24: Live Another Day 1x04

„Shoot first, ask questions later.“ („Erst schießen und dann Fragen stellen.“) Was CIA-Agent Erik Ritter (Gbenga Akinnagbe) da gegenüber einem kommandierenden Soldaten formuliert, wird oftmals auch als Leitprinzip von Serienhelden wie Jack Bauer (Kiefer Sutherland) missinterpretiert. Dabei ist Bauer meistens der einzige, der den genauen Durchblick hat, was in dieser Episode einmal mehr eindrucksvoll belegt wird.
Der Feind im eigenen Lager
In 24 sind es nämlich nicht nur die Terroristen, gegen die Bauer vorgehen muss. Es sind zum großen Teil auch die eigentlichen Verbündeten, die Gegner in den eigenen Reihen. Jack kämpft immer auch gegen blasse Bürokraten, die lieber den eigenen Status retten wollen, als endlich anzuerkennen, dass man Bauer vertrauen kann. Da werden dann waghalsige Aktionen hervorgekramt, die Jack in der Vergangenheit unternommen hat, um für ein höheres Wohl einzustehen. Das ist die Essenz des Charakters Jack Bauer - und letztlich auch der Serie: Egal, wie viel Gutes man schon vollbracht hat oder noch vollbringen wird. Egal, wie oft man schon die Welt gerettet hat: Die größte Herausforderung lauert im eigenen Hinterhof.
Bei Mark Boudreau (Tate Donovan), dem präsidentiellen Stabschef, kommen außerdem persönliche Animositäten gegenüber Bauer hinzu. Jack war einst mit seiner jetzigen Ehefrau Audrey (Kim Raver) zusammen. Deren Beziehung hinterließ bei der Präsidententochter solch tiefe emotionale Narben, dass sie heute noch erzittert, wenn sie den Namen Jack Bauer auch nur hört. Boudreau will Audrey also möglichst von Jack fernhalten - deshalb hat er ihr sein Wissen über das plötzliche Auftauchen Bauers bisher auch vorenthalten.
Nun erfährt sie gemeinsam mit ihrem Vater, Präsident Heller (William Devane), von Jacks jüngstem Kreuzzug gegen den Terror und die Inkompetenz der Sicherheitsorgane. Das Telefonat zwischen Staatenlenker und unabhängig operierendem Anti-Terror-Kämpfer wird daher auch reichlich seltsam. Jack erklärt Heller darin detailliert (und größtenteils korrekt) die Pläne von Margot Al-Harazi (Michelle Fairley) und ihrem Terrorclan. Der Präsident, der ihn einst ins Exil gezwungen hatte, hört ihm geduldig zu und fragt dann allen Ernstes, warum sich Jack mit diesen Informationen nicht gleich an ihn gewendet habe. Der reagiert darauf trocken und ehrlich: „With all due respect Mr. President, it was your State Department that labeled me a terrorist and made me a wanted man.“ („Bei allem Respekt, Mr. President, es war Ihr Außenministerium, das mich zum Terroristen und gesuchten Mann gemacht hat.“)

Jack arbeitet also für jemanden, der seine Hilfe gar nicht wirklich will. Damit kommen wir wieder zu dem Punkt zurück, der Bauer von allen anderen Patrioten und Terrorbekämpfern unterscheidet. Er schmeißt eben nicht alles hin, wenn es die ersten institutionellen Widerstände gibt. Er geht dorthin, wo es wehtut. Er ergreift sämtliche Maßnahmen, um einen bevorstehenden Angriff abzuwenden - solange er damit keine unschuldigen Menschenleben aufs Spiel setzt.
Ungewöhnliche Methoden mit hehrem Ziel
Klar - die beiden Protestierenden vor der Botschaft, denen er am Ende der letzten Episode ins Bein geschossen hat, werden darüber wenig erfreut sein. Der überwiegende Bevölkerungsteil Londons dürfte jedoch froh sein, wenn Jack nach zwölf Stunden (oder mit Zeitsprüngen einige mehr) verhindert hat, dass ihre halbe Stadt in Schutt und Asche liegt. Nur leider wird der Durchschnittsbürger selten bis nie erfahren, ob ein Terrorangriff abgewendet wurde - und wer diejenigen sind, denen dafür gedankt werden muss.
Bevor dieser Text jedoch zu einem leidenschaftlichen Pamphlet für die Arbeit der Sicherheitsbehörden verkommt (die Kritik an den Methoden von NSA und Co. sind berechtigt und wichtig), will ich mich der eigentlichen Handlung dieser Episode zuwenden. Vor und während des Telefonats mit Heller hatte Jack erfolgreich die amerikanische Botschaft gestürmt. Der Einsatz von sleeper hold und anderen, von Jack perfekt beherrschten Kampftechniken führt ihn in das Verhörzimmer von Drohnenpilot Chris Tanner (John Boyega), der beschuldigt wird, einen Angriff auf die eigene Truppe ausgeführt zu haben.
Jack kommuniziert, dass er der einzige sei, der Tanners Aussagen Glauben schenke und erhält daraufhin vom Verdächtigen eine Schlüsselkarte, auf der die Informationen des Angriffs gespeichert sind. Die CIA-Agenten Kate Morgan (Yvonne Strahovski) und Erik Ritter sowie die gesamte militärische Botschaftsbesetzung sind ihm dicht auf den Fersen. Jack bleibt nichts anderes übrig, als sich im Kommunikationsraum der Botschaft einzuschließen und zu versuchen, die Informationen der Karte zu Chloe (Mary Lynn Rajskub) und ihrer Hackergang hochzuladen.

Die Zeit ist jedoch knapp. Der Bluff mit den Geiseln funktioniert ebenso wenig wie das Telefonat mit Heller. Der wird von Boudreau davon überzeugt, dass Bauer festgenommen (oder getötet) werden muss, bevor er die Informationen an Open Cell übertragen kann. Der Präsident gibt schließlich den Einsatzbefehl. Nun kommt Kate Morgan ins Spiel, die sich seit Beginn der Staffel um den Preis als beste weibliche Jack-Bauer-Imitatorin bewirbt. So, wie Jack der einzige ist, der Tanner glauben will, ist sie die einzige, die Bauer glaubt. Also schlüpft sie in den Lüftungsschacht der Botschaft und versucht, zu Bauer zu gelangen, bevor die marines die Tür aufsprengen.
Der weibliche Jack Bauer
Kurz vor den Soldaten gelingt es Kate, zu Jack vorzudringen. Sie schlägt ihm vor, die Schlüsselkarte an sich zu nehmen und an seiner Stelle den Upload zu beenden. Als die Truppe den Raum stürmt, schütteln die beiden einen echten Taschenspielertrick aus dem Ärmel. Morgan behauptet, sie habe Bauer verhaftet, weswegen er nun von ihr abgeführt und vernommen werden müsse. Abgesehen von der rechtlichen Zuständigkeitsfrage und der damit einhergehenden logischen Unausgewogenheit dieser Szene, hat es doch Spaß gemacht, der schmalen Kate dabei zuzusehen, wie sie einen stark gepanzerten Soldaten nach dem anderen abwimmelt.
Sie können also einen gemeinsamen Etappensieg feiern (wobei sie hier wieder einmal nur gegen eigentliche Verbündete arbeiten mussten). Die Terroristen um Margot Al-Harazi sind jedoch einen Schritt schneller. Am Ende der Episode kann der angestellte Computerfachmann stolz behaupten, die gekaperten Drohnen seien nun einsatzbereit. Davor gab es jedoch auch im Terroristencamp einen furchteinflößenden Zwischenfall. Weil sich der designierte Drohnenpilot Navid (Sacha Dhawan) plötzlich weigert, seine Aufgabe zu erfüllen (= tausende Menschenleben auszulöschen), sieht sich Margot zu einer Demonstration ihres unbändigen Willens veranlasst. Sie lässt ihre eigene Tochter Simone (Emily Berrington) foltern, um deren Freund/Ehemann Navid zur weiteren Kooperation zu überreden. Es funktioniert.
Wie schon in vorherigen Reviews bemerkt, macht 24: Live Another Day nichts Neues oder anderes als die Vorgängerserie. Bei den Terroristen gibt es eine Schwachstelle. Die Regierung (mit Ausnahme des Präsidenten) besteht überwiegend aus inkompetenten Flachpfeifen, Jack kann sich in entscheidenden Situationen auf die Hilfe Dritter verlassen und die Zeitangaben korrelieren wundersam mit dem Ende der Episode (wenn jemand sagt, es dauere noch eine halbe Stunde, bis etwas fertig ist, dann kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Episode in einer halben Stunde zu Ende ist). All diese Elemente sind jedoch nur leise Nebengeräusche zur eigentlichen Handlung, die selbst dann spannend ist, wenn Jack Bauer in einem Raum sitzt und Dateien hochlädt.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 20. Mai 201424: Live Another Day 1x04 Trailer
(24: Live Another Day 1x04)
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