The Sopranos 1x08

The Sopranos 1x08

Schon der Titel der Episode The Legend of Tennessee Moltisanti verrät, um wen es darin primär gehen wird. Aber nicht nur Christopher ist auf der Suche nach seiner Identität, auch bei Familie Soprano bricht eine Diskussion um die eigene Herkunft aus.

Albträume in Neonfarben - willkommen im Seelenleben von Christopher „Tennessee“ Moltisanti / (c) HBO
Albträume in Neonfarben - willkommen im Seelenleben von Christopher „Tennessee“ Moltisanti / (c) HBO

Tauchte die Episode Down Neck noch tief in die Psyche ihrer Protagonisten ein, dient The Legend of Tennessee Moltisanti sehr viel offensichtlicher dem comic relief. Aber auch hier werden schmerzhafte Fragen nach Identität und Herkunft aufgeworfen. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf, nachdem Larry Boy Barese (Tony Darrow) auf der Hochzeit seiner Tochter das Gerücht gestreut hat, das FBI plane in naher Zukunft eine Verhaftungswelle gegen die Mitglieder der DiMeo-Familie (das englische Wort indictmens wird zu einem der meistbenutzten und -gefürchteten der Serie werden).

The fucking regularness of life

Dieses Gerücht, das sich bald als Wahrheit entpuppt, legt den Grundstein für die drei großen Handlungsbögen der Episode. Zum ersten Mal bekommen wir dabei einen Einblick ins Familienleben von Jennifer Melfi (Lorraine Bracco), die zwar in Scheidung von ihrem Exmann Richard LaPenna (Richard Romanus) lebt, diesen aber weiterhin zu Familientreffen einlädt. Am Essenstisch entspinnt sich wegen der Nachrichten um einen möglichen Schlag gegen die Mafiafamilie sogleich eine lebhafte Diskussion, die - ob absichtlich oder nicht - zugleich ein Metakommentar über Kritiker der Serie ist.

Richard ist nämlich engagierter Vertreter der italienisch-amerikanischen Anti-Verleumdungsbewegung, wofür er sowohl von seiner Exfrau als auch seinem Sohn Jason (Will McCormack) belächelt wird. Seiner Meinung nach würden Amerikaner italienischer Abstammung stets nur auf ihre Verwicklung in organisiertes Verbrechen und ihre Küche reduziert. Daran trage nicht nur Hollywood eine große Schuld, sondern auch die Mitglieder des organisierten Verbrechens wie Tony Soprano (James Gandolfini). Zuvor hat Jennifer schon verraten, dass sie einen dieser Mafiosi behandelt, woraufhin Richard vehement fordert, Patient X sofort fallen zu lassen.

Schließlich landen Jennifer, Richard und Jason bei ihrem jüdischen Familientherapeuten, der einen gänzlich anderen Umgang mit seiner eigenen Familienhistorie offenbart. Er ist sichtlich stolz auf die Verbandelung eines Großonkels mit dem jüdischen Mafiosi Louis „Lepke“ Buchalter - wahrscheinlich, weil Juden traditionell nicht mit organisiertem Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Die Geschichte bleibt offen, wir können uns aber sicher sein, dass Melfi ihren Patienten so bald nicht aufgeben wird.

Selbst nach dessen jüngstem Wutausbruch müssen wir uns keine Gedanken über zukünftige Therapiesitzungen machen. Tony macht sich zwar auch Sorgen um bevorstehende juristische Auseinandersetzungen, was vor allem ersichtlich wird, als er und Carmela (Edie Falco) das Haus von Geld- und Waffenvorräten säubern und diese bei Livia (Nancy Marchand) verstauen. Größere Kopfschmerzen bereiten ihm aber zwei andere Lebensumstände.

Who invented the Mafia?

Zum einen kann er sich nicht gegenüber seinem „Neffen“ Christopher (Michael Imperioli) öffnen (dazu später mehr), zum anderen umtreiben ihn die gleichen Sorgen wie Richard. Obwohl er selbst das Paradebeispiel des italienischen Mafioso repräsentiert, will er dieses Zerrbild unter allen Umständen vor seinen Kindern geheimhalten. Auf die Hausdurchsuchung des FBI - während der wir zum ersten Mal die Agenten Harris (Matt Servitto) und Grasso (Frank Pando) kennenlernen - reagiert er, indem er beim Abendessen die Namen berühmter Italiener aufzählt, die keine Verbindung zur Mafia hatten (wobei das für Frank Sinatra nur eingeschränkt gilt - vielleicht nennt er ihn deshalb beim Geburtsnamen Francis Albert).

Hierbei können wir wunderbar die Dynamik beobachten, die derzeit im Soprano'schen Haushalt herrscht. Während AJ (Robert Iler) noch ganz im Bann des überlebensgroßen Vaters steht, weiß Meadow (Jamie-Lynn Sigler) längst über dessen Machenschaften Bescheid. Sprach sie darüber in vergangenen Episoden noch halbwegs zurückhaltend und ehrfürchtig, hat sie nun jegliche Scheu abgelegt. Keck referiert sie über die Geschichte der italienischen Mafia in Amerika und offenbart, was später immer mehr zur Regel wird: In ihrer Familie gibt es niemanden, der intellektuell mit ihr mithalten könnte.

Eher lässt AJ einen Einblick zu, von wem genau er abstammt: „Can you just shut the fuck up about it?“ Die Sopranos sind ein wunderbar dysfunktionaler Haufen, und ihnen beim Abendessen zuzuschauen, würde nur halb so viel Spaß machen, wären nicht sämtliche Szenen mit feinem Humor gewürzt. In ihrem als Gefängnis wahrgenommenen Alterswohnsitz Green Grove verrät Livia indes Tonys Geheimnis an ihren Schwager Junior (Dominic Chianese), der ebenso wenig wie sie in der letzten Episode glauben kann, dass sich sein Neffe in Therapie begeben haben soll.

Während sich in Tonys Familien also lautstarker Stress ankündigt, muss er sich im Zwiegespräch mit Christopher auf die Lippe beißen. Der junge Mafiasoldat gleitet langsam in eine handfeste Depression ab, weil das Bild seines Lebens so gar nicht dem entspricht, das er sich einst erträumt hatte. Auch er ist dem Zerrbild vom glamourösen Gangster erlegen, das in der amerikanischen Popkultur so allgegenwärtig ist.

Where's my arc?

Die Realität sieht aber ganz anders und furchtbar öde aus, daran kann auch seine wunderschöne Freundin Adriana (Drea de Matteo) nichts ändern. Er wäre gern erfolgreicher Drehbuchautor, scheitert aber schon an den Grundlagen. Die Gedanken ans Filmbusiness treiben ihn indes nur um, weil ihm sein Aufstieg innerhalb der Familienorganisation zu langsam vonstatten geht. Für den Mord an Emil Kolar hat er bisher nichts bekommen außer Albträume. Nicht mal die Medien kennen seinen Namen, worüber er ja eigentlich froh sein sollte, was er aber wegen seines Stolzes (und ein bisschen auch wegen seiner Dummheit) gar nicht sieht.

Nacheinander und in höchst amüsanter Form („You know who had an arc? Noah“) versuchen sich also Paulie (Tony Sirico), Pussy (Vincent Pastore) und Tony daran, den Dauerbetrübten aufzumuntern. Letztgenannter hätte dabei eine echte Chance, zu Christopher durchzudringen, wenn er es sich nur erlauben würde, von der eigenen Therapie zu erzählen. Weil das aber natürlich (in seinem Kopf) seinem Todesurteil gleichkäme, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich gemeinsam mit seinem Neffen über Selbstmordopfer und Hilfesuchende lustig zu machen.

Das Spiel von Gandolfini und Imperioli ist in dieser Szene exquisit, wir merken beiden Figuren an, wie unwohl sie sich dabei fühlen, nicht aus ihrem selbstgeschaffenen geistigen Gefängnis ausbrechen zu können. Schließlich bleibt alles so, wie es ist, am Ende der Episode ist nichts von einer arc zu sehen. Christopher bekommt da die Nachricht, dass sein Name in der Zeitung aufgetaucht sei. Voller neuer Lebensenergie und zu den Klängen des wunderbar passenden Songs „Frank Sinatra“ von Cake sprintet er zum nächsten Zeitungskasten, schnappt sich sämtliche Exemplare und ist - glücklich. So einfach ist das manchmal.

Auf der nächsten Seite findet Ihr die meiner Meinung nach besten Zitate und Momente dieser Episode.

Dieses und Jenes

In der Bäckereiszene gibt es zwei berichtenswerte Auffälligkeiten. Kunde Gino wird von Joseph Gannascoli gespielt, der später in einer anderen Rolle in die Serie zurückkehren wird. Der Schuss in den Fuß des Verkäufers ist indes eine Hommage an die Figur von Michael Imperioli im Filmklassiker „Goodfellas“ von Martin Scorsese.

That was my next comment.“ Klar, Junior, glaubt dir jeder hier.

Anybody who's anybody is in my head.“ Tony Soprano, das wandelnde Telefonbuch.

There, the text came back. You put it in buffer memory.“ Adriana La Cerva, IT-Expertin.

That candy and carpet smell, I get high off it.“ Christopher Moltisanti, Cineast.

To we, the 20 million.“ 5.000 von 20 Millionen, was macht das in Prozent?

You ever feel like nothing good was ever gonna happen to you?“ „Yeah, and nothing did. So what? I'm alive, I'm surviving.“ Einfache Worte, wahre Worte.

You think there never was a Michaelangelo, the way they treat people.“ Michaelangelo, Tony Soprano - eine Linie.

This is what it's all about, right? Motherfucking, cocksucking money.“ Sad, but true.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 16. August 2015
Episode
Staffel 1, Episode 8
(The Sopranos 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Tony rastet aus
Titel der Episode im Original
The Legend of Tennessee Moltisanti
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 28. Februar 1999 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 29. Mai 2005
Autoren
Frank Renzulli, David Chase
Regisseur
Timothy Van Patten

Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x08

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