The Sopranos 1x07

Zur Mitte der ersten Staffel gönnt sich die Mafiaserie The Sopranos eine ganze Episode, um den psychologischen Werdegang ihres Protagonisten Tony (James Gandolfini) auszuleuchten. Die Folge ist noch fokussierter, aber nicht weniger exzellent als College, kommt hier Tonys andere Familie doch nur sporadisch vor - und das auch nur im Kontext des großen Episodenthemas. Musikalisch sind die beiden Haupthandlungsbögen, die ineinander fließen und nicht ohne einander existieren können, von dem Song „White Rabbit“ von Jefferson Airplane eingerahmt.
People have choices
Die Episode fängt witzig an und nimmt dann eine düstere Wendung, bis am Ende zwar eine erhebende Szene steht, diese aber von beinahe omnipräsenter Traurigkeit begleitet ist. Weil sich AJ (Robert Iler) einen Fauxpas nach dem nächsten leistet, sieht sich Tony gezwungen, in seiner Therapie über das eigene Aufwachsen zu räsonieren. In meinen Notizen habe ich mir schon nach wenigen Minuten aufgeschrieben, dass dies eine „Gandolfini-Episode“ sei. In deren Verlauf wird immer eindeutiger, welch ein Ausnahmetalent hier am Werke war.
Das beginnt schon am Anfang, als Tony im Zimmer des Schulpastors sitzt, um sich über die jüngsten Fehlleistungen seines Sohnes informieren zu lassen. Er erfährt dort, dass AJ zwar künstlerisches Talent, aber gleichzeitig große Probleme im Umgang mit Autoritätsfiguren habe. Alle anwesenden Personen wissen genau, wo diese Probleme herkommen müssen - am besten weiß das natürlich Tony selbst. Trotzdem versucht er, möglichst überrascht über diese Erkenntnis zu wirken. Als er merkt, dass das nicht so richtig funktioniert, geht er in den Angriffsmodus über und beschuldigt Pastor und Schulpsychiater, seinen Sohn nur zu verdächtigen, weil der den falschen Nachnamen trage.
Gandolfinis Minenspiel in diesen Szenen ist schlichtweg grandios - aber es wird noch besser. Weil er mit Carmela (Edie Falco), die erste Fragen nach dem College-Ausflug mit der in dieser Episode abwesenden Meadow (Jamie-Lynn Sigler) stellt, nicht ehrlich sein kann, bleibt ihm nur eine Anlaufstelle, um die Probleme mit seinem Sohn zu besprechen. In den Therapiesitzungen mit Jennifer Melfi feuern Gandolfini und Lorraine Bracco schließlich aus allen mimischen Rohren. Auch dort fängt die Unterhaltung erst locker an, Tony macht seine üblichen kleinen Witze. Doch es braucht nur eine Frage von Melfi, um diese Fassade bröckeln zu lassen: „Do you see his behaviour as a reflection of your own?“
Diese Aufforderung zum Kramen in der eigenen Vergangenheit löst bei Tony ebendas aus, was von den Autoren Robin Green und Mitchell Burgess und Regisseurin Lorraine Senna mittels Rückblenden ins Jahr 1967 visualisiert wird. Der Einsatz dieses dramaturgischen Stilmittels ist sicherlich effektiver als die Darstellung einer Art Kammerspiel zwischen Tony und seiner Therapeutin, wenngleich die beiden Schauspieler auch das hätten stemmen können.
My son is doomed, right?
Weil Laila Robins aber einen solch ausgezeichneten Job macht, die junge Livia Soprano in all ihrer Monstrosität zu zeigen, landen die emotionalen Tiefschläge härter als bei einer rein sprachlichen Darstellung dieser Vorgänge. Tony erinnert sich also an die Zeit zurück, als er herausfand, wie sein Vater Johnny Boy (Joseph Siravo) wirklich sein Geld verdiente. Zunächst macht er gegenüber Melfi den Versuch der Rechtfertigung: „Don't talk to me about legitimate business. What about chemical companies? Dumping all their shit in the rivers and all those deformed babies popping up all over the place.“
Das ist zunächst lustig, weicht dann aber graduell dem echten Drama im Leben von Tony Soprano. In einer fantastischen langen Szene kommt er schließlich zu der herzzerreißenden, wenn auch selbstverschuldeten Erkenntnis über sich und seinen eigenen Sohn: „I don't want him to be like me.“ Tony ist überzeugt, dass sein Sohn so werden wird wie er, weil er so wurde wie sein Vater: „You're born to this shit. You are what you are.“ Diese defätistische Einstellung versucht Melfi abzufedern: „There is a range of choices. This is America.“
Wirklichen Erfolg hat sie damit jedoch nicht. Schon zuvor, als Tony den zaghaften Versuch macht, AJ über dessen Wissensstand um seine illegalen Aktivitäten auszuhorchen, wischt er dessen Bekundungen einfach beiseite. So richtig zufrieden ist er damit aber auch nicht: „I'm going crazy with this shit. What he knows, what he doesn't know.“ Und damit wären wir denn auch beim Kern der Serie angekommen: Wenn irgendetwas in dieser Welt einfach wäre, müsste niemand jemals solche Konversationen führen. Vor uns sitzt ein echter komplexer Charakter, der nicht nur sagt, was ihn betrübt, sondern uns das auch spüren lässt. Es ist eine von vielen Geburtsstunden des Qualitätsfernsehens. Es ist der Grund dafür, warum manche Fernsehserien mit literarischen Werken verglichen werden. Es ist der Stoff, aus dem die besten Geschichten sind.
Durch das Strafprogramm für AJ wird die Vergangenheit wunderbar mit der Gegenwart verwoben. Er wird von seinen Eltern nicht nur mit Medienentzug belegt, sondern auch dazu verdonnert, seine Oma Livia (Nancy Marchand) regelmäßig im Krankenhaus zu besuchen. Dort kommt es zu einer weiteren wunderbaren Szene zweier unendlich komplexer Figuren. Der nichtsahnende AJ verrät seiner ungläubigen Großmutter, dass sich Tony in Therapie befindet. Die simuliert daraufhin einen ihrer berühmten selbstmitleidigen Anfälle, was auf ihren Enkel aber keinerlei Eindruck macht.
Boys will be boys
Der sitzt einfach nur völlig gedankenlos da und nagt an einer Birne. Wahrscheinlich denkt er über all die tollen South Park-Episoden nach, die er gerade verpasst. Die Sorge seines Vaters, dass er ihm jemals ähnlich sein könnte, fühlt sich in diesem Moment völlig unbegründet an. Tony weiß aber nicht, wie nonchalant AJ durchs Leben taumelt. Wenn er nämlich seiner Mutter begegnet, steigt sein agita-Level innerhalb weniger Minuten auf Alarmstufe. Er hätte diese Frau längst aus seinem Leben streichen müssen, wie es seine beiden Schwestern (die wir hier zum ersten Mal als Kinder sehen) längst getan haben.
Doch der eiserne, mit Schuldgefühlen listig untermauerte Griff der Mutter lässt ihn nicht. Nun, da er sich an einzelne furchteinflößende Details (zwei Morddrohungen an die eigenen Kinder innerhalb weniger Tage) über seine Mutter erinnert hat, glaubt er, Livia damit entgegentreten zu können: „If you would've been born after those feminists, you would've been the real gangster.“ Da weiß er aber noch nicht, dass Oma Soprano in diesem monströsen kalten Krieg längst das nächste Ass gezogen hat - das Wissen über seine Therapiesitzungen, das sie natürlich bei nächster Gelegenheit mit Junior (Dominic Chianese) teilt.
Trotz einiger technischer Ausrutscher (das Ende der Rückblenden ist jeweils mit weißen Blenden versehen) hinterlässt Down Neck einen nachhaltigen emotionalen Eindruck. Tony wird hier so verletzlich dargestellt wie kaum zuvor. Man merkt ihm echte väterliche Sorgen um seinen Sohn an, was ihn einmal mehr aus der Charakterzeichnung als Gangsterboss (in der sein Vater Johnny Boy größtenteils verharrt) erhebt. Diese Episode ist figurenbasiertes Geschichtenerzählen der reinsten, schönsten Form. Sie ermöglicht einen Blick in die Seele des Protagonisten, wie es danach vielleicht nur noch Mad Men mit Don Draper geschafft hat.
Auf der nächsten Seite findet Ihr die meiner Meinung nach besten Zitate und Momente der Episode.
Dieses und Jenes
„Do you think he knows?“ „I don't know. She knows.“ Moment, wer weiß was?
„The belt was his favorite child development tool.“ Kindererziehung in den 60ern
„My daughter's been giving me all that feminist shit about this place. How it objectifies women and all that shit.“ Silvio (Steven Van Zandt) und seine ganz eigenen Familienprobleme
„Boys are different than girls.“ Aus der Reihe: Die profunden Lebenserkenntnisse des Pussy Bonpansiero (Vincent Pastore)
„It's hard to raise kids in an information age.“ LOL, die späten 90er sind also das Informationszeitalter? Erzählt das mal meinem Modem von damals.
„You blame me, dont you?“ Ein Satz wie ein Backstein
„Maybe I'd be selling patio furniture in San Diego or whatever.“ Zum zweiten Mal schon träumt Tony von der Karriere als Möbelverkäufer - statt in New Jersey nun in Kalifornien.
„Fuckin' wannabe dothead.“ In Wirklichkeit liebt Tony seine Schwester Janice aber. Versprochen.
„How come I'm not making fucking pots in Peru?“ Woher soll ich das wissen?
„What constitutes a fidget?“ Würde ich auch gerne mal wissen.
„I'm depressed.“ Ach, AJ, wie schwer doch die Last der Welt auf deinen Schultern wiegt!
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 2. August 2015(The Sopranos 1x07)
Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x07
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