The Sopranos 1x04

In den vergangenen beiden Episoden glänzte die bei der Ausstrahlung noch junge HBO-Mafiaserie vor allem mit hervorragend geschriebenen Charaktermomenten zwischen Tony Soprano (James Gandolfini) und all denen, die in seinem Leben für agita sorgten. Die Mafiageschichten fielen im Vergleich dazu etwas ab, weil sie nicht die gleiche emotionale Fallhöhe erreichten. In Meadowlands rangieren beide Erzählebenen nun auf demselben herausragenden Niveau.
A sheltered existence
Die Familiengeschichte tritt dabei in den Hintergrund, um dem eskalierenden Konflikt zwischen Tony und seinem Onkel Junior (Dominic Chianese) genügend Platz einzuräumen. Gleichzeitig ist es ein Mitglied von Tonys eigentlicher Familie, dem der emotional mitreißendste Moment - in der letzten Szene der Episode - gehört. Der begriffstutzige AJ (Robert Iler) erkennt darin zum ersten Mal, wer sein Vater wirklich ist. Dafür braucht er jedoch die Nachhilfe seiner großen Schwester Meadow (Jamie-Lynn Sigler).
Nachdem sich sein ehemaliger Freund und jetziger Intimfeind Jeremy Piocosta (T.J. Coluca) auf Weisung seines Vaters vor der Schlägerei mit ihm gedrückt hat, wundert sich AJ, wie es dazu kommen konnte. Er weiß nicht, dass Mr. Piocosta (Sal Petraccione) zuvor unwissentlich von Tony eingeschüchtert wurde. Tony will dem Floristen eigentlich nur freundlich Hallo sagen, er ist über den Streit der Söhne gar nicht informiert. Weil er dabei eine Axt trägt, glaubt Piocosta, ein eindeutiges Signal zu empfangen.
Diese Szenen sind gleichermaßen furchteinflößend und komisch. Wirklich emotional wird es aber erst am Ende, nachdem Meadow ihren jüngeren Bruder auf die Webseite megamob.com aufmerksam gemacht hat (nein, diese Seite gibt es nicht wirklich - und ja, in den Neunzigern hat man Webseiten tatsächlich ausgedruckt). Auf der Beerdigung von Jackie Aprile (Michael Rispoli) dämmert es AJ schließlich: Seine finster dreinblickenden „Onkels“, der über allem thronende neue Klanchef Junior, die fotografierenden Bundesagenten. Tony erspäht seinen nachdenklichen Sohn und zwinkert ihm zu. Dazu ertönt der schrecklich melancholische, ungemein passende Song „Look on down from the bridge“ von Mazzy Star. AJ realisiert in diesem Moment, dass sein Leben nie wieder das gleiche sein wird. Es ist der perfekte Abschluss einer überragenden Episode.

Jackies Tod ist es denn auch, der dem Streit zwischen Tony und Junior um die Nachfolge als Mafiaboss von New Jersey erhöhte Brisanz verleiht. Der Streit eskaliert aufgrund der Befehle, die Junior am Ende der letzten Episode erteilt hat. Nicht nur wurde Brendan Filone von Mikey Palmice (Al Sapienza) ermordet, Christopher (Michael Imperioli) musste auch eine Scheinhinrichtung über sich ergehen lassen.
You think I'm gonna mess with a guy like you?
Der geniale Schachzug von David Chase bei der Schöpfung von The Sopranos war es, die Bande beider Familien unumkehrbar miteinander zu verknüpfen. Schon in den letzten Episoden haben wir kurze Einblicke bekommen, was genau das für Tony bedeutet. Er muss sich nicht nur mit dem Machtanspruch eines Mafiakollegen herumschlagen - das wäre ja einfach -, er muss sich auch noch den Kopf über etwaige verletzte Gefühle seines echten Onkels zerbrechen. Nachfolgend bekommen wir einen ersten Geschmack von Tonys strategischem Talent.
Behilflich ist ihm dabei ausgerechnet (und unwissentlich) seine Therapeutin Jennifer Melfi (Lorraine Bracco). Weil er nicht mehr weiß, wie er mit seiner Mutter Livia (Nancy Marchand) umgehen soll, rät sie ihm zu einer Taktik, die man auch in der Kindeserziehung anwendet. Manchmal müsse man seine Kinder im Glauben lassen, dass sie die Kontrolle über eine Situation haben. Dank seiner füchsischen Schläue überträgt Tony diese Strategie sofort auf den Umgang mit seinem Onkel. Er weiß, dass der viel mehr am Titel interessiert ist als an den eigentlichen Verantwortlichkeiten, die damit einhergehen.
Gleichzeitig kann Tony auf die Unterstützung der übrigen Capos zählen, schließlich sichern ihm Raymond Curto (George Loros), Larry Boy Barese (Tony Darrow) und Jimmy Altieri (Joseph Badalucco Jr.) kurz zuvor ebendiese zu. Tony bietet seinem Onkel auf dem Höhepunkt des Streits also die vakante Position an. Mit diesem power move gibt er sich jedoch nicht zufrieden. Er leiert Junior zusätzlich zwei lukrative Geschäftseinheiten (Bloomfield und die paving union - was das genau bedeutet, erfahren wir in späteren Episoden) aus den Rippen, schließlich dürfe es vor seinen Untergebenen nicht so aussehen, als sei er mit einem schlechten Deal nach Hause geschickt worden.

Irgendwie bekommt hier jeder, was er wollte: Junior das Prestige, Tony die Macht. Wie lange ein solcher fauler Frieden anhalten kann, wird sich indes bald zeigen. Von der Idee, die Therapie bei Dr. Melfi abzubrechen, verabschiedet sich Tony hernach schnell: „I'm getting some good ideas in here.“ Zuvor wollte er dem psychologischen Treiben trotz der Proteste seiner Ehefrau Carmela (Edie Falco) ein Ende bereiten. Zu gefährlich erscheint ihm die Gefahr der Entdeckung, weil das nicht nur in der Traumsequenz zu Beginn der Episode geschieht, sondern beinahe auch im realen Leben, als Silvio (Steve Van Zandt) aus der Zahnarztpraxis spaziert, die genau gegenüber von Melfis Büro liegt.
You got a prime rib at home. Don't be going out for hamburger
Diesen Schockmoment nimmt Tony zum Anlass, um den korrupten Bullen Vin Makazian (John Heard, der Vater aus „Kevin - Allein zu Haus“) auf Melfi anzusetzen. Der versteht den Auftrag jedoch falsch und glaubt, Melfi sei Tonys Geliebte und betrüge ihn mit einem Anderen - dem armen Randall Curtin (Mark Blum). Der Trunkenbold und notorische Zocker Makazian lässt schließlich seinen gesamten Lebensfrust an Randall aus, was dem ein solches Trauma verpasst, dass er Angst davor hat, das Haus zu verlassen.
Aufgrund dieser furchteinflößenden Erlebnisse öffnet sich Melfi in der nächsten Sitzung mit Tony erstmals gegenüber ihrem Patienten: „I'm out of touch with the climate of rage in American society, the casual violence.“ Zunächst wundert sich Tony noch darüber, wieso sie ihm das alles erzählt. Einen kurzen Moment später leuchtet ihm jedoch ein, dass Makazian das Date seiner Therapeutin verprügelt hat. Auch hier gilt wieder: gleichermaßen furchterregend und komisch.
Meadowlands hebt sich von den vorhergehenden Episoden ab, weil darin fesselnde Geschichten aus beiden Familienlagern erzählt werden. Bisher war der Ton der Serie eher am Komödiantischen orientiert, hier findet nun eine deutliche Verschiebung in Richtung Drama statt. Dies ist vielleicht die erste Episode, in der sich Serienschöpfer David Chase ganz sicher war, welche Balance er zwischen diesen beiden Polen finden wollte. Viel besser geht es kaum - außer natürlich nächste Woche (Spoiler), wenn wir mit College eine der besten Episoden der Fernsehgeschichte besprechen.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 12. Juli 2015(The Sopranos 1x04)
Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?