24: Live Another Day 1x05

Schon erstaunlich, dass die bislang beste Episode der neuen Staffel von 24 nahezu ohne Jack Bauer (Kiefer Sutherland) auskommt. Day 9: 3:00 P.M.-4:00 P.M. bietet spannende Actionsequenzen und hoch emotionale Momente. Nach einer kurzen Aufwärmphase hat die Serie ihren Groove gefunden und bietet Woche für Woche unterhaltsames, intelligentes und teilweise sogar reflektiertes Actionfernsehen.
Ausgezeichnetes Casting
Das liegt zu einem großen Teil an dem exzellenten Ensemble, das für den Reboot gewonnen werden konnte. Michelle Fairley verleiht dem Terroristenoberhaupt Margot Al-Harazi die angemessene Aura aus Verbitterung und Unerbittlichkeit. In früheren Staffeln wäre eine solche Figur wohl nach der Hälfte von einem noch größeren Bösewicht abgelöst worden. Weil diese Staffel aber nur 12 Episoden hat, könnte es durchaus sein, dass Al-Harazi bis zum Ende dabeibleibt.
Ihr Charakter und der dazugehörige Handlungsbogen schaffen es jedenfalls, eine genuin interessante Geschichte auszubreiten. Der Mord an ihrem Schwiegersohn Naveed (Sacha Dhawan) am Ende der Episode hat mir einen kalten Schauer über den Rücken gejagt, obwohl ich sämtliche involvierten Figuren erst seit wenigen Minuten kannte. Die rasche Etablierung einer solch hohen atmosphärischen Dichte ist bei 24: Live Another Day vor allem den talentierten Schauspielern zu verdanken - an zweiter Stelle der Regie und erst danach dem Drehbuch.
Auch Yvonne Strahovski findet sich in ihrer Rolle immer besser zurecht. Nachdem es mir am Anfang noch schwerfiel, ihr den Nachwuchs-Jack abzukaufen, füllt sie diese Rolle nun glaubwürdig aus. Dabei dürften die Spekulationen neue Nahrung erhalten, wonach in dieser Staffel Jacks Tod vorbereitet werde - damit dann in einer möglichen neuen Staffel Strahovski übernehmen könnte. Wenngleich ich der Idee nicht grundsätzlich abgeneigt gegenüberstehe, würde ich kein Geld darauf verwetten, dass Kiefer Sutherland das Franchise so bald wieder verlässt - vorausgesetzt, es geht nach dieser als „Miniserie“ angekündigten Staffel überhaupt weiter. Der Schauspieler ist untrennbar mit der Marke 24 verbunden, es bräuchte viel Mut seitens der Produktionsverantwortlichen, diese Markenbindung aufzugeben.

Dabei zeigte gerade diese aktuelle Episode, wie gut die Serie auch ohne Jack auskommt. Zu Beginn gelingt es seiner neuen Mitverschwörerin, sich mit dem Flugschlüssel (gibt es eine bessere Übersetzung für flight key? Vielleicht „Flugschreiber“?) aus der Botschaft zu stehlen. Jack wird indes vom Militär festgenommen. Morgan weiht Kollege Erik Ritter (Gbenga Akinnagbe) in ihre Pläne ein und kontaktiert Chloe (Mary Lynn Rajskub), um Instruktionen für das weitere Vorgehen zu bekommen.
Witzmaschine Chloe
Chloe lässt es sich dabei nicht nehmen, erst einmal mit den Grundlagen anzufangen: „Insert the flight key into the USB port.“ („Stecke den Flugschlüssel in den USB-Port.“) Überhaupt schöpfen Autoren und Regisseur in dieser Episode zum ersten Mal Rajskubs komödiantisches Talent voll aus. Als sie später erfährt, dass der CIA-Datenanalyst Jordan Reed (Giles Matthey) es geschafft haben soll, den Aufenthaltsort der Terrorzelle zurückzuverfolgen, fordert sie sogleich eine Gehaltserhöhung für ihn.
Der Stachel sitzt bei Chloe immer noch sehr tief und trotzdem muss sie von Adrian Cross (Michael Wincott) daran erinnert werden, dass sie nun nicht mehr für CIA, CTU oder eine andere staatliche Organisation arbeitet, sondern sich im kriminellen Untergrund befindet. Jack Bauer zieht eben alles und jeden in seinen Bann, seien dies nun alte Kollegen, verflossene Liebschaften oder US-Präsidenten. Seinen einzigen nennenswerten Auftritt bekommt Bauer indes, als er Präsident Heller (William Devane) vorgeführt wird.
Natürlich kennt Jack schon den nächsten logischen Schritt - er allein könne den Aufenthaltsort von Al-Harazi herausfinden. Und zwar über die Verbindung zu einem Waffenhändler. Er verlangt von Heller, ihn sofort wieder in den Feldeinsatz zu schicken. Wohltuend überraschend gerät daraufhin die Entscheidung Hellers, Jack eben nicht gleich wieder freizulassen. In früheren Staffeln hätte sich der US-Präsident sofort überzeugen lassen - und wenn nicht, wäre Jack notfalls aus der Haft entflohen. Diese Episode zeichnet sich jedoch auch dadurch aus, dass die institutionelle Inkompetenz nicht allzu umfassend porträtiert wird. Sogar Stabschef Mark Boudreau (Tate Donovan) zeigt überraschende Größe, als er zugibt, aus falscher Motivation die falschen Entscheidungen getroffen zu haben.

Nach seiner ehrlichen Offenbarung kehrt Boudreau jedoch sofort wieder in den Krisenmodus zurück und hält einen flammenden Appell an Heller über Sinn und Notwendigkeit des amerikanischen Drohnenprogramms. Ganz richtig erkennt der US-Präsident dabei, dass sich die eigene Kreatur nach der Kaperung durch Terroristen ganz einfach gegen ihren Erschaffer einsetzen lässt.
Gelungener Kommentar
Wenngleich ich nicht glaube, dass Terroristen momentan tatsächlich in der Lage wären, eine Drohne zu kapern, so wirft dies trotzdem die realpolitisch relevante Frage der theoretischen Durchführbarkeit eines solchen Planes auf. 24 schafft hier einen eleganten, weil subtilen und selbstreferentiellen Kommentar zu Sinn und Unsinn dieses Drohnenprogramms, vor allem, wenn sich - wie Boudreau treffend bemerkt - selbst mit einem Drohnenangriff zivile Opfer nicht vermeiden lassen.
Am Ende werden die CIA-Agenten unter Führung von Steve Navarro (Benjamin Bratt) in eine tödliche Falle gelockt. Chloe und Kate finden zwar heraus, dass die Spur zum angeblichen Versteck der Terroristen absichtlich gelegt wurde, schaffen es aber nicht rechtzeitig, Navarro und sein Team vor dem Drohnenangriff zu warnen. Al-Harazi erreicht dadurch zweierlei: Zum einen dezimiert sie die amerikanischen Einsatzkräfte merklich (wenngleich wir noch nicht wissen, ob Navarro und Ritter getötet wurden), zum anderen bekräftigt sie sowohl Bereitschaft als auch Fähigkeit zum Einsatz der Drohnen.
Neben den glänzenden Darstellungen zeichnet sich die fünfte Episode durch routinierte Inszenierung und das - wie so oft - wunderbar stringente Drehbuch aus. Die Geschichten wurden zwar auch in früheren Staffeln von 24 geradlinig vorangetrieben. Durch die Kürzung der Staffellänge ist der Serie jedoch manch unnötiger Ballast genommen worden - als wäre sie nach acht fetten Jahren zur Entschlackung geschickt worden und käme jetzt fitter, schlanker und aufgeweckter zurück. 24: Live Another Day wird momentan von Episode zu Episode besser.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 27. Mai 201424: Live Another Day 1x05 Trailer
(24: Live Another Day 1x05)
Schauspieler in der Episode 24: Live Another Day 1x05
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