The Sopranos 1x06

Die sechste Episode der ersten Staffel von The Sopranos heißt zwar sehr treffend Pax Soprana, könnte aber genauso gut einen Titel tragen wie „Tony und die Frauen“. Nachdem die vorherige Episode, College, eine strukturelle Ausnahme bildete, kehrt die Serie nun zu ihrer gewohnten Vorgehensweise zurück: Die beiden Familien des Tony Soprano (James Gandolfini) agieren so, dass ihm größtmöglicher Stress entsteht, der natürlich in den seltensten Fallen ausschließlich fremdverschuldet ist.
You created a fuckin' Frankenstein
Neben einem kleinen, von Tony sofort falsch interpretierten therapeutischen Durchbruch bei Dr. Melfi (Lorraine Bracco) widmet er sich den Eskapaden des neuen Klanchefs, seines Onkels Junior (Dominic Chianese). Der war von den vier Capos in Meadowlands zwar einstimmig als Marionettenkönig installiert worden, nutzt diese Position nun aber so schamlos aus, dass sich der heimliche Machthaber Tony zum Handeln gezwungen sieht. Dabei hat er keine Ahnung, dass Junior gar nicht nach seinem eigenen Kopf handelt, sondern von seiner Schwägerin Livia (Nancy Marchand) gleichermaßen instrumentalisiert wird.
Tonys Mutter befindet sich immer noch auf Rachetour gegen ihren einzigen Sohn, weil sie ihren Umzug nach Green Grove weiterhin als Abschiebung betrachtet. Also setzt sie Junior den Floh ins Ohr, dem langjährigen Geschäftspartner seines Bruders, Hesh (Jerry Adler), fortan eine Steuer inklusive Nachzahlungen abzunehmen. Die Sopranos waren unter früheren Regimen immer gut mit einer gebührenfreien Kooperation gefahren. Da Junior aber elementare Führungsfähigkeiten vermissen lässt (weshalb er ja auch von Tony und den anderen zum Boss gemacht wurde), kann er beliebig manipuliert werden.
Nach dem Entspannungstrip zu den Universitäten Neuenglands wird Tony also ohne Vorwarnung in seinen turbulenten, depressionsauslösenden Alltag geworfen. Er muss nun einen Deal zwischen Hesh und Junior brokern, was ihm im Zusammenspiel mit dem New Yorker Mafiaboss Johnny Sack (Vincent Curatola - über sein Engagement bei den „Sopranos“ hat Sepinwall eine sehr lesenswerte Anekdote zu erzählen) auch gelingt. Es kommt zum Geschäftsabschluss, mit dem alle leben können. Weniger Kopfschmerzen hat Tony deswegen nicht.
Die Besteuerung des jüdischen Geschäftspartners (über dessen Religion zahlreiche Klischees ausgekippt werden) ist nicht der einzige drastische Schritt, den Junior als neuer Regent unternimmt. Er befiehlt seinem Schergen Mikey Palmice (Al Sapienza) den Überfall auf ein illegales Pokerspiel, dessen Betreiber Sammy Grigio (Salvatore Paul Piro) bislang lediglich Abgaben an Capo Jimmy Altieri (Joseph Badalucco Jr.) zahlte. Nun muss der kick up auch an Junior geleistet werden - eine Nachricht, die Mikey möglichst unsanft zu vermitteln weiß.
We reap what we sow
Es ist nicht das einzige Mal in dieser Episode, dass Mikey handgreiflich wird. Sein nächstes Opfer ereilt jedoch ein weitaus schlimmeres Schicksal. Der Drogendealer Rusty Irish (Christopher J. Quinn) wird von Juniors Schneider bezichtigt, giftigen Stoff an dessen Enkel verkauft zu haben. Weil der sich im Drogenrausch umbrachte, bekommt es Rusty nun mit gleicher Münze heimgezahlt. Die umstehenden Augenzeugen des angeblichen Selbstmords werden von Mikey mit einem diabolischen Grinsen und Barem zum Schweigen angehalten.
Junior entpuppt sich also als wandelndes Pulverfass, was so gar nicht der Traumvorstellung der Capos vom friedlichen Mafiaopa entspricht. Also schicken sie Tony vor, um ihr Anliegen (das ganz banal „Mehr Geld“ lautet) vorzutragen. In den Zuschauerrängen eines Little League-Baseballspiels versucht es Tony mit einer Parabel über Kaiser Augustus und seine volksnahe Herrschaft über das Römische Reich (daher auch der Titel der Episode, der sich von Pax Romana ableitet).
Junior will das zunächst nicht verstehen („I don't know that I give a fuck“), lenkt dann aber doch ein. Am Ende der Episode scheint geschäftlich alles in Butter, als sich gleich die nächste Bedrohung für Tonys Seelenfrieden (wenn es einen solchen überhaupt geben kann) zusammenbraut. Bei der Krönungszeremonie für Junior sind die als Kellner getarnten FBI-Agenten mit Knopfkameras ausgestattet. Ihre dort gewonnenen Erkenntnisse ziehen die Umordnung ihrer am Reißbrett entworfenen Herrschaftspyramide des Soprano-Klans nach sich. Zum ersten Mal sehen wir also die andere Seite.
In dieser Momentaufnahme glaubt Tony, sich sämtlicher geschäftlicher Sorgen entledigt zu haben. Wären da nur nicht seine privaten Probleme, die mittlerweile ernsthafte körperliche Folgen zeitigen. Nicht nur Carmela (Edie Falco) befindet sich nach den Enthüllungen der letzten Episode auf Kriegsfuß, auch seine goomar Irina (Oksana Lada) will lieber körperlich befriedigt werden, als seinem Gejammer zuzuhören.
You been acting mezzo morto lately
Weil er aber erstens das Körperliche nicht liefern kann und zweitens irgendein Ventil braucht, um seinen angestauten Frust abzulassen, widmet er sich mit neuem Ehrgeiz seiner Therapie. Aus den dortigen teilweise beschwingten, von Tony als Flirts fehlinterpretierten Unterhaltungen leitet er die Gewissheit ab, in Dr. Melfi verliebt zu sein. Die drückt aber sogleich auf die Bremse: „You've made me all of the things you feel are missing in your wife and your mother.“
Warum er dieses Verhalten bei aller eigenen Schuld an den Tag legt, wird in zwei Szenen mit ebendiesen Frauen offenbar. Im Wohnstift verweigert ihm Livia barsch die mütterliche Liebe, nach der er sich so sehr sehnt, und von der er glaubt, sie von Jennifer Melfi bekommen zu können. Seine Ehefrau Carmela hingegen therapiert die eigene Depression mit einem Kaufrausch - ein Verhalten, über das sie sich in der letzten Episode gegenüber Pastor Phil (Paul Schulze) noch bitterlich geschämt hatte.
Auch in Pax Soprana sucht Carmela wieder den Rat des Geistlichen. Er schafft es aber lediglich, ihr kaum noch vorhandenes Selbstwertgefühl mit Schuldzuweisungen an sie weiter zu minimieren: „We reap what we sow.“ Eine sehr christliche Botschaft, die der Padre seinem Lämmchen da zukommen lässt. Am Ende ist Tony der Nutznießer dieser zweifelhaften Therapiemethode. Das Ehepaar Soprano verträgt sich wieder - auch weil Tony im richtigen Moment die richtigen Worte findet: „You're not just in my life. You are my life.“ Vielleicht meint er das ja sogar ein bisschen ernst.
Auf der nächsten Seite findet Ihr die meiner Meinung nach besten Zitate aus der Episode 'Pax Soprano'.
Dieses und Jenes
Livia, charmant wie eh und je
Über Nachbarin #1: „She's a degenerate gambler.“
Über Nachbarin #1: „I'm living next door to Gunga Din.“
Über Junior: „Better men than him had to work hard.“
Über sich selbst: „How much complaining can you do? Eventually they find you with a broken hip.“
Über Hesh: „Whoever heard of a jew riding horses?“
„I've eaten more queens than Lancelot.“ Pussy (Vincent Pastore) hat kein Kartenglück.
„It's our anniversay, Tony, ours. Not yours, mine and Johnny fuckin' Sacks'.“ Carmela, zurecht verärgert.
Tony, der Freibeuter, Teil 1: „I'm lost at sea here.“
Tony, der Freibeuter, Teil 2: „You've been spending like a drunken sailor all last week.“
„We need to adress the coffee situation.“ Wirklich, Jennifer, die „coffee situation“?
„You want sex?“ Carmela, mitten in der Nacht ihre ehelichen Pflichten erfüllend.
„Your uncle, madonn', does he eat alone. He doesn't even pass the salt.“ Raymond Curto (George Loros), erzürnt.
„She's spending like we're the Sopranos of Park Avenue.“ Spin-off, bitte!
„You had a swing like Joe Di.“ Was jetzt, Junior? Kürzlich hieß es noch, Tony hätte nie das Zeug zum Ausnahmesportler gehabt.
„What you're feeling is not what you're feeling, and what you're not feeling is your agenda.“ Psychologie, erstes Semester.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 26. Juli 2015(The Sopranos 1x06)
Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x06
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