True Detective 2x04

Down Will Come ist für mich die bisher am schwersten zu bewertende Episode der zweiten Staffel von True Detective. Jede neue interessante Informationskrume wird von Plotentwicklungen begleitet, die ins Nichts zu führen scheinen. Jede gelungene Dialogzeile wird von einer komplementiert, die zum Augenrollen einlädt. Dieses Gefühl kulminiert im fulminanten Episodenabschluss, der ein paar Minuten lang aufregend ist, bevor er völlig aus dem Ruder läuft und jegliche Selbstbeherrschung vermissen lässt.
Those moments, they stare back at you
So sehr ich mich auch davon verabschieden will, ständige Vergleiche zur ersten Staffel anzustellen, so schwer wird es mir vom bisherigen Verlauf der zweiten gemacht. Am Ende der dritten Episode der Vorgängerstaffel sahen wir zum ersten Mal den gesuchten Reggie Ledoux (Charles Halford) in einem Aufzug, der furchteinflößender kaum hätte sein können. Darüber lag ein verschwörerischer Monolog von Rust Cohle (Matthew McConaughey): „It was all the same dream, a dream that you had inside a locked room, a dream about being a person. And like a lot of dreams, there's a monster at the end of it.“
Wem das noch nicht über die restlichen bisweilen schwer verständlichen (sowohl aus akustischer als auch aus intellektueller Hinsicht) Monologe des Obernihilisten hinweghalf, der war spätestens am Ende der kommenden Episode dank des furiosen one-takes von Regisseur Cary Fukunaga überzeugt. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Hier wird nicht nur schlau dahergeredet, hier passiert auch etwas. Ähnliches versuchen Serienschöpfer Nic Pizzolatto und Regisseur Jeremy Podeswa (Game of Thrones) nun auch in dieser Episode. Danach muss man leider feststellen, dass es ihnen nicht gelingt, die Faszination aus der ersten Staffel wiederherzustellen.
Der shoot-out am Ende von Down Will Come beginnt vielversprechend, gerät dann aber beinahe zur Parodie des one-takes aus Who Goes There?. Es werden darin nahezu so viele Menschen getötet, wie in Vinci (vermutete Einwohnerzahl: 90) überhaupt wohnen. Der Beginn und das Ende der Actionszene sind sehr stark, beim überlangen Mittelteil kam bei mir beinahe schon Langeweile auf. Ein weiterer gewichtiger Unterschied zwischen diesem Action-set-piece und dem aus der ersten Staffel: Hier befindet sich am Ende kein Zeuge in der Gewalt der Ermittler. Der gesuchte Ledo Amarilla (Cesar Garcia) wird erschossen. Einen Erkenntnisgewinn können wir uns also nicht versprechen.
Was dieses öffentliche Massaker nach sich ziehen wird, ist der Versuch des Bürgermeisters von Vinci und seiner Lakaien, sich die ungeliebten Schnüffler vom Leib zu halten. Chessani (Ritchie Coster) strebt nun sicherlich an, Amarilla den Mord an seinem Stadtplaner Caspere in die Schuhe zu schieben und den Fall damit zu den Akten zu legen. Überdies bietet es ihm die Möglichkeit, sich Ani Bezzerides (Rachel McAdams) und Konsorten zu entledigen. Die werden nun in ein mediales Kreuzfeuer genommen werden - wenn sie nicht sowieso schon darin stehen.
You have one of the largest auras I've ever seen
Vorher dürfen sie und Ray (Colin Farrell) aber noch manch faszinierenden und manch weniger fesselnden Hinweis finden. Die Befragung von Chessanis Tochter Betty (Emily Rios aus Breaking Bad und Friday Night Lights) kehrt eine Verbindung zwischen der Familie des Bürgermeisters und den verschiedenen Kommunen esoterischer Spinnner in Kalifornien hervor. Bettys Mutter wurde wegen Schizophrenie von einem gewissen Dr. Erving Pitlor (Rick Springfield) behandelt, woraufhin sie sich in ihrem Psychiatriezimmer erhängte. Ihn hatten wir schon in Night Finds You kennengelernt.
Es gibt sogar eine Verbindung zu Anis Vater Eliot (David Morse) - selbst ein solcher esoterischer Spinner -, der ihr alte Bilder von Chessani und Pitlor zeigt. Dieser Teil der Geschichte formt sich vielversprechend aus, erinnern diese sektenartigen Kommunen doch sehr an die okkulten Gruppierungen im versumpften Hinterland Louisianas. Die Erzählung bekommt hier einen mysteriösen Überbau, der sie von einer gewöhnlichen Kriminalgeschichte abhebt. Ähnliches gilt für die Geschichte von Paul Woodrugh (Taylor Kitsch), wenn auch mit anderen Vorzeichen.
Er wacht aus einer Nacht auf, von der er nichts mehr weiß. Offensichtlich hat er mit seinem Kameraden Miguel (Gabriel Luna) geschlafen. Weil er sein Motorrad nicht mehr findet und ihm vor dem Hotel Journalisten auflauern, um ihn zu seiner Black Mountain-Vergangenheit und den Anschuldigungen der Schauspielerin zu befragen, flüchtet er sich zu Ray. Von dem kaputtesten aller Ermittler einen guten Rat zu bekommen, ist indes genauso wahrscheinlich, wie in der Blutbahn von Chessanis Sohn Tony (Vinicius Machado) keine Drogen zu finden. Also greift Paul zur Wodkaflasche.
Seine Charakterentwicklung mag nichts Außergewöhnliches sein, sie kulminiert aber im Episodenfinale nahezu perfekt. Weder im Beisein seiner Kollegen noch in der Gegenwart seines Kameraden noch nach der vermeintlich glücklichen Wiedervereinigung mit Emily (Adria Arjona) weiß Paul, wie er sich zu verhalten hat. Im Straßengefecht mit den mexikanischen Gangstern, das aufgrund der Beleuchtung aussieht, als würde es in Falludscha oder Tikrit stattfinden, ist er jedoch ganz bei sich. Hier funktioniert er, hier fühlt er sich heimisch. Seine Partner müssen sich nach überstandenem Feuergefecht beinahe übergeben. Paul hingegen steht ganz ruhig da.
I did eveything they said
Die Szene ist ebenso stark wie der Beginn der Auseinandersetzung, was beides von Podeswa mitreißend inszeniert wird. Unerklärlicherweise wird die Szene dann aber mit einem freeze frame beendet, um, ja, warum eigentlich? Pizzolatto zieht uns damit einmal mehr die Offensichtlichkeitskeule über den Kopf, wie er es zuvor überwiegend - aber nicht ausschließlich - im Handlungsbogen von Frank Semyon (Vince Vaughn) gemacht hat. Ebenso wie die nicht enden wollende Actionszene geraten die Dialoge von Frank und seiner Ehefrau Jordan (Kelly Reilly) schnell zu Parodien des Dialogs aus der ersten Staffel.
Abgestorbene Avocadobäume sind hier eine Metapher für die abgestorbenen Fortpflanzungsapparate der Eheleute Semyon. Ein Blick über den Casinosaal animiert Jordan zu folgender aufschlussreicher Aussage: „People take chances.“ Dieser Handlungsbogen funktioniert für mich wegen seiner Plumpheit kaum. Besser gefällt mir Franks Erzählstrang schon, wenn er seine ehemaligen Geschäftspartner aufsucht und sich immer weiter im alten Sumpf verfängt. Er darf dabei sogar witzig sein: „I need coke, crystal, and whatever the fuck they call MDMA now.“
Gleichzeitig lässt er aber wieder Sprüche vom Stapel, die schlichtweg unglaubwürdig sind. Einen Untergebenen degradiert er, während er ihm das Wort „louche“ („verrufen“) erklärt, Ray will er am Ende zum endgültigen Überlaufen mit „black rage goes a long way“ überreden. Solche Dialoge wirken nur dann nicht lächerlich, wenn einer wie Matthew McConaughey im Karrieretal daherkommt und bereit ist, jegliche Schamgefühle über Bord zu werfen und die Rolle so exaltiert wie möglich zu spielen. Außerdem waren Pizzolattos Dialoge in der ersten Staffel besser geschrieben. So einfach ist das manchmal.
Man müsste es Pizzolatto ja gar nicht so schwer anlasten, wenn er nicht in jeder Episode einen kaum verhüllten - oder besser: sofort sichtbaren - Seitenhieb auf seine Kritiker unterbringen würde. In Maybe Tomorrow war sein ehemaliger Partner Cary Fukunaga (der immer noch als Executive Producer geführt wird) an der Reihe, nun ist es die am Fernsehen versammelte Journaille: „I'd rather be wrong and first than right and second. That tells you all you need to know.“ Diese netten Worte hat Ray Velcoro (der eigentlich gerade versucht, ein bisschen aus seinem Bad-Boy-Image auszubrechen) über ihm bekannte Journalisten übrig, was nicht weiter verwundert, hat er einen von ihnen in der ersten Episode doch unbarmherzig zusammengeschlagen - ein Handlungsbogen übrigens, der bislang nicht mehr aufgegriffen wurde.
Ein bisschen mehr Gelassenheit würde Pizzolatto gut zu Gesicht stehen. Vielleicht bringt das ja die Lockerheit zurück, die er hatte, als ihn noch niemand kannte. Sie könnte True Detective wieder auf die Beine helfen.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 13. Juli 2015True Detective 2x04 Trailer
(True Detective 2x04)
Schauspieler in der Episode True Detective 2x04
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