True Detective 2x03

True Detective 2x03

Die Episode Maybe Tomorrow legt besonders eklatant offen, was die zweite True Detective-Staffel von der ersten unterscheidet. Erst ganz am Schluss kommt etwas Spannung auf, davor wird eine sehr gewöhnliche Kriminalgeschichte sehr geradlinig erzählt.

Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) hat mit inneren Dämonen zu kämpfen. / (c) HBO
Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) hat mit inneren Dämonen zu kämpfen. / (c) HBO

Die erste Staffel von True Detective entwickelte aus mehreren Gründen einen unwiderstehlichen Sog. Nic Pizzolattos verschachtelte Erzählebenen wurden von zwei grandiosen Hauptdarstellern und einem ebenso grandiosen Regisseur zum Leben erweckt. Die zentrale Kriminalgeschichte war von Mythen umrankt, die sich sowohl im Dialog als auch in der visuellen Umsetzung niederschlugen. Ab der sechsten Episode, Haunted Houses, kehrte das Format zu einer gewöhnlicheren Erzählweise zurück - und wurde schlagartig weniger interessant.

You ain't that thing no more what you used to was

Wie die Serie ausgesehen hätte, wenn sie von Beginn an auf die mythologischen Elemente verzichtet hätte, lässt sich an der dritten Episode der zweiten Staffel, Maybe Tomorrow, exemplarisch ablesen. Sowohl die Ermittler als auch der im Wandel zum ehrlichen Investor befindliche Frank Semyon (Vince Vaughn) eilen darin von einem Hinweis zum nächsten, um möglichst bald den Mord an Stadtplaner Ben Caspere aufzuklären. Im Hintergrund arbeiten viele unterschiedliche Interessenvertreter wahlweise an der raschen Aufklärung des Falls oder am genauen Gegenteil.

Überdies bekommen wir tiefere Einblicke in die Vergangenheit der Figuren. Das alles ist handwerklich gut gemacht, bleibt aber trotzdem meilenweit hinter den ersten Episoden der ersten Staffel zurück. Es fehlt der hook. Nachdem Pizzolatto in den ersten beiden Episoden noch Ambitionen hinsichtlich raffinierter Dialoge offenbart hatte, sucht man danach hier vergebens. Die schauspielerischen Leistungen sind solide, können aber lange nicht mit denen von Woody Harrelson und Matthew McConaughey mithalten.

Gleiches gilt für die Kameraarbeit, die viele wunderbar anzusehende Einstellungen liefert, es aber verpasst, diese mit Bedeutung aufzuladen. Wir sehen hier einen völlig gewöhnlichen crime thriller, wie wir ihn schon zur Genüge aus Fernsehen und Film kennen. Das bedeutet nun nicht, dass aus der Geschichte nicht noch etwas Außergewöhnliches werden kann, die Grundzutaten sind schließlich vorhanden. Bewertet man jedoch nur diese einzelne Episode und nicht die damit eventuell einhergenden Aussichten, so ist diese die bisher schwächste im kurzen Lauf der Serie.

Vielleicht ist es ja unfair, ständig beide Staffeln der Anthologieserie miteinander zu vergleichen. Gleichzeitig ist es aber beinahe unmöglich, diese Geschichte zu betrachten und keine Wehmut beim Gedanken an die vorhergehende zu verspüren. Auch dort zeigte sich ja nach wenigen Episoden, dass die Herangehensweise an ihre Grenzen stößt. Derzeit rennt die Serie wieder in eine Richtung, ohne zu schauen, ob es vielleicht andere Abzweigungen geben könnte, die einträglicher wären.

No country for white men, boy

Die Tagline der ersten Staffel lautete Man is the cruelest animal, die der neuen heißt We get the world we deserve. Damit ist unmissverständlich klar: Hier werden die dunkelsten Ecken der Welt ausgeleuchtet, hier wird ein Kopfsprung in die abscheulichsten Niederungen der Menschheit gewagt. Vielleicht würde es dem Format aber helfen, diese Erkundung etwas nuancierter zu gestalten. Das Erfolgsrezept der besten Dramaserien ist es schließlich, möglichst komplexe Charaktere zu etablieren, was bedeutet, dass sie auch mal witzig sein, auch mal lachen, auch mal gewinnen dürfen.

Hier hat jede Figur eine verdorbene Vergangenheit. Hier läuft immer jeder mit hängenden Mundwinkeln durch die Welt. Hier ist alles immer dunkel, düster, aussichtslos. Das kann funktionieren, braucht aber einen zusätzlichen angle. Der fehlt in Maybe Tomorrow fast völlig. Nur zu Beginn gibt es eine kurze Lnych-eske Traumsequenz, in der Ray Velcoro (Colin Farrell) ein Gespräch mit seinem Vater in seiner Stammkneipe imaginiert, während im Hintergrund ein Conway-Twitty-Imitator den Bette-Midler-Song The Rose schmettert.

Das ist ganz nett anzusehen und anzuhören, der Dialog zwischen Vater und Sohn verharrt aber in der Bedeutungslosigkeit. Später besucht Ray, der wenig überraschend den Anschlag am Ende der letzten Episode überlebt hat, seinen Vater tatsächlich. Die Atmosphäre ist da viel freundlicher als im Traum, mehr zu sagen haben sie sich aber auch nicht. Rays Vater ist alkohol- und drogenabhängig, sitzt zu Hause, schaut alte Schwarzweißfilme und beschwert sich über ausgelassene Lebenschancen. Die Szene bringt keine neuen Erkenntnisse - weder über den Fall noch über die Figuren.

Keine neuen Erkenntnisse - diese Wörter habe ich während der Sichtung dieser Episode gleich drei Mal notiert. Paul (Taylor Kitsch) und Ani (Rachel McAdams) sprechen mit den unter starkem Drogeneinfluss stehenden Familienmitgliedern des Bürgermeisters von Vinci: Keine neuen Erkenntnisse. Das Auto, mit dem Casperes Leiche herumkutschiert wurde, gehört einer Filmproduktionsfirma, woraufhin Ray und Ani zum Set fahren und den Produktionsassistenten und Regisseur (der höchst unschmeichelhaft an Pizzolattos ehemaligen Partner und mutmaßlichen Intimfeind Cary Fukunaga erinnert, was Vulture als the most passive aggressive TV scene of 2015 bezeichnet) befragen. Aber auch dort: Keine neuen Erkenntnisse.

Do you want to live?

Die Spur führt immerhin zum Fahrer des Wagens, der kurz zuvor gekündigt hatte. Als Ray und Ani ihn aufsuchen, bemerken sie ein Feuer in der Nähe von dessen Wohnhaus. Ein maskierter Unbekannter hat das gesuchte Fahrzeug angezündet, flüchtet nun über die Autobahn und entkommt. Ray rettet Ani vor einem nahenden Lkw und fordert dafür Aufklärung darüber, wieviel Dreck die Staatsanwaltschaft schon über ihn ausgegraben hat. Ani behauptet, sie wisse davon nichts, obwohl sie wenige Stunden zuvor noch im Büro ebenjener Staatsanwältin saß und ihre Einschätzung über Frank gab: „Guy's a burnout.

Die Verstrickungen zwischen Staatsanwaltschaft, Bürgermeisteramt, den verschiedenen Strafverfolgungsbehörden und den Investoren des Infrastrukturprojekts sind verzwickt, jeder will dem anderen für das eigene Fortkommen in die Tasche greifen. Jeder Spieler verfolgt eine eigene Agenda, wofür er bereit ist, Anderen große Opfer aufzubürden. Das alles ist nett anzusehen - besonders neu oder interessant ist es jedoch nicht. Frank bekommt indes eine weitere Hiobsbotschaft und muss erkennen, dass sein Einfluss lang nicht mehr so groß ist wie einst. Ob es etwas hilft, ein Exempel an seinem einstigen partner in crime Danny Santos (Pedro Miguel Arce) zu statuieren?

Dies darf bezweifelt werden. Momentan sind die Aussichten für sämtliche Protagonisten äußerst düster, beinahe schwarz. Ray bittet gar selbst darum, von dem Fall abgezogen zu werden. Ani bekommt die kaum verhüllte Anordnung, sich an Ray ranzumachen, damit er ihr Einblick in die korrupten Praktiken in Vinci gewährt. Frank ist ein König ohne Gefolgschaft, und Paul versinkt in einem Strudel aus posttraumatischem Stress, Alkohol und Selbsthass. Wie seine Figuren ist True Detective wegen mangelnder Lichtblicke an seinem Tiefpunkt angelangt. Und trotzdem freue ich mich auf die nächste Episode. Irgendwie komisch.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 6. Juli 2015

True Detective 2x03 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 3
(True Detective 2x03)
Deutscher Titel der Episode
Vielleicht morgen
Titel der Episode im Original
Maybe Tomorrow
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 5. Juli 2015 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 12. September 2015
Autor
Nic Pizzolatto
Regisseur
Janus Metz

Schauspieler in der Episode True Detective 2x03

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