The Sopranos 1x11

Nachdem sich die HBO-Mafiaserie The Sopranos in A Hit is a Hit eine dramaturgische Atempause gegönnt hat, biegt sie mit Nobody Knows Anything auf die ereignisreiche Zielgerade ihrer ersten Staffel ein. Die Kreuzung der beiden Familien im Leben von Mafiaboss Tony Soprano (James Gandolfini) führt zu einer drastischen Eskalation der Gefahrensituation für ihn und diejenigen, die ihn hintergehen.
A man who loves his family, above all else
Der dramaturgische Ball wird ins Rollen gebracht, als die Polizei eine Razzia in einem Gangsterversteck durchführt, bei der Pussy (Vincent Pastore) und Jimmy (Joseph Badalucco Jr.) verhaftet werden. Pussy kommt bald gegen Kaution frei, trotzdem hat der korrupte Bulle Vin Makazian (John Heard) schlechte Nachrichten für Tony. Laut einem Kollegen sei Pussy eine Kooperation mit der Polizei angeboten worden, wofür im Gegenzug eine Anklage wegen Drogenhandels fallengelassen werde. Seitdem trage Pussy ein Abhörgerat: „He's wired for sound.“
Trotz stichhaltiger Indizien kann Makazian keine Beweise liefern - die Tony aber braucht, um das Schicksal seines Freundes - des möglichen Verräters - endgültig zu besiegeln. Also setzt er Paulie (Tony Sirico) und Chris (Michael Imperioli) darauf an, Pussy zu beobachten und jegliche verdächtige Aktivität zu melden. Da weiht er die beiden aber noch nicht in den Verdacht hat, den er gegen seinen Kollegen und langjährigen Freund hegt. Weitere Recherchen stellt er indes bei Dr. Melfi (Lorraine Bracco) an, wie wir es in vergangenen Episoden bereits mehrfach beobachten konnten.
Sie gibt Tony einen Hinweis, der für ihn die Waage von Pussys Schuld erstmals in negative Richtung ausschlagen lässt: „Psychologically, a secret is a heavy load.“ Geheimnisse könnten durchaus psychosomatische Schmerzen nach sich ziehen. Gandolfini spielt die Szene herausragend, in der Tony die Verbindung herstellt zwischen Pussys schmerzendem Rücken und den Anschuldigungen gegen ihn. Tonys nächster Gang führt ihn zu Pussy nach Hause, wo beide ein ungemütliches verbales Tänzchen aufführen: „How the fuck can I take it easy? Things are happening.“ Tony versichert dem Verdächtigten daraufhin: „You got options.“
The Sopranos: Wer ist die Ratte? (1x11) bei Sky Snap
Weil die bisherigen Nachforschungen nicht den gewünschten Erkenntnisgewinn zeitigen, entschließt Tony, dass es an der Zeit ist, Paulie einzuweihen. In selten gesehener Intensität trägt er seinem Handlanger auf, herauszufinden, ob Pussy tatsächlich etwas verbirgt. Der größtenteils zu humoristischen Zwecken eingesetzte Tony Sirico darf hier sein ganzes dramatisches Potential ausspielen, als er - geschockt von der vermeintlichen Enthüllung - seinem Boss die Bürde eines möglichen Mordes abnimmt.
I want you to see it
Doch auch Paulie, dessen Autohupe das musikalische Thema von „Der Pate“ wiedergibt, scheitert bei dem Versuch, Pussys Schuld zweifelsfrei festzustellen. Er lädt ihn zu einem Nachmittag in der Sauna ein, was der aber unter stichhaltiger Argumentation dankend ablehnt. Die Szene ist furchtbar intensiv - wäre Pussy wirklich ein Verräter, müssten bei ihm nun alle Alarmglocken angehen. Silvio (Steven Van Zandt), der von Tony off camera über den Verdacht aufgeklärt wurde, findet indes heraus, dass Makazian bei Pussy tief im Wettschuldensumpf steckt.
Das alles hilft der Wahrheitsfindung nicht weiter, schließlich kann keine dieser neuen Erkenntnisse zweifelsfrei als Beweis von Schuld oder Unschuld herhalten. Die Situation wird weiter verkompliziert, als sich der gebeutelte Makazian von einer Brücke stürzt. Silvio liefert dazu - in für die „Sopranos“ ungewohnter Eindeutigkeit - die expositorische Erläuterung. Nun, da ihre einzige Verbindung zur Polizei gekappt wurde, sei es unmöglich, herauszufinden, ob Pussy tatsächlich ein Verräter ist. Tony scheint darüber kaum bestürzt - zu sehr quält ihn die vordringliche Frage nach Pussys möglicher Schuld.
Vermeintliche Erleichterung erhält er in dieser Hinsicht erst am Ende der Episode, als Jimmy aus dem Gefängnis entlassen wird und seine wiedergefundene Freiheit sogleich dazu nutzt, Tony einen Besuch abzustatten. Im Keller von Casa Soprano stellt er sich so dämlich an, dass er auch gleich mit einem Megaphon herausposaunen könnte, von der Polizei instrumentalisiert worden zu sein. Er fragt ganz offensichtlich nach Details aus jüngsten Coups, worauf Tony in all seiner Cleverness natürlich nur ausweichend antwortet. Er weiß jetzt, dass Jimmy die Ratte ist.
Während die eine Front also für Erste beruhigt ist, braut sich an der nächsten ein noch viel größerer Wirbelsturm zusammen. Das spiegelt auch die wunderbare visuelle Umsetzung von Regisseur Henry Bronchtein wider, der in dieser Episode das trübe Wolkenwetter New Jerseys so prominent inszeniert, dass es beinahe zum eigenen Akteur wird. Die Szene, in der Makazian sein Auto am Straßenrand parkt, um gleich darauf Selbstmord zu begehen, könnte visuell kaum deprimierender gestaltet sein. Auch am Ende und zu Beginn, als Tony die schlechten Nachrichten erhält, hängen dicke schwarze Regenwolken am Himmel.
Some kind of end move
Überdies ist es sicher kein Zufall, dass Nobody Knows Anything die erste Episode von The Sopranos ist, in der Tony seine Mutter nicht auffindet, als er sie besuchen will. Er hat dafür - wie immer - einen passenden Scherz parat, wundert sich aber doch, dass die sonst so menschenscheue Livia (Nancy Marchand) plötzlich an Gruppenaktivitäten teilnimmt. Da kann er sich jedoch im schlimmsten Albtraum noch nicht vorstellen, welch düsteren Plan seine Erzeugerin verfolgt.
Livia wird zunächst von Carmela (Edie Falco) mit der großen Macht konfrontiert, die sie über ihren Sohn hat. Sie will davon natürlich nichts wissen, gibt aber bald darauf eine eindrucksvolle Demonstration ebendieser Macht. In der Szene mit Carmela könnte man als Zuschauer glatt Mitleid mit der alten Dame haben, wären da nicht ihre folgenden Aktionen, die sie als eiskalte Manipulateurin entlarven - viel schlimmer noch, als von Carmela beschrieben. Bei ihrem Schwager Junior (Dominic Chianese) weiß sie ganz genau, welche Knöpfe sie drücken muss, um seinen Hass auf den Neffen ins Unermessliche zu steigern - so weit, dass sogar Mord keine unaussprechliche Möglichkeit mehr ist.
Die Episode endet mit einem seltenen Blick ins Privatleben einer Nebenfigur. Juniors Capo Mikey (Al Sapienza) freut sich so sehr über den bevorstehenden Anschlag auf Tony und seine damit verbundene Beförderung, dass er darüber sämtliche Schweigegelübde vergisst und seiner Ehefrau Jojo (Michele Santopietro) davon erzählt. Anhand dieser Szene können wir sicher davon ausgehen, dass die Tötungsmaschinerie gegen Tony Soprano nun endgültig in Gang gesetzt wurde. Die „Sopranos“ steuern unweigerlich auf ein blutiges Finale dieser ersten Staffel zu.
The Sopranos: Wer ist die Ratte? (1x11) bei Sky Snap
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Dieses & Jenes
„She rides better than Willie Shoemaker.“ Paulie verteilt Lob.
„This is how it starts.“ Tony mit dunkler Vorahnung
„Why would Pussy run? The guy's out of breath lifting his dick out to take a leak.“ Christopher, weniger besorgt
„Like him? I fuckin' love him.“ Tony, verliebt
„He's fuckin' like the Jonas Salt of backs.“ Paulie, der Medizinhistoriker
„MRIs, CatScans, dog scans, you name it.“ Paulie, der Rückenspezialist
„You got the amazing ability to sum up a man's whole life in a single sentence: Degenerate gambler with a badge.“ Tony Soprano, Meister der präzisen Formulierung
„Sorry, I don't have time to suck your dick.“ „Apology accepted.“
„She's more connected to the world.“ „Which one? This one or Neptune?“
„A doctor, madam, wiseguy and a cop: That's what I call a 'Vice Superfecta'.“
„He got Monica Kazinsky and the broad with the long nose.“ AJ Soprano, Geschichtsverdreher
„Out there, it's the 1990s. But in this house, it's 1954.“
„At least with Tony Soprano, you know where you stand.“ Nicht.
„You answer me like I'm Jesus Christ himself and if you lie, may your mother die of cancer of the eyes.“ Wow, Tony, schalt' mal 'nen Gang runter!
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 6. September 2015(The Sopranos 1x11)
Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x11
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