The Sopranos 1x05

The Sopranos 1x05

Schon in der fünften Episode von The Sopranos liefert Serienschöpfer David Chase sein Meisterstück ab. College wird in den Geschichtsbüchern als die Folge niedergeschrieben sein, die das Fernsehen unwiederbringlich und für immer veränderte.

Ein harmloser Collegetrip wird für Meadow (Jamie-Lynn Sigler) und Tony (James Gandolfini) zu so viel mehr. / (c) HBO
Ein harmloser Collegetrip wird für Meadow (Jamie-Lynn Sigler) und Tony (James Gandolfini) zu so viel mehr. / (c) HBO

Das neue goldene Zeitalter des Fernsehens, an dessen Ende wir uns - je nach Lesart - derzeit befinden, wäre nicht möglich gewesen ohne das HBO-Mafiadrama The Sopranos. Eine spezifische Ausformung dieser Renaissance, das Aufkommen des Antihelden als zentrale Identifikationsfigur, ist indes auf eine einzige Episode zurückzuführen. Sie trägt den einfachen Titel College.

This is my duty

Darin erdrosselt Tony Soprano (James Gandolfini) mit den eigenen Händen Fabian Petrulio (Tony Ray Rossi), einen Verräter aus seinem Klan, der seit einem Jahrzehnt unentdeckt im US-Bundesstaat Maine lebt. Vor dieser Episode, die am 7. Februar 1999 ausgestrahlt wurde, gab es keine Serie, in der der zentrale Protagonist eine andere Figur aus niederen Motiven tötete. Das wusste zu diesem Zeitpunkt auch HBO-Chef Chris Albrecht, weshalb er laut Alan Sepinwall auch versuchte, Serienschöpfer David Chase die Szene auszureden.

Chase jedoch blieb glücklicherweise standhaft. Er wusste, dass es der Glaubwürdigkeit seiner Hauptfigur und ultimativ auch seiner Serie schaden würde, hätte Tony diesen Verräter einfach laufenlassen. Diese einzelne Szene brach mit jahrzehntealten TV-Gepflogenheiten und stellte gleichzeitig klar, was The Sopranos sein würde - eine knallharte, kompromisslose Dramaserie, die niemals davor zurückschreckt, tief in die beschädigte Psyche ihrer Hauptfiguren einzutauchen.

Um diesen monumentalen Geschehnissen ausreichend Platz einzuräumen, entschied sich Chase, der Episode einen schlanken Rahmen zu geben. Außer den Handlungsbögen in Maine und der Casa Soprano werden keine weiteren Geschichten erzählt. Von Tonys Mafiakollegen taucht lediglich Christopher (Michael Imperioli) auf - und das nur, um uns Zuschauern ausreichend Hintergrundinformationen zu liefern, damit wir auch wissen, warum Tony so erpicht darauf ist, Fabian so schnell wie möglich zu beseitigen.

Der Moment; der Fernsehgeschichte schrieb. © HBO
Der Moment; der Fernsehgeschichte schrieb. © HBO

Weil Carmela (Edie Falco) krank zu Hause im Bett liegt, begleitet Tony seine Tochter Meadow (Jamie-Lynn Sigler) auf die Collegetour. Die anfangs beschwingte Stimmung zwischen den beiden nimmt schnell eine düstere Wendung, als Meadow ihren Vater auf der Autofahrt unverblümt fragt: „Are you in the Mafia?“ Seine erste empörte Reaktion weicht schnell der Gewissheit, seiner auffassungsbegabten Tochter nicht länger etwas vormachen zu können: „Some of my money comes from illegal gambling and whatnot.

The hustle never ends

Er versucht diese Enthüllung - die für Meadow gar keine große ist - abzufedern: „Part of my income comes from legitimate businesses.“ Selbst dieser halbherzige Versuch wird im Fortlauf der Episode weiter verwässert. Und obwohl Meadow überhaupt nicht begriffsstutzig ist, weiß sie in diesem Moment noch nicht, was sie auf Tonys groteske Frage „How does that make you feel?“ antworten soll. Sie habe sich schon öfter gewünscht, dass ihr Vater so sei wie andere Väter. Dann jedoch habe sie realisiert, welch heuchlerisches Leben diese vermeintlichen Traumeltern führten. Tony mache ihr wenigstens nichts vor.

Es ist Meadows Wunsch nach einer intensiveren Verbindung zu ihrem Vater, der da zur Sprache kommt. Mit Carmela befindet sie sich im Dauerclinch, bei Tony glaubt sie hingegen, sie selbst sein zu können. In diesem Gefühl wird sie durch seine vermeintliche Offenheit bestärkt, hat aber da noch keine Ahnung, welches Monster gerade neben ihr sitzt. Ebendas ist der dramaturgische Kern dieser Episode: Die Kulmination zweier eigentlich miteinander unvereinbarer Familien im Körper von Tony Soprano - inklusive aller psychischen und physischen Konsequenzen, die eine solche Diskrepanz mit sich bringt.

Bildlich verdeutlicht das die exquisite Regie von Allen Coulter (der bei elf weiteren Episoden das Ruder in die Hand nahm), die Tony just nach der brutalen Ermordung von Fabian einen Entenschwarm vorbeischickt, der ihm in seinem niedersten Moment schmerzlich vor Augen führt, in welch unausweichliches Trauma er hineintaumelt. Die Struktur der Episode trägt ihr Übriges dazu bei, dass auch die zweite Hauptfigur zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt - über den Mann, der einerseits warme väterliche Gefühle offenbaren kann, andererseits aber ohne Schuldbewusstsein oder jegliche Barmherzigkeit ein anderes Leben auslöscht.

Carmela (Edie Falco) erhält die Kommunion von Pastor Phil (Paul Schulze). © HBO
Carmela (Edie Falco) erhält die Kommunion von Pastor Phil (Paul Schulze). © HBO

In einer stürmischen Nacht bekommt Carmela Besuch von Monsignore Jughead Phil Intintola (Paul Schulze, der die Rolle von Michael Santoro übernahm). Der stadtbekannte Schnorrer will eigentlich nur vorbeischauen, um sich von Carmela bekochen zu lassen. Die sich gerade von einer Grippe erholende und überhaupt an einem verletzlichen Punkt angekommene Mobster-Ehefrau überredet ihren Lieblingspastor jedoch, mit ihr noch einen Film zu schauen. Es ist „Was vom Tage übrig blieb“ mit Anthony Hopkins und Emma Thompson, über einen Mann, der sich nicht eingestehen will, dass er die Frau liebt, mit der er am meisten Zeit verbringt.

To take in through the eyes a beautiful woman

Zu dem Zeitpunkt haben die beiden bereits eine Diskussion über einen anderen Film, „Die letzte Versuchung Christi“ mit Willem Dafoe, abgeschlossen. Die ausgetauschten Worte haben sich jedoch in Carmelas Gedanken verfangen. In Kombination mit der Geschichte des laufenden Films platzt es aus ihr heraus: „I have forsaken what is right for what is easy, allowing what I know is evil in my house, allowing my children to be a part of it.“ Pastor Phil, der verzweifelt nach einem Weg sucht, um die sexuelle Spannung zwischen den beiden aufzulösen, schlägt vor, ihr eine Beichte abzunehmen und sie zur Kommunion zu bitten.

So richtig will das aber nicht funktionieren. Spätestens nach AJs (Robert Iler) Ankündigung, über Nacht nicht nach Hause zu kommen, ist beiden klar, was als Nächstes passieren wird. Sie scheinen mit sich und der Situation im Reinen, bis es zu einer wahrlich göttlichen (oder doch nur körperlichen?) Intervention kommt und Phils zarte Magen-Darm-Flora das Gemisch aus Pasta und Wein nicht mehr aushält. Am nächsten Morgen, nach überstandener Willensprobe, kehrt die vormals verletzliche, in den Händen des Pastors wie Butter zerfließende Carmela zu ihrem regulären Selbst zurück: „Of all the finook priests in the world, why did I have to get the one who's straight?

Es soll ein Witz sein. Kein Witz ist das, was Tony in der Zwischenzeit erledigt. Und viel weniger ein Witz ist das Verhalten, das er hernach gegenüber Meadow an den Tag legt - als wäre nichts gewesen. Für seine Tochter hat er angesichts blutender Hände und schlammverschmierter Schuhe kaum überzeugende Ausflüchte parat, sie gibt sich damit jedoch zufrieden und belohnt Tony auch noch für seine Scharlatanerie: „I love you.

Kein Wunder, dass er so wenige Anreize hat, sein toxisches Verhalten zu ändern. Das wird in dieser Ausnahmefolge nie so ersichtlich wie am Ende, wenn die Serie die düstere Geschichte auf witziger Note beendet. Tony muss da schon wieder um die Gunst seiner Ehefrau kämpfen, denn sie hat in der Nacht zuvor herausgefunden, dass Dr. Melfi (Lorraine Bracco) weiblich ist - und nicht, wie Tony ihr zuvor weisgemacht hatte, ein Mann. Die unterschiedlichen Ebenen der Schizophrenie im Leben der Sopranos werden von Tony selbst in Worte gekleidet: „This is too fucked up for me even to think about.

Das gilt indes nicht für College. Die Episode ist vielleicht die beste der „Sopranos“, definitiv aber eine der besten der Fernsehgeschichte.

Auf der nächsten Seite findet Ihr meine Lieblingszitate und -momente aus dieser Episode, die in der Rezension keinen Platz fanden.

Tony (James Gandolfini) schaut einem Idealbild hinterher; das für ihn unerreichbar bleibt. © HBO
Tony (James Gandolfini) schaut einem Idealbild hinterher; das für ihn unerreichbar bleibt. © HBO

Dieses und Jenes

There is no Mafia.

What do you study in India? How not to get diarrhea?“ Tony Soprano, furchtbarer Mensch.

Mon Dieu, room service est arrivée.“ Edie Falco gewann für diese Episode ihren ersten Emmy. Zu Recht.

You're not gonna eat 'em now, after all that work.“ Wo ist der Emmy für Robert Iler?

Maybe being a rebel in my family was selling patio furniture on Route 22.“ Dream big, Tony Soprano.

You chose this life. You don't wanna work in the rain, tryout for the fuckin' Yankees.“ Baseball oder Mafia? Entscheide dich jetzt, Christopher!

You talkin' to me, Pilate?“ Paul Schulze als Bobby DeNiro: Priceless!

I still believe he can be a good man.“ Natürlich, Carmela.

I am your soldier, Antonio. This is my duty.

Is there a commandment against eating ziti?

Excuse me, Miss Cuervo Anejo. You can't be trusted about what happened last night 'cause you were seeing pink elephants.

No man can wear one face to himself and another to the multitude without finally getting bewildered as to which may be true.“ Nathaniel Hawthorne, dropping truth-bombs.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 19. Juli 2015
Episode
Staffel 1, Episode 5
(The Sopranos 1x05)
Deutscher Titel der Episode
Reise in die Vergangenheit
Titel der Episode im Original
College
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 7. Februar 1999 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 28. Mai 2005
Autoren
James Manos Jr., David Chase
Regisseur
Allen Coulter

Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x05

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