The Sopranos 1x03

The Sopranos 1x03

Tony Soprano wird in der Episode Denial, Anger, Acceptance mehrfach dazu gezwungen, über die eigene Sterblichkeit nachzudenken. Überdies versucht Autor Mark Saraceni, seinen Figuren so viele abfällige Umschreibungen für Juden in den Mund zu legen wie irgend möglich.

Junior Soprano (Dominic Chianese) macht, was er am besten kann: Lamentieren. / (c) HBO
Junior Soprano (Dominic Chianese) macht, was er am besten kann: Lamentieren. / (c) HBO

Die schweizerisch-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross erfand das Fünf-Stufen-Modell der Trauer beziehungsweise des Sterbens. Drei dieser fünf Stufen werden in der Episode Denial, Anger, Acceptance an Tony Soprano (James Gandolfini) durchexerziert, wobei er gar nicht derjenige ist, der dem sichern Tod ins Auge blickt. Es ist sein Kollege und Interimsvorgesetzter Jackie Aprile (Michael Rispoli), der im Sterben liegt.

Do you feel like Frankenstein - a thing?

Tony aber ist derjenige, der von seiner Therapeutin Dr. Melfi (Lorraine Bracco) dazu gezwungen wird, sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, was er offensichtlich noch nie getan hat. Dieser Mann ist eigentlich umgeben von Tod, hat selbst getötet und töten lassen. Als er jedoch sieht, wie sein Freund langsam dahinsiecht und von Melfi darauf gestoßen wird, was das alles für sein Seelenleben zu bedeuten hat, beginnt er den Kübler-Ross'schen Prozess. In der Therapiesitzung will er zunächst nicht wahrhaben, dass Jackie wohl bald sterben wird.

Später macht ihn diese Erkenntnis so wütend, dass er zum wiederholten Male aus Melfis Büro stürmt. Am Ende schließlich, als alle Worte gesagt (oder geschrien) sind und Jackie schon viel lichteres Haar hat, sitzt Tony in der Gesangsvorstellung seiner Tochter Meadow (Jamie-Lynn Sigler) und es bricht wie ein Wirbelsturm der Trauer über ihn herein. Er weiß nun, dass Jackie bald sterben wird, und er weiß auch, dass er irgendwann sterben wird. Wozu also das Ganze? Welchen Sinn hat das Leben, wenn das Ende sowieso schon vorbestimmt ist? Oder, in Tonys Worten: „If all this shit's for nothing, why do I have to think about it?

Zwischen Zorn („anger“) und Akzeptanz („acceptance“) überspringt Drehbuchautor Mark Saraceni (der nach dieser Episode nicht mehr ins Team zurückkehren wird) die Stufen „Verhandeln“ und „Depression“. Er hat sich für seine Geschichte die interessantesten, weil impulsivsten Phasen herausgesucht, außerdem gibt es ja noch andere Handlungsbögen, die abgearbeitet werden wollen. Am Ende kommen die wichtigsten in besagter Szene wunderbar zusammen, wobei Regisseur Nick Gomez eine visuelle Umsetzung wählt, die an die „Pate“-Filme erinnert. Während Meadow und ihre Freundin Hunter (Michele DeCesare) singen, sehen wir, wie Junior (Dominic Chianese) mit seinen claninternen Gegenspielern und Tony mit seinen Problemen umgeht.

Besonders pikant wird Tonys Beschäftigung mit der Vergänglichkeit durch den frühen Tod von James Gandolfini. Wenn es nach zwei Episoden noch nicht zu jedem Zuschauer durchgedrungen sein sollte, welch exzeptioneller Darsteller er war, so müsste das spätestens in dieser Episode geschehen sein. Gandolfini gab dem emotionalen Vulkan Tony Soprano das unverwechselbare Gesicht, er konnte von einer Sekunde auf die nächste zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt wechseln. Er war Tony Soprano. Nur er konnte Tony Soprano sein. Er ist viel zu früh gestorben - und hat doch ein Erbe hinterlassen, das ewig Bestand haben wird.

I'm not afraid of death

Wie schon in der letzten Episode, als sich die stärksten Szenen zwischen Tony und seiner Mutter Livia (Nancy Marchand) abspielten, gehören diese auch in Denial, Anger, Acceptance wieder ihm. Livia taucht hingegen nur in einer kurzen Szene auf, die es aber in sich hat und einmal mehr illustriert, wie meisterhaft es diese Serie verstand, selbst in kurzen Szenen möglichst viel Charakterzeichnung unterzubringen. Hier wird sie abermals von Junior als Beraterin herangezogen. Er weiß einfach nicht, wie er mit den aufmüpfigen Jungspunden aus Tonys Crew umgehen soll - vor allem auch, weil Tony die Dankbarkeit kassiert, die eigentlich ihm zusteht.

Mir läuft es immer wieder kalt den Rücken runter, wie einfach es Livia fällt, das Todesurteil für Brendan Filone (Anthony DeSando) zu sprechen. Als Strafe für Christopher (Michael Imperioli) diktiert sie ihrem Schwager eine Scheinhinrichtung, weil er ein guter Junge sei, der ihr einst geholfen habe, Fensterläden anzubringen. Hier wird die starke Verbundenheit dieser Figuren mit der Vergangenheit wieder aufgegriffen, die bereits anhand von Junior etabliert wurde. Er erinnerte sich in der Pilotepisode daran, wie oft er mit Tony als Kind Fangen gespielt habe.

Auch hier beschwert er sich bei Brendans späterem Mörder Mikey (Al Sapienza) darüber, wie wenig Respekt Christopher vor ihm hat, obwohl er ihm einst zum Geburtstag ein Surfbrett für 400 Dollar geschenkt habe. Das ist einerseits witzig, andererseits aber auch furchtbar grotesk. Hier wird anhand von höchst kleinlichen, persönlichen Empfindungen über Leben und Tod entschieden. Die Mitglieder der Mafia bewegen sich ständig in diesem paranoiden Spannungsfeld zwischen familiärer Verbundenheit und geschäftlichen Notwendigkeiten. Am besten wird das an Junior illustriert. Aber auch alle anderen Gangster offenbaren diese Schizophrenie.

Carmela Soprano (Edie Falco) ist von diesen Anwandlungen ebenso wenig gefeit. Sie bekommt in dieser Episode erstmals einen eigenen Handlungsbogen, der in der Konfrontation mit ihrer alten Freundin Charmaine (Kathrine Narducci), der Ehefrau von Chefkoch Artie Bucco (John Ventimiglia), kulminiert. Sie glaubt, Charmaine etwas Gutes zu tun, indem sie ihr den Auftrag für das Catering ihrer Wohltätigkeitsveranstaltung zuschanzt. Dabei realisiert sie jedoch nicht, dass sie Charmaine genauso abfällig behandelt wie die Putzfrau.

Chassidem but I don't believe 'em

Charmaine rächt sich schließlich auf ganz eigene Art. Sie erzählt Carmela von einer Affäre, die sie mit Tony hatte, und garniert dies mit einem bissigen Kommentar: „It wasn't for me.“ Dies mag zunächst kratzbürstig anmuten, bekommt aber durch ihre folgenden Worte ausreichend Berechtigung: „Stop worrying about me. We both made our choices. I'm fine with mine.“ Sie ist vielleicht die einzige bedeutende Nebenfigur in The Sopranos, die es kompromisslos ablehnt, irgendetwas mit Tony und seiner Mafiafamilie zu tun zu haben. Sie ist der einzige aufrichtige Charakter in dieser Serie.

Weniger aufrichtig ist Shlomo Teittleman (Chuck Low), der Tonys schlagkräftige Dienste beauftragt, dafür aber später nicht zahlen will. Der Handlungsbogen um das Motel und seine chassidischen Betreiber offenbart einmal mehr, dass David Chase zu Beginn der Serie noch nicht genau wusste, wo er damit hinwollte. Dieser „Mafiafall der Woche“ dient größtenteils dem comic relief, was wunderbar funktioniert, weil Saraceni eine erstaunliche Fantasie an den Tag legt, wenn es darum geht, farbenfrohe Synonyme für strenggläubige Juden zu finden.

Tony, Paulie (Tony Sirico) und Sil (Steve Van Zandt) dürfen sich mehrmals über die Gewohnheiten ihrer neuen, überaus renitenten Geschäftspartner lustig machen. Sie bekommen aber auch selbst vom Drehbuch ausreichend Fett weg. So weiß Tony nicht, was der Talmud ist. Er hält das bedeutende jüdische Schriftwerk für eine Person. Humor lauert in jeder Ecke und jedem Winkel dieser Serie, manchmal muss man ganz genau aufpassen, um witzige Stellen nicht zu verpassen - wie die Szene, in der Tonys Geliebte Irina (Oksana Lada) den Namen des Künstler David Hockney falsch ausspricht.

The Sopranos ist sich in frühen Episoden wie Denial, Anger, Acceptance seines Tons noch nicht so sicher wie im späteren Verlauf der Serie. Immer, wenn Gandolfini aber ohne Schwimmflügel in die Gefühlswelt von Tony Soprano abtauchen darf, ist grandiose Serienunterhaltung garantiert. Schon damals konnte man erkennen, dass hier etwas Großes entstand.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 5. Juli 2015
Episode
Staffel 1, Episode 3
(The Sopranos 1x03)
Deutscher Titel der Episode
Der Deal
Titel der Episode im Original
Denial, Anger, Acceptance
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 24. Januar 1999 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 28. Mai 2005
Autor
Mark Saraceni
Regisseur
Nick Gomez

Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x03

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