The Sopranos 1x13

The Sopranos 1x13

Eine der besten Auftaktstaffeln der Seriengeschichte findet mit I Dream of Jeannie Cusamano zu ihrem brillanten Ende. Die Mafiaserie The Sopranos bündelt darin ihre epochale Erzählung um Familie und Verrat, um Mord und Liebe und zutiefst menschliche Emotionalität.

Tony Soprano (James Gandolfini) erfährt eine bittere Wahrheit. / (c) HBO
Tony Soprano (James Gandolfini) erfährt eine bittere Wahrheit. / (c) HBO

Im Finale der ersten Staffel von The Sopranos erntet Serienschöpfer David Chase die dramaturgischen Früchte, die er geduldig über den Verlauf der Staffel ausgesät hat. Die Episode I Dream of Jeannie Cusamano reiht eine explosive Szene an die nächste - sowohl in emotionaler als auch in narrativer Hinsicht. Tony Soprano (James Gandolfini) zerbricht beinahe unter dem Gewicht der bitteren Enthüllungen, die auf ihn einprasseln. Am Ende geht er jedoch als Sieger aus sämtlichen Konfrontationen hervor - wenn er auch nicht alles bekommt, was er will.

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Besonders auffällig ist dabei, welch gute Laune Tony immer dann hat, wenn ein Mord an einem Konkurrenten erledigt wurde oder kurz bevorsteht. Es ist die traurige Essenz seiner Existenz, dass er echte Freude nur noch im Angesicht des größten Leids der Anderen empfinden kann. Großen Anteil an dieser pathologischen Geistesverfassung hat seine Mutter Livia (Nancy Marchand), die in dieser Episode noch einmal eindrucksvoll demonstriert, über welch dämonische Manipulationskünste sie verfügt.

Dank Alan Sepinwall und seiner umfassenden Berichterstattung zu den 'Sopranos' wissen wir, dass David Chase eigentlich vorhatte, seinen Stoff in einem Film zu verarbeiten. Er hegte diesen Wunsch sogar so sehr, dass er hoffte, HBO würde nach Sichtung der Pilotepisode keine Serienbestellung aufgeben. Weil das glücklicherweise nicht passiert ist, können wir nun auf eine Staffel zurückblicken, die vor emotionalen Magenschlägen beinahe platzt, und die mit einem Finale endet, das besser vorbereitet kaum hätte sein können.

Die Figurenkonstellation, die sich Chase für diese erste Staffel ausgedacht hat, ist dramaturgisches Gold. Was könnte auch einen stärkeren emotionalen Eindruck hinterlassen als die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes, deren Verhältnis so unrettbar verkorkst ist, dass sie am Ende beide versucht haben, sich gegenseitig umzubringen. Livia Soprano ist für Tony das, was sie am Ende der Staffel für uns alle ist - eine Überfigur, eine Übermutter, der Teufel in Gestalt einer alten, gebrechlichen Frau. In einem zweistündigen Film hätte eine solche Geschichte sicher auch funktioniert - in einer 13-stündigen Serie funktioniert sie aber noch besser.

Alleine wäre Tony nie darauf gekommen, dass seine Mutter hinter dem Mordanschlag auf ihn steckt. Um die richtigen Rückschlüsse zu ziehen, braucht er beweiskräftige Starthilfe. Zunächst wirft seine Therapeutin Dr. Melfi (Lorraine Bracco) ihre übliche Vorgehensweise über Bord, weil sie glaubt, er schwebe in Lebensgefahr. Auf ihre eindeutigen Hinweise reagiert Tony jedoch wie das manipulierte Monster, das er dank seiner Erziehung durch Livia geworden ist. Der Schrecken, der Melfi durchfährt, als er über ihr türmt und droht, sie in Stücke zu reißen, ist für uns Zuschauer beinahe körperlich spürbar.

Maybe you don't want to go there

Das liegt zuvorderst an den fantastischen Darbietungen von Bracco und Gandolfini. Letztgenannter liefert in dieser Episode erneut in nahezu jeder Szene Beweise dafür, warum er die perfekte Wahl für diese Rolle war. Gandolfini kann in schauspielerischer Hinsicht alles, wie er uns wenige Szenen später vor Augen führt. Da sitzt Tony bei den Feds und bekommt handfeste Beweise - in Form von Tonbandaufnahmen - für die Beteiligung seiner Mutter an seiner geplanten Ermordung. Der stille Horror, der sich in diesen Momenten in Gandolfinis Gesicht abspielt, ist seine darstellerische Apotheose.

Ein besonders schönes kleines Merkmal in dieser Szene ist der betroffene Blick von Agent Harris (Matt Servitto), der sich nicht etwa dafür schämt, mit welchen Methoden seine Behörde hier vorgeht, sondern angesichts dieser horrenden Erkenntnis echtes Mitgefühl mit seinem Gegenspieler empfindet. Entsprechend niedergeschlagen ist Tony denn auch im Zwiegespräch mit Carmela (Edie Falco): „What kind of person can I be where his own mother wants him dead?“ Schon während er unfreiwillig komische Rückschlüsse („I never should've asked him about eating pussy“) zieht, verliert er nicht aus dem Auge, welche Schritte nun unternommen werden müssten, um das Business nicht zu gefährden.

Eines ist ihm jedoch jetzt schon klar: „I'll get some satisfaction. But inside, I'll know.“ Tony ist endgültig ein gebrochener Mann - da ist es vielleicht auch nicht weiter verwunderlich, wenn er nur noch Freude im Angesicht des Leids der Anderen empfinden kann. Endgültige Genugtuung wird ihm jedoch verweigert - zum einen durch das FBI, das Junior (Dominic Chianese) und mehrere seiner Capos verhaftet, zum anderen durch den (eventuell sogar vorgetäuschten) Hirnschlag Livias, der seinen geplanten Muttermord verhindert. Es passt perfekt, dass es dieser Meistermanipulateurin am Ende gelingt, dem sicheren Tod zu entgehen - der durch einen Mord hätte geschehen sollen, den Chase für das Ende seiner Filmversion sicher eingeplant hatte.

Aber Livia wäre nicht Livia, würde sie nicht einen letzten Trumpf ausspielen. Sie nutzt ihr Wissen über den wahren Grund für den Brand im Vesuvio's, um Artie Bucco (John Ventimiglia) mit Mordgedanken gegen Tony auszustatten. Wir wissen zwar, dass Artie zu schwach ist, um seinen Sandkastenfreund wirklich umzubringen. Trotzdem gelingt es Chase auch mit dieser vermeintlich unwichtigen Nebengeschichte, ein emotionales Feuerwerk abzubrennen. Arties verletzte Gefühle sind absolut echt und authentisch - und das nicht nur, weil „three generations of Bucco sweated over that stove“.

This ruins everything

Die Lawine der zutiefst menschlichen, unendlich nachvollziehbaren Emotionen macht nicht bei Tony und Artie Halt. Sie erfasst auch Junior, der sich in der Untersuchungshaft mit versteinerter Miene handfeste Beweise für die eigene Bedeutungslosigkeit anhören muss - Chianese spielt diese Szene brillant. Sie erfasst auch Carmela, die zwar angesichts der von Tony überraschend offen diskutierten Repressionsmaßnahmen gegen seine Feinde ein Pokerface behält, ihrem Frust über den güldenen Käfig, der ihr Leben ist, aber gegenüber Pastor Phil (Paul Schulze) freien Lauf lässt.

All jene, die ihr Leben im Schatten von Tony Soprano fristen, bekommen in I Dream of Jeannie Cusamano schmerzlich zu spüren, wie falsch dieses Leben ist - mit Ausnahme des nahezu ahnungslosen, völlig selbstvergessenen A.J. (Robert Iler). Ganz am Ende wird uns Zuschauern aber ohne große Worte, in einer kleinen, stillen, beinahe romantischen Szene deutlich gemacht, wieso sie alle bei Tony bleiben: „If you're lucky, you'll remember the little moments. Like this. That were good.

Demgegenüber waren es keine kleinen Momente, die diese Auftaktstaffel von The Sopranos zu etwas Besonderem gemacht haben. Es waren die von David Chase behutsam ausgesäten dramaturgischen Samen, die grandiosen darstellerischen Leistungen, die hervorragende musikalische Untermalung (der Abschlusssong dieser Episode: „State Trooper“ von Bruce Springsteen) und die realistische visuelle Umsetzung dieser Mafiageschichte, die so viel mehr ist - eine Betrachtung menschlichen Zusammenlebens, ein Blick in die psychologische Lebensrealität zutiefst verletzter Figuren, eine Parabel von Liebe, Verrat, Tod und Vergeltung. Eine Geschichte für die Ewigkeit.

Auf der nächsten Seite findet Ihr die besten Zitate aus der Finalepisode 'I Dream of Jeannie Cusamano'.

Dieses & Jenes

You smell like Paco Rabanne crawled up your ass and died.“ Chris (Michael Imperioli) kann seine Abscheu gegenüber Jimmy Altieri (Joseph Badalucco Jr.) kaum noch zurückhalten.

You want a pair of hippos to walk out of here?“ Carmela, vorwurfsvoll gegenüber Artie

I realized this morning I can set one of the dials to the millenial countdown.“ Father Phil, begeistert

He won't use Boyz II Men this time.“ Popkulturkenner Chris

Both of your sisters left New Jersey so young you would've thought there were contracts out on them.

We got bigger things to talk about than Jean Cusamano's ass.“ Korrekt

Pussy, Booty, I don't know his last name.“ Wie auch?

These are painful, stressful times.“ Ach wirklich?

I wanna fuck Angie Dickinson, see who gets lucky first.“ Junior, stets der Gentleman

I'm not a big Renée Zellweger fan.“ Carm, vorwurfsvoll, Teil 2

Why do I have a goddamn offroad vehicle?“ „To waste petrochemical resources.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 20. September 2015
Episode
Staffel 1, Episode 13
(The Sopranos 1x13)
Deutscher Titel der Episode
Hart und herzlich
Titel der Episode im Original
I Dream of Jeannie Cusamano
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 4. April 1999 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 2. Juli 2000
Autor
David Chase
Regisseur
John Patterson

Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x13

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