True Detective 2x06

True Detective 2x06

Erneut muss ein kurzzeitig spannendes Finale den großen durchschnittlichen Rest einer True Detective-Episode auffangen. Church in Ruins kann exemplarisch herangezogen werden, um zu analysieren, was in dieser zweiten Staffel nicht funktioniert.

Down and out: Ray Velcoro (Colin Farrell) nach einem erneuten Rückfall in alte Gewohnheiten / (c) HBO
Down and out: Ray Velcoro (Colin Farrell) nach einem erneuten Rückfall in alte Gewohnheiten / (c) HBO

Es gibt zwei gute Szenen in der True Detective-Episode Church in Ruins. Sie ereignen sich jeweils am Anfang und am Ende und bilden so den soliden Rahmen für eine über weite Strecken auf wackligem Fundament stehende Folge. Die erste gute Szene ist eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Hauptfiguren Frank Semyon (Vince Vaughn) und Ray Velcoro (Colin Farrell), die an den wichtigsten Stellen ohne Dialog auskommt und deswegen funktioniert.

It could have been different

Die zweite ist eine Actionsequenz am Ende, die zwar nur stellenweise mitreißen kann, der Episode aber doch zu einem spannenden Abschluss verhilft. Größtenteils unterhalten sich hier aber Hauptfiguren über andere Charaktere, an die wir uns nur erinnern können, wenn wir die vorhergehenden Episoden mehrmals gesehen haben oder über ein fotografisches Gedächtnis verfügen. Eine Figur taucht gar nur am Telefon auf, um später als Leiche gefunden zu werden. Es bleibt die Frage, die schon nach den meisten anderen Folgen im Raum stand wie ein rosa Elefant: Wieso sollen wir Zuschauer uns für diese obskuren Charaktere interessieren?

Es ist vielleicht das größte Problem dieser zweiten Staffel: Neben all den aufgeblähten Dialogen, den tollpatschig platzierten Charaktermomenten und den unglücklichen Castingentscheidungen ist die Geschichte für eine Dramaserie mit acht Episoden hoffnungslos verworren. Nach dem Shootout in Down Will Come und der Neuordnung des Plots in der letzten Episode kam kurzzeitig die Hoffnung auf, dass dieses Netz aus Korruption, Sex und Vaterschaftstraumata wenigstens ein bisschen eindeutiger zu durchschauen wäre.

Church in Ruins macht diese Hoffnung jedoch schnell zunichte. Wir erfahren zwar einige neue Zusammenhänge - vorausgesetzt, wir können noch nachvollziehen, wer gerade mit wem über wen spricht -, müssen dafür aber auch Zeit mit Figuren verbringen, die uns egal sein müssen, weil wir sie zuvor (fast) nie gesehen haben. Vor allem im Handlungsbogen von Frank wird das offensichtlich. Zu Beginn kann er den verständlicherweise vor Wut beinahe berstenden Ray beruhigen und davon überzeugen, dass er ihm unabsichtlich die falsche Information über den Vergewaltiger von Gena (Abigail Spencer) hat zukommen lassen.

Die Szene ist ein früher Höhepunkt der Episode, weil beide Schauspieler eine hervorragende Leistung abliefern. Pizzolattos (und Scott Lassers) Drehbuch hält sich hier angenehm zurück, was vor allem Vaughn weiterhilft, war er doch derjenige, der bisher am wenigsten mit dem Pizzolatto'schen Dialog zurechtkam. Hier sitzen sich nun zwei verzweifelte Männer gegenüber, die im richtigen Moment die traurige Wahrheit erkennen, dass sie sich die einzigen übriggebliebenen Freunde sind.

Sometimes a thing happens, splits your life

Sie packen also ihre Waffen wieder ein und machen sich beide auf getrennten Pfaden weiter auf die Suche nach ihren verlorenen Seelen. Ray führt das ins Gefängnis, zum eigentlichen Vergewaltiger seiner Exfrau Gena. Ihm macht er ekelerregend detaillierte Folterdrohungen, die aber trotzdem nicht das Niveau an Abscheulichkeit erreichen, das er gleich in der ersten Episode offenbarte, als er den Peiniger seines Sohnes mit vulgärsten Beschimpfungen überzog. Irgendetwas stimmt nicht, wenn man einem Siebtklässler wegen ein Paar gestohlener Schuhe üblere Drohungen macht als einem Serienvergewaltiger, dem man die Zerstörung des eigenen Lebens anlastet.

Hier findet der Pulp in Rays Handlungsbogen aber leider noch nicht zu seinem Ende. Nach einem verkorksten, von einer Vertreterin des Jugendamtes überwachten Besuchstermin bei seinem Sohn Chad (Trevor Larcom) fällt er in seine selbstzerstörerischen Verhaltensmuster zurück. Die Flasche Whiskey kombiniert er mit riesigen Lines Kokain und dem Song „Human Being“ der New York Dolls. Die Ein-Mann-Party endet schließlich in der Erkenntnis, dass es Chad wohl doch besser gehen würde, hätte er nichts mehr mit seinem Vater (?) zu tun. So bitter diese Wahrheit ist, so froh bin ich über die Verabschiedung dieses Handlungsbogens. Außer ein paar plumpen Charaktermomenten war darin nicht viel zu entdecken.

Ähnlich plump geht es denn auch bei Frank weiter. Er sucht bekanntlich nach der Festplatte mit den Videoaufnahmen von einer Caspere'schen Sexparty. Zwischendurch bleibt aber genug Zeit, die Witwe des ermordeten Stan aufzusuchen und das ausgesprochene Beileid mit finanzieller Unterstützung zu bekräftigen. Wer sich in dieser Szene nun gefragt hat „Wer ist Stan?“, der muss sich nicht grämen, denn er oder sie sind nicht alleine. Weil ich in der letzten oder vorletzten Episode schon einmal recherchiert hatte, wusste ich es noch. Allen anderen Zuschauern verschafft Kollege Dustin Rowles von pajiba.com lesenswerte Aufklärung.

Doch auch diese Erkenntnis hilft uns nicht wirklich weiter bei der Frage nach dem dramaturgischen Wert dieser Szene. Alles, was wir darin erfahren, wussten wir bereits. Sie zeigt lediglich, dass Frank eventuell ein besserer Vater sein könnte als Ray. Aber ist das wirklich etwas, das uns interessiert? Ich habe mich jedenfalls gefragt, warum ich in der sechsten Episode einer achtteiligen Serie fremden Figuren beim Trauern zusehen soll. Der weitere Verlauf von Franks Geschichte ist leider auch nicht viel interessanter.

On the ropes ain't the same thing as bleeding out

Auf der Suche nach den Videoaufnahmen lässt er ein (nur mir?) unbekanntes mexikanisches Bandenmitglied foltern, das ihm den Weg zu Irina weist. Wer war nochmal Irina? Sie ist diejenige Bekannte des im Shootout getöteten Drogendealers Ledo Amarilla (Cesar Garcia), die bei einem Pfandleiher gestohlene Ware verhökern wollte. Irgendwie hängt das alles auch mit dem Mord an Caspere zusammen - wie genau, weiß ich leider nicht mehr. Jedenfalls erreicht Frank sie endlich telefonisch, kann am vereinbarten Treffpunkt aber nur noch ihren Tod feststellen. Seine neuen Geschäftspartner haben ihr die Kehle aufgeschnitten.

Zuvor hat er wenigstens noch die Information bekommen, dass ein schlanker Polizist sie zum Verkauf der Hehlerware angestiftet habe. Diese Spur könnte zu Lieutenant Burris (James Frain) führen, der in dieser Episode aber keinen Auftritt hat. Stattdessen tummeln sich dessen Kollegen und Vorgesetzten auf einer dieser ominösen Sexparties, zu der Ani (Rachel McAdams) dank ihrer Schwester Athena (Leven Rambin) endlich auch eine Einladung bekommen hat.

Sieht man einmal davon ab, dass dieses gesamte letzte Plotelement ein einziges wackliges Logikkonstrukt ist*, so bringt es wenigstens ein bisschen Schwung in die bis dahin weitgehend ereignislose Episode. Ani bekommt Unterstützung von Ray und Paul (Taylor Kitsch), die es nicht nur schaffen, sie und die zufällig auf der Party herumschwankende Vera (Miranda Rae Mayo) aus diesem gefährlichen Moloch zu befreien, sondern auch von sämtlichen Korruptionsverdächtigen unterzeichnete Unterlagen zu finden.

*Würden sich Staatsanwälte wie Richard Geldof (C.S. Lee), die gerade ihre Kandidatur für ein hohes politisches Amt verkündet haben, heutzutage wirklich auf einer solchen Party blicken lassen? Würde Ani wirklich ihr Leben riskieren, um den Fall eines ermordeten Stadtplaners aufzulösen?

I sold my soul for nothing

Es ist bezeichnend für diese Staffel von True Detective, dass man auf beiden Logikaugen blind sein sollte, um sie genießen zu können. In der letzten Staffel half die exzellente Regiearbeit von Cary Fukunaga, solche dramaturgischen Missgeschicke zu überpinseln. Der Regisseur von Church in Ruins, Miguel Sapochnik (Game of Thrones, Masters of Sex), und seine Kollegen können das bislang leider nicht auffangen. Auch wenn diese letzten Szenen ambitioniert gefilmt waren, ähnelten sie doch zu sehr allen anderen filmischen Drogentrips, um echten Eindruck zu hinterlassen.

Da hilft auch keine mysteriöse Wahnfigur, die wohl nicht nur zufällig an das Monster Bob aus Twin Peaks erinnert. Die musikalische Untermalung wirkt ebenso aufgesetzt und wäre besser dort belassen worden, wo eine solche Sexparty vielleicht noch plausibel gewesen wäre: in den 40er Jahren. All diese Referenzen ergeben sich bislang nicht zu einem kohärenten Ganzen, sie wirken wie Puzzleteile, die einfach nicht aufeinander passen wollen. Zwei Episoden stehen noch aus, große Hoffnung habe ich dafür jedoch nicht.

Trailer zu Episode 2x07 von 'True Detective':

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 27. Juli 2015

True Detective 2x06 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 6
(True Detective 2x06)
Deutscher Titel der Episode
Kirche in Trümmern
Titel der Episode im Original
Church in Ruins
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 26. Juli 2015 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 13. September 2015
Autoren
Nic Pizzolatto, Scott Lasser
Regisseur
Miguel Sapochnik

Schauspieler in der Episode True Detective 2x06

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