wird, handelt es sich bei dieser Traumvorstellung aber nicht um eine sexuelle Fantasie, sondern um eine mütterliche. Tonys Unterbewusstsein vermeldet ihm damit, dass er sich nach nichts so sehr sehnt wie nach einer treusorgenden, liebenden Mutter. Genau so spricht Melfi das aus. Ihre Vermutung, dass Livia etwas mit dem Mordanschlag zu tun haben könnte, deutet sie hingegen nur an.

Tony glaubt, dass er sich noch besser fühlen werde, wenn er wisse, wer hinter dem Attentat steckt. Findet er jedoch die ganze Wahrheit heraus, wird wohl eher das Gegenteil der Fall sein. Um dem vorzubeugen, setzt Livia eine weitere perfide Verschleierungstaktik ein. Gemeinsam mit Junior besucht sie Tony nach dem Anschlag, und fängt dabei plötzlich an, erste Anzeichen von Demenz vorzutäuschen. Junior durchschaut diese Farce sofort. Ihr treu ergebener Sohn, der trotz aller Indizien nicht wahrhaben will, dass sein eigener Onkel ihn ermorden lassen wollte, würde sich gegen solche Anschuldigungen jedoch mit Sicherheit wehren.

Er wünscht sich ihre Liebe so sehr, dass er bereit ist, die Realität ihres Verhaltens gänzlich auszuklammern und sie in Schutz zu nehmen. Es ist eine witzige Ironie, dass der unbedarfte A.J. (Robert Iler) der Einzige ist, bei dem Livias Maskerade nicht funktioniert - eben weil er so unbedarft ist und immer alles wörtlich versteht. Isabella ist keine besonders witzige Episode, für den comic relief ist dank A.J.s unermüdlichem Einsatz aber trotzdem gesorgt. Ich würde jedenfalls öfter zuschauen, wenn er erfolglos versucht, seine Ballbegleiter Silvio (Steven Van Zandt) und Paulie (Tony Sirico) zu bespaßen.

Every particle of my being was fighting to live

Entgegen der Behauptung von Juniors Capo Mikey (Al Sapienza) dürfte es für Tony nicht allzu schwierig sein, die Verbindung zwischen seinen Häschern und seinem Onkel herzustellen. Die ersten Vermutungen von Silvio, Paulie und Christopher gehen in genau diese Richtung - auch wenn Tony darauf noch mit einer Verteidigung reagiert, die ebenso fehlgeleitet ist wie seine unstillbare Sehnsucht nach mütterlicher Zuneigung. Die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse des nominellen und des eigentlichen Chefs werden in dieser Episode visuell sehr schön herausgearbeitet. Während der Anschlag in Tony neue Lebensgeister weckt, versteckt sich Junior wie ein verängstigtes Kaninchen auf dem Rücksitz eines Wagens.

Dies ist nicht das einzige visuelle Highlight der Episode. Als zum ersten Mal auf Tony geschossen wird, findet die Kugel nicht ihr eigentliches Ziel, sondern trifft eine Flasche Orangensaft, die Tony in der Hand hält - eine Referenz an die große Mafiatrilogie „Der Pate“, in der Orangen den Tod symbolisieren. Außerdem ist es ein gelungener dramaturgischer Schachzug der Autoren Robin Green und Mitchell Burgess, uns Zuschauern vorzugaukeln, die schöne Zahnmedizinerin könnte wirklich existieren, indem sie Carmela auf sie reagieren lassen.

Isabella ist eine der besten Episoden dieser herausragenden Serie, weil sie sämtliche ihrer wichtigsten Elemente meisterhaft kombiniert. Tonys Depression kuliminiert mit den Anschlagsplänen auf ihn, denn diese beiden Dinge sind untrennbar miteinander verbunden. Tony ist depressiv, weil seine engsten Verwandten gegen ihn revoltieren. Das hört sich alles furchtbar deprimierend an, ist aber ganz großes Fernsehen, weil es echte, nachvollziehbare, universelle Gefühle behandelt.

Auf der nächsten Seite findet Ihr die besten Zitate aus der Episode 'Isabella'.

Dieses und Jenes

And Napoleon, he was a moody fuck, too.“ Hobbyhistoriker Silvio

Aroma therapy, something.“ Carmela ist mit ihrem Latein am Ende.

Sunlight is good for people. In Alaska they wear these little light hats in the winter so they don't get depressed.“ Oder doch nicht ganz?

Thousands of bucks for Honus Wagner and jack shit for Jesus.“ Junior versteht die Welt nicht mehr.

If my dentist looked like you, I'd stay awake during a root canal.“ Dauerflirter Tony

Why do they call a sandwich a ‘hero'?“ Gute Frage, Isabella

I am never coming back to this house.“ Livia, die springende Schallplatte

Maybe he found out that he's Joe Jerkoff, not the boss.

I came as a friend.“ „You're sleeping over, right?“ Tony vergisst nie.

You don't knock? I could've been in the nude.

Your mother is always talking about infanticide.“ Und wieder ein neues Wort im Wortschatz

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 13. September 2015
Episode
Staffel 1, Episode 12
(The Sopranos 1x12)
Deutscher Titel der Episode
Die schöne Isabella
Titel der Episode im Original
Isabella
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 28. März 1999 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 29. Mai 2005
Autoren
Robin Green, Mitchell Burgess
Regisseur
Allen Coulter

Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x12

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