True Detective 2x05

Die Handlung der True Detective-Episode Other Lives steigt zwei Monate - genauer: 66 Tage - nach den Ereignissen am Ende von Down Will Come ein. Diese haben nun einen Namen („The Vinci Massacre“) und für unsere Protagonisten längst Konsequenzen gezeitigt - manche freiwilliger, andere erzwungener Natur. Dieser eindeutige Cut, der in der ersten Staffel nach der fünften Episode angesetzt wurde, gibt Serienschöpfer Pizzolatto genau wie seinen Figuren die Möglichkeit zum Neuanfang.
Nobody fucking cares
Er nutzt diese Chance. Was bisher ein beinahe hoffnungslos zersplitterter Noirthriller war, bekommt durch den Fokus auf einen MacGuffin (die Festplatte des toten Ben Caspere) neue Kompaktheit. Nicht alle Handlungselemente funktionieren deshalb besser, die Suche nach dem wahren Mörder von Ben Caspere wird jedoch endlich spannend. Das nach der Massenschießerei aufgelöste Team findet wieder zusammen, dieses Mal unter anderen Vorzeichen, ohne ständige Einmischung zuwiderlaufender Interessen.
Staatsanwältin Katherine Davis (Michael Hyatt) versammelt Ani (Rachel McAdams), Paul (Taylor Kitsch) und Ray (Colin Farrell) als Teil einer geheimen Ermittlertruppe, die endgültig die korrupten Traditionen in Vinci und Umgebung aufdecken sollen. Die in wahrer The Wire-Manier in die Asservatenkammer strafversetzte Ani und der zum Detective beförderte Paul brauchen keine gesonderte Motivation, Ray hingegen muss mit der Aussicht auf eine erfolgreiche Beilegung des Sorgerechtsstreits mit Gena (Abigail Spencer) geködert werden.
Er hat seinen Job beim Polizeidezernat mit der folgenden Begründung gekündigt: „Better to walk before they make you run.“ Sein ehemaliger Vorgesetzter Burris (James Frain) sucht ihn trotzdem auf, um ihn angesichts verschwundener Diamanten und Ermittlungsergebnisse seines erschossenen Kollegen Teague Dixon (W. Earl Brown) auszuhorchen. Zunächst kümmert sich Frank darum nicht, er geht mit wiedergefundener Konzentration („I try to limit the people I can disappoint“) seiner neuen Aufgabe als Sicherheitsmitarbeiter von Frank Semyon (Vince Vaughn) nach.
Bisher wurde ja nie so richtig klar, wie all diese losen Erzählfäden zusammenhängen. Other Lives schafft dahingehend zumindest teilweise Abhilfe. Ben Caspere musste wahrscheinlich sterben, weil er und Tony Chessani (Vinicius Machado), Bürgermeistersohn und „pimp with political ambitions“, bei von Chessani organisierten Sexpartys belastendes Material über hochrangige Politiker, Unternehmer und dergleichen sammelten. Ray wurde bereits in der zweiten Episode deswegen mit Schrotkugeln niedergeschossen, nun ist die Videofestplatte wahlweise große Gefahr oder Allheilmittel.
The enemy won't reveal itself
Frank bekommt indes ein Angebot eines offenbar auf ebenjenen Sextapes zu sehenden ehemaligen Geschäftspartners, das er kaum ausschlagen kann. Sollte es ihm gelingen, die Aufnahmen zu finden, würde er wieder an dem Infrastrukturprojekt beteiligt, mit dem er sich einst aus der Illegalität zu befreien suchte. Seiner Ehefrau Jordan (Kelly Reilly) würde das sicherlich gut gefallen: „I don't wanna be some fucking gangster's wife.“ Die persönliche Geschichte der beiden will mich bisher am wenigsten von allen Handlungssträngen überzeugen, was vielleicht daran liegt, dass Pizzolatto hier maximal unsubtil vorgeht.
Ein Beispiel dafür ist Jordans folgende Analyse: „The adoption. You were so against it. I think you were saying no to the kid you once were. He was someone else's problem.“ Es gibt durchaus Wege, wie man es als Autor vermeiden kann, solche küchenpsychologischen Feststellungen im Subtext einer Unterhaltung zwischen Ehemann und Ehefrau unterzubringen. Ähnliches gilt für den Streit zwischen Paul und seiner Mutter, die offensichtlich nicht damit einverstanden ist, dass er seine Freundin Emily (Adria Arjona) heiraten will.
Neben Pizzolattos Lieblingsthemenkomplex „Mächtige Männer und sexuelle Ausbeutung“ widmet er sich in dieser zweiten Staffel verstärkt - und sehr offensichtlich - Erziehungs- und Familienfragen. Das will wegen der bereits angesprochenen Metaphernüberfrachtung nicht so richtig funktionieren, wie vor allem an den Beispielen Paul und Frank deutlich wird. Bei Ray und Ani gelingt das besser, weil hier nicht mit dem bildlichen Vorschlaghammer vorgegangen wird, sondern schnörkellos und geradlinig.
Velcoro bekommt die niederschmetternde Nachricht, dass er von Frank einst reingelegt wurde und nicht den Vergewaltiger seiner Ehefrau umbrachte. Der lebt noch, wurde jetzt gefasst und sieht einer lebenslangen Gefängnisstrafe entgegen. Sowohl der Moment, in dem er davon erfährt, als auch die anschließende Auseinandersetzung mit Gena, in der sie ankündigt, endlich Klarheit über die Vaterschaftsfrage schaffen zu wollen, sind von Farrell grandios gespielt. Seitdem sich Ray den Schnauzbart abrasiert und die Drogen aufgegeben hat, wurde nicht nur eine alte Narbe sichtbar, auch Farrell wurde sichtlich vom Ballast des todernsten, dauerdüsteren Dramas befreit.
That ruined you
Im Handlungsbogen von Ani bringt Pizzolatto dieses Mal gar eine ordentliche Portion Humor unter. Sie muss wegen angeblicher sexueller Nötigung ihres Kollegen Therapiestunden ableisten. Dort ist sie die einzige Frau, was sie folgendermaßen begründet: „I just really like big dicks.“* Sie ist diejenige im nun besser harmonierenden Team, die das größte persönliche Interesse an einer Lösung des Falls offenbart. Also bittet sie ihre Schwester Athena (Leven Rambin), ihr eine Einladung zu einer von Tony Chessani organisierten Sexparty zu beschaffen.
* Mindestens ebenso witzig: Der Kommentar des Kollegen Gilbert Cruz von der New York Times zu Anis Rückkehr von der E- zur normalen Zigarette: „Ani's not smoking e-cigarettes anymore. There are some frustrated robots in Southern California.“
Bevor es dazu kommt, verfolgt sie mit Paul aber eine weitere Spur zum ehemaligen Ort einer solchen Feier in Nordkalifornien. Dank ihrer ornithologischen Kenntnisse finden die beiden in der Nähe eine verfallene Bretterbude, in der offensichtlich jemand gefoltert wurde. Ohne Ray kommen sie der Lösung dieses gruseligen Falls, der immer mehr die Konturen desjenigen aus der ersten Staffel annimmt, näher. Velcoro ist indes mit der Aufarbeitung seiner persönlichen Lebenstragödie beschäftigt. Über seinen Besuch hat sich der mittlerweile in ein kleineres Haus ohne sinnbildlich absterbende Avocadobäume umgezogene Frank wohl nie so wenig gefreut.
Dieser Neuanfang zur Mitte der Staffel kann nicht schlagartig alle Probleme beseitigen, die Pizzolattos leicht überfrachtete Geschichte bisher hatte. Er lässt jedoch zarte Hoffnung aufkeimen, dass sich dieser sonnendurchflutete Noirthriller am Ende noch zu einem spannenden Krimi entwickelt. Üblicherweise spricht die Einführung eines MacGuffin nicht für herausragende dramaturgische Kreativität. Der bisher allzu verworrenen Neuauflage von True Detective gibt sie jedoch einen Fokus, die diese bisher vermissen ließ.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 20. Juli 2015True Detective 2x05 Trailer
(True Detective 2x05)
Schauspieler in der Episode True Detective 2x05
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