24: Live Another Day 1x06

24: Live Another Day 1x06

Allzu viele plötzliche Wendungen und überraschende Ereignisse überfordern manchmal selbst Jack Bauer. Im Gegensatz zur Episode davor ist die neue so vollgepackt mit Plottwists, dass unausweichlich auch ein paar fragwürdige dabei sind - ganz im Stile von 24 eben.

Belchek (Branko Tomovic) am Snipergewehr - wären da nur nicht die verdammten Briten! / (c) FOX
Belchek (Branko Tomovic) am Snipergewehr - wären da nur nicht die verdammten Briten! / (c) FOX

Die bisherigen Episoden des 24-Reboots 24: Live Another Day schafften es bisher, allzu weit hergeholte Wendungen zu vermeiden, wenngleich die Alzheimererkrankung von US-Präsident Heller (William Devane) schon früh ihre drohenden Schatten vorauswarf. Natürlich würde diese als Plotelement eingesetzt werden - dass dies nun schon zur Halbzeit der neuen Staffel geschieht, überraschte mich jedoch.

Zeitreise

Während Day 9: 4:00 P.M.-5:00 P.M. fühlte ich mich öfter an alte 24-Zeiten zurückerinnert als in allen bisherigen Episoden der Miniserie zusammen. Am Ende wurde uns sogar der obligatorische 24-Twist präsentiert - Steve Navarro (Benjamin Bratt) ist der Verräter in den Reihen der CIA, der mit einem mysteriösen Hintermann gegen Kate Morgan (Yvonne Strahovski) konspiriert.

Außerdem präsentiert die Episode in serientypischer Manier mehrere fragwürdige Entscheidungen von zentralen Charakteren, die nur dazu dienen, das Drehbuch und die Handlung spannender zu machen. Zugegeben - dieses Ansinnen ist gelungen. Die Actionszenen sind wieder einmal hoch spannend und stilistisch glänzend umgesetzt. Es ist eher das Zustandekommen diverser kniffliger Situationen, das Anlass zur Sorge gibt, die Serie könnte bald wieder zu ihren dramaturgisch fragwürdigsten Angewohnheiten zurückkehren.

Nach der gescheiterten Stürmung des mutmaßlichen Terroristenanwesens gibt Heller den Befehl, Jack Bauer (Kiefer Sutherland) wieder in den Dienst zu schicken. Schließlich ist er der einzige, der eine potentielle Spur verfolgen kann. Zuvor hatte Heller dem britischen Premierminister Alastair Davies (Stephen Fry) die Zusage gegeben, bei der Suche nach den entführten Drohnen zu kooperieren und sämtliche Geheimdienstinformationen zugänglich zu machen. Bauer fordert indes die Dienste von Kate Morgan an - er hat wohl erkannt, wie wertvoll sie sein kann. Navarro stellt sich zunächst quer, bekommt jedoch von Heller eine eindeutige Anweisung: „Jack wants her, Jack needs her, Jack gets her.“ („Jack will sie, Jack braucht sie, Jack bekommt sie.“)

Der sterbende Schwan - Strahovski-Edition? Kate Morgan (Yvonne Strahovski) in misslicher Lage. © FOX
Der sterbende Schwan - Strahovski-Edition? Kate Morgan (Yvonne Strahovski) in misslicher Lage. © FOX

Bauer schließt sich also mit Morgan zusammen, um den Waffenhändler Karl Rask (Aksel Hennie) ausfindig zu machen. Auf dem Weg zu dessen Versteck beantwortet Jack Kates offene Fragen. Er habe für Rask gearbeitet, um internationale Drogen- und Menschenhandelskartelle auszuheben. Er habe ohne Auftraggeber gearbeitet: „This time I'm doing it for me.“ („Dieses Mal mache ich es für mich.“) Rask wolle ihn nun jedoch umbringen, weil er (berechtigterweise) davon ausgeht, dass Jack ihn verraten hat.

Powerduo Jack & Kate

Jacks Plan sieht also vor, Morgan als betäubte Geisel an Rask auszuliefern und die Schuld für den Verrat an einen toten Kollegen abzuschieben, um sich so das Vertrauen Rasks zu erschleichen. Der nächste Schritt beinhaltet dann, der per Funk zugeschalteten Chloe (Mary Lynn Rajskub) den Zugang zu Rasks Konto zu ermöglichen, damit sie von dort aus das Versteck von Oberterroristin Margot Al-Harazi (Michelle Fairley) finden kann.

Die gibt zwischendurch ihrer Tochter Simone (Emily Berrington) den Auftrag, in London nach der Schwester des getöteten Naveed (Sacha Dhawan) zu suchen und sie mundtot zu machen. Außerdem bekommt der britische Premier erste Hinweise darauf, dass Präsident Heller an Alzheimer leidet und ordnet deshalb die Verfolgung und Festsetzung Jack Bauers an. Stabschef Mark Boudreau (Tate Donovan) bekommt unterdessen Schwierigkeiten mit der von ihm gefälschten präsidentiellen Unterschrift unter dem Auslieferungsvertrag von Jack Bauer.

So weit, so nachvollziehbar. Für all diese Geschichten wurden in den vorigen Episoden die Grundsteine gelegt - bis auf die plötzlich aufgetauchte Schwester Naveeds, die bisher keine Erwähnung fand (oder täusche ich mich da?). Die Vorbereitungen für das actiongeladene Episodenfinale zeigen danach jedoch zum ersten Mal im Reboot gnadenlos auf, womit 24 früher die größten Schwierigkeiten hatte: Um jedes Jahr 24 Episoden mit Handlung zu füllen, wurden einige wenig nachvollziehbare Wendungen in die Geschichte eingepflanzt.

Verräter Navarro (Benjamin Bratt; l.) und IT-Wiz Jordan Reed (Giles Matthey). © FOX
Verräter Navarro (Benjamin Bratt; l.) und IT-Wiz Jordan Reed (Giles Matthey). © FOX

Um seinen Behauptungen mehr Gewicht zu verleihen, überredet Jack seine Mitstreiterin dazu, sich anästhesieren zu lassen. Er ist selbst überrascht von Kates Verve, als sie sich die Nadel der Betäubungsspritze selbst in den Hals rammt - Sutherland spielt diesen Moment leiser Überraschung fantastisch. Mit Morgan im Kofferraum fällt er im Versteck seines früheren Arbeitgebers Karl Rask ein. Dabei weiß er nicht, dass sich der britische Geheimdienst dicht auf seinen Fersen befindet - auf Anweisung des skeptischen Premierministers Davies, der seinen amerikanischen Counterpart Heller für unzurechnungsfähig hält. (Diesen Handlungsabschnitt habe ich nicht ganz verstanden: Woher haben die Briten die Informationen, wo sich Jack aufhält? Von den Amerikanern? Die werden aber gar nicht dabei gezeigt, wie sie die Aktion mitverfolgen, oder? Ich hatte das eher als einen Alleingang von Bauer und Morgan angesehen - und natürlich von Belchek (Branko Tomovic), Bauers treuer Begleiter.)

Dramatische Wendungen

Zu Jacks Entsetzen verfügt Rasks Verbrecherbande jedoch über ein Gegenmittel zu seinen Betäubungstropfen. Morgan soll also gefoltert werden, um endgültig herauszufinden, ob Jack die Wahrheit sagt. Rasks Bluff, den Jack eiskalt aufdeckt, verschafft Chloe zumindest Zugang zu dessen Bankkonto - wenn der doch endlich auf „Enter“ drücken würde! Zwei Stiernacken sollen Morgan also foltern, aber was genau sollen sie eigentlich herausfinden? Etwas unbeholfen fragen sie die CIA-Agentin denn auch: „Are there any other operatives we need to worry about?“ („Gibt es andere Agenten, um die wir uns Sorgen machen müssen?“) Morgan beantwortet das mit einem schlichten „Nein“ - was soll sie auch anderes sagen? Daraufhin entgegnet der Folterknecht, dass er ihr nicht glaube und droht damit, ihr den Schädel aufzubohren. Es gibt für den Bösewicht in dem Moment keine Möglichkeit, die Wahrheit aus Morgan herauszupressen, entsprechend wenig Sinn hat die Folter.

Die Kooperateure Belchek und Chloe befinden sich also im Konflikt miteinander. Belchek will Morgan retten, Chloe braucht unbedingt Rasks Kontodaten. Daraus entsteht der größte, zeitsensibelste Konflikt dieser Episode - der aber nur funktioniert, weil Rask die plumpe Folteranweisung gegeben hat. Die Lage wird durch das Eingreifen der MI-5-Agenten weiter verkompliziert, Chaos bricht aus, Kugeln fliegen, Bauer schafft es, die Daten an Chloe zu senden und Morgan kann sich dank starker Oberschenkelmuskulatur aus der Folterhaft befreien. Diese Szenen sind von Regisseur Omar Madha und Cutter Jordan Goldman in einer wunderbaren Parallelmontage festgehalten - wir sehen Meister und Schülerin bei der Ausübung ihres Handwerks zu.

Chloe kann mit den ausgelesenen Bankdaten lediglich Simones Mobiltelefon ausfindig machen. Die ist gerade damit beschäftigt, den Befehl ihrer unbarmherzigen Mutter auszuführen und sowohl Naveeds Schwester Farah (Tehmina Sunny) als auch dessen Nichte umzubringen. Was Simone indes nicht schafft, erledigt das konstruierte Drehbuch: Sie will Farah warnen, London schnellstmöglich zu verlassen. Weil die ihr aber nicht glauben will, sondern lieber die Polizei ruft, geraten die beiden in Streit, an dessen Ende Farah erstochen am Boden liegt. Die Nichte muss das alles mit ansehen und flüchtet aus dem Wohnhaus. Beim Versuch, die Kleine wieder einzufangen, wird Simone von einem Bus erfasst - für meinen Geschmack ein paar Zufälle zu viel.

In dieser neuen Staffel fällt es mir schwer, zu deuten, ob all diese selbstreferentiellen Anspielungen an das „alte“ 24 etwaige Metakommentare sein könnten oder ob ich diese mit einem Augenzwinkern genießen soll. Die Enthüllung am Ende, dass Navarro ein Verräter ist, kann nun wirklich keinen eingefleischten Fan der Serie mehr vom Hocker gerissen haben. Trotzdem: Während diese Episode einiges hervorkehrte, das in vergangenen Staffeln schon zu sehr ausgereizt wurde, funktionierten die Actionszenen einmal mehr blendend. Und das wollen wir ja eigentlich sehen.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 3. Juni 2014

24: Live Another Day 1x06 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 6
(24: Live Another Day 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Live Another Day: 16:00 - 17:00 Uhr
Titel der Episode im Original
Day 9: 4:00 P.M.-5:00 P.M.
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 2. Juni 2014 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 3. Juni 2014
Autor
David Fury
Regisseur
Omar Madha

Schauspieler in der Episode 24: Live Another Day 1x06

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