The Sopranos 1x02

The Sopranos 1x02

In 46 Long zeigt sich, dass Serienschöpfer David Chase noch nicht in allen Bereichen wusste, wo er mit The Sopranos hinwollte. Während die Szenen in der einen Familie bereits wunderbar funktionierten, brauchten die in der anderen noch Zeit zum Gedeihen.

Bei „Satriale's“ werden fortan ständig „Sitdowns“ zwischen Tony Soprano (James Gandolfini, l.) und Kollegen stattfinden. / (c) HBO
Bei „Satriale's“ werden fortan ständig „Sitdowns“ zwischen Tony Soprano (James Gandolfini, l.) und Kollegen stattfinden. / (c) HBO

Die Episode 46 Long ist die einzige der insgesamt 86 Episoden von The Sopranos, die mit einem cold open eröffnet wird. Darin zählt der harte Kern der Crew von Tony Soprano (James Gandolfini) die Tageseinnahmen, während im Fernsehen ein Bericht über den angeblichen Niedergang der Mafia läuft. Als wäre das noch nicht amüsant genug, fordert Tony seinen Consigliere Silvio (Steven Van Zandt) dazu auf, ihn mit seiner berühmten Al Pacino-Imitation aus „Der Pate“ aufzuheitern.

Just as I thought I was out, they pulled me back in

Dies ist nicht das einzige wiederkehrende Element, das die Serie hier etabliert. Auch der verletzte Stolz von Paulie (Tony Sirico) über seine italienische Herkunft und deren wirtschaftliche Ausbeutung durch andere steht hier zum ersten Mal eindeutig im Vordergrund seiner Figurenzeichnung. Genau wie sein Bedürfnis, die eigenen Witze zu wiederholen, damit sie auch ja niemand verpasst. Eines der besonderen Merkmale von The Sopranos ist es, selbst in den dunkelsten Ecken der menschlichen und gesellschaftlichen Seele Humor zu finden. In dieser Episode ist sich die Serie aber noch nicht sicher, wie präsent dieser Humoreinsatz sein soll.

Die Suche von Pussy (Vincent Pastore) und Paulie nach den Dieben des Kleinwagens von AJs (Robert Iler) Lehrer sowie die schwarzhumorige Wendung von Brendan Filones (Anthony DeSando) Alleingang verdeutlichen, welch unterschiedliche Töne die Serie zu Beginn ihres Laufs anschlagen konnte. Während die „Rockford“-Abenteuer (es ist bereits die zweite Anspielung auf die legendäre Detektivserie) von Pussy und Paulie dem später langsam verschwindenden leichteren Ton der Serie entsprechen, bewegt sich Brendans Ausflug auf viel düstererem Terrain.

Eines bleibt dabei unumstritten: The Sopranos findet selbst im größten Drama Raum für humoreske Einlagen. Das beweist diese Episode gleich mehrfach - auch mit ihrer handwerklichen Umsetzung. Zweimal hilft uns ein Smash Cut beim Verständnis der komplizierten Beziehung zwischen Tony und seiner Mutter Livia (Nancy Marchand). Beide werden in jeweils entgegengesetzter Richtung eingesetzt: Einmal aus Tonys Therapie mit Dr. Melfi (Lorraine Bracco) vor das Haus seiner Mutter, das andere Mal von Livias Unfall mit ihrer Freundin in Tonys nächste Therapiestunde. Diese Unterstützung der Dramaturgie durch die filmische Umsetzung soll ebenfalls bald zum Qualitätsmerkmal der Serie werden.

Weil die Beziehung von Serienschöpfer David Chase zur eigenen Mutter gemeinhin als Grundstein von The Sopranos erachtet wird, ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Verhältnis von Tony und Livia zu diesem frühen Zeitpunkt bereits voll ausgearbeitet erscheint. Es ist der momentan stärkste Teil der Serie, was auch daran liegt, dass Gandolfini und Marchand sofort in ihre Rollen gefunden haben.

There's some people who are not ideal candidates for parenthood

Indem immer wieder die unmittelbaren Reaktionen zwischen Therapie und Konfrontation gezeigt werden, wird uns schnell das ganze Ausmaß dieser toxischen Beziehung bewusst. Tony hält eisern an seinen selbstauferlegten Werten und Pflichten fest, obwohl ihm Melfi wiederholt und nachvollziehbar bedeutet, wie schädlich das für sein Seelenleben (und mittlerweile auch für seine Gesundheit) ist: „She's my mother. You're supposed to take care of your mother.“ Als er gefragt wird, nur eine glückliche Erinnerung von früher hervorzukramen, gelingt ihm das nicht.

Seine Reaktion darauf ist ebenso irrational wie nachvollziehbar: „I'm the ungrateful fuck.“ Obwohl es ihm eigentlich einleuchten müsste, dass seine Depression auf das Verhalten seiner Mutter zurückzuführen ist, reagiert er ganz anders: Er bringt seiner Mutter einen riesigen Blumenstrauß vorbei, der sie wiederum gar nicht interessiert. Egal, was Tony versucht, er kann es ihr nicht rechtmachen. Livia ist ein schwarzes Loch aus Selbstmitleid, Weltschmerz und Menschenhass. Kein Wunder, dass es schließlich zur Explosion zwischen den beiden kommt - das aber erst, als Tony mit ihr alleine ist. Gegenüber Melfi und Carmela (Edie Falco) verteidigt er sie hingegen vehement.

Als sie ihm jedoch eröffnet, dass sie ihren wertvollen Schmuck an seine Cousine vermacht habe, weil Carmela die Stücke nicht wolle, droht der Sohn seiner Mutter unumwunden damit, eine Handlungsbevollmächtigung für sie zu beantragen, um sie dann unter Zwang in die retirement community einzuquartieren. Dementsprechend erbost fordert sie ihn daraufhin dazu auf, sie mit einem Küchenmesser an Ort und Stelle zu erstechen. Und just in diesem tiefdunklen, bitteren Moment findet Chase die Chuzpe, den besten Witz der Episode zu platzieren: „It's more like a hotel at Captain Tibes.“ Tony hat seine Therapeutin falsch verstanden - sie verglich Green Grove mit einem Hotel im französischen Küstenort Cap d'Antibes.

Nachdem sie ihre Freundin angefahren und ihr die Hüfte gebrochen hat, bleibt Livia nicht viel mehr übrig als Tonys Forderungen nachzugeben. Jedoch klammert sie sich weiter eisern an die Macht, die sie über ihren Sohn ausübt. Ihr einziges Mittel, ihm weiter ein schlechtes Gewissen zu machen, ist das Schweigen. Also schweigt sie. Tony bleibt indes ebenso eisern gegenüber Melfi. Als sie zugibt, dass es schwer sei, sich Hassgefühle gegenüber der eigenen Mutter einzugestehen, reagiert er mit dem Abbruch der Sitzung. Am Ende muss der arme Georgie (Frank Santorelli) ausbaden, was Tony an Gewaltphantasien angestaut hat.

My dad's a hero

Wie der breitschultrige, traurige Mann da im leeren Wohnzimmer seines Elternhauses steht, sentimental alte Bilder betrachtet und dabei beinahe eine weitere Panikattacke erleidet, könnte man fast Mitleid mit ihm bekommen. Doch es gibt ausreichend Szenen in dieser Episode, die das verhindern. Nicht nur der latente Rassismus von ihm und seiner Mutter gegenüber der Haushälterin aus Trinidad, auch sein heuchlerisches Verhalten bei der Behandlung des Problemfalls Brendan und Christopher (Michael Imperioli) tragen dazu bei. Einerseits predigt er Gehorsam und Geduld, was Christopher sogar einsieht. Andererseits lässt er es sich nicht nehmen, einen Teil der Ladung gestohlener Anzüge für sich abzuzweigen.

Außerdem genießt er es sichtlich, gegenüber den innerfamiliären Streitparteien Christopher und Junior (Dominic Chianese), zu denen er jeweils ein Onkelverhältnis pflegt, den starken Mann zu markieren. Christopher hält er an der kurzen Leine, während er sich beim krebskranken Interimsboss Jackie Aprile (Michael Rispoli, der zweite Anwärter auf die Hauptrolle) als schlagkräftigere Alternative zum alternden Junior positioniert.

46 Long kann nicht ganz mit der hochklassigen Auftaktepisode mithalten. Die Stärken liegen in der zu diesem frühen Zeitpunkt schon beinahe vollständig ausdefinierten Darstellung der Beziehung zwischen Tony und seiner Mutter. Außerdem schafft es die Serie, jeden noch so düsteren Handlungsbogen mit witzigen Einschnitten zu durchziehen. Ein weiteres Beispiel gefällig? Auf Einlass in einen Nachtclub wartend, versucht der filmbegeisterte Christopher, sich der vorbeihuschenden Regielegende Martin Scorsese (gespielt von einem Double) folgendermaßen anzubiedern: „Marty! Kundun: I liked it.

Davor und danach sterben aber Menschen - mit oder ohne Absicht. Die Serie hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht überall ihren Groove gefunden, zeigt jetzt aber schon eindrucksvoll, warum sie einmal mit größtmöglichem Lob überschüttet werden wird.

Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 28. Juni 2015
Episode
Staffel 1, Episode 2
(The Sopranos 1x02)
Deutscher Titel der Episode
Verwandte und andere Feinde
Titel der Episode im Original
46 Long
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 17. Januar 1999 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 28. Mai 2005
Autor
David Chase
Regisseur
Daniel Attias

Schauspieler in der Episode The Sopranos 1x02

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